Kategorie-Archiv: Blog

14. August 2026

weill probt touch of venus sept 1943Schon wieder Weill! Erstmal, weil das Foto so schön ist: Kurt Weill am Klavier im September 1943, bei den Proben zum Musical One Touch of Venus. Das Stück hatte am 7. Oktober Premiere am Broadway, wurde da 567 Mal in Serie gespielt und machte die Hauptdarstellerin noch berühmter, als Weill es zu der Zeit bereits war. Mary Martin, 29, hier auf dem Klavier sitzend, sang und spielte die Venus – eine Statue, die im Museum zum Leben erwacht und im modernen New York eine Menge Leute durcheinanderbringt. Weills Venus-Triumph ist einer von vielen Aspekten eines Essays, den ich fürs aktuelle Magazin der Elbphilharmonie geschrieben habe, Hefttitel Amerika: In Kleiner großer Bruder geht es um die Verbindungen der klassischen Musik in den USA mit Europa – ein Fast Ride mit Auswanderern, Exilanten, Gründern, Mavericks und den Bach Brothers, exzeptionell gut bebildert. Das Magazin sollten Sie sich auch deswegen in echt kaufen, weil es eine wirkliche Schatzkiste geworden ist – Björn Woll interviewt den fabelhaften Geiger Augustin Hadelich, Albrecht Selge porträtiert den Komponisten John Adams, Thomas Burkhalter erkundet aus nächster Nähe die Musik des Libanon.

Ansonsten weise ich gern nochmal darauf hin, dass Weills Zweite Sinfonie (die 1934 in Manhattan bei weitem nicht so gut ankam wie später Venus und andere Musicals) nebst ihren Interpreten ausführlich in der Sendung Fantasie auf der Flucht gewürdigt wird, ein Podcast in der Reihe Interpretationen auf Deutschlandfunk Kultur. Die Aufnahmeleitung hatte Volker Michael, die Zitate wurden von Haino Rindler (Weill) und Rosario Bona (Zeitzeugen) gesprochen. Aber jetzt möchten Sie vielleicht lieber mal hören, wie der Venus-Hit “Speak low when you speak love” klingt, einmal mit dem Komponisten selbst als Sänger und einmal mit Mary Martin und Orchester? Hier gehts zu Kurt und hier zu Mary. Am Ende singt sie zusammen mit Kenny Baker (auf dem Foto rechts), Darsteller des spießigen New Yorker Friseurs, in den sich die Göttin verliebt hat…

29. Juli 2026

de telegraaf 12 10 1934 avondblad tweede blad 3. weill 2 sinfEine gut gelaunte Runde ließ sich da in der Konzertpause fotografieren, am 11. Oktober 1934 im Concertgebouw Amsterdam. Bruno Walter (58) hatte gerade nacheinander Werke von Sergej Prokofjew (43) und Kurt Weill (34) dirigiert. Nach der Uraufführung von Weills Zweiter Sinfonie setzte sich Prokofjew als Solist seines Dritten Klavierkonzerts an den Flügel. Brahms´ Vierte Sinfonie soll nach diesen Stücken so brav wie selten gewirkt haben, glaubt man dem Kritiker von De Telegraaf, in dem am nächsten Tag auch dieses Foto erschien – prominent plaziert zwischen den großen und dramatischen Meldungen des Tages. Von einer solchen Medienpräsenz können die jetzt lebenden Komponist*innen nicht mal träumen. Von einer “Krise der Neuen Musik” wusste man da noch nichts, es gab auch keine “Neue Musik”, sondern Programme wie dieses, in denen Repertoire und hochkarätige Novitäten selbstverständlich nebeneinander standen. Im Publikum – randvoller Saal – waren viele Zuhörer*innen jünger als die anwesenden Komponisten.

So weit, so schön, nur herrschten im östlichen Nachbarland seit einem Jahr die Nazis, weswegen Weltstar Walter dort nicht mehr dirigieren durfte und Kurt Weill inzwischen in der Nähe von Paris lebte. Dort hatte er die Zweite Sinfonie vollendet, deren erster Satz noch Anfang 1933 in Berlin als Skizze fertig geworden war. Dieses dreisätzige Werk, in dem Weill seinen “Songstil” in eine neue orchestrale Sprache überführt, blieb trotz des prominenten Starts lange unbeachtet. Inzwischen sind der ersten Einspielung von 1967 rund zehn weitere gefolgt, mit Mariss Jansons und den Berliner Philharmonikern etwa und zuletzt mit dem Konzerthausorchester Berlin und seiner Chefdirigentin Joana Mallwitz. Diese Aufnahmen werden ebenso wie Kurt Weills Leben 1933 und 1934 erkundet in der neuen Folge der Sendereihe “Interpretationen” auf Deutschlandfunk Kultur, am 2. August 2026 um 15.05 Uhr. Ganze zwei Stunden Weill – in denen auch seine Lebensgefährtin Lotte Lenya zu hören ist, denn zwischen der Sinfonie und den Songs des Komponisten gibt es spannende Verbindungen. Man kann das auch als Podcast hören, ebenso wie derzeit meine Sendung zu Rossinis Petite messe solenelle. Viel Spaß dabei!

16. Juni 2026

 

wanda 50er1911 kam Wanda Landowska nach Eisenach. Da war die Cembalistin 32 Jahre alt und nahm im Rahmen des Bachfestes an einem “Duell” teil: Cembalo gegen Flügel. »Man kann schlimmstenfalls Bach auf dem Flügel, aber man soll ihn auf dem Clavecin spielen«, hatte sie schon vorher erklärt. Nach ihrem Auftritt im Kurhotel Fürstenhof wurde sie umjubelt. Das ist eine der vielen Facetten der fabelhaften Ausstellung Phänomen Bachfeste im Bachhaus Eisenach, wo vor fünfzehn Jahren schon Erinnerungen an Wanda Landowska gezeigt wurden mitsamt dem Foto oben (Copyright: Library of Congress), das die etwa 76jährige in ihrem amerikanischen Exil zeigt, einer ihrer 143 Aufnahmen lauschend. Was Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, für seine Sonderausstellungen zusammenträgt, ist jedesmal so anregend wie durchdacht – und, wie das ganze schöne Haus, frei von Museumsmuff. Zuletzt war ich dort vor zehn Jahren für die ZEIT, um über Luther, Bach – und die Juden zu schreiben. Die ideologische Vereinnahmung Bachs nicht nur durch die Nazis ist auch ein Thema (keineswegs das einzige), dem man in der aktuellen Schau Phänomen Bachfeste nachgehen kann. Mehr dazu in der neuen VAN-Ausgabe! Meine jüngsten drei VAN-Kolumnen sind nun auch auf dieser Website zu lesen: Es geht um eine teure Banane, zwei geniale Pianisten und die Bedeutung der Musik in Annie Ernaux` Meisterwerk Die Jahre.