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12. Februar 2026

metamorfosi 2004
Lange, sehr lange her, dass im Feuilleton der ZEIT noch wöchentlich zwei neue CDs besprochen wurden. Immerhin auch dann noch, als infolge der “digitalen Revolution“ und der Musiktauschbörse Napster der Umsatz mit Compact Discs schon auf ein Drittel zusammengebrochen war. Die Klassik hielt sich auf dem Markt physischer Tonträger noch leidlich bis 2006 (Mozartjahr!), war aber schon 2003 so angezählt, dass mich die ZEIT losschickte, um bei ambitionierten kleinen Labels zu erkunden, mit welchen Konzepten sie überleben wollten. Eins davon war alpha – und ist es noch! -, und hier erschien 2004 das wundervolle Album Nova Metamorfosi mit italienischer Sakralmusik des frühen 17. Jahrhunderts, heute nur noch antiquarisch zu haben, siehe oben.

Das ist die Vorgeschichte eines erstaunlichen Funds zu meinem Buch Bachs Welt, einer Teilübersetzung ins Englische nämlich, von der ich bis vor ein paar Tagen nichts wusste, obwohl sie nicht in irgendeinem obskuren Winkel steckte, sondern auf der respektablen Literaturplattform Litrix des Goethe Instituts zu lesen ist. Das fand aber nicht ich heraus, sondern ein englischer Liebhaber klassischer Musik. Er hatte sich das oben erwähnte, heute längst vergriffene Album Nova Metamorfosi beschafft und darin einen Zeitungsausschnitt gefunden, den der Vorbesitzer hinterlassen hatte, eine kleine Besprechung, die ich 2004 für die ZEIT geschrieben hatte. Die übersetzte er sich.

Die Lektüre brachte ihn, wie er mir schrieb, dazu, dem ihm völlig unbekannten Autor hinterherzugoogeln. So stieß er auf diese Website, auf Bachs Welt und schließlich auf die fünfzehn Seiten aus dem zweiten Kapitel des Buchs, die Gratia Stryker-Härtel für das Goethe-Institut übersetzt hat. Verrückt, oder? Aber schön. Jetzt fehlen für eine komplette Übersetzung ja nur noch gut 330 Seiten… naja, und man bräuchte einen englischsprachigen Verlag, der die Ansicht meines recherchierenden Lesers teilt, nicht nur Bachs Welt, sondern auch Der Klang von Paris und Flammen „would be well received by English readers who are enthusiastic about classical music and its history…“

Zur deutschsprachigen Rezeption dieser Bücher habe ich mit großer Verspätung die Echos auf die jüngeren beiden Titel zusammengefasst, wobei mir besonders die Zeilen von zwei Komponisten am Herzen liegen: Wolfgang Rihm, der 2022 Flammen mit ins Krankenhaus nahm, und Steffen Schleiermacher, der durch Der Klang von Paris zum Berlioz-Fan wurde. Echos zu Bachs Welt sind noch in Arbeit, das aktuelle Buchprojekt geht erst mal vor. Was wiederum Impromptus nicht ausschließt: Bei VAN ist seit gestern zu lesen, welche besondere Rolle Musik in Annie Ernaux´ Meisterwerk Die Jahre spielt: Piaf und die Gänsehaut.

12. Januar 2026

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Wie dieses Foto des 64 Jahre alten Gioachino Rossini entstanden sein könnte, im Pariser Atelier von Nadar am 6. März 1856, das habe ich im Klang von Paris beschrieben, auch hier nachzulesen: Der Klang von Paris, Nadar-Passage. Ziemlich genau acht Jahre später, am 13. März 1864, war in derselben Stadt erstmals die Petite messe solennelle des Italieners zu hören, ein wunderbares und außergewöhnliches Werk, mit dem ich mich nicht nur im Buch befasste, sondern zuvor auch für das Ballett am Rhein und in einer Folge der Interpretationen bei Deutschlandfunk Kultur, im Dezember 2017 erstmals gesendet. Nun ist sie wieder online zu hören – hier -, und die Playlist, die bei den Sänger*innen von Enrico Caruso bis zu Marina Rebeka reicht, bei den Ensembleleitern von John Barbirolli bis zu Ottavio Dantone, findet man hier. Ebenfalls noch online zu hören ist die Sendung Letzter Lichtflug – Die Paganini-Rhapsodie von Sergej Rachmaninow.

30. Dezember 2025

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»Sie schien alles, was sie tat, doppelt so heftig zu tun wie andere Leute; sogar ihre Augen waren von einem strahlenderen Blau, als Anna es je gesehen hatte.« So beschreibt Judith Kerr in ihrem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ihre Mutter – jene Julia Kerr, von der man im Buch nicht erfährt, was bis heute die wenigsten wissen: dass sie eine Komponistin war und nicht nur die Mutter einer berühmten Tochter und Frau eines berühmten Mannes, des fast 31 Jahre vor ihr geborenen Kritikers und Autors Alfred Kerr. Ihre nahezu vollendete Oper Der Chronoplan – eine der verrücktesten Opern des 20. Jahrhunderts – nahm sie 1933 aus Berlin mit ins Exil. Jetzt erst, am 24. Januar 2026, wird das Werk am Staatstheater Mainz uraufgeführt. Für die aktuelle ZEIT bin ich dem Leben Julia Kerrs (1898-1965) und der Odyssee des Chronoplan nachgegangen. Der Onlinefassung des Texts ist auch das Foto der Komponistin um 1930 entnommen. Noch etwas Neues, ganz anderes, aber ebenfalls von den Spuren durchzogen, die die Jahre von Naziherrschaft und Krieg in der Musik hinterließen: Ein Essay zur langen Renaissance des Cembalos, von Wanda Landowska über Gustav Leonhardt, Ligeti und die Beatles bis heute, entstanden für das Magazin der Elbphilharmonie und auch hier zu lesen. Und nun: Bonne chance für 2026!