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Es führt ein Weg zurück

Gabriel García Márquez schreibt eine Autobiographie auf Romanhöhe

Der Fünfjährige sitzt zur Rechten des Großvaters am Tisch, wenn die Familie mit ihren Gästen speist. Nur Gabito, dem Enkel, ist es gestattet, sich aus der Kanne mit Wasser das Eis mit der Hand zu fischen statt mit dem Löffel. „Er hat alle Rechte“, sagt der alte Oberst und duldet keinen Widerspruch. Kolumbianischer machismo. Aber auf dem Erstgeborenen des Elígio García und der Luisa Márquez lasten auch alle Pflichten und Hoffnungen, die um so größer werden, je schlechter es der Familie geht. Denn nur die Kinderjahre verbringt Gabriel im gediegen großbürgerlichen Rahmen.

Mit einer Eisenbahnfahrt zurück in diese Kindheit, nach Aracataca ins verlassene Haus, beginnt ein Buch, das die spröde Bezeichnung „Memoiren“ glücklicherweise nicht verdient, sondern sich literarisch auf den Höhen jener Romane bewegt, die seinen Verfasser berühmt machten. Schon der Beginn, die Reise eines scheiternden Jurastudenten mit literarischen Ambitionen, der seine Mutter zum Verkauf des Geburtshauses begleiten muss, trifft eine Ebene, die zwischen dem Abschied von der Kindheit und der Selbstfindung als Romanschriftsteller geradezu organisch Magie und Spannung vereint.

Abschiednehmen ist ein Motiv des Schreibens, das Márquez schon kennt, ehe er schreibt, etwa als mit den Kleidern des gestorbenen Großvaters versehentlich auch eine Mütze des Knaben verbrannt wird. „Etwas von mir war mit ihm gestorben“, begreift der Schuljunge, der Nobelpreisträger glaubt, „dass ich in diesem Augenblick ein Schriftsteller im Grundschulalter war, der nur noch schreiben lernen musste.“ Zeichen eines außergewöhnlichen Gedächtnisses und ebensolcher Phantasie gibt es früh. Márquez erzählt davon uneitel, eher verwundert und mit der retrospektiven Neugier, die ihn überall antreibt.

Das Vergangene ist bei ihm wie bei seinem wichtigsten Lehrmeister William Faulkner nie vergangen. Schon gar nicht in einer Weltgegend, wo es zum Alltag gehört, den Geistern von Toten zu begegnen oder ihretwegen sogar die Wohnung zu wechseln. Und wo der 1903 beendete „Krieg der Tausend Tage“ gegenwärtiger ist als der Zweite Weltkrieg, nach welchem das 20. Jahrhundert überhaupt erst in Kolumbien ankommt. Geschichte und Familiengeschichte gehören hier zusammen wie schon im ersten Satz der „Hundert Jahre Einsamkeit“. Der Schriftsteller erlebt sich selbst als Teil seines Landes.

Umgekehrt feiert Kolumbien heute in Márquez sich selbst. Zur Vorstellung seiner Autobiographie wurde die Nationalhymne gespielt, die erste Auflage musste bei der Anlieferung in Panzerwagen vor Neugierigen geschützt werden. Der wirtschaftlichen Not und dem politischen Chaos steht literarischer Weltrang gegenüber und die Fähigkeit des Autors, „die Realität unterhaltsamer und verständlicher zu machen“, wie Márquez den Sinn seines Tuns einmal gelassen erklärt. Aber natürlich vertieft er sie auch, die Realität, und macht sie bedeutsam in seiner Kunst magischer Verdichtung.

Wenn geschildert wird, wie man an der karibischen Küste die politischen Wirren im zentralen Bogotá wahrnimmt, steht da: „Gesetze, Steuern, Soldaten, schlechte Nachrichten, ausgebrütet auf zweitausendfünfhundert Metern Höhe und in einer Entfernung von acht Tagereisen auf einem mit Holz befeuerten Dampfschiff des Río Magdalena.“ Was für ein Epochenhorizont da mal eben mit so scharfem wie träumendem Blick in Worte gefasst ist! Man möchte seitenweise zitieren und bewundern. Auch Kleinigkeiten. Wenn etwa aus Kleidern von Toten „Fetzen toter Kleider“ werden, seltsam beseelt.

Für diese Kunst und die seiner Textarchitektur hat Márquez lange und mühsam probiert und gelernt in einem zigarettendurchräucherten Klima gleichgesinnter Enthusiasten der Literatur – als Schüler, Student, Redakteur, in Barranquilla, Cartagena, Bogotá. Damit ist in Europa allenfalls das Klima in Wien um 1900 vergleichbar. Und selbst dort hatte Literatur nicht den Rang einer Realität, eines Lebensmittels wie bei diesen bücherfressenden Kolumbianern, die Poeten wie Heilige verehren, aussichtlose Zeitschriften gründen und ohne deren Hilfe und Kritik aus Gabito niemals Gabo geworden wäre.

Mit einer mißglückten Glosse verfuhr man da so: „Als er fertig gelesen hatte, zerriss Germán wortlos und ohne mich anzusehen den Zeitungsauschnitt und mengte die Schnipsel zwischen die Kippen und die abgebrannten Streichhölzer im Aschenbecher.“ Sowas prägt. Und es gibt „nichts, das einem Schriftsteller nicht nützlich sein kann“. Etwa ein Heftchen über einen Kriegsveteranen, der „Buendía“ heißt – ein mittlerweile weltliterarischer Name, den Márquez beinah verwarf, weil die Endung „-ia“ auch die des spanischen Imperfekts ist und das Entstehen jener Reime im Satz begünstigt, die der Autor verabscheut.

Dutzende, hunderte solcher Entdeckungen macht man auf den 604 Seiten, die mit Márquez´ 28. Lebensjahr enden und durch ihre Vor- und Rückgriff-Technik selbst sprödere Passagen auffangen, wo sich der Autor in Aufzählungen voller Adjektive verliert oder eigentümlich nüchtern und analytisch wird. Letzteres geschieht immer dann, wenn er „im ewigen Nieselregen der traurigsten Stadt der Welt“ herumläuft, in Bogotá. Von dort reist der 27-jährige am Ende des Buches als Reporter nach Europa. Was das bewirkt, wird der nächste Band erweisen, und wir dürfen ihn erwarten wie die Südamerikaner: Mit Ungeduld.

Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. 604 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, Köln, € 24,90

Erschienen u.a. in: Bonner Generalanzeiger, 11.1.2003, unter dem Titel “Die Magie des Wortes”