Ach Mama, ich werd´ dir sagen…

Wie Mozart zu Weihnachten einen Keuschheitsgürtel bekam und aus einer französischen Frivolität ein deutsches Kinderlied wurde

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Noch heute glauben viele an den Weihnachtsmann – wenn es um Mozart geht. Der gilt den meisten als Komponist der griffigen Weise „Morgen kommt der Weihnachtsmann.“ Sogar Klaviervariationen hat er dazu geschrieben, die seit Jahr und Weihnachtstag in den Bürgerstuben geklimpert werden, gern auch von Schülern. Wer eine bessere Ausgabe erwischt, mag sich manchmal wundern, warum da gar nichts vom Rauschebärtigen steht, sondern „Ah vous dirais-je maman“. Das klingt ja auch noch einigermaßen kindgerecht. „Ach, Mama, ich werd dir sagen…“ Ja, was denn? Was das Christkind bringen soll? Von wegen. Es handelt sich um ein Geständnis, ein hochpikantes. Das Mädchen, das da beichtet, war mit einem Verehrer im Wald. Und…

Und da begab sich die Sorte faux pas, von der man im Paris der 1770er Jahre so offenherzig scherzte, wie es den Dekolletées der Zeit entsprach. Die Chanson „Ah vous dirais-je…“ war einer der Hits in den vorrevolutionären Kreisen von Geist und Kultur. Man wurde keinesfalls schamrot dabei. Eher animiert sang man (und Frau) sich vor, wie „der Grausame mit Geschick von meiner Schwäche pofitierte“. „Helas maman“, „leider, Mama, ließ mich ein Fehltritt in seine Arme fallen.“ Der Weihnachtsmann war fern, mochte im Wäldchen auch manche Rose entspringen. Die adligen Fräuleins im Wien der 80er kannten und schätzten das Lied ebenfalls. Mozart, der von seinen Schülerinnen immerhin rund 60 Euro pro Klavierstunde nahm, kam ihnen mit Thema und Variationen sowohl inhaltlich als auch spieltechnisch entgegen.

Nach seinem Tod und dem Untergang des anspielungsfrohen ancien régime kam das Frivole aus der Mode und in deutschen Landen erst recht das „Welsche“. Um 1800 war vom Urtext keine Rede mehr, aber die Melodie blieb in Mozarts Bearbeitung präsent. Im verklemmtesten Jahrhundert der Geschichte wurde das Stück zur keuschen Weise für höhere Töchter. Damit war es reif für den Weihnachtsmann, der sich Mitte der 1830er Jahre schwerbewaffnet auf den Weg machte. Da nämlich reimte Hoffmann von Fallersleben patriotisch: „Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben: Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn´ und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Königreich möcht´ ich gerne haben.“ Diese Strophe ist heute verpönt, aber im 19. Jahrhundert schmetterte man sie den Franzosen entgegen.

Zuerst mit einer Melodie, die ein Musiklehrer aus Frankfurt an der Oder eigens für Fallerslebens Text ersonnen hatte. Sie wurde populär, aber den Kick hatte sie nicht. Den hatte nebst passendem Rhythmus die Weise, die via Mozart alle kannten. Irgendwann um 1900, schätzt Mozartkenner Ulrich Konrad, der das alles erforscht hat, wurde sie mit Fallerslebens militantem Weihnachtsmann zwangsverheiratet. Damit war der Erotik des 18. Jahrhunderts endgültig der Keuschheitsgürtel angelegt. Und der hielt bis heute, obwohl der Schlüssel längst wieder bekannt ist – eben „Ah vous dirais-je maman“.

Wäre es nicht ein apartes Weihnachtsgeschenk, wenn „Die Zärtlichkeiten Silvandres“ (so der alte Chansontitel) wieder zu ihrem Recht kämen? Nicht, dass KV 265 als Aphrodisiakum verschrieben werden müsste. Aber allemal gehen Mozarts zwölf Variationen in zunehmender Keckheit nebst dramatischen Zwischentönen weit über das leichtsinnige Gedicht hinaus. Was zum Fest der Liebe ja doch wieder passt…

Der Text erschien am 21./23./24. 12. 2005 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, Badischer Zeitung, Rheinischer Post, Leipziger Volkszeitung und Bonner Generalanzeiger in geringfügig verschiedenen Fassungen und ist urheberrechtlich geschützt. Mit dem Würzburger Musikwissenschaftler Ulrich Konrad sprach ich auch über Mozarts “Kleine Nachtmusik” und Wagners “Tristan und Isolde”.