
So nah kommt man der Werkstatt eines Künstlers selten wie dann, wenn er sich vertut wie hier der 49-jährige J.S. Bach. Es musste Ende 1734 halt schnell gehen mit dem Oratorium für die “heilige Weyhnacht”. Gerade drei Wochen hatte er für die Fertigstellung von sechs Kantaten nebst Proben und Einzelaufführungen in zehn Gottesdiensten in zwei Leipziger Kirchen. Weswegen der Thomaskantor sich großzügig bei sich selbst bediente und etwa den Eingangschor einer Kantate entnahm, die im Jahr zuvor für den Geburtstag der sächsischen Kurfürstin entstanden war, da noch mit dem Starttext “Tönet, ihr Pauken, erschallet, Trompeten”. Den schrieb Bach, siehe oben, versehentlich auch in die neue Partitur und korrigierte dann: “Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage”. Mit dem Umtexten ist es bei ihm aber nie getan. Die “recycelten” Stücke bekommen oft neue Farben, andere Tonarten und Stimmlagen, und so kann sogar aus einem erotischen Schlummerlied ein Wiegenlied für ein heiliges Baby werden. Und aus allem zusammen das Wunderwerk, das Bach sich tatsächlich als Ganzes dachte, eben als Oratorium, als “geistliche Opera”, aber so nicht aufführen konnte. Dass er in vielen szenischen Passagen und Dialogen die Musikdramatiker seiner Zeit, die Opernkomponisten, in Richtung Mozart und noch weiter überholt (nicht zum ersten Mal), wurde mir erst klar, als ich das “W.O.” für ein Programm des Gürzenich Orchesters Köln erkundete.
Kaum war ich damit fertig, kam eine Anfrage, ob ich als Bratscher einspringen könnte: W.O. 1-6 in Celle! Es war traumhaft. Eine wunderschöne Kirche, die (rappelvolle) Stadtkirche St. Marien, ein exzellenter Jugendchor (“Juventis”, vor zehn Jahren gegründet), ein kluger, klarer Dirigent, der Kantor Stephan Doormann, und die Hannoversche Hofkapelle mit dieser besonderen Verbindung von “Sprechen” und Geschmeidigkeit, lieber Affekt als Effekt, die als “hannoversche Schule” nicht zuletzt auf Lajos Rovatkay zurückgeht, den jetzt 92-jährigen, und mir sehr vertraut ist. Unter solchen Bedingungen wird diese Musik, so unzählige Male aufgeführt und von Routine und glühweinigem Adventsrummel bedroht, neu und lebendig und beglückend – eine große Erzählung.