Kategorie-Archiv: Blog

17. Dezember 2025

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So nah kommt man der Werkstatt eines Künstlers selten wie dann, wenn er sich vertut wie hier der 49-jährige J.S. Bach. Es musste Ende 1734 halt schnell gehen mit dem Oratorium für die “heilige Weyhnacht”. Gerade drei Wochen hatte er für die Fertigstellung von sechs Kantaten nebst Proben und Einzelaufführungen in zehn Gottesdiensten in zwei Leipziger Kirchen. Weswegen der Thomaskantor sich großzügig bei sich selbst bediente und etwa den Eingangschor einer Kantate entnahm, die im Jahr zuvor für den Geburtstag der sächsischen Kurfürstin entstanden war, da noch mit dem Starttext “Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten”. Den schrieb Bach, siehe oben, versehentlich auch in die neue Partitur und korrigierte dann: “Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage”. Mit dem Umtexten ist es bei ihm aber nie getan. Die “recycelten” Stücke bekommen oft neue Farben, andere Tonarten und Stimmlagen, und so kann sogar aus einem erotischen Schlummerlied ein Wiegenlied für ein heiliges Baby werden. Und aus allem zusammen das Wunderwerk, das Bach sich tatsächlich als Ganzes dachte, eben als Oratorium, als “geistliche Opera”, aber so nicht aufführen konnte. Dass er in vielen szenischen Passagen und Dialogen die Musikdramatiker seiner Zeit, die Opernkomponisten, in Richtung Mozart und noch weiter überholt (nicht zum ersten Mal), wurde mir erst klar, als ich das “W.O.” für ein Programm des Gürzenich Orchesters Köln erkundete.

Kaum war ich damit fertig, kam eine Anfrage, ob ich als Bratscher einspringen könnte: W.O. 1-6 in Celle! Es war traumhaft. Eine wunderschöne Kirche, die (rappelvolle) Stadtkirche St. Marien, ein exzellenter Jugendchor (“Juventis”, vor zehn Jahren gegründet), ein kluger, klarer Dirigent, der Kantor Stephan Doormann, und die Hannoversche Hofkapelle mit dieser besonderen Verbindung von “Sprechen” und Geschmeidigkeit, lieber Affekt als Effekt, die als “hannoversche Schule” nicht zuletzt auf Lajos Rovatkay zurückgeht, den jetzt 92-jährigen, und mir sehr vertraut ist. Unter solchen Bedingungen wird diese Musik, so unzählige Male aufgeführt und von Routine und glühweinigem Adventsrummel bedroht, neu und lebendig und beglückend – eine große Erzählung.

9. Dezember 2025

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Heute vor 120 Jahren, am 9. Dezember 1905, wurde Salome von Richard Strauss in Dresden uraufgeführt. Legendär wurde aber vor allem die österreichische Erstaufführung in Graz am 16. Mai 1906. Strauss (links, mit hellem Hut) dirigierte, angereist waren Mahler (rechts von Strauss an jenem Tag), Puccini, Schönberg, Berg (damals ein unbekannter 21jähriger) und weitere Größen; Thomas Mann ließ später im Doktor Faustus auch seinen fiktiven Tonsetzer Leverkühn dabei sein. Von diesem Tag aus habe ich in Flammen die Entstehung der Salome erzählt und dabei auch die geniale Wilde-Übersetzerin Hedwig Lachmann ins Licht gerückt, ohne die es die Oper nicht gäbe. Auf VAN ist nun eine bearbeitete und ergänzte Fassung der Passage zu lesen – bereichert um einen 2-Minuten-Mitschnitt vom Dezember 1906 in Berlin mit Emmy Destinn als Salome und mit Richard Strauss am Pult. Am Berliner Hoftheater wurde auf Geheiß des Kaisers am Ende der Oper der Stern von Betlehem gezeigt, um mit diesem Verweis auf den biblischen Zusammenhang die Anstößigkeit des Stoffs zu mildern…

30. November 2025

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Es begann mit einem Besuch im umbrischen Städtchen Panicale im Frühjahr 2009. Dem Komponisten Klaus Huber war der Siemens-Musikpreis zugesprochen worden, ich besuchte ihn für die ZEIT und verbrachte zwei Tage in Gesprächen mit ihm – und mit Younghi Pagh-Paan, der Komponistin, seiner Frau. Daraus wurde eine Freundschaft mit beiden. Klaus starb 2017 mit 92 Jahren, heute vor 101 Jahren kam er in Bern zur Welt. Younghi teilt sich mit ihm – neben dem Komponistenberuf und der Liebe zu Italien – den Geburtstag. Sie wurde am 30. November 1945 im südkoreanischen Cheongju geboren und feiert heute ihren 80. Geburtstag. Das Foto oben entstand im April dieses Jahres in Bremen, dem Wohnort der Komponistin, wo an diesem Wochenende zwei Konzerte mit fantastischen Interpreten stattfinden, darunter Studenten und Wegbegleiter der Komponistin, die im Oktober mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Ich habe im Laufe der Jahre viel über Younghi Pagh-Paan geschrieben, das meiste davon ist auch auf dieser Website zu finden. Ich verlinke hier nur auf einen Text, der 2022 für die CD Listening with the heart – Mit dem Herzen hören entstand und, den Werken folgend, die künstlerische Biografie nachzeichnet. Viele der Stücke – und dieselben Musiker! – sind jetzt auch in Bremen zu erleben. Herzlichen Glückwunsch, liebe Younghi!