16. September 2015

> Meine Bewunderung gilt allen Bloggern, die es schaffen, hauptberuflich Bücher und Artikel zu schreiben (und zu recherchieren!), kleine Kinder zu betreuen, Einkäufe für sie und eine Familie mit zwei Berufstätigen zu tätigen, einen Garten vorm Verwildern zu bewahren, sich über den Umbau Europas auf dem Laufenden zu halten, und dann noch leidlich oft zu bloggen. Ich schaffe es zur Zeit nicht, sorry, nicht mal die wöchentliche Kolumne ist stets verlässlich samstags fertig – dafür aber heute wenigstens aktuell zum 400. Tauftag von Heinrich Bach. Wer wissen will, ob das auch ein Mittwoch war, sollte beim Verwenden eines “Ewigen Kalenders” bedenken, dass in den protestantischen Ländern des 17. Jahrhunderts der julianische Kalender galt, und zehn Tage dazuzählen. Garantiert ein Montag, nämlich der nächste, ist der 21. September, an dem ich im Literaturhaus Hamburg zu Gast sein werde.

Mehr als nur ein Großonkel

Er muss ein heiterer Mensch gewesen sein, was zu seiner Zeit keine verbreitete Gemütsverfassung war. Der Krieg, zu dem schon bei seiner Taufe am 16. September 1615 aufgerüstet worden war, währte dreißig Jahre und traf mit Belagerungen, Gewaltexzessen, Seuchen jeden der Orte, an denen sich Heinrich Bach aufhielt. Ein Wunder schon, dass er als Knabe, da Thüringen Durchmarschgebiet geworden war, vom heimischen Wechmar aus meilenweit wanderte, um Orgeln zu hören. Er liebte dieses Instrument, und an einer Orgel spielte er nahezu ein halbes Jahrhundert lang, in der Oberkirche zu Arnstadt.

Schlecht bezahlte Organisten wie ihn gab es viele. An diesen einen ist zu seinem 400. Geburtstag auch nicht bloß deshalb zu erinnern, weil Heinrich Bach sensationell alt wurde – etwa einer von hundert Menschen erreichte wie er das 77. Lebensjahr. Sondern weil er, selbst noch Enkel eines zugewanderten Bäckermeisters, zwei seiner Söhne zu bedeutenden Komponisten werden ließ. Johann Christoph und Johann Michael Bach bekamen ihre handwerkliche Basis, als Organisten und als Tonsetzer, bei Heinrich, der selbst für nahezu jedes Genre komponierte, “viel Creutz contrapuncten und Chromatische Tone”.

So weiß es die Leichenrede, während die vier erhaltenen Stücke auf eine eher moderate Fortschreibung italienischer Modelle verweisen und auf die Kenntnis großer Zeitgenossen wie Heinrich Schütz. Mehr erfahren wir über Heinrich durch das, was er schätzte und kopierte – zwei Motetten seines Ältesten wären ohne ihn verloren. Die tiefe Expressivität des Eisenachers Johann Christoph, die leuchtende Balance des Gehreners Johann Michael tragen in sich auch existenzielle Erfahrungen der Generation davor, und ohne diese Musik wäre wiederum der ein anderer geworden, den Heinrich noch als Kind sah.

Johann Sebastian, Enkel des Christoph, des früh gestorbenen Bruders von Heinrich, hatte da nichts zu “vollenden”. Er konnte in eine neue Zeit gehen auf einer gewaltigen Basis, als deren ruhige Mitte wir uns Heinrich Bach denken dürfen. Dessen “sehr volckreiche Leichbestattung” am 12. Juli 1692 in Arnstadt war ein Ereignis. Man feierte sein hohes Alter, seine “Gemüthszufriedenheit” und “hertzdringende Organistenkunst”, man feierte den ganzen Clan, dessen Berufsmusiker überall in Thüringen den Ton angaben. Und unter Heinrichs 28 Enkeln war bereits Anna Barbara, spätere erste Frau des JSB.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt

799 Jahre an einem Tag

Von einem neuen Ballerspiel, in dem man beim Kampf gegen Terroristen auch den Eiffelturm zertrümmern kann, wurden am ersten Tag nach der Veröffentlichung 6,5 Millionen Exemplare verkauft. Am selben Tag kamen schon sieben Millionen Stunden zusammen, die Leute, die sich „Call of Duty“ gekauft hatten, mit dem Ballerspiel verbrachten. Das sind umgerechnet 799 Jahre. Können Sie gerne mal nachrechnen. Wer so lange lebt, hätte im Alter von 36 Jahren der Grundsteinlegung des Kölner Doms beiwohnen können, mit 668 Jahren dessen Fertigstellung erlebt und dürfte jetzt erfüllt das Zeitliche segnen.

Sieben Millionen Stunden sind etwa ein Drittel der Arbeitszeit, die für den Eiffelturm aufgebracht wurde. 3000 Metallarbeiter haben 26 Monate lang an dem Eisending genietet. Würden sich die Ballermänner des Planeten konstruktiv zusammentun, hätten sie in drei Tagen ein Bauwerk hingestellt, dessen virtuelle Nachbildung sie jetzt in wenigen Sekunden in Schutt und Asche legen. Pro Tag würde ihnen die Privatwirtschaft der EU dafür 155 Millionen Euro zahlen. Stattdessen zahlen sie selbst dafür, sich Level für Level hochzukämpfen, bis sie die richtig großen Türme umnieten dürfen. Ist ja auch ihre Sache.

Aber eine Anballung von 799 Jahren an einem Tag, auf ein Projekt bezogen, das lässt einen schon ins Grübeln kommen. James Joyce arbeitete sieben Jahre lang an seinem „Ulysses“. Mal angenommen, er saß an 300 Tagen des Jahres je acht Stunden lang am Schreibtisch. Es kämen lächerliche 16800 Stunden dabei heraus. Selbst wenn wir annehmen, dass Joyce nicht mal selbst den Müll runterbrachte, und die Arbeitsstunden für „Ulysses“ auf 20000 aufrunden, steckten in den an einem Tag mit „Call of Duty“ verbrachten Stunden ganze 350 epochemachende Werke vom Format des „Ulysses“. Soviel Genie auf einmal würde allerdings kein Publikum verkraften, das muss nicht sein.

Aber es lassen sich ja auch andere Optionen erwägen, besonders da einer der Reize von „Call of Duty“ darin besteht, dass man online gegen andere Spieler antritt, egal, wo sie sitzen. So gesehen ist es der destruktive Gegenentwurf zu konstruktiven Kollektivaktionen im Netz, wie etwa „Wikipedia“. Man stelle sich vor, wieviele Wikipedia-Artikel an einem Tag entstünden, an dem sieben Millionen Stunden dafür aufgewendet würden. Oder was sich sonst anstellen ließe, wenn sich so viele Leute mit einem gemeinsamen Interesse online an die Lösung eines Problems setzten, Probleme gibt es ja genug.

Ich finde nicht, dass man dauernd Gutes tun oder Werke wie „Ulysses“ lesen oder schreiben sollte. Acht Jahrhunderte globales Ballern am Bildschirm an einem Tag sind aber ein Horrorszenario, gegen das vorerst nur weitere Zahlen helfen: 6,5 Millionen Bildschirmkrieger sind nicht mal ein Tausendstel der Weltbevölkerung. Und selbst sie bringen zwischendurch wahrscheinlich wenigstens mal den Müll runter. Es gibt noch Hoffnung.

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2011 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sowie 2012 in der Kolumnensammlung “Mann, Frau, Affe” (Zu Klampen Verlag) und ist urheberrechtlich geschützt. Die Weltbevölkerung ist seit der Erstpublikation vor knapp vier Jahren um 800 Millionen Menschen gewachsen. Mit “Call of Duty”, von dessen 11. Variante im Text die Rede ist, werden bis zu 500 Millionen Dollars Umsatz pro Tag erzielt. Die demächst erscheinende 15. Variante soll in der “dystopischen” Zukunft des Jahres 2065 spielen.