
Wunderbar entspannt war er, man hatte in seiner Gegenwart nicht das Gefühl, etwas hermachen zu müssen, keine Frage war ihm zu dumm. Als ich Peter Gülke am 26. Februar vor zwölf Jahren in Weimar besuchte und er in der Küche Kaffee in der Thermoskanne aufgoß, lief im Radio das Finale von Tschaikowskys Fünfter, und er genoß lachend diesen Wahnsinn. Gülke war, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag, der Siemens Musikpreis zugesprochen worden; ich interviewte ihn fürs Feuilleton der ZEIT. Dabei gab es auch einiges “off the records”, am schönsten die Anekdote von einem musikwissenschaftlichen Kolloquium auf der Brünner Festung Spielberg. Noch vor der “samtenen Revolution” der Tschechoslowakei trafen sich da Musikologen aus Ost und West. Gülke erzählte, wie die westdeutschen Musikwissenschaftler abends beim geselligen Beisammensein verkrampft dasaßen und hofften, sie würden nicht zum Tanz aufgefordert werden, während die östlichen Kollegen schwoften und schunkelten. Carl Dahlhaus (der Gülke 1984 an der TU Berlin habilitiert hatte) trank zuviel und musste von Gülke und Ludwig Finscher (ebenfalls einer der Großen der Zunft) den Berg herabgeleitet werden, wobei er jammerte: “Ich bin eigentlich gar kein Musikwissenschaftler. Ich bin doch bloß irgendsoein Schriftsteller.” Für Kontraste und Brüche, für Risse in der Identität hatte Gülke viel Sinn, im Anekdotischen wie im Nachdenken über Musik. Bei keinem andern lese ich so oft nach, was er sich zu einem Werk, einem Komponisten dachte. Sein großer Essay über Mendelssohn von 2017 öffnet einem die Ohren für das “Rumoren unter der Oberfläche” und ist für das Neuentdecken dieses Komponisten nicht weniger wichtig als die besten Aufführungen. Nur ein Musiker kann so etwas schreiben – und der war Peter Gülke ja auch. Vor fünf Tagen, am 26. April 2026, ist er mit 91 Jahren in seinem Geburtsort Weimar gestorben.