Kategorie-Archiv: Blog

8. März 2017

> Endlich mal wieder eine Kolumne! Ein paar Sommerminuten mit Gitarren… Und etwas verspätet verlinke ich hier auf das Interview, das ich in Zürich mit Extrembariton Georg Nigl führte, auf VAN zu lesen, vor der Premiere von Manfred Trojahns Oper “Orest” in der Regie von Hans Neuenfels. Die hat mittlerweile stattgefunden und scheint schlichtweg alle hingerissen zu haben. Für alle, die am 17. März in Luxembourg noch nichts vorhaben, verweise ich gern auf das Quartett der Kritiker, das sich um 18 Uhr in der Philharmonie an der Place de l´Europe versammelt. Dann werden Eleonore Büning, Elisabeth Richter, Peter Hagmann und ich über Aufnahmen von Maurice Ravels Ballettmusik “Daphnis et Chloé” diskutieren. Anschließend wird sie live gespielt: Gustavo Gimeno dirigiert das Orchestre Philharmonique du Luxembourg und den WDR Rundfunkchor. Sechs Tage vorher findet in Saarbrücken das bislang aufwändigste Projekt zum Buch “Bachs Welt” statt: Ein Lesungskonzert mit acht Vokalsolisten und dem Bach Collegium Saarbrücken, am 12. März um 17 Uhr in St. Arnual. Und jetzt muss ich zurück auf meine dichtbesiedelte Großbaustelle, die von Bachs Welt gut hundert Jahre gen heute und 800 Kilometer gen Westen entfernt ist…

7. Februar 2017

> Ein paar neue Texte sind zu annoncieren. Vor allem die Prager Begegnung mit Zuzana Růžičková, der legendären Cembalistin, 1927 geboren, die eigentlich bei Wanda Landowska studieren wollte, dann aber von den Nazis nach Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen geschickt wurde und 1945 mit zerschundenen Händen noch mal ganz von vorn begann – um eine der maßgeblichen Bachinterpretinnen der Nachkriegszeit zu werden. Der Text ist nachzulesen bei ZEIT online. Im MAG, dem Magazin des Opernhauses Zürich, erschienen unterdessen neue Porträts, für die ich mich mit dem Sänger Philippe Jaroussky in München und mit dem Dirigenten Paul Connelly in Paris traf.

Dort hatte kürzlich auch einer von zwei “Lohengrins” dieser Saison Premiere. Die Inszenierung von Claus Guth habe ich für die ZEIT mit der von Tatjana Gürbaca in Essen verglichen. Eine Entdeckung war jetzt in Hannover zu machen: Lajos Rovatkay hat für den venezianischen Komponisten Ruggiero Fedeli (der auch Vokalbassist, Geiger und Bratscher war und zeitweilig an der 1689 frisch eröffneten hannoverschen Hofoper wirkte) ein Konzert mit lauter neuzeitlichen Erstauführungen realisiert. Wobei sich Fedeli als starker Typ erwies, unglaublich einfallsreich zwischen Nachklängen von Monteverdi und dem Anbruch neuer Zeiten oszillierend.

Das Buch “Bachs Welt” ist jetzt in vierter Auflage unterwegs und demnächst in einigen Lesungen. Die erste ist eine Kreuzung aus Text und Musik: Passagen aus dem Leben der Bachs werden mit deren Musik verschränkt, am 12. März um 17 Uhr in der Saarbrücker Stiftskirche St. Arnual, wo Rainer Oster das Bach Collegium Saarbrücken leitet. Weiter geht es am 20. März um 19 Uhr im Augustinerkloster Erfurt. Am 21. März – dem Geburtstag von JSB – folgt um 14 Uhr eine Lesung im Bachhaus Eisenach und um 18 Uhr geht es örtlich noch weiter zurück an die Thüringer Ursprünge, nämlich ins Rathaus von Gotha, wo unterm Dach einst Caspar Bach mit seiner Familie lebte.

16. Januar 2017

> Angemeldet hatten sich mehr Leute, als ins lauschige Wennigser Spritzenhaus passen, zwei Drittel wurden dann vom Blitzeis ferngehalten. Mit den mutig Durchgerutschten wurde es trotzdem ein prima Abend im Deistervorland, einschließlich einer Art Versuchsanordnung zu „Bachs Welt“. Denn der Gehrdener Kantor Christian Windhorst spielte in meiner Lesung aus dem Buch nicht nur epochal Passendes am Cembalo, sondern kapitelgenau maßgeschneidert auch Auszüge aus Variationenwerken von Johann Pachelbel und seinem Schüler Johann Christoph Bach, dem 1671 geborenen großen Bruder von JSB. Von dem nämlich, so meine These, stammen die Variationen der „Aria Eberlinia“, die meist dem berühmtesten der vielen Bachschen Johann Christophs zugeschrieben werden, dem 1642 geborenen Eisenacher Organisten.

Unter Windhorsts Fingern wurde offenkundig, dass der Komponist der “Eberlinia” anno 1690 der Pachelbelschen Partita „Alle Menschen müssen sterben“ aus dem Pestjahr 1683 so dicht auf den Spuren ist, formal und bis in die Chromatik hinein, dass man die gemeinsame Werkstatt hören kann. Einen fairen Prozess hat Johann Christoph, der Ohrdrufer, verdient, seit Carl Philipp der Nachwelt einredete, sein Onkel sei nur Organist und „weiter nichts“ gewesen. Dank Blitzeis werden wir den Versuch einer praktischen Beweisführung wohl sogar wiederholen können – die umtriebigen Spritzenhäusler möchten das Programm (nebst italienischem Rotwein) im Herbst auch dem Rest ihres Publikums bieten.

Eine Seitenspur der Bucharbeit hatte mich auf Nachkommen der Erfurter Bachlinie gebracht, die anno 1848 dem Hunger in die USA entflohen und sich dort zur „Bach Band“ formierten. Die Geschichte dieser Auswanderer, von Helga Brück ans Licht gebracht, habe ich für die ZEIT geschrieben. Eine ganz andere Geschichte gilt, im Magazin 128 der Berliner Philharmoniker, dem musikalischen Austausch zwischen Rußland und dem Westen in gut zwei Jahrhunderten. Und für die Opernwelt habe ich mir in Lübeck angeschaut, wie Regisseur Tilman Knabe Puccinis „Tosca“ von 1900 in den Häuserkampf der Gegenwart schickt.