Kategorie-Archiv: Blog

11. April 2020

2SetEier

> Frohe Ostern! Wir müssen mit unfrohen Umständen klarkommen, aber der Blick über den Tellerrand der Gegenwart kann dabei helfen. Darum habe ich für die ZEIT das Ensemble Modern porträtiert, dem das größte Projekt zum 40jährigen Bestehen wegbrach, und mit den Musikern über die Situation jetzt gesprochen, ebenso aber ihre Arbeit seit 1980 erkundet. Entfallen muss auch ein großer Teil des Internationalen Musikfestes Hamburg, für das ein Essay über Komponisten und das, woran sie glauben (oder auch nicht) entstand. Die derzeit stark kontaminierte Wendung “aus gegebenem Anlass” sei auf den gegebenen Anlass der Ostertage angewendet: Die oben gezeigten Eier gehören zu einem Essay über Frühwerke und Erstlinge der Musik, der 2018 entstand und sein Mindesthaltbarkeitsdatum, glaube ich, noch vor sich hat.

27. März 2020

> Gestreamt wird ozeanisch viel zur Zeit, da können persönliche Tipps nicht schaden. Mein erster gilt dem Händelschen Xerxes, den die Deutsche Oper am Rhein via operavision.de online stellt, eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin. Konrad Junghänel dirigiert, Stefan Herheim inszeniert, Valer Sabadus ist Xerxes. Oder auch, um ein Anagramm aus der höchst witzigen Bühnenschau zu zitieren, “Rex Sex”. Der zweite Tipp: “Marsch in den Untergang – Alban Bergs Orchesterstücke op. 6″, jetzt als Podcast im Deutschlandfunk zu hören, eine von mir moderierte Sendung in der Reihe “Interpretationen”. Man muss die zwei Stunden keineswegs am Stück hören, sie allenfalls per Pausentaste stoppend, auch wenn das auf der Website so aussieht.

Man kann auch gewünschte Stellen ansteuern – aber nur mit einem supergeheimen Trick. Rechts oben gibt es ein horizontales schmales Fenster mit einem Lauftext, und dieses Fenster ist zugleich eine perfekt getarnte Zeitleiste. Seine Mitte ist die der insgesamt 110 Minuten, welche rechts in einem weiteren Fensterchen angezeigt werden, und zwar rücklaufend. Man führt den Cursor an den Punkt, an dem man den gewünschten Zeitpunkt in etwa vermutet, und klickt. Möchte man etwa noch mal hören, was Arthur Schnitzlers Reigen mit Bergs gleichnamigen zweiten Satz und der unehelichen Tochter des Komponisten zu tun hat, ab Minute 38, muss im kleinen Fenster Minute 72 erscheinen. Umständlicher geht es keinesfalls, aber an langen Frühlingsnachmittagen mit Blick auf gesperrte Spielplätze und geschlossene Kinos lässt sich daraus ja eine Substraktionsaufgabe für Familienmitglieder ab Klasse 3 machen: 110 minus 32? Dass die Jüngeren mit Bergs Musik dann eher nichts anfangen können, ist nicht ausgemacht. Mein achtjähriger Sohn fand, im “Marsch” klinge es “wie in einer Werkstatt”. Er war dann aber doch mehr für “Die drei ??? und das Geheimnis des Bauchredners”.

Schließlich noch zwei Lesetipps. Zum einen stellt Gruner + Jahr bis zum 30. April alle vierzig digitalen Magazine des Verlags gratis zur Verfügung, freischaltbar hier. Mit dabei sind Stern, Essen & Trinken, 11 Freunde, Geo nebst Geolino und Geolino Extra, letzteres ein Themenmagazin für Jüngere, das an Klarheit und kritischer Perspektive vieles im Journalismus für Ältere deutlich in den Schatten stellt. In diesem Sinne gilt mein zweiter Lesetipp (für Ältere) den “Nachdenkseiten”. Gerd Bosbach, ein renommierter kritischer Statistikwissenschaftler, nimmt dort im Interview die Zahlenspiele so vorschneller wie einflussreicher Epidemiologen auseinander und erinnert an einige ihrer krassen Irrtümer.

 

21. März 2020

> Drei Monate sind vergangen seit dem letzten Blog hier. Die jüngsten zwei Wochen genügten, um  auch in Deutschland das Leben, das  Arbeiten, den Blick auf die Welt und die Zukunft grundlegend  zu ändern und dem Eindämmen einer Pandemie alles nachzuordnen, bis hin zum Verfassungsbruch, den das Land Bayern mit einer „Ausgangsbeschränkung“ nur dem Wort nach nicht begeht – dazu hat Heribert Prantl Bedenkenswertes zu sagen. Ohne weiteres sind die Existenzgrundlagen Zehntausender von Selbstständigen und Freischaffenden und ihrer Familien zur Disposition gestellt worden. „Das politische Handeln steht nur noch im Dienst des nackten, biologischen Lebens“, stellt Daniel Binswanger in der Republik fest. Gesundheit und Grundrechte schließen einander aber nicht aus, und Menschenleben zu schützen heißt auch das zu schützen, was uns menschlich leben lässt, mithin zivilisiert. Seit einer Weile sind wir schon demokratisch und seit etwa  40.000 Jahren kulturell.

35.000 Jahre nach den ersten Knochenflötenspielern auf der Schwäbischen Alb gibt es in  Deutschland 55.000 Freischaffende im Bereich der Musik. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 14.500 Euro hatten sie wenig Spielraum, Rücklagen für eine Pandemie zu bilden, während berühmte Formationen wie das Ensemble Modern aufgrund des Zuwendungsrechts gar keine Rücklagen bilden durften und ebenso am Abgrund stehen – mehr dazu in der VAN-Kolumne Rausch & Räson. Während die Politik langsam begreift, dass man die dichteste Musikszene der Welt nicht ab- und wieder anschalten kann wie ein Radio, stellt sich Oboist Christian Hommel  in den Wald und spielt Pan von Benjamin Britten. Es ist eine Rückkehr in die Zeit vor allen Konzerten, gefilmt und ins Netz gestellt. Es ist einstweilen der einzige Weg, Musiker zu bleiben, zu spielen und von vielen gehört zu werden – die Neunzehn vom Ensemble Modern dürfen sich nicht mal zum Proben treffen.

Als Erinnerung an eine Zukunft nach dem kollektiven Koma lässt sich die Begegnung lesen, die ich mit der Sopranistin Nicole Chevalier vor vier Wochen in Berlin hatte. Ihr Fidelio in Wien, der da noch in Vorbereitung war, fand inzwischen vor leeren Reihen statt, als Videostream. Von mancher Zukunft wünscht man sich, sie wäre zu Unrecht geahnt worden. Im April 1914 schrieb Alban Berg an Arnold Schönberg: „Wenn das, was ich schreibe, nicht das ist, was ich erlebt habe, richtet sich vielleicht mein Leben einmal nach meinen Kompositionen, die ja dann die reinsten Prophezeihungen wären.“ Gerade hatte er den „Marsch“ seiner Drei Orchesterstücke opus 6  konzipiert. Als er das katastrophische Stück in idyllischer Alpengegend ins Reine schrieb, brach der Erste Weltkrieg aus. “Marsch in den Untergang”: Um Bergs Orchesterstücke, ihre Zeit und ihre Interpreten geht es in einer Sendung in der Reihe „Interpretationen“, die am Sonntag um 15.05 im Deutschland Radio Kultur zu hören ist (und später als Podcast), mit mir am Mikro und Frank Arnold als Sprecher, mit Aufnahmen von Marc Albrecht und Michael Gielen, Giuseppe Sinopoli und Claudio Abbado, Pierre Boulez und Herbert von Karajan.

Die beste Nachricht des Tages: Vor 335 Jahren kam JSB zur Welt. Happy Birthday!