Kategorie-Archiv: Blog

18. Mai 2017

> Die fleißigsten Fans von Hector Berlioz leben nicht in Frankreich, sondern in Schottland. Dort habe ich die beiden Macher der grandiosen Website hberlioz.com besucht, die jetzt 20 Jahre alt wird. Edinburgh, ein paar Treppen hoch in einer ruhigen Straße aus dem 18. Jahrhundert: Im Wohnzimmer hängt an der Wand über zwei gewaltigen Rechnern ein Porträt des jungen Hector Berlioz – der Komponist, dem Monir Tayeb und Michel Austin seit 20 Jahren ganztägig ihr Leben widmen. 1997 starteten die beiden, jetzt Anfang 70, die Website hberlioz.com, die mittlerweile mehr als 13000 Dateien von teils singulärem Informationswert umfasst. Es gibt keine vergleichbare zentralisierte Quelle zu Berlioz, und sie ist gefragt: Allein im April wurde sie mehr als 100.000 Mal angesteuert. Bei VAN ist unser Interview auf deutsch und englisch zu lesen.

6. Mai 2017

> Morgen hat in Zürich “Der feurige Engel” Premiere, die komplexeste und komprimierteste Oper von Sergej Prokofjew, der sie selbst nie auf der Bühne erlebte. Die Hauptrolle der rätselhaften Renata singt, in der Regie von Calixto Bieito, die Litauerin Ausrine Stundyte. Ich habe vor einigen Wochen bei der ersten musikalischen Probe zugehört und mit der Sängerin gesprochen, nachzulesen hier und im Magazin des Züricher Opernhauses. In Salzburg sprach ich für die ZEIT mit Markus Hinterhäuser, dem neuen Intendanten der Salzburger Festspiele, nach Schwetzingen fuhr ich zur Begegnung von Claudio Monteverdi mit seiner Kollegin Annette Schlünz. Sie hat, zum 450. Geburtstag des Großen, sein “Combattimento” in ihre Oper “Tre Volti” eingewoben. Auch die Bachs sind weiterhin gut unterwegs. Jetzt erreicht der protestantische Clan sogar das katholische Eichstätt, wo vom 11. bis 14. Mai ein ambitioniertes Musikfest stattfindet. Zum Start gibt es eine Lesung aus “Bachs Welt” (am 11. Mai um 20 Uhr im International House der Katholischen Universität) nebst Musik: Der junge Bassist Marcel Raschke singt Johann Christoph Bachs grandioses Lamento.

24. März 2017

> Der Mann hat Format; er ist nicht zufällig seit elf Jahren Oberbürgermeister von Gotha, dieser Knut Kreuch. Als ich in seinem wunderschönen Rathaus aus dem 16. Jahrhundert meine Lesung aus „Bachs Welt“ beendet hatte, stellte er sich hin, sein Exemplar des Buches in der Hand, und erklärte den Leuten im vollen Bürgersaal – selbstverständlich ohne Mikro, das braucht er nicht – er müsse ihnen noch was aus Seite 23 vorlesen. Dann wüssten sie, was es heiße, sich mit einem Journalisten einzulassen. Prompt, so Kreuch, habe er sich im Buch beschrieben gefunden: „Er ist nicht groß, aber um so energischer, zum Rückzug neigen bei ihm nur die knappen schwarzen Haare auf dem Kopf…“ Er lachte. Er hat mir bei den Recherchen enorm geholfen, wie auch andere Menschen in Gotha, Wechmar, Ohrdruf, Arnstadt, Eisenach, Erfurt. Viele von ihnen waren unter den Gästen von drei  Lesungen an, mehr oder minder, Originalschauplätzen: im Rathaus von Gotha, unter dessen Dach ab 1600 der Stadtpfeifer Caspar Bach mit Familie lebte, in der Bibliothek des Augustinerklosters zu Erfurt, wo in den Kirchenbüchern nachzulesen ist, wie die Pest die Bachs traf, im Bachhaus Eisenach pünktlich zum 332. Geburtstag von JSB und zur Eröffnung der neuen, kleinen, feinen Dauerausstellung  „Bachs innere Welt“, in der mit 80 Bänden die theologische Bibliothek des Thomaskantors rekonstruiert wird. Wie an neun von zehn Bachgeburtstagen regnete es in Eisenach. “Das ist wohl der Preis für seinen Weltruhm”, meinte ich, und Elmar von Kolson, direkter Nachfahre von JSB, mit Gemahlin im Wohnmobil angereist, hielt diese These für vertretbar. All diese Leute wieder zu treffen ein knappes Jahr, nach dem „Bachs Welt“ erschienen ist, war umso berührender, als ein Autor durchaus nicht fest auf den Zuspruch jener lebenden Zeitgenossen rechnen darf, die er in seinem Buch vorkommen lässt. Sie hinterließen jetzt bei mir den Eindruck, als habe man ein gemeinsames Projekt – was die Musik, um die es geht, ja ohnehin ist. Da „Bachs Welt“, bei aller Gegenwart darin, nicht an den Tag gebunden ist, erscheinen weiterhin Rezensionen: Alexander Dick hat das Buch neulich in der Badischen Zeitung besprochen und Michael Preis aktuell auf literaturkritik.de.