Kategorie-Archiv: Blog

16. Juni 2026

 

wanda 50er1911 kam Wanda Landowska nach Eisenach. Da war die Cembalistin 32 Jahre alt und nahm im Rahmen des Bachfestes an einem “Duell” teil: Cembalo gegen Flügel. »Man kann schlimmstenfalls Bach auf dem Flügel, aber man soll ihn auf dem Clavecin spielen«, hatte sie schon vorher erklärt. Nach ihrem Auftritt im Kurhotel Fürstenhof wurde sie umjubelt. Das ist eine der vielen Facetten der fabelhaften Ausstellung Phänomen Bachfeste im Bachhaus Eisenach, wo vor fünfzehn Jahren schon Erinnerungen an Wanda Landowska gezeigt wurden mitsamt dem Foto oben (Copyright: Library of Congress), das die etwa 76jährige in ihrem amerikanischen Exil zeigt, einer ihrer 143 Aufnahmen lauschend. Was Jörg Hansen, Direktor des Bachhauses, für seine Sonderausstellungen zusammenträgt, ist jedesmal so anregend wie durchdacht – und, wie das ganze schöne Haus, frei von Museumsmuff. Zuletzt war ich dort vor zehn Jahren für die ZEIT, um über Luther, Bach – und die Juden zu schreiben. Die ideologische Vereinnahmung Bachs nicht nur durch die Nazis ist auch ein Thema (keineswegs das einzige), dem man in der aktuellen Schau Phänomen Bachfeste nachgehen kann. Mehr dazu in der neuen VAN-Ausgabe! Meine jüngsten drei VAN-Kolumnen sind nun auch auf dieser Website zu lesen: Es geht um eine teure Banane, zwei geniale Pianisten und die Bedeutung der Musik in Annie Ernaux` Meisterwerk Die Jahre.

 

1. Mai 2026

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Wunderbar entspannt war er, man hatte in seiner Gegenwart nicht das Gefühl, etwas hermachen zu müssen, keine Frage war ihm zu dumm. Als ich Peter Gülke am 26. Februar vor zwölf Jahren in Weimar besuchte und er in der Küche Kaffee in der Thermoskanne aufgoß, lief im Radio das Finale von Tschaikowskys Fünfter, und er genoß lachend diesen Wahnsinn. Gülke war, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag, der Siemens Musikpreis zugesprochen worden; ich interviewte ihn fürs Feuilleton der ZEIT. Dabei gab es auch einiges “off the records”, am schönsten die Anekdote von einem musikwissenschaftlichen Kolloquium auf der Brünner Festung Spielberg. Noch vor der “samtenen Revolution” der Tschechoslowakei trafen sich da Musikologen aus Ost und West. Gülke erzählte, wie die westdeutschen Musikwissenschaftler abends beim geselligen Beisammensein verkrampft dasaßen und hofften, sie würden nicht zum Tanz aufgefordert werden, während die östlichen Kollegen schwoften und schunkelten. Carl Dahlhaus (der Gülke 1984 an der TU Berlin habilitiert hatte) trank zuviel und musste von Gülke und Ludwig Finscher (ebenfalls einer der Großen der Zunft) den Berg herabgeleitet werden, wobei er jammerte: “Ich bin eigentlich gar kein Musikwissenschaftler. Ich bin doch bloß irgendsoein Schriftsteller.” Für Kontraste und Brüche, für Risse in der Identität hatte Gülke viel Sinn, im Anekdotischen wie im Nachdenken über Musik. Bei keinem andern lese ich so oft nach, was er sich zu einem Werk, einem Komponisten dachte. Sein großer Essay über Mendelssohn von 2017 öffnet einem die Ohren für das “Rumoren unter der Oberfläche” und ist für das Neuentdecken dieses Komponisten nicht weniger wichtig als die besten Aufführungen. Nur ein Musiker kann so etwas schreiben – und der war Peter Gülke ja auch. Vor fünf Tagen, am 26. April 2026, ist er mit 91 Jahren in seinem Geburtsort Weimar gestorben.

17. April 2026

 

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Nichts ist einer persönlichen Begegnung vorzuzuziehen, aber es gibt Zoomtreffen, bei denen die Distanz nebensächlich wird. So ging es mir mit dem Sänger Pene Pati, der an einem Freitagnachmittag in einer Airbnb-Wohnung irgendwo in Zürich saß, wo er die Titelrolle in Mozarts La clemenza di Tito singt, und so angeregt und anregend über sein Leben und seine Arbeit redete, über Samoa, wo er zur Welt kam, über Pavarotti, der via Youtube sein erstes Vorbild wurde, über Oper als Alternative zur K.I., über Mozart natürlich und noch vieles mehr, dass man den Mitschnitt praktisch unbearbeitet hätte senden können. Für VAN wurde eine Q&A-Fassung daraus, die jetzt online ist. Ebenfalls online, aber nur auf dieser Website, ist der Essay zum Thema „Ende“ zu lesen, der für das aktuelle Magazin der Elbphilharmonie entstand und unterschiedlichsten Aspekten des Endes und des Endens in der Musik nachgeht. Nicht bis zum bitteren Ende, sondern bis zu den Epigrams,  die Elliott Carter in seinem 104. Lebensjahr komponierte – ein letztes Werk, in dem Carters Universum noch einmal funkelnde kleine Sterne hervorbringt. Schließlich noch zwei Hörtipps: Auf Deutschlandfunk Kultur sind weiterhin zwei Sendungen online zu hören, die ich für die Reihe “Interpretationen” machte: Letzter Lichtflug, zur Paganini-Rhapsodie von Sergej Rachmaninow, und Die “Petite messe solenelle“ von Gioacchino Rossini.