Kategorie-Archiv: Blog

2. Februar 2025

Screenshot 2025-02-02 094852

»Dieses Adagietto war Gustav Mahlers Liebeserklärung an Alma! Statt eines Briefes sandte er ihr dieses im Manuskript, weiter kein Wort dazu. Sie hat es verstanden u. schrieb ihm: er solle kommen!!! (beide haben mir dies erzählt!)« Das notierte der Dirigent Willem Mengelberg in seine Partitur der Fünften Sinfonie, als er sie im März 1906 erstmals mit dem Concertgebouw Orkest probte, Das exzellente Online-Archiv des Orchesters verzeichnet ganze 39 Aufführungen des Werks unter Mengelsbergs Leitung bis 1938. Uraufgeführt wurde die Fünfte am 18. Oktober 1904 unter der Leitung des Komponisten mit dem Orchester, das sie auch heute, morgen und übermorgen spielt: Das Gürzenich Orchester Köln, das damals noch Cölner Städtisches Orchester hieß. Für das aktuelle Programm (mit Schumanns Klavierkonzert) schrieb ich einen Text, der auch hier zu lesen ist. Am kommenden Sonntag, 9. Februar, hat in Zürich Giacomo Puccinis Oper Manon Lescaut Premiere; mit der Sängerin der Titelrolle traf ich mich während der Proben. Elena Stikhina, 1986 geboren, erzählt vom Sterben auf der Bühne, der Arbeit mit Regisseur Barrie Kosky, den toxischen Beziehungen der Operngestalten, vom Lampenfieber neulich in der Scala und dem besonderen Kick, der sie aus einem kleinen Städtchen im Ural auf die großen Bühnen der Welt katapultierte: “Irgendwann kommt der Punkt, dass du diese Vibrationen im Körper spürst, wenn du singst. Und danach beginnst du süchtig zu werden.”

 

23. Dezember 2024

Screenshot 2024-12-22 160317

Sie ist neben Astrid Lindgren wohl eine der beliebtesten Autorinnen von Büchern für alle Generationen, und dazu noch Zeichnerin: Judith Kerrs erstes Bilderbuch “The Tiger Who Came to Tea” (1968) machte sie im UK bis heute fast noch berühmter als das Buch “When Hitler Stole Pink Rabbit”, “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl” (1971). Noch vor dem Kaninchen brachte Judy (wie sie von ihren Eltern Julia und Alfred Kerr und ihrem Bruder Michael genannt wurde) die Bilderbuchkatze Mog auf den Weg, von der oben ein bisschen was zu sehen ist. Die Dame links im Screenshot ist die Autorin im Alter von 92 Jahren.

Sie trat selbst kurz auf im Weihnachtswerbefilm des Supermarkts Salebury´s, der nach einer Geschichte von ihr gedreht und animiert wurde: Mog´s Christmas Calamity. Mogs Weihnachtsnöte von 2015 wurden auf Youtube bis heute 43 Millionen Mal gesehen. Der Plot in Kürze: Zuerst geht alles sehr schief, dann geht alles sehr gut. Ich selbst entdeckte diesen Kurzfilm erst jetzt, sozusagen als Beifang von Recherchen zur Mutter von Judith, Julia Kerr, die als Komponistin im Exil verstummte. Gar nicht wenig über sie erfährt man in den drei autobiografischen Romanen ihrer Tochter – dem “Kaninchen” folgten noch “Warten, bis der Frieden kommt” und “Eine Art Familientreffen” (im Original “The Other Way Round” und “A Small Person Far Away”).

Alle drei Bücher sind aus der Perspektive von Anna geschrieben, die zu Beginn des ersten Romans neun Jahre alt ist und im dritten Roman als 33-jährige die Stadt wiedersieht, aus der ihre Familie vor den Nazis floh – Berlin. Die Art der Wahrnehmung, auch die Sprache wandelt sich mit jedem Buch, und doch ist es immer unverwechselbar Judith Kerr, die da erzählt – in dritter Person -, sehr plastisch, mit einer sanften Wärme des Tons, die Trauer, Verzweiflung und gelegentlichen Sarkasmus nicht ausschließt, nichts beschönigt und nichts beschweigt.

Das alles ohne einen Hauch Didaktik einerseits und angestrengte Literarizität andererseits, unauffällig gut komponiert, kurz: so gut, dass es mich erstaunt, Judith Kerr in der hannoverschen Unibibliothek nur im “Fachbereich Erziehungswissenschaften” zu finden und nicht bei der Literatur, bei den “richtigen” Autoren, von denen sehr viele nicht annähernd so viel Klarheit, Persönlichkeit und Welt verbinden wie sie, die als “Kinder- und Jugendbuchautorin” rubriziert wird.

Kerrs “Eine Art Familientreffen” ist eines meiner drei Bücher dieses Jahres, nämlich solche, bei denen ich bedauerte, dass sie nicht noch mindestens 50 Seiten länger sind (auch wenn sie so genau richtig sind). Und die anderen beiden? Ein Solitär der (nicht nur) italienischen Literatur ist Beppe Fenoglios “Eine Privatsache” (“Una questione privata”, 1963), eine Erzählung von Liebe und Krieg im Italien des Jahres 1943, zuletzt bei Wagenbach erschienen, wimmelnd von Druck- und Satzfehlern, dafür mit einem exzellenten Nachwort von Francesca Melandri.

Eines der besten Bücher zum Thema Exil ist “Hölle und Paradies” von Bettina Baltschev, “Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur”. Das klingt etwas nach Dissertationsthema, ist aber eine so eingehende wie persönliche Spurensuche, die das Amsterdam von 1933 bis nach 1940 mit dem von heute verbindet. Präzise, klug, ruhig geschrieben, mit dezenter Emphase, voller Entdeckungen. Man möchte gleich losfahren zur Keizersgracht 333, wo Emanuel Querido so vieles verlegte, was in Deutschland verboten war. Das Buch erschien zuerst 2016 bei Berenberg und wurde 2024 neu aufgelegt.

Noch etwas Musik zum Jahresende: Für das Magazin der Elbphilharmonie ging ich dem Thema “Spielen” nach, von der Improvisation bis zur Aleatorik, von der »freyen Fantasie« bis zum Toy Piano. Passend zum Thema verlinke ich hier auf eine der wunderbaren Impros von Markus Becker, die “Butterfahrt“. Und als Rausschmeißer für heute noch die unüberbietbar krasseste und schrillste Interpretation der Habanera aus “Carmen”… gefunden im jüngsten VAN.

6. Dezember 2024

Screenshot 2024-12-06 161606

Sogar bei Penny in Walsrode wurden die Kunden mit der lustigen Nachricht beschallt, unlustige Nachrichten sind im Marktradio logischerweise nicht zugelassen. Eigentlich hätte die muntere Sprecherin auch gleich auf die günstigen Bananenpreise in der Obstabteilung hinweisen können, als sie erklärte, dass in New York eine Banane für 6,2 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt habe – eine Frucht, die am Tag der Auktion für 35 Cent erworben worden war, um dann bei Sotheby’s mit Klebeband an einer weißen Fläche befestigt zu werden… Eine Menge Leute haben zu diesem Ereignis ihren Senf dazugegeben, ich auch. Allerdings keinen lachshäppchentauglichen Honigsenf. Nachzulesen auf VAN, illustriert – siehe oben – von Merle Krafeld.

Am Tag der US-Präsidentschaftswahlen saß ich in Zürich mit einem Amerikaner zusammen, der auch die italienische Staatsangehörigkeit hat, mit seinen Söhnen in Berlin lebt und in Zürich als Politiker auftritt – genauer, als Riccardo in Verdis Oper Un ballo in maschera. Charles Castronovo kennt die USA von vielen Seiten – aus seiner Kindheit in einem lebensgefährlichen Vorort von Los Angeles ebenso wie von der Bühne der Metropolitan Opera aus gesehen. Eigentlich wollte er Rockstar werden, aber “die Stimme war zu sauber.” Plácido Domingo hat ihn dann zu der Erkenntnis gebracht, dass Oper der Rock´n Roll der Klassik ist. So ging das los… Am Sonntag hat Ein Maskenball Premiere in Zürich.