<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title> &#187; Podium</title>
	<atom:link href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/?cat=8&#038;feed=rss2" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 Apr 2026 12:17:52 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.5.2</generator>
		<item>
		<title>Von Einhörnern, die es ohne Menschen nicht gäbe</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=5061</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=5061#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 21 Jun 2025 14:00:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=5061</guid>
		<description><![CDATA[Alfred Brendel mit Beethovens drei letzten Klaviersonaten im Gewandhaus Leipzig [erschienen am 20. November 1995] Er geht zum Flügel wie zu einem Schreibtisch, wo was Angefangenes wartet, ergeben und entschlossen. Dann sitzt er und ist mittendrin. Notengestöber in E-Dur &#8211; die Trias der letzten Klaviersonaten Beethovens hat kein großes Eingangsportal und bei Alfred Brendel auch [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Alfred Brendel mit Beethovens drei letzten Klaviersonaten im Gewandhaus Leipzig [erschienen am 20. November 1995]</h2>
<p>Er geht zum Flügel wie zu einem Schreibtisch, wo was Angefangenes wartet, ergeben und entschlossen. Dann sitzt er und ist mittendrin. Notengestöber in E-Dur &#8211; die Trias der letzten Klaviersonaten Beethovens hat kein großes Eingangsportal und bei Alfred Brendel auch keine Beethovenbüste, vor der er sich verneigen müßte. Die beiden arbeiten schon länger zusammen.</p>
<p>Brendel läßt die Läufe und Sprünge huschen wie schnelle Notizen, aber die sind sehr präzis und verweisen gemeinsam auf ein anderes, inneres Tempo. Das führt dann auch zum nächsten Satz, Prestissimo, nicht treibend, sondern öffnend. Unter den Sechsachtelwellen kurz vor Schluß eine Schwelle im Baß: der Halbtonschritt B-A leuchtet im Piano, als er dann lauter wird, sind wir schon fast drüben, im „Andante molto cantabile ed expressivo&#8221;.</p>
<p>Da beginnt der Flügel zu singen. Das bedeutet nicht, daß der Pianist vorführt, was Sänger auch können. Der Gesang ist für dieses seltsame, mit Hämmern und Saiten gefüllte schwere Gerät geschrieben, das hat sein eigenes Wesen. Wenn es einer mit diesen Noten und diesen Händen belebt, dann ist es, als träte ein Einhorn aus dem Wald, um Wünsche zu erfüllen.</p>
<p>Wobei uns Brendel und sein Flügel nichts vormachen und zurechtzaubern. Man hört in den Tönen auch, daß es ohne Menschen gar keine Einhörner gäbe. Und in den Variationen danach, daß Beethoven sich in und mit seinem Werk nicht abschließen will. Es sind alles Fenster, und Brendel entdeckt in der vierten Variation sogar die Vorwegnahme des Motivs aus „Der dritte Mann“ und präpariert es unaufdringlich heraus. Als danach das alte Thema wiederkommt, ist etwas anderes in seinem Ton. Es singt immer noch, aber hat sich entfernt.</p>
<p>Der Pianist läuft ihm, in der nächsten Sonate opus 110, nicht nach, sondern scheint abzuwarten. Die As-Dur-Sonate ist so mehr Entwurf und Plan, denn Ereignis. Selbst im feinsten Tränenschmelz, im „Es ist vollbracht“- ähnlichen Arioso, steckt noch eine Spur Konstruktion. Brendel spielt die umgebenden Fugen. als ärgere sich Beethoven darüber und stecke sich selbst in den kontrapunktischen Käfig, um an den Stäben zu rütteln: Also nicht souveräne Architektur, sondern dröhnende, ja prügelnde Bässe beim ersten Mal, schrill kreischender Diskant zum Schluß. Das aber keineswegs besinnungslos &#8211; gerade durchs Extreme wird klar, wie bewußt da vorgegangen wird.</p>
<p>Die letzte Sonate, opus 111 in c-Moll, scheint wie eine Synthese aus den vorigen. Formal schon deswegen, weil die latente Zweisätzigkeit (die ersten beiden Sätze jeweils als Vor- oder Umwelt des Variationensatzes) hier in reale umschlägt. Und auf einer ganz neuen Ebene treffen sich Ausdruck und Abstraktion. „Ich-Verlassenheit&#8221; hörte Thomas Mann hier heraus, eine Deutung, die Alfred Brendel mit solcher Konsequenz bestätigt, daß er den „Faustus“-Autor am Ende noch überholt. Nicht, daß er kühl spielte, im Gegenteil. Mit voller Wucht wirft er sich hinein &#8211; und wird abgewiesen.</p>
<p>Wenn Beethoven (50) trotzig ist, ist Brendel (64) es auch. Der eigentümlichen Sachlichkeit zwischen den Klüften des ersten Satzes setzt er seine eigene Dramatik entgegen. Ein Kampf, unentschieden. Und im zweiten Satz, wo Beethoven vermeintlich Abenteuer anbietet, glaubt er ihm nicht, anders als der Dichter. Das Arietta-Thema hat kein Schicksal, es führt ins Nichtfaßbare.</p>
<p>Daß sich Brendel bei den Zweiunddreißigsteltriolen zum ersten Mal technischen Grenzen nähert, ist fast beruhigend bei soviel Abstraktion. Zu ihr führt alles: Der Triller, der sich chromatisch von As bis D hochstuft, zeugt da nicht von einsam heroischen Mühen, sondern verwandelt, wie flüssige Luft gespielt, endgültig das Gebundene ins Absolute.</p>
<p>Dort gibt es nicht mehr viele Nachbarn. Einen ließ Brendel als Zugabe nach den Ovationen im randvollen Gewandhaus hören. Busonis Klavierfassung von Bachs Choralvorspiel „Nun komm der Heiden Heiland“. Da war es wieder, das Singen.</p>
<p><em>Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er erschien am 20.11.1995 in der </em>Leipziger Volkszeitung<em> auf Seite 9. Für die Edition auf dieser Website wurde die Orthographie des Originals (vor der Rechtschreibreform 1996) beibehalten. Die Unterzeile wurde geändert; sie lautete &#8220;Alfred Brendel zauberte im randvollen Gewandhaus&#8221;.<br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=5061</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Man kann nicht einfach ruhig bleiben“</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3208</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3208#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 11 Apr 2020 10:26:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3208</guid>
		<description><![CDATA[Seit 40 Jahren lenkt das Ensemble Modern die Geschicke der neuen Musik. In Zeiten des Shutdowns lohnt es sich erst recht, seinen Tönen nachzugehen Frühlingswald, Vogelzwitschern, ein Mann vor einem Baum. Jeans, weißes Hemd über dem Gürtel, unter dem kurzen weißen Haar eine Sonnenbrille.Er hat eine Oboe dabei und sagt, er vermisse das Publikum und [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Seit 40 Jahren lenkt das Ensemble Modern die Geschicke der neuen Musik. In Zeiten des Shutdowns lohnt es sich erst recht, seinen Tönen nachzugehen</h2>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2020/04/em.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-3209" alt="em" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2020/04/em.jpg" width="1280" height="575" /></a><br />
Frühlingswald, Vogelzwitschern, ein Mann vor einem Baum. Jeans, weißes Hemd über dem Gürtel, unter dem kurzen weißen Haar eine Sonnenbrille.Er hat eine Oboe dabei und sagt, er vermisse das Publikum und seine Kollegen vom Ensemble Modern. Dann spielt er, allein mit seiner Oboe, <i>Pan</i>. Dem Hirtengott hat Benjamin Britten 1951 ein Solo geschrieben, wenige Minuten, eine klagende Weise voller Ornamente, Pan klagt um eine Nymphe. Christian Hommel wird selbst zu Pan, einsam in der Natur. Die Rückkehr an den Anfang der Musik beschwört die Zeit vor allen Konzerten. Das Video wird er ins Netz stellen.</p>
<p>Eigentlich hätten nun die Proben für das größte Projekt des Ensemble Modern im 40. Jahr seines Bestehens begonnen, für <i>Les Espaces acoustiques</i> von Gérard Grisey, der 1998 starb. Wie weltweit Hunderttausende Musiker sind auch die 19 Frankfurter Solisten auf unabsehbare Zeit vom Podium verbannt. Sie können für alle stehen. Geradezu idealtypisch vereinen sie, was man sich von Musikern wünscht – abenteuerlustig zu sein, intelligent, risikofreudig, präzise und leidenschaftlich, meisterlich im Beherrschen ihres Handwerks. Grund genug, durch ungewisse Stille hindurch ihnen und ihren Tönen nachzugehen.</p>
<p>Auch auf seinem Waldgang ist der Oboist einer Frage gefolgt, die schon immer wichtig für das Ensemble war. „Was ist an lebendiger Kunst machbar?“ So formuliert es Hommels Kollege Dietmar Wiesner am Telefon, Flötist und mittlerweile der einzige im Team, der seit dem ersten Konzert 1980 dabei ist.  Es gab damals Stücke von Schönberg, Webern und Goldmann. Auf dem Plakat des Deutschlandfunks in Köln stand &#8220;Ensemble Modern der Jungen Deutschen Philharmonie&#8221;, denn aus diesem Orchester bester Studenten kamen sie alle, neugierig auf Werke, die auf dem Podium kaum eine Chance hatten, skeptisch gegenüber der hierarchischen Praxis, auf die man sie an muffigen Hochschulen vorbereitet hatte, nicht interessiert am Mainstream. Aber ebenso wenig, so Wiesner, an der &#8220;reinen Lehre der neuen Musik&#8221; und den Gräben, die Serialisten und Minimalisten, Kontrollfreaks und Anarchisten trennten.</p>
<h2>Hier treffen sich Zappa und Lachenmann</h2>
<p>Sonst wäre 1992 wohl kaum der Rockderwisch Frank Zappa – schmal, grinsend, todkrank und glücklich – auf das Podium der Alten Oper Frankfurt geschlendert, wo das Ensemble sein Projekt <i>Yellow Shark</i> realisierte. Kompositionen zwischen Plastikpistole und Sphärenklang, während im Publikum soignierte Graubärte und Bierflaschenjungs im Muscleshirt ausrasteten. Sonst wären Rihms <i>Jagden und Formen,</i> Lachenmanns <i>Mouvement,</i> Henzes <i>Phädra</i> gar nicht erst komponiert worden, alles inspiriert von den Möglichkeiten dieser Gruppe, über die di ZEIT schrieb: „Käme ein Komponist auf die Idee, sein Werk unter dem Eis der Arktis erklingen zu lassen, sie würden bestimmt ernsthaft über die Realisierungsmöglichkeiten nachdenken.&#8221; Und noch ernsthafter diskutieren: Die basisdemokratischen Auseinandersetzungen des „EM“ sind legendär.</p>
<p>Es gab und gibt keinen Chef, nur neunzehn Individuen, deren Verschiedenheit schon deutlich wird, wenn man drei von ihnen nach diesen Treffen fragt. Gründungsmitglied Dietmar Wiesner: &#8220;Wir diskutieren nicht jeden Bleistift zu Ende. Jeder von uns ist irgendwann in seiner Ästhetik abgebildet, man trägt das mit, wofür es eine Mehrheit gab, und grollt nicht wochenlang.&#8221; Die Cellistin Eva Böcker, seit 1994 dabei: &#8220;Da geht es manchmal heiß her. Die Vielzahl der Meinungen verlangsamt oft die Entscheidungen.&#8221; Der Geiger Giorgos Panagiotidis, seit fünf Jahren dabei: &#8220;Eigentlich sind wir wie eine Familie, da gibt es viel Grund zum Streiten“, er lacht. „Wichtig ist es, das Format für die Diskussion zu finden. Das ist ein Prozess und bleibt es immer.“</p>
<p>Den jetzt 38-jährigen Griechen, der dasEnsemble bei einem Kurs auf der Insel Patmos kennenlernte, hat neben der neuen Musik der Verzicht auf Hierarchie fasziniert: &#8220;Das war für mich eine Befreiung, künstlerisch und gesellschaftlich. Man kann auch mit Beethoven innovativ sein, aber ich wollte dabei sein, wenn in der Entwicklung der Musik ein kleiner Stein dazukommt.“ Eva Böcker kam  zum Ensemble wie die Jungfrau zum Kinde. In England aufgewachsen, traditionell ausgebildet, sprang die Cellistin kurzfristig ein, „ohne Noten und ohne Erfahrung mit neuer Musik. Die erste Probe war ein Schock. Keiner hatte mir gesagt, dass es nur der Komponist und ich sein würden, Heiner Goebbels. Auf dem Papier waren Kreise, Quadrate, Pfeile und Noten, damit konnte ich nichts anfangen.“</p>
<p>Aber dann mochte sie die Stücke des Frankfurter Spontis, der dem Ensemble seine Musik, alle Genres mixend, nicht nur auf den Leib schrieb, sondern mit den Musikern bald auch Theater machte – spektakulär erstmals 1996 in <i>Schwarz auf Weiß,</i> mit Texten von Heiner Müller, einer der Meilensteine in der Ensemblegeschichte. &#8220;Ich habe nie eine Uraufführung erlebt, bei der wir so nervös waren&#8221;, erinnert sich Böcker. Sie merkte bald, wie viele Stilrichtungen es in der neuen Musik gibt, war dabeigeblieben und selbst zur &#8220;Gesellschafterin&#8221; geworden. Träger des Ensembles, einer GbR, sind die Musiker selbst.</p>
<h2>Bis Mitte April fehlen schon 250.000 Euro</h2>
<p>Vom Jahresetat müssen sie drei Viertel selbst erwirtschaften, ein Viertel sind institutionelle Zuwendungen, Rücklagen dürfen sie keine bilden. Allein bis Mitte April brechen dem Ensemble nun 250.000 Euro an Einnahmen weg. „Durch das Rücklagenverbot“, sagt Christian Fausch, seit vier Jahren mit Geschäftsführung und künstlerischem Management betraut, „waren wir nicht einmal auf weniger gravierende Situationen vorbereitet. Zwingend müssen wir mit der Politik über das deutsche Zuwendungsrecht sprechen.“ Zunächst aber muss tausenden freier Musiker schnell und unbürokratisch geholfen werden &#8211; wofür inzwischen auch die Tariforchester Fonds eingerichtet haben.</p>
<p>Eine stark gewachsene freie Szene hat eine große Musiklandschaft neben den Tariforchestern zum Blühen gebracht – mit hohem Risiko und niedrigen Einkünften. Neben &#8220;großer Solidarität&#8221; nimmt Fausch in der Öffentlichkeit eine &#8220;erschreckende Unkenntnis der Situation von Musikern&#8221; wahr. Der Shutdown biete auch &#8220;eine Chance für neuen Gesprächsfluss, in dem Fakten vermittelt werden&#8221;.</p>
<p>Auf Unterstützung freilich war das Ensemble Modern schon immer angewiesen, und nicht selten kam sie von Privatleuten. Geistesverwandte wie die früheren Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die eine Patronatsgesellschaft gründete, oder die Dirigententochter, die in einer bulgarischen Rockband spielt und das USA-Debüt der Frankfurter rettete. &#8220;Ohne Arabel Karajan hätte das nicht stattgefunden&#8221;, sagt der Flötist Wiesner, &#8220;wir haben seitdem eine tolle Freundschaft.&#8221; Seit jenem triumphalen Konzert 1996 im New Yorker Lincoln Center, als John Adams seine <i>Chamber Symphony</i> dirigierte, flankiert von Zappas funkelndem <i>G-Spot-Tornado,</i> Rihms <i>Gejagter Form</i> und etwas bis dahin Unspielbarem: irrwitzige Überlagerungen, die Conlon Nancarrow ins Papier seines Player Piano gestanzt hatte. Der Saal tobte. Der Minimalist <a href="https://www.zeit.de/thema/steve-reich">Steve Reich</a>, der auch da war, rief: &#8220;Die Stadt gehört euch!&#8221;</p>
<p>Diese Stadt wurde im September 2001 ins Mark getroffen. Später reagierte Reich darauf mit <i>WTC 9/11 </i>für Tonband und Streichquartett. <i>&#8220;They came from Boston &#8230; airline &#8230; the wrong way&#8221;</i>. Bei den Silben von &#8220;Boston&#8221; steigt die Stimme im Mitschnitt des Funkspruchs um einen Halbton. Das Cello akzentuiert ihn. Die Geigen repetieren starr ihre hohen Töne. <i>&#8220;Plane just crashed&#8221;</i>, Schnitt, Wiederholung: <i>&#8220;Plane just crashed into World Trade&#8221;.</i> Dokumente des Grauens sind so gestaltet, dass wir erleben, was wir in uns tragen an Erinnerung und Angst. Vor vier Jahren in Hannover verband das Ensemble Modern dieses Werk mit den <i>Three Tales,</i> die Reich 2002 für die Frankfurter geschaffen hatte, gemeinsam mit seiner Frau, der Videokünstlerin Beryl Korot, eine <i>&#8220;video opera&#8221;</i> über Fanale des technischen Fortschritts: <i>Hindenburg </i>(die Zeppelinkatastrophe)<i>, Bikini </i>(der Wasserstoffbombentest) <i>and Dolly </i>(das Klonschaf).</p>
<p>Es wurde ein Abend, den man nicht etwa bedrückt verließ, sondern mit einer heftigen Liebe zur geschundenen Welt und Menschheit verließ, gestärkt und motiviert, sie sofort besser zu machen. Kunst bedeutet, Widersprüche  auszuhalten, aber auch, in ihnen einen Weg zu entdecken. So, wie das Ensemble Modern seine Kunst betreibt, ist sie existenziell, ohne uns je zu bevormunden; sie fordert uns heraus, aber immer aus der Position des Suchens heraus, nicht aus der des Gefundenhabens.</p>
<p>Ob diese Position jetzt hilft? &#8220;Künstler müssen produktiv bleiben, man kann nicht einfach ruhig bleiben&#8221;, sagt der Geiger Giorgos Panagiotidis. &#8220;In schwierigen Zeiten wurden schon immer Linien überschritten. Platon sagte, Musik ist der Arzt der Seele. Die Kunst muss jetzt eine große Rolle spielen.&#8221; Am Ostermontag werden er und sein indischer Kollege Jagdish Mistry sich mit ihren Geigen ins Domizil des Ensembles begeben, eine umgebaute alte Fabrik im Frankfurter Osten, und im Dachsaal live Duos spielen &#8211; im Sicherheitsabstand. Aber uns nah wie Christian Hommel im Wald. Brittens <i>Pan</i> endet mit einem winzigen eiligen Dreitonmotiv der Oboe. Frage, Abriss, Schluchzer? Stille. Der Oboist wendet den Kopf jäh zur Seite. Die Vögel zwitschern weiter.</p>
<p><em>Seit dem 9. April werden jeden Donnerstag und Montag um 20.30 <a href="https://www.ensemble-modern.com/de/aktuelles/2020-04-07/on-air">Live-Konzerte</a> mit ein bis zwei Musiker*innen aus dem Dachsaal des Ensemble-Domizils gestreamt.<br />
Persönliche Videostatements der Musiker wie das von Christian Hommel sind <a href="https://www.ensemble-modern.com/de/aktuelles/2020-03-24/video-statements-der-musiker-innen">hier </a>zu finden.</em></p>
<p><em>Dieser Text ist eine aktualisierte und längere Fassung des Artikels, der am 8. April 2020 im Feuilleton der ZEIT und auf <a href="https://www.zeit.de/2020/16/ensemble-modern-neue-musik-shutdown">ZEIT online </a>erschien. Das Foto von Dominik Mentzos zeigt das Ensemble Modern mit Tänzern von Sasha Waltz in &#8220;Jagden und Formen&#8221;, 2008</em></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=3208</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Geschlechterrolle vorwärts</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3127</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3127#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Nov 2019 21:17:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=3127</guid>
		<description><![CDATA[Von Jaroussky bis Cenčič und Orliński: Countertenöre sind präsent wie nie zuvor, auf den Opernbühnen wie im Internet. Ihr Erfolg hat viel zu tun mit den Ambivalenzen der Gegenwart Breakdance über Warschaus Dächern: Jakub Józef Orliński Er singt Henry Purcells Let me weep, sie klagt auf arabisch von der Liebe. Er ornamentiert diatonisch, sie mittelmeerisch. Er [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Von Jaroussky bis Cenčič und Orliński: Countertenöre sind präsent wie nie zuvor, auf den Opernbühnen wie im Internet. Ihr Erfolg hat viel zu tun mit den Ambivalenzen der Gegenwart</h2>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2019/11/orlinski-foto.jpg"><img src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2019/11/orlinski-foto.jpg" alt="orlinski foto" width="764" height="853" class="aligncenter size-full wp-image-3136" /></a></p>
<p><em>Breakdance über Warschaus Dächern: Jakub Józef Orliński</em></p>
<p>Er singt Henry Purcells <em>Let me weep</em>, sie klagt auf arabisch von der Liebe. Er ornamentiert diatonisch, sie mittelmeerisch. Er erreicht schlackenlos das zweigestrichene fis, sie bleibt mit rauhem Timbre eine kleine Terz darunter. Gegensätzlicher können Sänger kaum sein als Dima Orsho, 1975 in Damaskus geboren, und Valer Sabadus, der neun Jahre später in Rumänien zur Welt kam. Doch nicht der Kontrast ist neu &#8211; eher zu oft schon sind Orient und Okzident zum crossover gebeten worden. Die <em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3R9HYQyhWZQ&#038;feature=youtu.be">Songs of Love</a></em>, jüngst in Berlin frenetisch bejubelt, vertiefen in 90 Minuten eine Qualität, die keine der Musiksprachen verbiegt und doch beide eng verschränkt bis hin zum Duett und weiter noch: Als der Counter und die Mezzosopranistin zusammen improvisieren, ist das von utopischer Schönheit und lässt ahnen, wie die Welt auch sein könnte.</p>
<p>Abende wie dieser brauchen keine Absichtserklärungen und Spezialfestivals zur Multikultur mehr &#8211; und sie zeigen auch, wie sehr die Welt der Counter sich gewandelt hat, der historisch geschulten männlichen Hochtöner. Barockmusik bleibt ihr <em>native country</em>, aber an Offenheit sind sie den klassischen Stimmfächern weit voraus &#8211; und ihnen an Popularität gewachsen. Der jüngste Star der Szene, Jakub Józef Orliński, kann mit einem Liederabend die Frankfurter Oper bis unters Dach füllen: ein Breakdancer und Instagrammer mit violetten Socken zum Anzug, der barocke Arien auch mal zum historisch unkorrekten Steinway singt, und der Menschen, die das erste klassische Konzert ihres Lebens hören, für polnische Lieder des 20. Jahrhunderts begeistert.</p>
<h2>Synthese in der Mitte der vokalen Gesellschaft</h2>
<p>Countertenöre sind so in wie nie zuvor. Sie bilden jetzt eine ausgewachsene Branche mit vielen Stars, die in den Castings der Opernhäuser feste Plätze haben. Vor fünfzehn Jahren wäre das so undenkbar gewesen wäre wie die Sopranhöhe eines 33-jährigen wie Valer Sabadus, die Auftritte von Dima Orsho mit ihm und anderen Countern, oder wie die vier Millionen Klicks, die der 28-jährige Jakub Józef Orliński mit einer Arie von Vivaldi erntet. Ein Stimmfach, das einst als Synthese im Labor der „Alten Musik“ entstand, ist in die Mitte der vokalen Gesellschaft gewandert, der Opernhäuser, Konzertsäle, Netzpodien &#8211; und der Tonträger, die offenbar doch noch gebraucht werden.</p>
<p>Freilich, noch immer gibt es Leute, die sich fragen, ob derartig hoch singende Männer körperlich von unten bis oben intakt sind. „Kastrat bin ich nicht, da muss ich wohl ein Counter sein“, sagt spöttisch Max Emanuel Cenčič. Wer meint, ein Sänger in Altuslage könne bei Liebesduetten bestenfalls keusch wirken, sollte sich mal Cenčič und Sonya Yoncheva mit <em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3SuzLj2aoys">Pur ti miro</a></em> aus Monteverdis <em>Poppea</em> anschauen. Es irritiert keinen mehr, dass bei Countern die tessitura besonders weit von der Sprechstimme entfernt ist, anders als bei den barocken Kastraten mit ihren Kinderkehlköpfen über Hünenkörpern. Unvergessen, wie Kai Wessel als Titelheld in Cavallis <em>Il Giasone</em> inmitten seiner Hochkoloraturen auf der Bühne zwischendurch ein baritonales „Oh, oh…“ beiseite sprach und die Oper noch komischer wurde, als sie eh schon ist.</p>
<p>Aber das war zu Beginn dieses Jahrhunderts, als beim breiten Publikum der Kastratenfilm Farinelli von 1995 noch immer den Eindruck nährte, oberhalb der Tenorlage könnten Sänger nur schrille Exoten sein &#8211; wozu auf seine Weise ja auch Michael Jackson beitrug &#8211; und man die prominenten Hochtöner des Barockgesangs an einer Hand abzählen konnte. Einer von ihnen war Andreas Scholl, Jahrgang 1967, der bei René Jacobs studiert hatte und etlichen Sängern zum Vorbild wurde. Sabadus, damals Gymnasiast in Bayern, erlebte Scholl 2003 in einer Fernsehsendung und imitierte ihn so gut, dass seine klavierspielende Mutter befand: „Du bist ein Countertenor!“ Später sang er mit in dem Quintett, mit dem die Branche eine neue Umlaufbahn erreichte.</p>
<h2>&#8220;Artaserse&#8221; oder Das Statement von Nancy</h2>
<p>Bis dahin hätte es wohl kein größeres Haus riskiert, eine völlig unbekannte Barockoper mit Countern in all den Rollen zu produzieren, die 1730 in Rom von Kastraten gesungen worden waren &#8211; Frauengestalten inklusive. 2016 aber gab es so viele gute und berühmte, dass sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=T-dBTjwIdck">fünf von ihnen in Nancy</a> zur Ouvertüre von Leonardo Vincis <em>Artaserse</em> als solidarische, selbstbewusste Gruppe präsentieren konnten, beim Schminken und Plaudern, an der Spitze Max Emanuel Cenčič und Philippe Jaroussky. Auch wegen dieser Stars wurde das Doppelalbum mit der Ausgrabung 25.000 Mal verkauft, mitten im Niedergang der Tonträgerindustrie. Aber eben auch mitten in einem gesellschaftlichen Aufbruch aus so alten wie verblüffend zähen Geschlechterrollen</p>
<p>Es geht dabei nicht mehr um Travestien, sondern um Offenheit für Ambivalenzen. Die schlummern auch in der Musik selbst, wie Philippe Jaroussky am Ruggiero aus Händels <em>Alcina</em> klar macht: „Ich bin ein Mann, und gerade darum kann ich die feminine Seite von Ruggiero besser betonen als ein weiblicher Mezzo. Genau wegen dieses Charakters hat der Kastrat Carestini die Rolle nicht gemocht.“ Mit der Vorgeschichte ihres Stimmfachs befassen sich Counter gründlicher als die meisten Kollegen und Kolleginnen, von Bass bis Sopran. Denn als Solospezies sind sie erst wenige Jahrzehnte alt, auch wenn es Diskantsänger mit „Kopfstimme“ seit Jahrhunderten gibt. Aus deren englischer Chortradition kam Alfred Deller, 1912 geboren, ein Pionier des Fachs.</p>
<p>Von dem, was seine Nachfolger in fünfter, sechster Generation heute bewerkstelligen, an Beweglichkeit, Volumen, szenischer Präsenz, hätte er sich nichts träumen lassen. Zwar wird die Counter-Evolution nie die höchsten Töne erreichen, die Kastraten möglich waren. Doch die testosteronbefreiten Herren des 18. Jahrhunderts sangen wie ihre naturbelassenen Nachfolger in unterschiedlichen Lagen von Alt bis Sopran. Counter Max Cenčič hält sich gern an Händels Liebling Senesino, „sicherlich der virtuoseste Altist überhaupt. Ich kenne niemanden, für den so viel Tolles geschrieben wurde. Das kann man nicht schmalbrüstig singen, da muss man eine Palette an Farben ausbreiten!“</p>
<p>Wie seine Kollegen hat Cenčič große Teile seines Repertoires selbst ausgegraben, vom Boom der Barockoper beflügelt. „Die guten Opern des 19. Jahrhunderts“, meint er, „wurden schon alle rauf und runter gespielt. Wenn man auf etwas anderes aus dieser Epoche ausweicht, ist es so lala. Mit Barock fährt man eigentlich immer sicher. Das sind Schlager!“ 1976 in Zagreb geboren und heute in Paris lebend, ist dieser Kosmopolit ein Beweger der Branche. Mit neunzehn hatte er als Wiener Sängerknabe bereits 2000 Auftritte hinter sich, studierte dann in den USA Internationale Beziehungen und kehrte zur Musik zurück, nicht nur als Sänger. Er gründete eine Produktionsfirma und führt auch &#8211; erfolgreich &#8211; Regie.</p>
<h2>Auch per Video lernt ein Sänger vom andern</h2>
<p>Wenn er, im Gespräch gern sarkastisch und im Gesang mit brennendem Kern, der Teufel der Branche ist, dann ist Philippe Jaroussky &#8211; die beiden verstehen sich bestens &#8211; der Engel, mit besonderer Reinheit und Sanftheit der Stimme, weniger Rampensau als Exeget.1978 bei Paris geboren, sang er im Schulchor, lernte Geige und Klavier und entdeckte seine Berufung, als er mit 18 Jahren den Counter Fabrice de Falco hörte. Inzwischen hat Jaroussky selbst den Nachwuchs inspiriert, auch via Internet: „Von mir gibt es auf Youtube die Arie <em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=WX83BSR0mug">Vedrò con mio diletto</a></em> von Vivaldi, und ich sehe eine Menge Videos von jungen Sängern, die diese Arie mit exakt meinen Verzierungen singen.“ Einer lernt vom andern.</p>
<p>Auch Jakub Józef Orliński, dreizehn Jahre jünger, hat von Jaroussky gelernt, den er neben Andreas Scholl verehrt, auch er ist mit dieser Arie im Netz zu finden. Er singt sie, im Sommer 2017 direkter, mehr vorwärtsdrängend als schwebend, und eine Terz tiefer, aber nicht deswegen brach <a href="https://www.youtube.com/watch?v=yF4YXv6ZIuE">der Probenmitschnitt</a> mit vier Millionen Aufrufen alle Klickrekorde der Counter. Orlinsky trug Freizeitklamotten auf gut trainiertem Leib und wirkte, als sei Vivaldi für ihn so selbstverständlich wie der Kaffee zum Frühstück. Das ließ für viele die Gräben schwinden, von denen der „Klassikbetrieb“ noch immer umgeben ist. 43.000 Fans folgen Orliński auf Instagram &#8211; und etliche von denen kommen auch in seine Konzerte.</p>
<p>1990 in Warschau geboren, kam er über den Schulchor und als Fan der Kings´ Singers zum Singen, jobbte als Klamottenverkäufer und Model, war (und ist) Breakdancer &#8211; und wurde nach dem Gesangsstudium zu vielen Wettbewerben gar nicht erst eingeladen. Erst vor zwei Jahren fiel er auf, in Aix-en-Provence, bei Youtube und in Frankfurt als ein Rinaldo, dessen Motorik fast die Tänzer in den Schatten stellte. Inzwischen hat er sein zweites Album vorgelegt &#8211; wieder mit Novitäten des 18. Jahrhunderts, erneut in einer Optik, die das Virile unterstreicht, während einst Jaroussky zur androgynen Projektionsgestalt gestylt wurde. Allerdings kann man die meisten Counter auch blind unterscheiden &#8211; nirgendwo sonst ist die Diversität der Timbres und Interpretationen so groß.</p>
<h2>Über Schubert und Belle Époque ins 21. Jahrhundert</h2>
<p>Und der Drang, das Repertoire zu erweitern. Viele fühlen sich dabei von Franz Schubert herausgefordert &#8211; was mal gut geht und mal nicht, wie bei allen anderen. Der Katalane Xavier Sabata hat sich jüngst die <em>Winterreise</em> vorgenommen und gerät dabei an Grenzen poetischer Nuancierung wie vokaler Fokussierung, an die man bei Philippe Jarousskys neuen Aufnahmen zweier Schubertlieder nicht denkt. Der ist freilich mit dem Deutschen so vertraut, dass es ihm auch gelang, in Bachs <em>Ich habe genug</em> Todessehnsucht mit innigem Weltglanz zu verbinden. All das kann man nachhören auf einem neuen Dreieralbum, das fast schon so etwas wie eine Schaffensbilanz ist &#8211; einschließlich seiner wunderbaren Exkursionen in die Belle Époque.</p>
<p>Wie viel die Counter mit der Gegenwart zu tun haben, mit all den Synthesen, Gebrochenheiten, Randerfahrungen ihres Fachs, das wissen die Komponisten schon lange. Benjamin Britten schrieb 1960 für Alfred Deller die Partie des Oberon in <em>A Midsummer Night´s Dream</em>, Aribert Reimann besetzte 1976 im <em>Lear</em> den Edgar hochtönend; in Reimanns <em>Medea</em> kreierte 2010 Max Emanuel Cenčič den Herold. Olga Neuwirth nutzt in <em>Bählamms Fest</em> den Kontrast zwischen Sing- und Sprechstimme; in Klaus Hubers Mandelstam-Oper <em>Schwarzerde</em> dagegen liefert der Counter <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ew-hI69MCvs">den verbindenden Gesang</a> zwischen diversen deformierten Gestalten. Und als der Brite Jonathan Dove eine Oper über jenen Flüchtling schrieb, der jahrelang im Flughafen Charles de Gaulle festsaß &#8211; wie besetzte er da wohl die Titelrolle? Die Counter blühen an den Bruchlinien bewegter Zeiten.</p>
<p><em>Philippe Jaroussky: Passion Jaroussky, 3 CDs, Erato (Warner)<br />
Xavier Sabata: Schubert, “Winterreise”, Berlin Classics (Edel)<br />
Jakub Józef Orlińsky: Facce d´amore, Erato (Warner)<br />
Valer Sabadus / Dima Orsho: „Songs of Love”, Mitschnitt im Deutschlandfunk </p>
<p><em>Dieser Text erschien in der ZEIT vom 21. November 2019 sowie auf <a href="https://www.zeit.de/2019/48/countertenoere-kontratenor-oper-geschlechterrolle">ZEIT online</a> und ist urheberrechtlich geschützt. Die Fassung auf dieser Website enthält geringfügige Änderungen und zusätzliche Zwischentitel. Im verlinkten Ausschnitt aus &#8220;Schwarzerde&#8221; (Basel, 2001) ist Kai Wessel in der Rolle des Knaben zu hören.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=3127</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Raus aus der Einsamkeit!</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2774</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2774#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 15 Dec 2017 09:15:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2774</guid>
		<description><![CDATA[Drei Konzeptalben bringen Bach zusammen mit seinen Vorbildern, Nachfahren, Zeitgenossen Wie das schon anfängt! Egal, wie es einem gerade geht, diese fünf Streicher plus Theorbe machen froh, öffnen die Seele mit entspannten, leuchtenden Klängen, ohne Worte, zu den Worten „Liebster Jesu, wir sind hier“. Bach komponierte das als Choralbearbeitung für Orgel, aber diese Version hätte [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Drei Konzeptalben bringen Bach zusammen mit seinen Vorbildern, Nachfahren, Zeitgenossen</h2>
<p>Wie das schon anfängt! Egal, wie es einem gerade geht, diese fünf Streicher plus Theorbe machen froh, öffnen die Seele mit entspannten, leuchtenden Klängen, ohne Worte, zu den Worten „Liebster Jesu, wir sind hier“. Bach komponierte das als Choralbearbeitung für Orgel, aber diese Version hätte ihm, der selbst viel arrangierte, auch <i>plaisir </i>gemacht. Dann folgt ein jäher Schnitt, rasant setzt im selben G-Dur eine komplett andere Musik ein, Vivaldis <i>Blockflötenkonzert RV 312</i>. Nein, lassen Sie die hochgezogene Augenbraue ruhig wieder herab. Das ist kein Barocksalat. Es ist, als würde es uns aus dem innig gläubigen Thüringen ins frivole Venedig katapultieren, <i>bright side of life</i>, dem Weimarer Kapellmeister musikalisch wohlbekannt, er fand Vivaldi selbst extrem anregend .</p>
<p>Flötist Stefan Temmingh und das Capricornus Ensemble Basel legen da alles andere als marktaffine Effekthascherei vor: ein wunderbares Konzeptalbum, durchdacht bis in letzte Ornament. Die sechs hier versammelten Blockflötenkonzerte scheint der venezianische Priesterkomponist auf (überwiegend sakrale) Kleinodien des jüngeren Kollegen Bach zu beziehen. Und es ist nicht die einzige CD im Novitätenstapel, die den weltberühmtesten Thüringer aus der Einsamkeit des Singulären holt, in die ihn eher die Nachwelt hineinzelebriert, als dass er sie selbst erlebt hätte. Jean Rondeau, der neue coole Frontmann der Cembalistik, verschränkt zwei Konzerte von JSB mit denen dreier Söhne, und „Gli Incogniti“ wagen sich an die Grenzen des Gesicherten: „BWV… or not?“ heißt seine Zusammenstellung.</p>
<p>Ja, könnte es nicht doch von Johann Georg Pisendel sein, was uns da als <i>Violinsonate BWV 1024</i> die Ohren spitzen lässt? Die Wissenschaft kann die Abschrift nicht „schlüssig einordnen“, und da sie im Dresden des mit Bach befreundeten Geigers Pisendel auftauchte… Nun, mindestens das Affetuoso, der dritte Satz, ist reinster, reifster Bach und wird von Geigerin Amandine Beyer mit weitblickender Innigkeit gespielt. Die schnellen Sätze traut man eigentlich auch keinem andern zu. Den ersten aber nicht mal Bach. Über teils wirklich grenzwertigen Harmonien des Cembalos phantasiert die Geige sich in so verwegene Ornamente und Sprünge hinein, dass man sich fragt, wie dieser Pisendel wohl geigte. Wie gut, dass er ebenfalls bei Vivaldi in Venedig weilte und ihm die Verzierungen für ein Largo schrieb, die auch Themmingh spielt.</p>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2017/12/temmingh.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2778" alt="temmingh" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2017/12/temmingh.jpg" width="994" height="558" /></a></p>
<p>Und? Zuzutrauen sind dem Dresdner Virtuosen die irren Wendungen in Bachs Sonate durchaus. Und dem war es immer ein Vergnügen, Gutes zu übernehmen. Das zeigen Gli Incogniti auch mit der <i>Violinsuite BWV 1025</i> nach einer Lautensuite von Silvius Leopold Weiss und der Sonate aus dem <i>Musikalischen Opfer</i>, dessen Thema sich Friedrich der Große ausgedacht hatte. Von der <i>Sonate BWV 1038</i> hieß es hingegen lange, sie sei eine Übung des Sohnes Carl Philipp, zu der der Vater den Bass vorgab &#8211; das Stück ist nicht sehr komplex. Falsch, es ist alles vom Alten. Und wer danach echten frühen CPE hört, seine <i>d-Moll-Sonate Wq 145</i> (alias BWV 1036), erkennt gleich beide: Der Sohn bahnt auf väterlichen Strukturen seinen Weg zu fragiler Subjektivität und nutzt sogar den Beginn der Tenorarie „Nun mögt ihr stolzen Feinde…“ aus dem <i>Weihnachtsoratorium</i> für ein Allegro neuer, modularer Bauart.</p>
<p>Man ahnt da, wohin es mit ihm gehen könnte &#8211; und den ganz autarken Carl Philipp hören wir ja auf einem weiteren Konzeptalbum. „Bach Dynastie“ hat Jean Rondeau es ein bisschen großspurig genannt. Von der Klaviermusik der Familie vor Sebastian kommt zwar nichts vor, aber Solokonzerte wurden da nun mal nicht geschrieben. Der Weg vom <i>d-Moll-Konzert</i> des Leipziger Thomaskantors zum <i>d-Moll-Konzert</i> seines Sohnes am Potsdamer Hof ist spannend genug und endet mit heftigen Materialexperimenten: Was kann man mit einem Oktavsprung anfangen? Die Frage wird von Rondeau und seinem kleinen Ensemble rasant beantwortet, auch wenn einzeln besetzte Streicher im Unisono bei CPEs Raketenskalen leicht in Intonationsnöte kommen.</p>
<p>Wilhelm Friedemann ist nur mit einem zerbrechlichen <i>Lamento</i> dabei, der Londoner Bach Johann Christian mit metropolitaner Eleganz in f-Moll, und den Anfang bildet das erwähnte <i>d-Moll-Konzert</i> von JSB &#8211; schon von den Romantikern bestaunt und immer noch von einer Sogkraft ohnegleichen. Da es von praktisch jedem Cembalisten aufgenommen wird, hat Jean Rondeau sich als Alleinstellungsmerkmal einen Temporekord im ersten Satz vorgenommen. Der aber, zugeben, nicht nur Substanz hat, sondern einen Druck entfaltet, als habe Bach im Café Zimmermann, dem Leipziger Uraufführungslokal, drei Käffchen zu viel getrunken. Da hört man Sturm und Drang &#8211; wer es freier und groovender mag, muss Gary Cooper (nicht verwandt mit dem Schauspieler!) auflegen.</p>
<p>Was aber die Sogkraft angeht, die Gravitation von JSB &#8211; egal, mit wem und wie vielen man ihn zusammensetzt, er ist am Tisch immer der Typ, auf den sich alle beziehen, selbst wenn er schweigt und zuhört. Den schwierigsten Passagen etwa, die nicht nur Vivaldi je einer Blockflöte zumutete, und der Trauer, die man auch an der Lagune kennt, und der Transzendenz in den gleichsam suchenden Ornamenten im Largo des <i>c-Moll-Flötenkonzerts</i>. Wenn darauf Bachs  Choralbearbeitung „Alle Menschen müssen sterben“ folgt, ganz einfach und sanft, geht man in die Knie. Und ist umso offener für das finale Statement, das aus Antonio Vivaldis Venedig kommt: Es gibt ein Leben vor dem Tod.</p>
<p>Vivaldi / Bach: Stefan Temmingh (Blockflöte), Capricornus Consort, Accent / Note 1</p>
<p>BWV…or not? Amandine Beyer (Violine), Gli Incogniti, Harmonia Mundi</p>
<p>Bach Dynastie: Jean Rondeau (Cembalo), Erato / Warner</p>
<p><em>Dieser Text erschien in der ZEIT vom 23. November 2017 und ist urheberrechtlich geschützt.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2774</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Comeback nach 300 Jahren</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2557</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2557#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 07 Feb 2017 11:32:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2557</guid>
		<description><![CDATA[Glanzvoll wiederentdeckt: Der Komponist Ruggiero Fedeli, der einst von Venedig nach Bayreuth, Dresden, Hannover und Kassel zog Sie war jung, schön, klug, gebildet, unglücklich verheiratet. Sie mochte Genies, rauschende Feste und glanzvolle Opern. Sie war mithin im öden Berlin fehl am Platz, diese Sophie Charlotte. Im Januar 1705 machte sich die erkältete Gemahlin des Preußenkönigs [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Glanzvoll wiederentdeckt: Der Komponist Ruggiero Fedeli, der einst von Venedig nach Bayreuth, Dresden, Hannover und Kassel zog</h2>
<p>Sie war jung, schön, klug, gebildet, unglücklich verheiratet. Sie mochte Genies, rauschende Feste und glanzvolle Opern. Sie war mithin im öden Berlin fehl am Platz, diese Sophie Charlotte. Im Januar 1705 machte sich die erkältete Gemahlin des Preußenkönigs auf den Weg zum Karneval ins geliebte Hannover, und hier bekam die 36-jährige eine Lungenentzündung, der sie am 1. Februar erlag. Zur Bestattung in Berlin wurde das Werk eines Musikers aufgeführt, den sie schon in ihren hannoverschen Jahren bewundert hatte &#8211; Ruggiero Fedeli. Der junge Georg Philipp Telemann war dabei und vergaß das Stück nie wieder.</p>
<p>Die Nachwelt schon. Sie hat Fedeli vergessen wie so viele. Bis zum vorigen Wochenende. Was da in der Neustädter Hof- und Stadtkirche zu hören war, konnte einem die Ohren öffen &#8211; denn auch wenn die Nachwelt vieles zu Recht vergisst, ist sie gern bequem und ungerecht. Sie konnte einen Bach 50 Jahre lang vergessen, der seinerseits schon nichts mehr von Monteverdi wusste. Nur wer sich dieser Bequemlichkeit widersetzt, wer durch die Kalkablagerungen des Mainstreams Tunnels bohrt, macht jene Funde, die uns neu inspirieren. So einer ist Lajos Rovatkay, einer der besten Kenner der Musik um 1700.</p>
<p>Da er auch Praktiker auf höchstem Niveau ist, kommt für ihn nicht die Sorte von Insiderkonzerten in Frage, die dann als „verdienstvoll“ abgehakt werden, ehe ein vermeintlich verkanntes Genie wieder in die Grube fährt. Für die Musik des Venezianers Fedeli, der jahrelang in Hannover wirkte, wurden acht Vokalsolisten im Festivalformat aufgeboten &#8211; die Sopranistin Monika Mauch etwa zählt zu den besten der barocken Musik überhaupt -, sekundiert vom Ensemble „la festa musicale“ und von Peter Wollny, Direktor des Leipziger Bacharchivs und eine Art Sherlock Holmes unter den Musikdetektiven.</p>
<p>Aus dem sonst eher spröden Genre des Einführungsvortrags machte er in der randvoll besuchten Kirche eine Spurensuche, die bis nach London führte. Dort hat Wollny eine Abschrift der großen Trauermusik aufgespürt, die Fedeli für Sophie schrieb &#8211; einst im Gepäck Georgs I. an dieThemse gebracht. Erstmals seit 312 Jahren war dies „Tandem aliquando“ nun wieder zu hören &#8211; eine Art <em>missing link</em> zwischen den reichen Farben und Formen des 17. Jahrhunderts und der fokussierteren Sprache des beginnenden 18. Jahrhunderts, eine ganz eigene Stimme der „vergessenen Generation“, von der Bach und Händel lernten.</p>
<p>Dabei stellt Fedeli sein eigenes Spätwerk für Sophie noch in den Schatten mit dem „Gloria“, das Dirigent Rovatkay ihm vorangesetzt hatte. „Wie es war im Anfang“, dieser Textteil ist so genial übermütig vertont mit swingendem basso ostinato, liegenden Vokaltönen und fast gesprochenem Textstaccato darüber, dass man aus dem Staunen so wenig herauskam wie in der gewaltigen Motette „O quam vana est“. Eine ganze Erzählung entwickelt sich da um die Vergänglichkeit, unglaublich abwechslungsreich werden Soli, Duette, Chöre verschränkt, mittendrin ein Lied vom Tod, das, pardon, ein Hit werden könnte.</p>
<p>Fedelis Vater hat im Markusdom wohl noch unter Monteverdis Leitung gespielt, und man hört diesen Meister oft nachklingen, aber auch die Kontrastlust des Wahlvenezianers Johann Rosenmüller. Bei aller Nähe zu früheren  Musiksprachen, auch zum Madrigal, ist Fedeli dabei ein Expressionist, ein rastloser Geist, eine Transitfigur wie im richtigen Leben: Ehe er in Kassel mit 1400 Reichstalern im Jahr zur Ruhe kam, streifte er die Höfe von Bayreuth und Dresden, eckte immer wieder an und scheint erst in Hannover halbwegs Fuß gefasst zu haben, einer der maßgeblichen Residenzen in Sachen Musik.</p>
<p>Dieser Schritt zu Fedelis Comeback ist also auch für die kulturelle Identität der Stadt ein Glücksfall, ohne dass man gleich die Musikgeschichte umschreiben müsste. Es kommt nicht auf große Gestalten an, sondern auf gute Musik, die mehr bietet als die Standards und Konventionen ihrer Zeit. Mit andern Worten: Neue Musik. Tatsächlich herrschte Aufbruchsstimmung bei diesem Finale der Festwoche, die das Forum Agostino Steffani mit Förderern auf die Beine  gestellt hatte. Die unterstützten mit Wein und Zwiebelkuchen auch den lebhaften Austausch hinterher. Sophie Charlotte hätte das gefallen.</p>
<p><em>Dieser Text erschien am 7.2.2017 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist urheberrechtlich geschützt.        </em></p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2557</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Volle Dröhnung</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2499</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2499#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 03 Nov 2016 12:11:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2499</guid>
		<description><![CDATA[Wieviel Gegenwart vertragen die Donaueschinger Musiktage? Sechzehn Uraufführungen suchen Antworten Auch sie waren in Donaueschingen wieder dabei, wenn auch nur als Feindbild des Gastvortragenden Roger Scruton: Stockhausen und Adorno, hier auf einem Foto aus den frühen 1960ern. (Bildarchiv Internationales Musikinstitut Darmstadt (IMD), Fotograf: Seppo Heikinheimo) Schußserien von Maschinengewehren schlagen in die Wände, Helikopter fliegen tief, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Wieviel Gegenwart vertragen die Donaueschinger Musiktage? Sechzehn Uraufführungen suchen Antworten</h2>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/11/stocki-u-teddy.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2505" alt="stocki u teddy" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/11/stocki-u-teddy.jpg" width="2994" height="4212" /></a><em>Auch sie waren in Donaueschingen wieder dabei, wenn auch nur als Feindbild des Gastvortragenden Roger Scruton: Stockhausen und Adorno, hier auf einem Foto aus den frühen 1960ern. (Bildarchiv Internationales Musikinstitut Darmstadt (IMD), Fotograf: Seppo Heikinheimo)</em></p>
<p>Schußserien von Maschinengewehren schlagen in die Wände, Helikopter fliegen tief, ein Mann brüllt im Schmerz. Grauenvoll. Doch wenn es damit schon beschrieben wäre, müsste man „Blutrausch“ kaum ernst nehmen, ein Werk für Orchester und Elektronik, mit dem die Donaueschinger Musiktage gleich zu Beginn polarisieren. Vom „Wacken der Neuen Musik“ sprachen manche mit Blick auf den Heavy-Metal-Gipfel im Norden. So laut war Donaueschingen noch nie, das wichtigste Festival der Avantgarde, und natürlich klang manche Dröhnung unter den sechzehn Uraufführungen eher hohl.</p>
<p>Aber nicht die 20 Minuten „Blutrausch“ des 50jährigen Schwaben Klaus Schedl, der brutale Kriegsakustik formt und konturiert, mit orchestralen Aktionen verschränkt, der mit Schnitten und Stapelungen den Druck einer gewalttätigen Gegenwart fokussiert. Auf Sekundenbruchteile genau brüllt und schreit sein Komponistenkollege Moritz Eggert als Sprecher, das Tempo ist so hoch wie das timing perfekt. Gestaltung ist hier kein Zynismus, nicht die flotte Zurüstung realer Gewalt für den Konzertsaal, sondern ein Standhalten im Hinsehen. Das bühnenfüllende SWR Symphonieorchester kann da nur noch einen Restklang liefern, wie die Farbe alter Häuser, die von zersiebten Wänden fällt.</p>
<p>Scheidls Exzess ist ein Extrem, dem als andere bedeutende Neuheit „Skin“ von Rebecca Saunders gegenübersteht wie ein Rückzug in die Stille. Für Sopran und dreizehn Instrumente hat die 49jährige Engländerin Texte von Beckett und Joyce umgesetzt, wie von ferne blickt sie auf die Welt, „history is a skin“, und ganz nah ist ihr das Inviduum, dem das Sprechen schwer fällt. „Very low projected whisper attack“ lautet eine von etwa 240 Ausführungsanweisungen, die sie ihrer Partitur voranstellt, und sie ist signifikant. Immer wird etwas verschwiegen, geflüstert, gepresst, nach ínnen gesungen oder gespielt (vom exzellenten Klangforum Wien) , wird Eindeutigkeit verweigert. Auch wenn Saunders damit fast zu musterhaft an die alte Hinterfragungsavantgarde anschließt, entsteht ein poetisches Gebilde, ein eigener Raum, der nachwirkt.</p>
<p>Danach wirken die Stücke von Bernhard Gander und Michael Wertmüller, vom selben Ensemble und den Rockmusikern vom Steamboat Switzerland gespielt, wie laute Musik für große Jungs derselben Generation, die Spaß haben wollen. Wertmüller erzeugt auf genau durchgerechneter Basis eher beliebige Kurzweil, während Tattooträger Gander testosteronhaltige ostinati wummern lässt, in denen die klassischen Instrumente zu Schatten reduziert werden &#8211; wie, nur eben aus völlig anderer und skrupulöser Perspektive, bei Rebecca Saunders. Dafür zitiert er in „Cold Cadaver with Thirteen Scary Scars“ sogar Beethovens Fünfte, als ironische Referenz und poppiges <i>branding</i> à la Andy Warhol.</p>
<p>Als „Tuchfühlung mit den Sphären der Unterhaltungsmusik“ wird dergleichen etwas klamm in einer Pressemitteilung der Musiktage deklariert, die allerdings kein explizites Leitmotiv haben. Anders als sein Vorgänger Armin Köhler steckt der 1967 geborene Festivalchef Björn Gottstein keine Themenfelder ab, schon aus dem ganz praktischen Grund, dass 60 Prozent der SWR-Kompositionsaufträge noch auf Köhler zurückgehen. Zudem ist man in Gottsteins Generation nicht mehr so versessen auf das Fokussieren von Tendenzen &#8211; es gibt derer so viele, dass eher die Interpreten selbst Verbindungen herstellen.</p>
<p>Das Ensemble Recherche spielt Peter Ablingers ermüdende Dekonstruktion  „Die schönsten Schlager der 60er und 70er Jahre“ nicht minder engagiert als Martin Smolkas „A yell with misprints“. Hier wechseln sich choralhafte Hauchtöne der Streicher, gleichsam “gefundene“ Akkorde, mit wild jaulenden und zwitschernden Ausbrüchen kleiner Gongs der Pekingoper ab, und es entsteht in den sparsamen Tönen eine fast erotische Ruhe des Betrachtens. Die einen langweilen sich damit zu Tode, die anderen vergessen darüber die Zeit. Selten wurde in Donaueschingen so konträr, aber auch so gelassen diskutiert.</p>
<p>Selbst der britische Paläokonservative Roger Scruton wird freundlich als historisches Relikt beklatscht, wenn er in einem Vortrag die Abrechnung mit Adorno und dem Serialismus liefern, die man hier seit zwanzig, dreißig Jahren hinter sich hat. Nur die Altideologen pflegen daraufhin zwischen hunderten jungen Leuten der Generation Twitter ihre Beißreflexe. Dass indessen auch Peter Eötvös schon historisch wirkt, der große Entgrenzer der Gegenwartsmusik, ist keine Generationenfrage. Der 72jährige zieht sich mit „The Sirens Circle“ für Sopran, Streichquartett und Elektronik weit hinter frühere Positionen zurück und vertont Texte von Joyce, Homer und Kafka so brechungslos assoziativ, dass man Adorno fast schon wieder vermisst.</p>
<p>Mit „Atlantis“ war Eötvös indessen schon 1995 ein Vorreiter jener apokalyptisch wummernden Fusionen von Orchester und Elektronik, wie sie nach Schedls „Blutrausch“ auch Franck Bedrossian mit „Twist“ liefert: Nicht so zwingend, aber ebenso symptomatisch für das Gegenwartsgefühl, sich permanent im falschen Film zu befinden, in einer Zeit des Umbruchs. Doch das frisch fusionierte SWR Symphonieorchester, geleitet von Pierre-André Valade und Alejo Pérez, durfte sich von der Blockbusterelektronik mehrfach freispielen und zuletzt sogar in reinem c-Moll schwelgen: Georg Friedrich Haas, sonst bahnbrechender Mikrointervalliker, hat für Mike Svoboda ein Posaunenkonzert geschrieben, das aus der Sinnlichkeit reiner Harmonien über eine Folge beschleunigter Modulationen in ein Meer kleiner Glissandi kippt.</p>
<p>Haas war zwar schon mal abgründiger, und sein Konzert endet wie nicht ganz fertig. Doch wie das Orchester zum halb liquiden Körper wird, das lässt einen mehr schwindeln als die kühnsten Digitalaktionen. „Diese Performance kann zu zeitweiliger Desorientierung führen“, heißt es auf einem Warnzettel des Festivals. Der wird aber nicht bei Haas oder Schedl verteilt, sondern im Gewölbe der Hofbibliothek, wo Yutaka Makino die Besucher einzeln in eine Isolierzelle bittet. Man wartet etwas ängstlich. Und erlebt dann in einer kinderschlichten Kurztherapie mit Licht und Klang, wie gut es tut, sich mal von all den Extremen und Umbrüchen, vom Toben der ganzen Welt zu erholen. Wenigstens für zehn Minuten.</p>
<p><em>Dieser Text erschien &#8211; mit geringfügigen Abweichungen &#8211; in der ZEIT vom 20. Oktober 2016 und ist urheberrechtlich geschützt</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2499</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Roberts Rächerinnen</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2480</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2480#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 22 Oct 2016 19:38:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2480</guid>
		<description><![CDATA[Faust, Kopatchinskaja, Widmann: Drei profilierte Geigerinnen haben Schumanns Violinkonzert eingespielt Robert hat ein höchst interessantes Violinkonzert beendet, er spielte es mir ein wenig vor, doch wage ich mich darüber nicht auszusprechen, als bis ich es erst einmal gehört“, schreibt Clara Schumann am 7. Oktober 1853 in ihr Tagebuch. In nur zwei Wochen hat Robert die [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Faust, Kopatchinskaja, Widmann: Drei profilierte Geigerinnen haben Schumanns Violinkonzert eingespielt</h2>
<p>Robert hat ein höchst interessantes Violinkonzert beendet, er spielte es mir ein wenig vor, doch wage ich mich darüber nicht auszusprechen, als bis ich es erst einmal gehört“, schreibt Clara Schumann am 7. Oktober 1853 in ihr Tagebuch. In nur zwei Wochen hat Robert die Partitur geschrieben, rasend schnell, die Uraufführung in Düsseldorf ist drei Wochen später geplant, und Solist Joseph Joachim muss ja noch üben können. Aber die Düsseldorfer kippen das Programm. Ein einziges Mal nur kann der Komponist sein Werk hören, unzureichend, bei einer Probe in Hannover, die Joachim im Januar 1854 organisiert. Einen Monat später versucht Robert Schumann, sich im Rhein zu ertränken, zwei Jahre später stirbt er in der Psychiatrie.</p>
<p>Ach, hätten ihm Geisterstimmen doch noch zugeflüstert, dass 150 Jahre später fast alle großen Geiger sein Stück spielen würden. Vorläufige Krönung: Drei der derzeit profiliertesten Geigerinnen. Als erste legte Isabelle Faust vor einem Jahr ihre Aufnahme mit dem Freiburger Barockorchester vor, es folgte Patricia Kopatchinskaja mit dem WDR Sinfonieorchester, und nun ist auch Carolin Widmanns Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe zu haben. Die Musikerinnen, alle zur Generation der frühen 1970er zählend, haben endgültig jene Stufe der Rezeption gezündet, auf der es nicht mehr um eine umstrittene Rarität geht.</p>
<p>Denn dieses Werk gehört zum Großartigsten, was Schumann für sinfonische Besetzung geschrieben hat. Ein neuer Ton ist da zu hören, im ersten d-Moll-Satz blockhaft Archaisches in expressive Rückblicke drängend, im zweiten Satz subtilste Rhythmik. Mit dem Finale indes hatte schon Clara ein Problem, und Joachim fand es „entsetzlich schwer für die Geige“. War das ein Grund, die Partitur zu verstecken? Auf Claras Wunsch kam sie nicht in die Gesamtausgabe. Joachim, Besitzer des Autographs, verwies dazu 1889 auf „eine gewisse Ermattung, welcher geistige Energie noch etwas abzuringen sich bemüht.“</p>
<p>Auf Clara geht die kollektive <i>ideé</i> <i>fixe</i> zurück, Schumanns Spätwerk zeige Züge geistiger Zerrüttung. Joachims Sohn verkaufte das Autograph der Preußischen Staatsbibliothek 1907 mit der Auflage, das Konzert 100 Jahre lang nicht zu publizieren, Schumanns Tochter Eugenie wehrte sich noch als Greisin gegen die Publikation, die 1937 nur möglich wurde, weil die Nazis einen „arischen“ Ersatz für das Violinkonzert von Felix Mendelssohn brauchten. Auch dem Nationalgeiger Georg Kulenkampff war die Partie zu schwer, und kein Geringerer als Paul Hindemith gab sich dazu her, von 523 Takten der Sologeige mehr als die Hälfte umzuschreiben, sie hochzuoktavieren, einfacher spielbar und dabei „brillanter“ zu machen &#8211; was faule Routiniers gern „dankbar“ nennen.</p>
<p>Auch diese „Uraufführung“ vom 26. November 1937 kann man nun wieder hören, ohne die einleitenden Worte von Propagandaminister Goebbels zu Beginn dieser „Kraft durch Freude“-Veranstaltung. Georg Kulenkampff hetzt durch den ersten Satz wie durch eine Zirkusnummer, den letzten Satz hat er von Schumanns Metronomzahl 63 auf 104 hochgedreht, und der langsame Satz versinkt zum Glück im spacigen Zirbeln der Interferenzen und Datenverluste, die sich beim Überspielen welker Wachsplatten auf Band ergaben. Obwohl auch Yehudi Menuhin das Werk wenig später in den USA spielte, hatte es nun einen braunen Schatten zusätzlich zum Zerrüttungsverdacht. Wirklich verlässliche Notenausgaben gibt erst seit knapp zehn Jahren.</p>
<p>Diese lange Geschichte ist wie weggeblasen, wenn das Chamber Orchestra of Europe dirigentenlos in den ersten Satz einsteigt, schneller als von Schumann gedacht, voller Sturm und Drang. Die leeren E-Saiten der Geigen werden bewusst expressiv, fast schmerzhaft eingesetzt, was die Nachdenklichkeit der Solistin um so deutlicher macht. Den halben Noten zwischen ihren Sechzehnteln sinnt Carolin Widmann wie mit weiten Blicken nach, während Patrizia Kopatchinskaja diese Töne ankrallt, hinschmeißt, fast wütend, und Isabelle Faust lange und kurze Noten in Schönheit verbindet &#8211; nuancenreich, nicht oberflächlich.</p>
<p>Das Freiburger Barockorchester, von Pablo Heras-Casado geleitet, entwickelt dabei nicht so viel Sog wie das COE, lässt aber Registerwechsel, Farbkontraste deutlicher werden, ist trockener aufgenommen. Das größer besetzte WDR Sinfonieorchester unter Heinz Holliger wirkt dagegen etwas gedeckelt und unterspannt &#8211; in kuriosem Kontrast zur Geigerin Kopatchinskaja, der ihr Eigensinn öfter wichtiger ist als das poetische Potential der Musik. Krachende Tonbildung im Forte und Pianissimi an der Grenze der Hörbarkeit können durchaus nerven, auch wenn man ihr alle Aktionen glaubt und sich oft fragt, was ihr wohl als nächstes einfällt. Sie gibt ein bisschen das <i>bad</i> <i>girl</i>.</p>
<p>Die Überraschungen ihrer Kolleginnen liegen in dem, was sie bei Schumann entdecken. Während Isabelle Faust ihn behutsam mit der weiten Welt verbindet, geht Carolin Widmann ins Innere und beschert uns im langsamen Satz die zärtlichsten Töne, unfassbar intim. Ihre schlichten leisen Synkopen in Takt 13 und 14 wagt man kaum ein zweites Mal zu hören, so etwas Unwiderbringliches haben sie. Dabei hilft freilich eine Aussteuerung, die die Solovioline auch bei leisesten Tönen unterstützt, während Isabelle Faust realistischer aufgenommen wurde, tiefer im Geflecht der umgebenden Töne. Genau das hat man Schumann &#8211; im dämlichen Vergleich mit Genrestandards &#8211; vorgeworfen: Sein Solopart bewege sich zu oft im Schatten tieferer Lagen.</p>
<p>Vielleicht nimmt sich da einfach ein Subjekt zurück. Im Finale gilt das allerdings auch fürs Genie. Vielleicht war es Zeitdruck, der Schumann hier auf die „Images der Polenromantik“ (Reinhard Kapp) vertrauen ließ und eine gigantische Polonaise auf der Stelle treten lässt. Holzbläser verbreiten schauerlichen sächsischen Humor und die Geige spinnt fingerbrecherische Girlanden. Soll man das einfach schnell hinter sich bringen? Widmann und Kopatchinskaja drehen das Tempo auf 80 hoch, nur Faust lässt sich (fast) auf Roberts Angabe ein, und prompt scheint die Violine doch etwas zu sagen. Nur was? Rätsel hinter einer lächelnden Maske: Wir sollten nicht glauben, ihn jetzt zu kennen.</p>
<p><em><strong>Schumann, Violinkonzert, Klaviertrio op.110</strong>, Isabelle Faust, Freiburger Barockorchester, Ltg. Pablo Heras-Casado, Harmonia Mundi / <strong>Schumann, Violinkonzert, Klavierkonzert,</strong> Patricia Kopatchinskaja, Denès Varjon, WDR Sinfonieorchester Köln, Ltg. Heinz Holliger, Audite / <strong>Schumann / Mendelssohn, Violinkonzerte</strong>, Carolin Widmann, Chamber Orchestra of Europe, ECM / <strong>Schumann, u.a.: Violinkonzert</strong>, Mitschnitt 1937, Georg Kulenkampff, Berliner Philharmoniker, Ltg. Karl Böhm, Podium</em></p>
<p><em>Dieser Text erschien in etwas kürzerer Fassung in der ZEIT vom 13.10. 2016 und ist urheberrechtlich geschützt.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2480</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Comic Trips und Engelsklagen</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2312</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2312#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 11 May 2016 20:17:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2312</guid>
		<description><![CDATA[Für Orchester wird so viel komponiert wie selten zuvor. Wer spielt das, wer hört das? Ein Blick auf die sinfonische Avantgarde, deren wichtigstes Orchester jetzt 70 Jahre alt wird, um sich dann aufzulösen Es sind nur sechs Minuten, aber die haben es in sich. Der Komponist John Adams hat kein bisschen übertrieben, als er fröhlich [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Für Orchester wird so viel komponiert wie selten zuvor. Wer spielt das, wer hört das? Ein Blick auf die sinfonische Avantgarde, deren wichtigstes Orchester jetzt 70 Jahre alt wird, um sich dann aufzulösen</h2>
<p>Es sind nur sechs Minuten, aber die haben es in sich. Der Komponist John Adams hat kein bisschen übertrieben, als er fröhlich warnte vor <em>„unreasonably difficult passages and alarmingly fast tempi“</em> und seinen <i>Road Runner</i> auf die Piste schickte, den letzten Satz der <i>Chamber Symphony</i> für fünfzehn Instrumente. Dem jagen sie jetzt im Probensaal hinterher, die Musiker in Cottbus, durch aberwitzige Skalen und Rhythmen, funkelnde Kontrapunktik, zusammengehalten von dem, was Reinhart Wronna in seiner kleinen Schlagzeugfestung klöppelt und teckelt und dengelt, und von den gelassen swingenden Gesten des Mannes, der diesen hyperkomplexen <i>comic trip</i> dirigiert, ein bisschen aus der Hüfte heraus.</p>
<p>Das ist Evan Christ, 45, aufgewachsen in Las Vegas, wo seine Mutter in einem Revueorchester geigte. Der Mann, der die Moderne nach Cottbus brachte, nicht nur bewährte Sachen wie die von Adams. Ausgerechnet hier in der Lausitz hundert Kilometer südöstlich von Berlin, wo die Straßen leer genug sind für ein paar hundert <em>road runners</em>, hat das Philharmonische Orchester es in acht Jahren auf 65 Uraufführungen gebracht und in dieser Zeit die Zahl der Konzertbesucher um 20 Prozent gesteigert. Was ist denn da los?</p>
<p>Was ist in Deutschland überhaupt los mit den öffentlich finanzierten 130 Orchestern und ihrer neuen, neuesten Musik? 800 Kilometer südwestlich von Cottbus feierte jetzt ein Ensemble mit weltweit bestaunter Avantgardekompetenz sein <a href="http://www.swr.de/-/id=17384894/property=download/nid=788382/g2atgg/swr-sinfonieorchester-70-jahre-klassikavantgarde.pdf">siebzigjähriges Bestehen</a>, um demnächst zu verschwinden: Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg fusioniert mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR zum 180 Musiker umfassenden SWR Symphonie Orchester. Nach Jahren der Proteste, nach 31194 Unterschriften von Bürgern, dem Einspruch von 160 Dirigenten und 148 Komponisten ist der Sparplan zum Fahrplan geworden.</p>
<p>Jetzt möchte man doch mal wissen, wie es in diesem Land denn sonst bestellt ist um den Orchesterklang der lebenden Komponisten, sein Echo und seine Chancen. Wer die Fusion beim SWR schon für ein Fanal hielt, in dessen Fackelschein der Niedergang einer Musiknation zu bobachten ist, darf das nicht nur mit Blick auf die Pläne des neuen Hybridorchesters relativieren, sondern auch im Theater Cottbus. Dort hat es Evan Christ, der vor acht Jahren als GMD antrat, keineswegs leicht gehabt mit seiner antimusealen Gesinnung. „Sie nehmen mir die letzte Freude im Leben!“, rief ihm bei einer Diskussion ein verstimmter Hörer zu.</p>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/05/evan-christ.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2313" alt="evan christ" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/05/evan-christ.jpg" width="950" height="450" /></a>Evan Christ, GMD in Cottbus seit 2008. Foto: Agentur</p>
<p>„Aber wir reden von fünf Minuten“, meint Christ, „jeder hält das aus.“ Das war sein Trick, von der zweiten Spielzeit an: Für jedes der jeweils acht Programme des Orchesters wurde ein Kurzwerk in Auftrag gegeben, von DDR-Altmeister Georg Katzer bis zur jungen Slowenin Nina Sěnk, von der sinnlichen Musik des Philippe Manoury bis zur Isländerin Atli Ingólfsson, deren karge, weite Klangwelt dann auch als Reimport auf der Vulkaninsel realisiert wurde. Die Musiker mochten das anfangs gar nicht. „Sogar hinterm Steg zu spielen und andere Standardtechniken der neuen Musik waren denen zuviel. Ich musste das durchziehen, dranbleiben, knallhart proben, mit ein bisschen guter Laune…“</p>
<h2>Mehr Avantgarde, mehr Publikum? In Cottbus geht das</h2>
<p>Dann kam die Wende. Zuerst die Überraschung, dass das Konzertpublikum sich vergrößerte und verjüngte im traumhaft schön sanierten 600-Plätze-Theater von 1905, dann die Anerkennung der deutschen Musikverleger für das bundesweit „beste Konzertprogramm“ der Saison 2010/11. Wie wenig solche Preise freilich helfen, wenn die Politik nicht mitzieht, sieht man derzeit im nordrhein-westfälischen Hagen: Auch dort wurde vor einem Jahr das Orchester des Theaters für sein ambitioniertes Programm ausgezeichnet, jetzt fährt die Stadt mit brutalen Sparbefehlen das ganze gut laufende Haus an die Wand. Mit solchen Partnern kann auch der beste GMD nicht auf Erfolgskurs bleiben.</p>
<p>Freilich verzichtet Evan Christ auch mal auf einen Solisten, um ein Auftragswerk bezahlen zu können, „und die Komponisten kommen uns entgegen“. Denen bleibt aber oft auch gar nichts anderes übrig: „Viele schreiben heute für Honorare, für die vor dreißig Jahren niemand einen Stift angefasst hätte“, sagt Christiane Krautscheid, Unternehmenssprecherin des Schott Verlags in Mainz.Von 1000 Euro pro Minute komponierter Orchestermusik &#8211; worin durchnittlich eine Woche Arbeit steckt &#8211; können nur etwa dreißig Stars der Szene träumen. „Die meisten hangeln sich von einem Preis zum nächsten, von <i>residence</i> zu <i>residence</i>, und kriegen mit Glück eine halbe Professur.“</p>
<p>Paradoxerweise registriert sie gleichzeitig eine „Uraufführungssucht“. Allein ihr Verlag betreut 80 von den 2000 kompositorischen Jungfernfahrten weltweit. Doch um den deutschen Kuchen, der etwa ein Fünftel der globalen Klassikszene umfasst, drängeln sich zunehmend auch begabte Tonsetzer aus dem Ausland. Die Zahl der infrage kommenden Konzerte wächst dabei nicht, und zu mindestens 90 Prozent sind die Programme gefüllt mit der Musik verstorbener Größen. Die Berliner Philharmoniker, Flaggschiff deutscher Orchesterkunst, widmen den Lebenden knapp fünf Prozent ihrer Programme, darunter freilich, in der laufenden Saison, gleich zwei Uraufführungen.</p>
<p>„Die Geburt ist einfacher geworden, das Leben danach schwerer“, sagt Krautscheid, und Uwe Sommer-Sorgente, Dramaturg an der Düsseldorfer Tonhalle, bestätigt das: „Die Nebengeräusche einer Uraufführung sind groß, die Folgen weniger.“ Wenn von 65 Cottbuser Novitäten zehn nachgespielt werden, ist das schon viel. Viele Werke bekommen nie die Chance, sich ohne Rummel zu bewähren &#8211; oder nach einem fairem Prozess stärkeren Stücken Platz zu machen. Und nur Rundfunkorchester wie die des SWR können es sich leisten, ein bahnbrechendes und aufwändiges Werk mit Tourneen und Sendungen in Umlauf zu bringen.</p>
<h2>Wofür kriegen Rundfunkorchester ihr Geld?</h2>
<p>Auf diese Weise konnte Georg Friedrich Haas´ <em>Limited Approximations</em> für Orchester und sechs vierteltönig gestaffelte Flügel zum Kultwerk werden, auch außerhalb von Spezialgehegen wie der Reihe „Musica viva“, mit der der Bayerische Rundfunk seit 1946 dem Auftrag eines „inhaltlich umfassenden Programmangebots“ nachkommt. Jenes Angebots also, mit dem die Rundfunkorchester ihre gebührenfinanzierte Existenz zu rechtfertigen haben. Auf der ARD-Website liest man dazu: „Während kommerzielle Ensembles überwiegend marktorientiert agieren, verschaffen die Klangkörper der ARD auch kaum bekannten Werken Wahrnehmung.“ Das ist aus gutem Grund sehr verhalten formuliert.</p>
<p>Während der einzige reine Klassiksender der ARD, BR Klassik, ab 2018 nur noch digital zu empfangen ist und beim WDR die Klassik kleinreformiert wurde, ist Avantgarde im Radio sowieso kaum wahrnehmbar &#8211; und zwar schon lange. Zwischen 1960 und 1990 schrumpfte die Zahl der ARD-Produktionen neuer Musik auf knapp die Hälfte, 37 im Jahr, während die Romantik sich auf 90 verdoppelte und jeder Chefdirigent seinen Brahms oder Bruckner komplett aufnahm. Ungefähr so blieb es, besonders krass beim NDR, wo man es mittlerweile wieder besser mit dem Neuen meint: Das NDR Elbphilharmonie Orchester räumt lebenden Komponisten knapp ein Fünftel seiner Werkliste ein.</p>
<p>Wer nach Bewegung sucht, stößt auch auf Kristjan Järvis schräge Programme mit dem MDR Sinfonieorchester und immer wieder auf kleinere Häuser wie das in Cottbus, auf Orchesterchefs wie Rasmus Baumann in Gelsenkirchen oder Hermann Bäumer in Mainz. Gabriel Feltz hingegen, Generalmusikdirektor in Dortmund, bremst der Blick auf die Kasse: „Wenn ich ein klassisch-romantisches Programm mache, habe ich eine Zuschauerzahl A. Spiele ich darin ein klassisches Werk des 20. Jahrhunderts, habe ich A minus 200. Nehme ich einen aus der sogenannten zweiten Reihe, Krenek, Zemlinsky, Korngold, habe ich A minus 300.“ Vorerst dirigiert er hier keinen Ton aus einer neueren Partitur.</p>
<p>„Diese Argumentation finde ich schwierig“, meint Michael Becker, Intendant der Tonhalle Düsseldorf. Zwar hat auch er es erlebt, dass Zemlinskys „Lyrische Sinfonie“ von 1923 ein Minus von 250 Besuchern einbrachte. Doch das war erst der Anfang einer Reihe mit der Musik einst verfemter Komponisten, konsequent und kommentiert durchgezogen, mit großer Romantik kombiniert. „Langsam hat sich das akklimatisiert, die Leute haben die Geschichte verstanden, am Ende war der Schnitt normal. Die Musik ist nie das Problem, es geht immer um die Vermittlung.“ Er konnte sogar den Stadtkämmerer für Musik von Peter Ruzicka begeistern, „und das ist für einen normalen Sterblichen extrem harte Kost.“</p>
<p>„Natürlich“, sagt Verlagssprecherin  Christiane Krautscheid, „gibt es im Konzert immer noch das mittelalte Ehepaar, das die Augen verdreht, wenn es im Programm auf einen Komponisten ohne Sterbedatum stößt.“ Sie sieht aber ein neues Publikum entstehen, das Avantgarde als Event in Umspannwerken und Kohlenkellern mag, „gern auch ein Video dazu und ein Bier. Die haben keine Lust, zwei Stunden festgetackert im Parkett zu sitzen. Da lassen sich die Orchester inzwischen sehr viel einfallen.“ Doch so oder so gilt: Man will etwas erklärt kriegen. „Wenn der Komponist selbst das tut, ändert das alles. Denn wenn mich etwas verstört, will ich doch wissen, warum.“</p>
<p>Darum sitzt vor der jüngsten Uraufführung dieser Tage der 54-jährige Helmut Oehring in der Rotunde der Tonhalle Düsseldorf und erzählt mit seiner sanften Stimme,was Malala Yousafzai mit Walter Benjamin zu tun hat, die Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan mit dem Philosophen, der vor den Nazis floh, warum Engel ohne Worte singen, warum der Sopranistin im neuen Stück ein E-Gitarrist beisteht und Schlagzeuger Papier zerreißen. Oehring hat die <em>Vokalise eines untröstlichen Engels</em> im Auftrag der Tonhalle und der Symphoniker geschrieben, das Orchester ist so besetzt wie Strawinskys <em>Psalmensinfonie</em>, die gleich danach kommt,also ohne hohe Streicher.</p>
<p>Und das Publikum? Natürlich freuen sich die Leute auf Tschaikowskys <em>Fünfte</em> nach der Pause. Aber 1400 Zuhörer lauschen konzentriert der schrundigen E-Gitarren-Improvisation, mit der Daniel Göritz das Stück eröffnet, dem Übergang zu einem Orchestergeräusch, in dem eine Welt des Grauens sich zu regen scheint. In treibenden Rhythmen nimmt es Kontur an, wandelt sich unter den Linien der Sängerin Marisol Montalvo, bis die Orchestermusiker zu sprechen beginnen. Nach 206 Takten lässt die Dirigentin Keri-Linn Wilson die Arme sinken. Schon Schluss? Es fühlt sich an, als fehle die Hälfte. Was dann doch ganz gut zum Weg der Orchester in die Gegenwart passt: <i>to be continued</i>.</p>
<p><a href="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/05/oehring-partitur1.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-2315" alt="oehring partitur" src="http://www.volker-hagedorn.de/wp/wp-content/uploads/2016/05/oehring-partitur1.jpg" width="1655" height="2336" /></a></p>
<p>Ausschnitt aus der Partitur &#8220;Vokalise eines untröstlichen Engels&#8221;. Ganz oben; Die E-Gitarre.</p>
<p><em>Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Eine etwas kürzere Version mit der Überschrift &#8220;Die Neugier wächst&#8221; erschien in der ZEIT vom 4. Mai 2016</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2312</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Vorbilder statt Vorläufer</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2101</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2101#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 18 Oct 2015 08:52:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=2101</guid>
		<description><![CDATA[Die Bachs vor Bach in Neuaufnahmen &#8211; Eindrücke eines Involvierten Gerade mal 20 Jahre alt war der Erfurter Jurastudent Johann Georg Kelner, als er anno 1675 starb. Oder, schöner gesagt, „weggerükket“ wurde „aus dem Leben unter den Sündern“. So heißt das in der Trostmusik, ohne die keiner mehr nach dem jungen Mann fragen würde. Komponiert [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Die Bachs vor Bach in Neuaufnahmen &#8211; Eindrücke eines Involvierten</h2>
<p>Gerade mal 20 Jahre alt war der Erfurter Jurastudent Johann Georg Kelner, als er anno 1675 starb. Oder, schöner gesagt, „weggerükket“ wurde „aus dem Leben unter den Sündern“. So heißt das in der Trostmusik, ohne die keiner mehr nach dem jungen Mann fragen würde. Komponiert hat sie der Eisenacher Organist Johann Christoph. Damals eine Thüringer Größe, ist er mittlerweile international bekannt. Seine fünfstimmige Motette <em>Der Gerechte, ob er gleich zeitlich stirbt </em>für den Erfurter ist keine Neuentdeckung, sie wurde schon vom Thomaskantor J.S. Bach in Leipzig wieder aufgeführt.</p>
<p>Neu zu entdecken ist aber mittlerweile das Potential, das sie und nahezu alle erhaltenen Stücke der Bachs vor Bach für eine anhaltende Auseinandersetzung bieten. Gleich zwei Doppel-CDs mit Musik der Familie sind jetzt frisch erschienen, elf Werke haben sie gemeinsam &#8211; und sind doch unverwechselbar. Das zu hören ist besonders spannend für einen, der wie der Autor selbst bei einer der Aufnahmen mitwirkte: 2002 legte Cantus Cölln das „Altbachische Archiv“ vor, das bei Harmonia Mundi jetzt erneut herauskommt.</p>
<p>Auch als Bratscher, der bei den rein vokalen Werken wie Johann Christophs Motette nicht beschäftigt ist, habe ich eine dezidierte Vorstellung davon, wie sie „sein müssen“ &#8211; und darum schert sich das belgische Ensemble Vox Luminis natürlich überhaupt nicht. Die vierzehn Sänger unter der Leitung von Lionel Meunier haben für Ricercar sämtliche Motetten der Familie vor JSB aufgenommen. Dabei wird aus <em>Der Gerechte</em> ein gelasseneres, klangvolleres, vielleicht sogar tröstlicheres Werk als zuvor.</p>
<p>Zugleich wird die wortnahe Dringlichkeit bei Cantus Cölln um so deutlicher wird. Da gibt es zum Beispiel das Dreiermetrum, in dem Johann Christoph die Zeile „Denn seine Seele gefällt Gott wohl“ komponiert. Konrad Junghänel nimmt es beschwingt, denn Gott „eilet“ mit dieser Seele aus dem bösen Leben davon &#8211; und das entspricht ganz der Wortwörtlichkeit der Töne, wie sie deutsche Komponisten des 17. Jahrhunderts aus Italiens Madrigalen übernahmen. Lionel Meunier sieht und dirigiert diesen Dreier aber als Wiegenlied.</p>
<p>„Herrje, ist das langsam!“, denke ich zuerst. Und finde es dann doch ebenso einleuchtend, denn das „Ruhebettlein“ der Gestorbenen ist ein zentraler Begriff der Zeit, Wiegendreier für himmlische Ruhe finden sich in vielen Werken. Meunier, der alle Stimmen mit zwei Sängern besetzt, ist ganz bewusst mehr an Klang als an Aktion interessiert. Was der Textdeutlichkeit nicht entgegensteht. Die Solisten von Cantus formulieren zwar pointierter &#8211; dafür verbindet Vox Luminis die Textklarheit mit sakralem Schwebezustand.</p>
<p>Vielleicht erzählen diese unterschiedlichen Ansätze auch etwas über die zwölf Jahre, die zwischen den Produktionen liegen. Als Cantus das <em>ABA</em> aufnahm, das <em>Altbachische Archiv</em>, wie die von den Bachs überlieferte Handschriftensammlung heißt, lag der 11. September gerade mal vier Monate zurück. Die Welt war erschüttert, nicht abzusehen die Verunsicherung in den weiteren Jahren. Undenkbar wäre heute, was noch im Dezember 2001 möglich war: Die Rückführung der Handschriften des „ABA“ (und weiterer 5000 Musikalien) aus Kiew, wo sie als Beutekunst lagen, nach Berlin.</p>
<p>Wir sind hilfloser und trostbedürftiger geworden seither. Und wer glaubt, dass Musiker auf ihre Zeit(en) reagieren, darf das in Erwägung ziehen, wenn im Klang jüngerer Aufnahmen eine Tendenz zum Weichen, Umhüllenden, Ruhigen waltet. Was bei Vox Luminis nicht zur Wellness regrediert, sondern in leuchtender Klarheit besonders die Aufwertung eines jüngeren Bruders von Johann Christoph Bach erzwingt, nämlich Johann Michael, 1648 in Arnstadt als Sohn des Organisten Heinrich Bach geboren.</p>
<p>Vier von Michaels Motetten finden sich in beiden CD-Paketen, eben die aus dem Familienarchiv, bei Vox Luminis aber noch neun weitere, auf anderen Wegen überliefert, die deutlich machen, dass Michael eine starke Gegenposition zum expressiven, dramatischen Christoph einnimmt. Er liebt es, doppelchörig weite Räume zu schaffen, in denen zwischen einem Choral und einem metrisch ungebundenen Bibeltext größte Geborgenheit herrscht &#8211; wenn er etwa „Jesu meine Freude“ und „Halt, was du hast“ verschränkt.</p>
<p>Wer diese Motette mit Vox luminis zum ersten Mal hört, mag diesen ortlosen Raum gar nicht mehr verlassen, so anstrengungslos kommt die Multiperspektivik zustande, als Synthese von Mehrchörigkeit und Choralgesang. Michael zählt zur Nachkriegsgeneration derer, die die Ruhe haben, sich zu finden, und er feiert den Choral. Dass die vertrauten Melodien in Abschnitte geteilt werden, steigert ihre Wirkung: Es ist dann, als blicke man wie durch Fenster auf ein immer Vorhandenes, Ewiges.</p>
<p>Dagegen hätte der ruhelose, dramatische Johann Christoph mit seinen Modulationen selbst Max Reger hätte nervös machen können. Jetzt, 30 Jahre nach Reinhard Goebels bahnbrechender Ersterkundung des <em>Altbachischen Archivs</em>, hört man deutlich, dass Johann Sebastian in seiner Familie nicht irgendwelche rührenden „Vorläufer“ hatte, sondern Vorbilder von großem Format, die den Klang der Zeit in Mitteldeutschland fanden und prägten.</p>
<p>Nicht nur Heinrichs Söhne. Wenn tatsächlich Johann Bach, ältester der drei Söhne eines Spielmanns aus Wechmar, die Motette <em>Unser Leben ist ein Schatten</em> komponiert hat, war der Clan sehr früh innovativ. Es gibt einen „versteckten Chor“ der Toten und durchbrochene Choräle, deren Texte aus Luthers Zeit ebenso wie aus Johanns Gegenwart stammen, und es war ausgerechnet der Sohn eines zeitgenössischen Suhler Waffenhändlers, der da dichtete: „Ich weiß wohl, dass unser Leben oft nur als ein Nebel ist.“</p>
<p>In diesem formal aufgerissenen Werk des Erfurters Johann Bach ist der Krieg noch nicht zuende. Wenn am Ende „alle davon“ müssen, treffen sich die letzten beiden Stimmen auf einem Ton und verschwinden. Kein Trost? In der Aufnahme von Cantus Cölln waltet das Existentielle vor, das Ende wirkt fast sarkastisch knapp. Vox Luminis verfahren dagegen mit breiteren Tempi und strömendem Klang weniger „realistisch“: Hier verwandelt sich die Leidenserfahrung in schöne Zuversicht.</p>
<p>In jedem Fall und bei all diesen früheren Bachs ist zu spüren, dass die Atmosphäre auf dem Planeten vor 1700 eine andere ist als danach: Dichter, mit stärkeren Aromen. Das wird auch deutlich, wenn man Johann Sebastian Bachs frühe Motette <em>Ich lasse dich nicht</em> hört, in beiden Paketen vertreten, da sie lange Johann Christoph zugeschrieben wurde. Doch zu dem würde etwas so ordentlich Gebautes gar nicht passen, und Michael wäre die Konstruktion wohl zu abstrakt. Hier beginnt er, der Weg zur Schwerelosigkeit.</p>
<p><strong>Altbachisches Archiv: Cantus Cölln </strong>(2002/2015), 2 CDs, Harmonia Mundi<br />
<strong>Johann, J. M. und J. C. Bach: Motetten. Vox Luminis</strong>, 2 CDs, Ricercar</p>
<p><em>Dieser Text erschien am 8. Oktober 2015 in der Musikbeilage der ZEIT &#8211; mit anderer Unterzeile &#8211; und ist urheberrechtlich geschützt</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=2101</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das kennt ihr doch sowieso</title>
		<link>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=1687</link>
		<comments>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=1687#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2014 20:14:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Podium]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.volker-hagedorn.de/wp/?p=1687</guid>
		<description><![CDATA[Concerto Köln und Freiburger Barockorchester machen bei Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ alles richtig. Aber warum heben sie so selten ab? So hat man die Trompete noch nie gehört. Ist das noch eine Trompete, aus der da taufrisch Töne nach oben perlen, als sei die Schwerkraft aufgehoben, als müsse bei diesem Barockinstrument nicht jeder Ton, mangels Ventil, [...]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h2>Concerto Köln und Freiburger Barockorchester machen bei Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ alles richtig. Aber warum heben sie so selten ab?</h2>
<p>So hat man die Trompete noch nie gehört. Ist das noch eine Trompete, aus der da taufrisch Töne nach oben perlen, als sei die Schwerkraft aufgehoben, als müsse bei diesem Barockinstrument nicht jeder Ton, mangels Ventil, mit den Lippen geformt werden? Freundlich erinnern Sologeige und Oboe daran, dass sie eigentlich gelenkiger, aber die tromba hat uns längst auf Wolke sieben katapultiert, und von dort gibt es in Takt 29 noch einen Kick, oops, und auf dem hohen f fällt einem das kritische Besteck ganz aus der Hand. Nicht einfach wegen der Virtuosität, sondern der Freiheit dieser Musik.</p>
<p>So beginnt das zweite der so genannten <em>Brandenburgischen Konzerte</em> von Johann Sebastian Bach in der jüngsten Aufnahme, und so, denkt man, hat sich der Alte das gedacht (der da höchstens 35 Jahre alt war). Eine extrem gut gelaunte Versuchsanordnung, avantgardistisch und bis heute singulär. Bis vor einigen Jahrzehnten zweifelte man noch an Bachs Sinn für Klangbalance, weil er im F-Dur-Konzert nicht nur Trompete, Oboe und Geige als solistische Hochtöner kombiniert, sondern auch die Blockflöte. Aber seither haben die Trompeter gelernt, fein und sensibel zu spielen.</p>
<p>Und flinke Tempi anzuschlagen wie das Ensemble Concerto Köln, das mit seiner Gesamtaufnahme der <em>Brandenburgischen</em> nun dezidiert in Konkurrenz tritt zum Freiburger Barockorchester. Das legte sein Sixpack ebenfalls in diesem Jahr vor, und so lässt sich an einem der berühmtesten Zyklen des 18. Jahrhunderts hören, wie es bei den renommiertesten deutschen Orchestern historisch informierter Spielweise (neben der Akademie für Alte Musik) derzeit um Bach steht. Eher verhalten nämlich. Ein Glücksflug wie der mit Trompeter Hannes Rux und Concerto Köln bleibt die Ausnahme.</p>
<p>Dabei ist ihm sein Kollege Jaroslav Roucek mit dem Freiburger Barockorchester dicht auf den Fersen &#8211; in der gleichen französischen Stimmung mit einem Kammerton von 392 Hertz. Der liegt einen Ganzton unterm modernen a und macht die Höhenakrobatik etwas entspannter. Indessen bleibt das FBO im Tempo bedächtiger, die Trompete ist zugunsten der Flöte nach hinten geregelt, man hebt hier nicht ab. Das gelingt ihnen dafür beim Einstieg ins erste Konzert, ebenfalls F-Dur, mit hinreißend brünstig knatternden Hörnern &#8211; Bach entnahm das vermutlich einer Jagdkantate für seinen Weimarer Herzog.</p>
<p>Die folgenden Sätze bergen noch Reste der alten französischen Tanzsuite. An der Eleganz aber sind die Freiburger wenig interessiert. Sehr deutsch arbeiten sie heftige dynamische Kontraste heraus, uncharmant hackt die Violino piccolo, behäbig statt beschwingt gelingt die Tanzfolge, in der wiederum die Kölner wettmachen, was ihrem Start an Elan fehlte. Wer es noch französischer und lustiger mag, der ist, pardon, bei den Franzosen besser aufgehoben: Das Ensemble „Café Zimmermann“ genießt Bachs stilistische Heterogenität in diesem Konzert wie eine Fete zwischen Höflingen und Berserkern.</p>
<p>Und das dritte <em>Brandenburgische</em>? Hier hat Bach den „italienischen Schock“, den die druckfrisch in Weimar eingetroffenen Konzerte von Vivaldi &amp; Co. auslösten, genial umgepolt, den Gegensatz von Solo und Tutti aufgelöst. Es gibt neun komplett gleichberechtigte Streicher, die als Solisten,  gestaffelte Trios oder Ensemble auftreten. Die Streicher aus Köln und Freiburg treten vor allem die Flucht nach vorn an. Tonschönheit ist Nebensache bei Tempo 100 bis 108. Da qualmen die Reifen und kratzen die Saiten, das Leben aber muss man selbst hineinhören, als wollten sie sagen: Das kennt ihr doch sowieso.</p>
<p>Vielleicht ist genau das das Problem: Man hört hier viel Stagnation nach noch mehr Rezeption. Und man muss tief in die Frühzeit der Tonträger hinabsteigen, um zu ermessen, was seitdem bei Bach gewonnen, aber auch verloren wurde. Adolf Busch und seine Chamber Players machten sich anno 1935 auf den Weg zum instrumentalen Bach wie Pioniere im nebligen Moor. Fürs <em>Sechste Brandenburgische</em> etwa seilten sich gleich mehrere Bratscher an und stiefelten zu schweren Klavierschlägen chorisch los. Für sie waren Chiffren zu enträtseln, da hatte Bach noch, wie für Richard Wagner, etwas von einer Sphinx.</p>
<p>Gut fünfzig Jahre später waren Quellen und Spieltechniken, war die barocke Klangrede in Forschung und Praxis so gut erschlossen, dass Aufnahmen der 1980er ein Goldenes Zeitalter spiegeln. Swingend, poetisch, genießend spielten die Bratschensolisten des English Concert das <em>Sechste</em>. Und das <em>Dritte</em> &#8211; tja, da brach Reinhard Goebels Musica Antiqua Köln alle Temporekorde, bis heute unerreicht. Und das war keine Flucht nach vorn, da blitzte es berauschend. Die wollten dem Rest der Welt einfach mal zeigen, was möglich ist.</p>
<p>Just in jener Zeit gründeten sich die beiden dirigentenlosen Barockorchester, die seitdem auch beim Ausgraben unbekannter Meisterwerke und einer neuen Sicht auf die Klassik Überragendes geleistet haben, aber nun klamm im Schatzhaus der Brandenburgischen stehen, jener Six Concerts avec plusieurs Instruments A Son Altesse Royalle Monseigneur Cretien Louis, Marggraf de Brandenbourg, letzterem 1721 in Reinschrift überreicht. Das wunderschöne Autograph ist heute für jeden bequem <a href="http://www.bach-digital.de/receive/BachDigitalSource_source_00000448;jsessionid=525CB221504F351AE42257C9E125EB22">anklickbar</a>, Seite für Seite. Alle Türen sind geöffnet, alle Noten vermessen, aber sind deswegen schon alle Wege gegangen?</p>
<p>Auch wenn die vom Rhein ein Spürchen sinnlicher spielen &#8211; die Konzepte der Ensembles ähneln sich, und hier wie da prickeln vor allem die Werke mit ventillosen Blechbläsern, bei denen sich das spieltechnische Niveau in den letzten dreißig Jahren drastisch gehoben hat. Da spürt man Lust. Die Streicher lassen eher aufhorchen, wo es innig wird wie beim Dialog von Geige und Traversflöte im <em>Fünften Konzert</em>, bei fast identischen Tempi und karger Studioakustik (bloß kein Hall!). Die Kölner spielen fast einen Liebesdialog. Die Freiburger gehen genauso sensibel vor, doch wird es dort eher eine Trauerklage.</p>
<p>Beides passt. Während Bach in Köthen seine Konzertentwürfe aus Weimar zusammenstellte und verfeinerte, verlor er Maria Barbara, die Mutter von zwei Töchtern und vier Söhnen. Der persönliche Bach könnte es also sein, man muss ihn weder „romantisch“ nennen noch auf die Biographie herunterbrechen, zu dem die nächsten Wege führen. Ein Mann, der im Furor der Sologeige des <em>Vierten Konzerts</em> vielleicht auch seinen geigenden Vater Ambrosius suchte und nicht bloß die Grenzen des Instruments.</p>
<p>So ein Bach bleibt noch zu entdecken. Wir Hörer müssen uns indessen klar machen, wie irrsinnig verwöhnt wir durch die Rezeptionsgeschichte sind. Und wie weit entfernt von der Zeit, als man auf Erden nur die sechs Planeten kannte, auf die Bach die Konzerte vielleicht bezog. Die etwas protestantische Nüchternheit der Neuaufnahmen veranlasst einen auch, sich selbst in diese Welt hineinzudenken. Aber richtig schön ist es natürlich, sich auf der Autobahn BWV 1047 reinzuziehen, das mit der Trompete, und den Idioten auf der Überholspur zu belächeln: Diese Freiheit wird er nie erreichen.</p>
<p>J.S.Bach, Brandenburgische Konzerte, Freiburger Barockorchester, Harmonia Mundi (hmc 902176.77), Concerto Köln, Berlin Classics (0300593BC)</p>
<p><em>Der Text erschien leicht gekürzt unter der Überschrift &#8220;Musik auf der Überholspur&#8221; am 27.11.14 in der ZEIT und ist urheberrechtlich geschützt</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.volker-hagedorn.de/wp/?feed=rss2&#038;p=1687</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
