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	<title> &#187; No Music</title>
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		<title>Helle Nacht der wirren Herzen</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jun 2023 07:28:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Was die Mittsommernacht an den Tag bringt, fasziniert Schriftsteller seit Jahrhunderten – von William Shakespeare bis Henning Mankell Der große Tag rückt näher. „Die Sonne tauchte kaum die Scheibe ins Meer und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und habe getrunken.“ So sieht es Glahn, der einsame Jäger an Norwegens [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Was die Mittsommernacht an den Tag bringt, fasziniert Schriftsteller seit Jahrhunderten – von William Shakespeare bis Henning Mankell</h2>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2023/06/Screenshot-2023-06-22-092620.png"><img class="aligncenter size-full wp-image-4165" alt="Screenshot 2023-06-22 092620" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2023/06/Screenshot-2023-06-22-092620.png" width="944" height="562" /></a></p>
<p>Der große Tag rückt näher. „Die Sonne tauchte kaum die Scheibe ins Meer und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und habe getrunken.“ So sieht es Glahn, der einsame Jäger an Norwegens Küste. Bald wird nördlich des Polarkreises die Sonne das Wasser gar nicht mehr berühren. Dann ist Mittsommernacht, dann feiern die Skandinavier ein Fest, das noch wichtiger als Ostern ist, dann ist die Natur so mächtig, dass sie die Menschen überwältigt.</p>
<p>„Pan“ hat Knut Hamsun seinen Roman um den einsamen Jäger genannt, nach dem halbtierischen, gehörnten Mittagsgott. Pan kann die Herzen aufreißen zur Liebe, bis sie in Flammen stehen wie die Sonne selbst. Und so geschieht es auch. Nicht nur in Hamsuns Buch von 1894, das damals zum Evangelium der Neuromantik wurde, sondern auch schon 400 Jahre zuvor. Pan heißt dort Oberon und ist Elfenkönig. In der Mittsommernacht sorgt er dafür, dass Menschen wie Götter vollends durcheinanderkommen. Er verzaubert seine eigene Gemahlin Titania, auf die er eifersüchtig ist, und sorgt dafür, dass sie sich in einen Mann mit Eselskopf verliebt – den ebenfalls verzauberten Handwerker Zettel. Zwar geht am Ende alles gut aus in William Shakespeares Komödie „A Midsummernight´s Dream“, doch das ist keineswegs die Regel in den vielen Texten, Filmen, Romanen rund um den längsten Tag.</p>
<p>Der eselsköpfige Handwerker ist gleichsam die Karikatur des behörnten Pan, der unfreiwillige Stellvertreter Oberons, und Zettels Kopf verweist auf das Tier im Menschen – die Triebe hinter der Liebe, die in der sonnenhellen Ausnahmenacht ausbrechen. Kein Wunder, dass der Termin in abergläubischen Traditionen verschärft der Eheanbahnung gilt, kein Wunder auch, dass schon der früheste Text zum Thema die Tugend beschwört: Da singen „die junge Töchter / auff anweisung ihrer Mütter / was für große schändliche Sünde die Männer begehen und uben“, heißt es im frühen 16. Jahrhundert in der Beschreibung der Mittsommernacht, die der schwedische Priester Olaus Magnus verfasste.</p>
<p>Da war dieser Tag vom heidnischen Feiertag schon zum christlichen erklärt worden: So wie aus den Feiern zur Wintersonnenwende der Geburtstag Jesu wurde, so installierte man zur Sommersonnenwende dessen Täufer Johannes. Genaugenommen drei Tage zu spät – schließlich erreicht die Sonne ihre größte „südliche Deklination“ schon am 21. Juni. Gefeiert wird aber die Nacht zum 24. Juni. Das kann an der Ungenauigkeit frühester Observatorien wie Stonehenge liegen oder an den Kalenderreformen des Mittelalters. In Schweden ist der Feiertag inzwischen beweglich. Er fällt dort immer auf einen Freitag.</p>
<p>Für manche ist es ein bitterer Tag. Ausweglose Leere erlebt der Junge in Stig Dagermans genial karger Erzählung „Die Kälte der Mittsommernacht ist hart“ von 1947. Auch Glahn leidet, der Verliebte, und zwar nicht nur bei Hamsun. Seinem Widergänger geht es ebenfalls schlecht, dem Glahn in Knut Faltbakkens Roman „Pan in Oslo“ von 1976. Er haust nicht im Wald, sondern in der Stadt, aber wie sein Vorbild liebt er eine blutjunge Edvarda, deren Unberechenbarkeit ihn in den Wahnsinn treibt. Während das Johannisfeuer lodert, verliert er sie an ihren Nachhilfelehrer&#8230;</p>
<p>In Skandinavien gibt es geradezu eine literarische Tradition der erotisch-katastrophischen Mittsommernacht. Sie beginnt spätestens mit August Strindbergs Einakter „Fräulein Julie“ von 1888. Als die vom Fest animierte Grafentochter Julie ihrem Diener ihre Zuneigung gesteht, nutzt er die Gelegenheit, sie zu demütigen.</p>
<p>Mit einer Demütigung endet das Fest auch für die Heldin in Elsie Johannssons „Mittsommertanz“ von 1998, dem wunderbar offen, lebendig und wahrhaftig erzählten Roman eines Dorfmädchens in den frühen 1940er Jahren. Und tödlich wird es in Kerstin Ekmans „Geschehnisse am Wasser“. Mit diesem Roman gelang Ekman 1993 ihr Durchbruch, aber wer vorhat, in Schweden Campingurlaub zu machen, sollte ihn erst danach lesen: Das Liebespaar, das da an der Küste zeltet, überlebt die Nacht ebensowenig wie die drei jungen Leute, die sich in Henning Mankells Spannungsschwarte „Mittsommermord“ (1997) zum Feiern treffen. Das Buch wird derzeit [2006] schon zum zweiten Mal verfilmt.</p>
<p>Dem Kino liegt aber schon seit längerem am Thema. Shakespeares Komödie wurde viermal verfilmt, und Woody Allen machte seine „Midsummer Night´s Sex Comedy“ daraus. Berühmt wurden zwei frühe schwedische Filme über die Erotik der hellen Nacht: 1951 enthüllte sich Ulla Jacobsson kurz in „Sie tanzte nur einen Sommer“, und der Erfolg dieser Szene wurde erst zehn Jahre später übertroffen durch die Nacktbadenden in „Engel, gibt´s die?“ Jugendfrei, aber folgenreich waren kurz darauf Filmdrehbücher von Astrid Lindgren, aus denen sie 1964 ihren Roman „Ferien auf Saltkrokan“ machte. „Die Nacht war keine Nacht“, notiert da Malin in ihr Tagebuch, „sondern nur eine kleine Dämmerung, die den Versuch machte, Nacht zu werden.“ Während der lästige Junge neben ihr unbedingt flirten will…</p>
<p>Während Lindgren das schrieb, verwandelte nördlich von Celle ein Autor seine Zettelsammlung in einen Klotz von Buch, das auch auf eine Mittsommernacht zurückgeht. Keine skandinavische, sondern die von Shakespeare. Sie wird gleich anfangs zitiert: „Ich habe ein äußerst rares Gesicht gehabt. Ich hatt´nen Traum – s´geht über Menschenwitz, zu sagen, was es für ein Traum war…“ Es ist Zettel, der da spricht, entzaubert nach seinem eselsköpfigen Liebeslager mit Titania. Dann aber beginnt, „mittsommertäglich=dräumlinkisch“, erotischer wie sprachlicher Wirrnisse voll, „Zettel´s Traum“ von Arno Schmidt, mit 1334 Din-A-3-Seiten Typoskript die längste Komödie der Welt&#8230;</p>
<p>Ein bisschen Shakespeare schimmert auch durch Uwe Timms leichten Roman „Johannisnacht“, in diesem Fall die des Jahres 1996. Während in Berlin der Reichstag verhüllt wird, sucht ein Alt-68er das Abenteuer. Doch als es ihm zur Mittsommernacht in einer Disco auf die Pelle rückt, wird ihm mulmig. Er ist nämlich nicht sicher, ob die junge Frau nicht doch ein Mann ist – und geht erst mal Currywurst essen. Was vom Großstadtzauber bleibt, sind die grünen Strähnen, die ein puckhafter Hairstylist dem alternden Helden verpasst hat. Kurz, die Sonnenwende hat immer ihre Tücken. In jedem Fall hilft aber das Mittsommernachtslied unserer Nachbarn: „Du danske sommer, jeg elsker dig… Du dänischer Sommer, ich liebe dich, obwohl du mich so oft enttäuscht hast…“</p>
<p><em>Dieser Text ist urheberechtlich geschützt. Er erschien 2006 am 21. Juni im </em>Tagesspiegel<em>, am 22. Juni in der </em>Hannoverschen Allgemeinen Zeitung<em> und am 24. Juni in der </em>Stuttgarter Zeitung<em>. Für die Edition auf dieser Website wurde eine kleine Korrektur betr. &#8220;Saltkrokan&#8221; vorgenommen. Foto vom Sonnenuntergang hinter Stonehenge: CCBY-SA, commons.wikimedia.org</em></p>
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		<title>Schienen für die Angstlust</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Jun 2013 21:32:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Achterbahnfahrt zwischen Formel und Wahn: Ingenieur Klose und Digitalkünstler Nowak in Hannovers &#8220;Literarischem Salon&#8221; Nichts ist so sanft wie die Klothoide. Als sie noch nicht im Einsatz war und um 1850 in London eine der frühesten Achterbahnen die Leute in den Looping schoß, gab es Verletzte. Man hatte die Schleife kreisförmig konstruiert, die Richtungsänderung war [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Achterbahnfahrt zwischen Formel und Wahn: Ingenieur Klose und Digitalkünstler Nowak in Hannovers &#8220;Literarischem Salon&#8221;</h2>
<p>Nichts ist so sanft wie die Klothoide. Als sie noch nicht im Einsatz war und um 1850 in London eine der frühesten Achterbahnen die Leute in den Looping schoß, gab es Verletzte. Man hatte die Schleife kreisförmig konstruiert, die Richtungsänderung war jäh, den Passagieren schlug es das Kinn auf die Brust. Erst nach weit mehr als hundert Jahren kam ein Ingenieur auf die Idee, wie im Straßenbau auch die vertikale Schienenkurve unmerklich sanft beginnen zu lassen, eine „Klothoide“ beschreibend, wie diese Krümmung unter Mathematikern heißt. Aber auch jetzt gehört ein bisschen Angst immer noch dazu, damit die Raserei über Höhen und durch Tiefen auch Spaß macht.</p>
<p>Weil zur Achterbahn nicht nur Formeln, sondern auch Fantasien gehören, wurde sie jetzt ein Fall für den Literarischen Salon, der dafür in die Technische Informationsbibliothek der Uni einlud, passenderweise eine Woche vorm Start des Schützenfests. Unter dem historistischen Tonnengewölbe trafen zwei Männer aufeinander, die nicht verschiedener sein könnten. Michael Klose entwirft Achterbahnen, seine jüngste wird heute in Kalifornien eröffnet, „Full Throttle“ heißt sie, Vollgas, der Looping ist mit 50 Metern Höhe Weltrekord, und wer Klose erlebt, spürt Grundvertrauen. So knochentrocken muss ein Ingenieur sein, der Menschen auf „5 G“ beschleunigt, mehr ist verboten.</p>
<p>Till Nowak schert sich darum nicht. Seine Geräte schleudern ihre Passagiere in den dreistelligen Bereich. Himmelhoch ragt und verzweigt sich der Metallbaum seines „Steam Pressure Catapult“, dessen hochgeschossene Gondeln nach dem Zufallsprinzip eine von mehreren möglichen Schienen erwischen und dann irgendwo im Nebel verschwinden. Der 32jährige ist Digitalkünstler, sein Kurzfilm <a href="http://www.icr-science.org/">„The Centrifuge Brain Project“</a> wurde bei YouTube mehr als zwei Millionen Mal gesehen, aber nicht nur wegen der so exzessiven wie technisch perfekten Rummelplatzphantasien. Der Film beginnt wie eine Doku – ein leicht freakiger Wissenschaftler führt seine Zentrifugalexperimente vor.</p>
<p>Die ersten Geräte, auf Rummelplätzen getestet, wirken noch glaubwürdig, doch dann driftet es hyperbolisch ins schier Albtraumhafte. Ein Kugelkarussell, das die Leute kopfüber in den Himmel presst, eine Kettenbahn, auf der man 14 Stunden unterwegs ist, ein Expander, der seine Arme bei Höchstgeschwindigkeit jäh um 20 Meter verlängert. „Es gab nur einmal ein Problem, als der zu nah an einem Gebäude stand“, erläutert der Forscher, gespielt vom Kunstagenten Leslie Barany, der nicht zufällig den „Alien“-Designer H.R. Giger vertritt und den Wahnsinn so authentisch macht, wie es Nowak am Computer gelingt. Sein suggestiver Realismus verdankt sich penibelstem Gepixel.</p>
<p>Wie er die Daten selbstgedrehter echter kleiner Kirmesfilme abgreift und sie ins Illusionäre verlängert, das ist nicht minder Ingenieurskunst als die Arbeit, die Michael Klose in der Münchner Firma Stengel leistet, der weltweit wichtigsten, deren Gründer in der Welt der „fliegenden Bauten“ als Guru verehrt wird. „Fliegend“ steht für temporär: Die Bahnen sind ja transportabel, auch wenn schon die simpelsten an die 90 Tieflader brauchen. Und für die größten (natürlich stehen sie in den USA, wo immer einer den andern übertrumpfen will) kann ein Unternehmer schon mal 50 Millionen Euro bezahlen. Was für ein Aufwand für ein paar Minuten Raserei mit Angstlustschreien!</p>
<p>Und dann kommt ein Sturm wie, im vorigen Jahr, Sandy, und knickt den „Jet Star“ in New Jersey zusammen. Bis vor kurzem ragte das Gerippe noch aus dem Atlantik, wie ein Urvieh aus der Zukunft, ein Memento vergangener Freuden. Traumhaft schöne <a href="http://www.flickr.com/photos/shawn_wainwright/8454643502/">Fotos</a> lieferte die Ruine, die im Salon zu „Mechaniken des Übermuts“ natürlich nicht fehlten. Der philosophisch-metaphorische Mehrwert der „Rollercoaster“ erschloss sich wie von selbst in diesem Paarlauf, den Eckhard Stasch von der Warte des neugierigen Literaten moderierte. Wobei sich erwies, dass manche wilde Fantasie des Digitalkünstlers längst „under construction“ ist bei den Ingenieuren – etwa das Zufallsprinzip.</p>
<p>Man arbeitet tatsächlich schon an Schienenweichen, an denen die Wagen mal so, mal so die Richtung wechseln. Und auf eine Idee, wie sie Michael Klose im nagelneuen „Full throttle“ realisiert, ist nicht mal Till Nowak gekommen: Der gigantische Loop wird beidseitig befahren, oben und unten, dank Extrabeschleunigung zwischendurch. Und natürlich dank der Klothoide.</p>
<p><em>Der Artikel erschien am 22.6.13 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist urheberrechtlich geschützt.</em></p>
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		<title>Freud, Maler der Menschen</title>
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		<pubDate>Thu, 03 May 2012 20:01:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Ungefilterte Notizen zu &#8220;Lucian Freud Portraits&#8221; in der National Portrait Gallery London 2012, im Jahr nach dem Tod des Malers Am stärksten berührt mich die ungeheuer dicke Frau, deren Bild er nach ihrem Job betitelt „Benefits supervisor“, sie arbeitet in einer Behörde für Soziales, hier ist sie nackt. Behaglich in eine Sofaecke geworfen, fast sie [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Ungefilterte Notizen zu &#8220;Lucian Freud Portraits&#8221; in der National Portrait Gallery London 2012, im Jahr nach dem Tod des Malers</h2>
<p>Am stärksten berührt mich die ungeheuer dicke Frau, deren Bild er nach ihrem Job betitelt „Benefits supervisor“, sie arbeitet in einer Behörde für Soziales, hier ist sie nackt. Behaglich in eine Sofaecke geworfen, fast sie sprengend, Kopf im Nacken, völlig „ausgeliefert“, wie ein Baby. So geborgen sieht man sonst nur Babies, so entspannt, beschützt von: Was und wem denn? Eltern schützen Babies, darauf verlassen die sich. Was und wer kann eine ungeheuer dicke Frau mit Brüsten, deren jede so groß wie ein Neugeborenes ist, so schützen, dass sie sich völlig entkleidet und sich glücklich – oder doch entspannt &#8211; auf ein Sofa schmeißt und sich malen lässt? Das Genie des Malers, sicher, sein Atelier, die Heizung darin, aber auch die Gesellschaft, die diesen Maler schätzt und schützt.</p>
<p>Wir, die wir uns da durch die Räume drängen – und es sind Frauen dabei, unfassbar schön wie Romangöttinen, 21-jährige, die jeden in den Abgrund schmeißen können – sehen und erleben etwas vom Besten und Würdigsten jetzigen gemeinsamen Menschseins. Die dicke Frau ist nicht NACKT im Sinn von entblösst, da fehlt nichts, da wird nicht zuviel gezeigt, sondern sie ist wahr, seiend (seiend! Unübertreffbar, dies Goethewort). Das ist nun mal so. Die Frau ist so seiend, dass ich eben dachte, hoffentlich sieht keiner diese Brüste, diesen Körper auf meinem Bildschirm hier im Zug, so, als könnte er aus den Zeilen herausplatzen. Hier wäre es auch der falsche Ort. Nehmen wir an, ich hätte ihr Bild auf dem Schirm, es würde bei Vorübergehenden Voyeursreflexe auslösen, eben die, die man in der Galerie hinter sich gebracht sehen kann. Wir in unseren Körpern. Wir mit unseren Körpern. Untrennbar, und doch nicht völlig identisch.</p>
<p>Das Bild seiner Mutter: wie auf dem Totenbett in einem weißen Kostüm, zugleich lebend und tot, gar nicht beklemmend. Das gealterte Gesicht. Man sieht das Gealterte. Es ist der Frau – schon weil da steht, es ist die Mutter, sie muss mal jung gewesen sein – anzusehen, dass sie auch mal jung war. Es ist dem Blick – bei aller vermeintlichen leichten Strenge, die Blicke alter Damen haben können – auch eine Fassungslosigkeit darüber anzusehn, dass sie altert und gealtert ist: Was macht das mit mir? Was ist es, das da etwas mit mir macht? Eben war ich noch jung, jetzt bin ich schon fast tot?! Wie fassungslos darüber doch jeder sein könnte – müsste?</p>
<p>Freud malt keine Anklage und beschwert sich nicht malend über das Sterbenmüssen. Mit ihm lernen wir überhaupt mal hingucken und sehen, was das ist: unser Leben. Wir sind ja auch Tiere. Viel mehr aus der Natur hervorgegangen und ihr ausgeliefert, als wir uns meist erlauben zu sehen. Wenn man es sich aber erlaubt, ist es gar nicht mehr „entwürdigend“. Es gibt eine kleine Familiengruppe in einer Wohnung mit Grünpflanze, ich habs nur ungefähr vor mir: Kinder, ich glaube vier Mädchen, unterschiedlichen Alters, im Fenster Großstadt ahnbar, wohl London, und dass es mindestens 3. OG ist. Es hat etwas Trauriges zuerst, aber das kommt daher, dass es trotz des „Sitzens für den Maler“ kein Idyll ist, nicht gemütlich. Sie sind nicht traurig, sie haben vieles im Sinn. Zugleich ist diese Wohnung, auch die Stadt dahinter, wie eine Naturbehausung, mehr gewachsen als „konstruiert“. Das heißt aber nicht, dass die Mädchen da im Grunde säßen wie Affen im Baum. Es ist nur völlig selbstverständlich, dass die Affen uns nicht fern sind, und umso wunderbarer, dass uns Menschen anblicken. Aus einer Fremdheit, aus wirklichem Sie-selbst-sein nämlich.</p>
<p>Es gibt ein andres Bild, „Branham Children“, das ist wirklich traurig. Ich weiß nicht, was mit diesen Kindern ist. Junge und Mädchen, letzteres mit schrecklicher 70er-Jahre-Brille. Sie gucken einen nicht an und das vielleicht, weil sie nicht Kontakt aufnehmen können, disabled. Großes Bild. Verloren in großem Raum. Der Blick, der Nicht-Blick der beiden, ein fernstes Ahnen, ein entsetzlicher schmerzloser Schmerz, dass sie nicht in der Welt sein können, nicht ganz, nicht ganz in dieser völlig fragilen verweslichen Geistkörperlichkeit, nicht in der Lage zu dem köstlichen klaren grausamen Erstaunen über diese Situation – zu dem wir ja normalerweise auch gar nicht kommen. Es entfaltet sich auch nicht gleich ganz vor den Bildern, viel zu groß ist ihre Wucht, man muss das mitnehmen.</p>
<p>Daher wird gerade hier der Schwachsinn privaten Kunsthortens deutlich. Nicht, dass man zuhaus keine Kunst haben sollte. Aber Werke dieser Art kann einer zuhause gar nicht verkraften, das ist das eine, zum andern gehören sie in irgendeiner Form „vergesellschaftet“, blödes Wort. Denn es wird uns allen etwas erzählt und geht uns auf. ZB welch idiotischen Aufwand man betreibt, sich dafür zu schämen, dass man nicht Idealmaßen entspricht. Was man alles nicht wahrnimmt, weil man vorm „Verfall“ wegschaut – genauso könnte man doch vorm Sonnenuntergang wegschauen!</p>
<p>Wie Freud das hinkriegt, malerisch, ist damit ja noch gar nicht gesagt. Im „Komponieren“, klassische Perspektiven und Proportionen, jedem unbewusst vertraut, die auch Geborgenheit und Stabilität herstellen für die Wucht, die uns zugemutet wird und für die Offenheit derer, die sich porträtieren lassen. Sie sind nie nur so oder so. Einer steht da wie Jesus in einer Ecke, nackt, zugleich ergeben und wie auf dem Sprung, ein gar nicht sicherer Jesus, und im Fenster spiegelt sich ein Teil des Malers wie ein Judas – aber das ist nur eine Ebene. Oder ein liegender Nackter, dessen Haltung mich an Opfer von Pompeji erinnert: etwas starr Gekrümmtes in der Haltung, und die Farbe ist hier und da so porös aufgetragen, dass sie wie Oberfläche erstarrter Lava wirkt. Oder ein Mann, der in seinem Anzug erstarrt. Fesselung, Lähmung der Zivilisation, gerade inmitten der vielen lebenden Nackten hier. Ein rotgesichtiger Briagdier hingegen erstarrt hier nicht in seiner Uniform, sei es, weil er einen Hemdknopf offen hat. Diese Uniform ist maßgeschneidert, zu dieser Hülle ist er hingewachsen. Oder Hockney: die zu ahnende Verletzlichkeit, seine Unsicherheit im eigentlich behaglichen Gesicht. Das muss ein guter Maler sein, dieser Hockney, würde ich wohl denken, wenn ich´s nicht wüsste. Ich entdecke Hockneys Kunst noch mal in dem Porträt, das Freud von ihm malt.</p>
<p>Und Baron von Thyssen-Bornemisza: der hängt etwas außerhalb, vor der Schau, zu Recht. Es ist wohl ein Auftragswerk, eins der wenigen, sehr, sehr gut, aber der Baron lässt den Maler nicht ganz an sich ran. Vielleicht hätte ich nicht lesen sollen, wer es ist? Ist es mir nur deswegen ein bisschen zu affirmativ? Dieses feine Lächeln. Andererseits: er steht damit eben nicht über den andern Porträtierten. Er ist nicht auf die entscheidende Ebene hochgekommen. Mit diesem feinen Lächeln wird man durch die letzten Türen nicht gelassen. Trotzdem ein gutes Bild, wenn es so viel Gedanken freisetzt. Das schwächste ist der Kunstkritiker, da hatte Lorch in der SZ völlig recht, es ist gradezu trivial, einfach ein gutausehender Mann mit Bartschatten und blauem Schal, der hat ja ein Buch draus gemacht, aus den Sitzungen. Wenn das Buch so gut ist wie das Bild schwach, muss es toll sein. Vielleicht haben die beiden zuviel über Kunst gequatscht?</p>
<p>Einmal in der Schau hatte ich den Impuls – mehr Gedanke als Wunsch &#8211; einer Frau ans Kinn zu fassen, die ich interessant fand: mich der Körperlichkeit zu vergewissern, über die ich grade so viel gelernt hatte. Eine aparte, interessante Dame vielleicht Mitte 40. Ich sah plötzlich meine Hand ihr Kinn fassen, zart und bestimmt und prüfend, wie es Kinder tun.</p>
<p>Vielleicht wirkte Freud auch noch nach, als ich vorhin im Flughafen staunte über die Schlangen vor den Röntgenboxen und Scannern. Wieviele Millionen Stunden die Leute hier verbringen. Eine Huldigung der Angst. Weil eine verschwindend geringe Anzahl von Menschen Flugzeuge entführt oder sprengt, huldigen wir ihnen in Warteschlangen, in mäandernd gepressten Reihen unter hohen Hallendecken der Angst. Rituale: Flüssigkeiten und Tuben in Klarsichtbeutel stecken, welche in Stansted 20 mal 20 zu messen haben und wiederverschließbar sein müssen. Auf Bildschirmen wird gezeigt, wie man alles richtig macht: Schuhe ausziehen, Koffer aufs Band, Laptop ins Körbchen. Diese purifizierten, purifizierenden Bewegungen. Lächeln. Die ganze idiotische, verlogene, semireligiöse Strapaze wird mit dieser Gestik der Reinheit, diesem Lächeln auf dem Bildschirm noch verlogener, idiotischer und religiöser.</p>
<p>Wie auch immer: Freud! Er tut durchaus ähnliches wie sein Großvater. Dieses Augenöffnen. Dieses Ende der Verdrängung. Zu erleben, wieviel Leben und Kreativität einem zuschießt, wenn man sich zuwendet, und ansieht, wovon man sich sonst wegdreht, warum auch immer.</p>
<p><em>Eine Ausstellung mit Werken Lucian Freuds ist bis Januar 2014 in <a href="http://www.khm.at/besuchen/ausstellungen/lucian-freud/">Wien</a> zu sehen</em></p>
<p><em>Dieser Text entstand am 3. 5. 2012 und ist urheberrechtlich geschützt</em></p>
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		<title>Blick zurück im Zorn</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jul 2003 18:23:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Kreisstadt Vechta und das Genie Rolf Dieter Brinkmann Seine Heimat hat er gehasst wie so vieles. „Ein Schweinelandstrich, leeres Moor, viel krüppeliges Grünzeug, katholisch verseucht.“ In diesem Randgelände zwischen Bremen und Osnabrück erhebt sich, mit nicht weniger als drei Justivollzugsanstalten ausgestattet, die Kreisstadt Vechta. Und damit ein Schauplatz radikaler Literatur. Rolf Dieter Brinkmann kommt [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Die Kreisstadt Vechta und das Genie Rolf Dieter Brinkmann</h2>
<p>Seine Heimat hat er gehasst wie so vieles. „Ein Schweinelandstrich, leeres Moor, viel krüppeliges Grünzeug, katholisch verseucht.“ In diesem Randgelände zwischen Bremen und Osnabrück erhebt sich, mit nicht weniger als drei Justivollzugsanstalten ausgestattet, die Kreisstadt Vechta. Und damit ein Schauplatz radikaler Literatur. Rolf Dieter Brinkmann kommt von hier, Jahrgang 1940. Er starb mit 35, als er in London vor ein Auto lief. Dichter und Prosaschreiber, bewundert von Lesern wie Reich-Ranicki und Heiner Müller, der ihn „das einzige Genie in der westdeutschen Literatur“ nannte. Legendär wurde sein 450-Seiten-Collage-Monstrum „Rom, Blicke“.</p>
<p>„Ich kenn den Mann ja gar nicht“, sagt Frau Kuhling. Es ist mittags, die Jalousien sind herabgelassen, sie hat die Riffelglastür aufgeschlossen und steht mit einem Putzlappen in der Hand im Flur des Hauses Kuhmarkt 1. Hier wuchs Rolf Dieter bei seinen Eltern Maria und Josef auf. Gehört hat sie schon davon. „Die von der Uni könnten mir ja mal´n Buch schicken“, meint sie. Aber ob er ihr gefallen würde? „Erinnerung an Kuhmarkt: wo die Jungen die jungen Hunde an ihrem hingehaltenen Beinen wichsen lassen!“ – Tippfehler wie „ihrem“ gehören bei Brinkmann dazu, sie passen zu Tempo und Zerrissenheit. </p>
<p>Sein Vater hätte sie getilgt. Der war Heimatfotograf, Mundartdichter und Vereinsmeier. Ein „gespenstisches Monstrum“ nannte ihn der Sohn. Für Rolf Dieter war die Verwaltungslaufbahn vorgesehen, aber der tanzte schon am Gymnasium aus der Reihe. „Brinkmann stört wiederholt“, steht im Klassenbuch. Der Schüler blickte aus dem Schulfenster auf den „starren roten Ziegelbau des Gefängnisses, und manchmal gingen morgens auf der leeren Straße, vor der Häuserreihe, aus deren geöffneten Fenstern weiße wulstige Betten oder Kissen hingen, zwei Figuren vorbei, die eine Figur in einer grünen Dienstjacke, die andere Figur in einem Anzug. Sie waren an den Handgelenken aneinandergefesselt und kamen vom Bahnhof.“ </p>
<p>Das Backsteingefängnis hat derzeit weiß gestrichene Gitter, und das Gymnasium Antonianum riecht innen drin wie alle Schulen, nämlich zum Weglaufen. Aber nicht mehr alle Lehrer sind „moosige, verschimmelte Gestalten“, wie der Ex-Insasse in „Erkundungen“ schrieb. Es gibt hier ein Brinkmann-Schulprojekt im Rahmen von www.literaturatlas.de. Und unter www.rolf-dieter-brinkmann-gesellschaft.de kommt man zum Vechtaer Basislager der Fans. Auch die Stadt entdeckt allmählich den Mann, den sie nie losließ, der stets erkundete, „was mich festhalten möchte“. Der „Panik runter gelassener Rolläden“ kann man freilich nicht nur in Vechta nachspüren, sondern in ganz Deutschland.</p>
<p>Doch hier ist sie nicht abgefedert. Zu nah sind sich Geranien und Gefängnisse, zu hart ist der Himmel. Die Leute aber sind hilfreich und freundlich. Gegenüber vom Friedhof hinter der Bahnlinie steht eine der drei Justizvollzugsanstalten. Von ihr aus kann man wohl auch den gelben Busch auf dem Grab sehen. „Am großen Kreuz links, erste rechts, vierte Grabstätte auf der linken Seite!“ Der Friedhofsgärtner weiß Brinkmanns Platz sofort und lächelt.  </p>
<p>Volker Hagedorn  </p>
<p><em>Erschienen im Juli 2003 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung</em></p>
<p>Illustrierte Einstiegslektüre: „/:Vechta! Eine Fiktion!/“, secolo-Verlag </p>
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		<title>Es führt ein Weg zurück</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Jan 2003 19:42:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gabriel García Márquez schreibt eine Autobiographie auf Romanhöhe Der Fünfjährige sitzt zur Rechten des Großvaters am Tisch, wenn die Familie mit ihren Gästen speist. Nur Gabito, dem Enkel, ist es gestattet, sich aus der Kanne mit Wasser das Eis mit der Hand zu fischen statt mit dem Löffel. „Er hat alle Rechte“, sagt der alte [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Gabriel García Márquez schreibt eine Autobiographie auf Romanhöhe</h2>
<p>Der Fünfjährige sitzt zur Rechten des Großvaters am Tisch, wenn die Familie mit ihren Gästen speist. Nur Gabito, dem Enkel, ist es gestattet, sich aus der Kanne mit Wasser das Eis mit der Hand zu fischen statt mit dem Löffel. „Er hat alle Rechte“, sagt der alte Oberst und duldet keinen Widerspruch. Kolumbianischer machismo. Aber auf dem Erstgeborenen des Elígio García und der Luisa Márquez lasten auch alle Pflichten und Hoffnungen, die um so größer werden, je schlechter es der Familie geht. Denn nur die Kinderjahre verbringt Gabriel im gediegen großbürgerlichen Rahmen.</p>
<p>Mit einer Eisenbahnfahrt zurück in diese Kindheit, nach Aracataca ins verlassene Haus, beginnt ein Buch, das die spröde Bezeichnung „Memoiren“ glücklicherweise nicht verdient, sondern sich literarisch auf den Höhen jener Romane bewegt, die seinen Verfasser berühmt machten. Schon der Beginn, die Reise eines scheiternden Jurastudenten mit literarischen Ambitionen, der seine Mutter zum Verkauf des Geburtshauses begleiten muss, trifft eine Ebene, die zwischen dem Abschied von der Kindheit und der Selbstfindung als Romanschriftsteller geradezu organisch Magie und Spannung vereint.</p>
<p>Abschiednehmen ist ein Motiv des Schreibens, das Márquez schon kennt, ehe er schreibt, etwa als mit den Kleidern des gestorbenen Großvaters versehentlich auch eine Mütze des Knaben verbrannt wird. „Etwas von mir war mit ihm gestorben“, begreift der Schuljunge, der Nobelpreisträger glaubt, „dass ich in diesem Augenblick ein Schriftsteller im Grundschulalter war, der nur noch schreiben lernen musste.“ Zeichen eines außergewöhnlichen Gedächtnisses und ebensolcher Phantasie gibt es früh. Márquez erzählt davon uneitel, eher verwundert und mit der retrospektiven Neugier, die ihn überall antreibt.</p>
<p>Das Vergangene ist bei ihm wie bei seinem wichtigsten Lehrmeister William Faulkner nie vergangen. Schon gar nicht in einer Weltgegend, wo es zum Alltag gehört, den Geistern von Toten zu begegnen oder ihretwegen sogar die Wohnung zu wechseln. Und wo der 1903 beendete „Krieg der Tausend Tage“ gegenwärtiger ist als der Zweite Weltkrieg, nach welchem das 20. Jahrhundert überhaupt erst in Kolumbien ankommt. Geschichte und Familiengeschichte gehören hier zusammen wie schon im ersten Satz der „Hundert Jahre Einsamkeit“. Der Schriftsteller erlebt sich selbst als Teil seines Landes.</p>
<p>Umgekehrt feiert Kolumbien heute in Márquez sich selbst. Zur Vorstellung seiner Autobiographie wurde die Nationalhymne gespielt, die erste Auflage musste bei der Anlieferung in Panzerwagen vor Neugierigen geschützt werden. Der wirtschaftlichen Not und dem politischen Chaos steht literarischer Weltrang gegenüber und die Fähigkeit des Autors, „die Realität unterhaltsamer und verständlicher zu machen“, wie Márquez den Sinn seines Tuns einmal gelassen erklärt. Aber natürlich vertieft er sie auch, die Realität, und macht sie bedeutsam in seiner Kunst magischer Verdichtung.</p>
<p>Wenn geschildert wird, wie man an der karibischen Küste die politischen Wirren im zentralen Bogotá wahrnimmt, steht da: „Gesetze, Steuern, Soldaten, schlechte Nachrichten, ausgebrütet auf zweitausendfünfhundert Metern Höhe und in einer Entfernung von acht Tagereisen auf einem mit Holz befeuerten Dampfschiff des Río Magdalena.“ Was für ein Epochenhorizont da mal eben mit so scharfem wie träumendem Blick in Worte gefasst ist! Man möchte seitenweise zitieren und bewundern. Auch Kleinigkeiten. Wenn etwa aus Kleidern von Toten „Fetzen toter Kleider“ werden, seltsam beseelt.</p>
<p>Für diese Kunst und die seiner Textarchitektur hat Márquez lange und mühsam probiert und gelernt in einem zigarettendurchräucherten Klima gleichgesinnter Enthusiasten der Literatur &#8211; als Schüler, Student, Redakteur, in Barranquilla, Cartagena, Bogotá. Damit ist in Europa allenfalls das Klima in Wien um 1900 vergleichbar. Und selbst dort hatte Literatur nicht den Rang einer Realität, eines Lebensmittels wie bei diesen bücherfressenden Kolumbianern, die Poeten wie Heilige verehren, aussichtlose Zeitschriften gründen und ohne deren Hilfe und Kritik aus Gabito niemals Gabo geworden wäre.</p>
<p>Mit einer mißglückten Glosse verfuhr man da so: „Als er fertig gelesen hatte, zerriss Germán wortlos und ohne mich anzusehen den Zeitungsauschnitt und mengte die Schnipsel zwischen die Kippen und die abgebrannten Streichhölzer im Aschenbecher.“ Sowas prägt. Und es gibt „nichts, das einem Schriftsteller nicht nützlich sein kann“. Etwa ein Heftchen über einen Kriegsveteranen, der „Buendía“ heißt – ein mittlerweile weltliterarischer Name, den Márquez beinah verwarf, weil die Endung „-ia“ auch die des spanischen Imperfekts ist und das Entstehen jener Reime im Satz begünstigt, die der Autor verabscheut.</p>
<p>Dutzende, hunderte solcher Entdeckungen macht man auf den 604 Seiten, die mit Márquez´ 28. Lebensjahr enden und durch ihre Vor- und Rückgriff-Technik selbst sprödere Passagen auffangen, wo sich der Autor in Aufzählungen voller Adjektive verliert oder eigentümlich nüchtern und analytisch wird. Letzteres geschieht immer dann, wenn er „im ewigen Nieselregen der traurigsten Stadt der Welt“ herumläuft, in Bogotá. Von dort reist der 27-jährige am Ende des Buches als Reporter nach Europa. Was das bewirkt, wird der nächste Band erweisen, und wir dürfen ihn erwarten wie die Südamerikaner: Mit Ungeduld.</p>
<p>Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. 604 Seiten, Kiepenheuer &amp; Witsch, Köln, € 24,90</p>
<p><em>Erschienen u.a. in: Bonner Generalanzeiger, 11.1.2003, unter dem Titel &#8220;Die Magie des Wortes&#8221;</em></p>
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