Kategorie-Archiv: Blog

15. Dezember 2017

> Dass dieses Blog (oder dieser?) in eher größeren Abständen erscheint, ist leicht erklärt: Es wird nur dann geschrieben, wenn der Autor mal nach Luft schnappen kann zwischen seinen Baustellen, und einen Teil dessen, was da entstand, auf die Website stellen, edieren und illustrieren kann. Und dann gibt es da ja auch noch den (oder das?) Blog bei VAN, wo ich zuletzt Wolfgang Hildesheimers “Mozart” von 1977 als modernstes Musikbuch von 2017 empfahl, was nichts daran ändert, dass Peter Gülkes druckfrischer “Mendelssohn” ebenfalls horizonterweiternd ist, zusammen mit Isabelle Fausts Neuaufnahme von FMBs Violinkonzert und der Gesamtausgabe seiner Briefe auf knapp 10.000 Seiten, wovon man sich wünschte, es gäbe die CD-ROM dazu auch separat zu kaufen. Es hat ja nicht jeder, der außerhalb einer Institution arbeitet, mal eben 2500 Euro übrig und Platz für zwölf dicke Bände. Fast ebenso historisch wie das 19. Jahrhundert können einem jetzt schon die 1970er Jahre der DDR vorkommen, in die man gerät, wenn man sich auf die Spuren von Schostakowitsch, Kurt Masur und Erich Loest begibt. Indessen, nirgends verbinden sich die Zeiten so unmittelbar wie in der Musik: Mit der französischen Koloratursopranistin Sabine Devieilhe landete ich in Paris durch einen schönen Zufall in nächster Nähe der Symphonie phantastique. Für alle, denen diese Themen zu adventsfern sind, verlinke ich hier gern nochmal auf Mozart und den Weihnachtsmann. Und wer noch nach nicht zu mainstreamigen CDs zum Verschenken sucht, kann hier nachlesen, wie drei neue Konzeptalben Bach mit seinen und anderen Jungs zusammenbringen.

2. November 2017

> Es gibt ein paar Neuigkeiten, neue Texte vor allem, aber auch Auftritte mit “Bachs Welt” und befreundeten Musikern, und eine nagelneue Kolumne bei VAN, betitelt “Rausch & Räson”, in der ich mich regelmäßig mit Phänomenen der “Klassik” befasse – in der aktuellen Ausgabe geht es um den Glassarg, der in München als Antwort auf die Elbphilharmonie errichtet werden soll. Am 4. November hat in Zürich “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” Premiere, und einen der dort auftretenden Holzfäller habe ich getroffen – Christopher Ventris, sonst eher bekannt als einer der weltbesten Wagnertenöre. Ebenfalls für das Magazin der Oper Oper Zürich unterhielt ich mich mit der israelischen Kostümbildnerin Buki Shiff, die das Nußknacker-Personal für Christian Spucks neue Kreation einkleidete. In Berlin erlebte Aribert Reimanns neunte Oper “L´invisible” ihre Uraufführung, und in Bayreuth überreichte Anton Bruckner die Partitur seiner Dritten Sinfonie seinem großen Anreger und bezechte sich auf der Baustelle von Wahnfried. Das ist schon etwas länger her und hier nachzulesen.

Noch länger her ist das 17. Jahrhundert der Bachs, in das Cembalist Christian Windhorst und ich uns am 4. November begeben. Die Musiklesung aus dem Buch “Bachs Welt” im Wennigser Spritzenhaus beginnt am 4. November um 19 Uhr (bei freiem Eintritt kann man unter 05103/7315 Plätze reservieren). Am 5. November wird das Programm im westfälischen Löhne wiederholt, um 17 Uhr in der Matthäuskirche. Die chinesische Cellistin Yingtuo Zhang ist musikalische Begleiterin einer Lesung, die am 7. November um 19 Uhr im Wunstorfer Ratskeller beginnt. “Bachs Welt” gibt es seit August als Taschenbuch (nach vier Hardcover-Auflagen seit 2016), und warum es mit dem Halberstädter Gleim-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, das hat neulich bei dessen Überreichung die Autorin und Jurorin Angela Steidele so wunderbar erklärt, dass ich jetzt gespannt bin auf die Lektüre ihres neuen Buchs “Anne Lister”, die erotische Biographie einer eigensinnigen Landadeligen im frühen 19. Jahrhundert.

13. September 2017

> Eine Kolumne, zwei Begegnungen, zwei historische Ausflüge, eine Rezension. Letztere gilt der kunstblutigen Neuinszenierung der Oper “Lear” von Aribert Reimann bei den Salzburger Festspielen. Weiter nördlich, im abgelegensten Konzertsaal von Schottland, kam es zur Begegnung mit der jungen Dirigentin Karina Canellakis, die am 26. September die Wiederaufnahme der Züricher “Zauberflöte” leitet. In Berlin unterhielt ich mich mit der Komponistin Rebecca Saunders über ihr Werk “Yes” – basierend auf dem Schlussmonolog des “Ulysses” von James Joyce – und ihren Weg dorthin. Inzwischen ist “Yes” erfolgreich uraufgeführt worden. Wie wichtig das Publikum und die gesellschaftliche Situation für die Jungfernfahrten neuer Werke sind, erkundet ein Essay für 128, das Magazin der Berliner Philharmoniker, an sechs Uraufführungen aus vier Jahrhunderten. Das Gewandhausorchester wird unterdessen 275 Jahre alt und blickt in seinem Magazin zurück: Zum Beispiel auf die Leipziger Erstaufführung von Arthur Honeggers Fünfter Sinfonie im bewegten Jahr 1968. Ein privater Mitschnitt dokumentiert die Interpretation von Václav Neumann, der im selben Jahr, nach dem gewaltsamen Ende des “Prager Frühlings”, seinen Posten als Gewandhauskapellmeister niederlegte. Und die Koumne? Es ist meine erste, die sozusagen eine Uraufführung erlebte, mit zwei weiteren Texten entstanden für das Projekt “Bach / Brandneu!” des Ensembles La Festa Musicale. Dessen Mitglieder haben nicht nur selbst ein wunderbares “Neubrandenburgisches Konzert” arrangiert zusätzlich zu den BBKs 1 und 3 in ihrem Programm. Sie hoben auch dirigentenlos und souverän die “Fünf Einzelgänger” aus der Taufe, die Benjamin Scheurer in ihrem Auftrag komponierte. Neue Musik für Barockinstrumente, deren Intelligenz, szenischer Witz und musikalische Wahrhaftigkeit einen gespannt macht auf das, was Scheuer (wie Saunders ein Schüler von Wolfgang Rihm) schon schrieb und noch schreiben wird. “Kann der sich nicht besser anziehen?”, zischelte in Hannovers Markuskirche eine ältere Dame, als der 30-jährige Komponist in Jeans und Kapuzenpulli seine Musik erklärte. Nee, das passt schon so!