Kategorie-Archiv: Blog

8. April 2022

zweites foto buch

> So sieht es in echt aus, das Buch, das vom kommenden Dienstag an im Handel ist und ziemlich genau 602 Gramm wiegt – wichtige Angabe für die Gepäcklogistik reisender Leser*innen… Das wegen großer Zeitnot in aller Kürze! Ein erstes Radiogespräch dazu, mit Meinolf Bunsmann und mir, gibt es am Montag, 11. April um 17.15 Uhr auf hr2 Kultur. Novitäten jenseits der “Flammen”: ein Gespräch mit Pianist Markus Becker über seinen Weg zum Jazz und Max Reger als Mitbewohner auf VAN, mit fabelhaften Audios und Videos, eine inspirierende Zürcher Begegnung mit dem in Porto lebenden Dirigenten Peter Rundel, der am Sechseläutenplatz gerade eine neue Oper einstudiert, und ein Spaziergang durch die Natur in der Musik, den ich für das Magazin der Elbphilharmonie unternahm – auch online grafisch schön gestaltet.

5. März 2022

> Es ist nicht einfach, in der jetzigen Situation der Welt mit guter Energie die Projekte weiter zu betreiben, die zum eigenen Metier gehören. Es hat aber keinen Sinn, gelähmt vor Sorge nicht für sie einzustehen. Noch weniger, wenn es bei so einem Projekt um existentielle Erfahrungen des Ausgeliefertseins, der allgegenwärtigen Lebensgefährdung von Menschen anderer, früherer Zeiten geht wie denen des 17. Jahrhunderts. Mit der Pest in Erfurt befasst sich am kommenden Sonntag das Freiburger Ensemble Context im dritten Teil der Serie Bachs Welt – eine Lesung mit Musik der Vorfahren J.S. Bachs, am 13. März um 18 Uhr, Auferstehungskirche in Freiburg-Littenweiler.

pestzettel

Die letzte große Pestepidemie in Thüringen, vom Juni 1682 bis zum Dezember 1683, ließ von 16.300 Einwohnern der Stadt Erfurt nur etwa 6000 am Leben. Mit Vordrucken wie dem hier gezeigten wollte das Collegium Sanitatis Übertreibungen hinsichtlich der Sterbezahlen entgegentreten – aber die waren so hoch, dass keiner dieser Zettel ausgefüllt wurde. Mehr als 40 Prozent der Opfer waren Kinder, darunter fünf Kinder der Familie Bach, die insgesamt elf Angehörige verlor in dieser Zeit. Die Menschen der Epoche, stets mitten im Leben vom Tod umfangen, Krankheiten, Kriegen, früher Sterblichkeit ausgesetzt, waren tief gläubig. Ihre Sakralmusik findet für die Gewissheit eines besseren Lebens nach dem Tod Töne von berührender Innigkeit: „Ach wie sehnlich wart ich auf dich, o komm und hole mich“ – so wird die Sehnsucht nach Jesus in einer Strophenarie von Johann Michael Bach formuliert, einem der Stücke, die das Ensemble Context im Rahmen der Lesung aufführen wird.

Dieses Ensemble ist vielleicht das erste, das eines Buches wegen ins Leben gerufen wurde. Die Geigerin Bettina Van Roosebeke, Mitglied des renommierten Balthasar-Neumann-Ensembles, entwickelte nach Lektüre von Bachs Welt den Plan, Bachs Vorfahren – und am Ende auch dem jungen Johann Sebastian – mit deren Musik (und der weiterer Zeitgenossen) und Texten aus dem Buch durch das ganze 17. Jahrhundert zu folgen. Für die mit mir als Autor zusammen konzipierte Reihe von vier Veranstaltungen rief sie exzellente Sänger und Instrumentalisten zusammen.

Annika Kirschke schrieb am 18. Januar 2022 in der Badischen Zeitung: „Es wird mit Leichtigkeit virtuos, präzise, mit Leidenschaft musiziert. Die Auswahl der Stücke ist bezaubernd, die Texte sind wunderbar.“ Da freilich ging es weder um die Pest noch, wie im ersten Teil, um den Krieg, sondern um eine Hochzeit als großes Bach´sches Familientreffen – Kirschke verglich den Abend mit einer Zeitreise und einem Serienformat zugleich: „Es ist alles drin, was eine gute Serie bieten muss: ein Clan, Leidenschaft, Zeitgeschichte, Sex and Crime.“

Einige der Hochzeitsgäste von 1679 findet man drei Jahre später in Erfurt (und am kommenden Sonntag in Freiburg) in weitaus weniger fröhlichen Umständen. Man begreift dabei erst recht, welcher Not ein Chorlied wie „Es ist nun aus mit meinem Leben“ von Johann Christoph Bach entgegengeschrieben ist, einem Cousin von Johann Sebastian Bachs Vater Ambrosius.

Mein Buch „Flammen – Eine europäische Musikerzählung 1900 – 1918“ entstand in anderen Welt als der, in der es im April erscheinen wird. Bei der Arbeit an den letzten beiden Kapiteln, die vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis in die Ostertage 1918 führen, tröstete mich oft der Gedanke, dass in Europa solches Grauen, Töten, Sterben nicht mehr zu befürchten sei.

Was tröstlich bleibt, ist, dass damals selbst in völlig polarisierter Situation nicht alle den Verstand verloren – etwa Maurice Ravel. “Patriot” war er durchaus. Gleich nach Kriegsbeginn hatte der 39jährige zur Armee gewollt, war als zu klein abgewiesen worden und ließ sich stattdessen freiwillig als militärischer LKW-Fahrer bei Verdun einsetzen. Als aber 1916 (in dem Jahr entstand das Foto von Ravel mit Helm) die „Liga zur Verteidigung der französischen Musik“ ein Aufführungsverbot zeitgenössischer Musik aus Deutschland und Österreich forderte, antwortete der Komponist: „Es bedeutet mir wenig, dass Herr Schönberg, zum Beispiel, österreichischer Nationalität ist. Er ist darum nicht weniger ein Musiker von hohem Verdienst (…).“ Die musikalische Kunst Frankreichs habe von den Anregungen ausländischer Zeitgenossen stets profitiert.

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Es gibt Anlass, an Ravels in jeder Hinsicht offene Worte zu denken. Im Jahr 2022 sieht sich der ZEIT-Autor Florian Zinnecker (Feuilleton vom 2. März) zur Frage veranlasst: „Soll es ein Moratorium für russische Musik geben?“ Darauf hat ihm Wladimir Jurowski geantwortet, der als in Moskau aufgewachsener Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin gerade Tschaikowskys Fünfte dirigiert hatte: „Das wäre für mich der Beginn eines neuen Weltkriegs. Xenophobie scheint immer die einfachste Lösung zu sein – und die schlechteste. Kauft nicht beim Juden, kauft nicht beim Deutschen, schmeißt die Franzosen raus. Wir kennen das alles. Wir haben das alles durch.“ Ich wünsche mir sehr, dass alle das „durch“ haben.

4. Februar 2022

> Seit einer Woche online: Arnold Schönbergs Zweites Streichquartett op. 10, so der nüchterne Titel einer Ausgabe der „Interpretationen“ auf Deutschlandfunk Kultur, die zuerst am 23. Januar 2022 gesendet wurde und mitten ins Aufregende führt, ins Leben von Menschen und Tönen, ins Jahr 1908 und in die Jahre vieler der Aufnahmen, die bis heute von diesem außergewöhnlichen Werk gemacht wurden. Ein Kammermusikensemble, zu dem eine Sängerin  kommt – so etwas hatte es bis dahin nicht… oh doch! Gleich mehr dazu! Außergewöhnlich ist aber an diesem opus 10 fast alles, und unter dramatischeren Umständen hat selten ein Werk seinen Weg in die Welt begonnen – einem Ehedrama folgte ein Suizid, und die Uraufführung wurde von Protestrufen verwüstet.
gerstl schönberg 1906

Die zweistündige Sendung verbindet Zeitdokumente mit zehn Aufnahmen aus acht Jahrzehnten, beginnend mit dem Kolisch Quartett, das 1936 in Hollywood alle vier Streichquartette Arnold Schönbergs aufnahm, in Anwesenheit des Komponisten, bis hin zum Kuss-Quartett 2015. Einen  besonderen Höhepunkt liefern das La Salle Quartet und Sopranistin Margaret Price – „ich fühle luft von anderem planeten…“ – im Mondlandungsmonat Juli 1969. Was die Innovativität des Stücks betrifft, gilt der Spruch „Cherchez la femme“ ganz anders, als es in der Rezeption dieses opus 10 bislang üblich war: Dass Arnold Schönberg hier die Tonalität hinter sich gelassen haben soll, weil seine Frau ihn betrog, ist ein doppelter Schwachsinn. Dass er aber eine Kammermusikbesetzung mit einer Stimme und Lyrik verband, könnte mit Ethel Smyth zu  tun haben. Ihre Four Songs für Stimme, Violine, Viola, Violoncello, Flöte, Harfe und Schlagzeug wurden im Februar 1908 in der britischen Botschaft in Wien aufgeführt, von einem Ensemble um denselben Geiger Arnold Rosé, dem Schönberg im selben Jahr sein opus 10 anvertraute. Wie schön, dass auch diese Songs in der Reihe der „Interpretationen“ noch abrufbar sind! Das diskographische Porträt von Ethel Smyth ist hier zu finden, und um die Four Songs (deretwegen die Times damals Ethel Smyth der „ultramodernen französischen Schule“ zurechnete) geht es ab Minute 59.

Spuren zwischen diesen und vielen anderen Werken und Menschen jener Zeit werden auch verfolgt in meinem Buch Flammen – Eine europäische Musikerzählung 1900 – 1918, das jetzt seine zweite Revision hinter sich hat und auf dem Weg in die Druckerei ist. Erscheinungstermin: 12. April 2022. Mehr dazu auf der Website des Rowohlt Verlags – wobei zu ergänzen ist, dass die 448 Seiten auch 24 Abbildungen enthalten. Darunter das Porträt – siehe oben – von Arnold Schönberg, das Richard Gerstl 1906 in Schönbergs Wiener Wohnung malte, jener geniale junge Künstler, in den sich 1908 Mathilde Schönberg verliebte, während ihr Mann sein 2. Streichquartett vollendete. Es war übrigens weder das erste noch das letzte opus 10, das neue Wege erschloss: Auch Debussys und Hindemiths Streichquartette mit, zufällig, dieser Werknummer haben es in sich!