Wie dieses Foto des 64 Jahre alten Gioachino Rossini entstanden sein könnte, im Pariser Atelier von Nadar am 6. März 1856, das habe ich im Klang von Paris beschrieben, auch hier nachzulesen: Der Klang von Paris, Nadar-Passage. Ziemlich genau acht Jahre später, am 13. März 1864, war in derselben Stadt erstmals die Petite messe solennelle des Italieners zu hören, ein wunderbares und außergewöhnliches Werk, mit dem ich mich nicht nur im Buch befasste, sondern zuvor auch für das Ballett am Rhein und in einer Folge der Interpretationen bei Deutschlandfunk Kultur, im Dezember 2017 erstmals gesendet. Nun ist sie wieder online zu hören – hier -, und die Playlist, die bei den Sänger*innen von Enrico Caruso bis zu Marina Rebeka reicht, bei den Ensembleleitern von John Barbirolli bis zu Ottavio Dantone, findet man hier. Ebenfalls noch online zu hören ist die Sendung Letzter Lichtflug – Die Paganini-Rhapsodie von Sergej Rachmaninow.
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30. Dezember 2025
»Sie schien alles, was sie tat, doppelt so heftig zu tun wie andere Leute; sogar ihre Augen waren von einem strahlenderen Blau, als Anna es je gesehen hatte.« So beschreibt Judith Kerr in ihrem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ihre Mutter – jene Julia Kerr, von der man im Buch nicht erfährt, was bis heute die wenigsten wissen: dass sie eine Komponistin war und nicht nur die Mutter einer berühmten Tochter und Frau eines berühmten Mannes, des fast 31 Jahre vor ihr geborenen Kritikers und Autors Alfred Kerr. Ihre nahezu vollendete Oper Der Chronoplan – eine der verrücktesten Opern des 20. Jahrhunderts – nahm sie 1933 aus Berlin mit ins Exil. Jetzt erst, am 24. Januar 2026, wird das Werk am Staatstheater Mainz uraufgeführt. Für die aktuelle ZEIT bin ich dem Leben Julia Kerrs (1898-1965) und der Odyssee des Chronoplan nachgegangen. Der Onlinefassung des Texts ist auch das Foto der Komponistin um 1930 entnommen. Noch etwas Neues, ganz anderes, aber ebenfalls von den Spuren durchzogen, die die Jahre von Naziherrschaft und Krieg in der Musik hinterließen: Ein Essay zur langen Renaissance des Cembalos, von Wanda Landowska über Gustav Leonhardt, Ligeti und die Beatles bis heute, entstanden für das Magazin der Elbphilharmonie und auch hier zu lesen. Und nun: Bonne chance für 2026!
17. Dezember 2025

So nah kommt man der Werkstatt eines Künstlers selten wie dann, wenn er sich vertut wie hier der 49-jährige J.S. Bach. Es musste Ende 1734 halt schnell gehen mit dem Oratorium für die “heilige Weyhnacht”. Gerade drei Wochen hatte er für die Fertigstellung von sechs Kantaten nebst Proben und Einzelaufführungen in zehn Gottesdiensten in zwei Leipziger Kirchen. Weswegen der Thomaskantor sich großzügig bei sich selbst bediente und etwa den Eingangschor einer Kantate entnahm, die im Jahr zuvor für den Geburtstag der sächsischen Kurfürstin entstanden war, da noch mit dem Starttext “Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten”. Den schrieb Bach, siehe oben, versehentlich auch in die neue Partitur und korrigierte dann: “Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage”. Mit dem Umtexten ist es bei ihm aber nie getan. Die “recycelten” Stücke bekommen oft neue Farben, andere Tonarten und Stimmlagen, und so kann sogar aus einem erotischen Schlummerlied ein Wiegenlied für ein heiliges Baby werden. Und aus allem zusammen das Wunderwerk, das Bach sich tatsächlich als Ganzes dachte, eben als Oratorium, als “geistliche Opera”, aber so nicht aufführen konnte. Dass er in vielen szenischen Passagen und Dialogen die Musikdramatiker seiner Zeit, die Opernkomponisten, in Richtung Mozart und noch weiter überholt (nicht zum ersten Mal), wurde mir erst klar, als ich das “W.O.” für ein Programm des Gürzenich Orchesters Köln erkundete.
Kaum war ich damit fertig, kam eine Anfrage, ob ich als Bratscher einspringen könnte: W.O. 1-6 in Celle! Es war traumhaft. Eine wunderschöne Kirche, die (rappelvolle) Stadtkirche St. Marien, ein exzellenter Jugendchor (“Juventis”, vor zehn Jahren gegründet), ein kluger, klarer Dirigent, der Kantor Stephan Doormann, und die Hannoversche Hofkapelle mit dieser besonderen Verbindung von “Sprechen” und Geschmeidigkeit, lieber Affekt als Effekt, die als “hannoversche Schule” nicht zuletzt auf Lajos Rovatkay zurückgeht, den jetzt 92-jährigen, und mir sehr vertraut ist. Unter solchen Bedingungen wird diese Musik, so unzählige Male aufgeführt und von Routine und glühweinigem Adventsrummel bedroht, neu und lebendig und beglückend – eine große Erzählung.

