Happy Birthday, JSB! Der 340ste Geburtstag ist es. Zum 300sten zeichnete ich den Komponisten mit Edding auf die umgedrehte Titelseite der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom selben Tag (Aufmachertitel: “CDU will sich vordringlich um Arbeitslose und Umwelt kümmern”). Es gibt natürlich erheblichere Beiträge zur Bach-Rezeption, aber die Zeit ist knapp heute, und am besten ist es sowieso, seine Musik aufzuführen und zu hören. Sie kommt auch vor in einem Gespräch mit vier Gesangssolisten des Ensembles Cantando Admont, das eine wesentliche Rolle in Beat Furrers neuer Oper Das große Feuer spielt. Sehr knapp gesagt: ein Regenwalddrama mit Mikrointervallen. Die Uraufführung findet am Sonntag in der Oper Zürich statt.
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15. März 2025
Unfern der russischen Grenze zu Finnland in Sortavala entstand im Juli 1981 dieses Foto, das Dmitri N. Smirnov von der 49-jährigen Sofia Gubaidulina machte. Nun ist die Komponistin am 13. März mit 93 Jahren gestorben, in ihrem Haus bei Pinneberg. Als ich sie im April 1990 zum ersten Mal traf, war Gubaidulina noch ein halber Geheimtipp. Aber schon da musste der Workshop mit ihr in der hannoverschen Musikhochschule aus dem kleinen Saal 235 in einen größeren umziehen, weil so viele Interessierte gekommen waren. Als ich Sofia Gubaidulina zuletzt besuchte, im Oktober 2011, war sie fast 80 und längst eine internationale Größe – wohl die erste Komponistin der Geschichte, die es zu Lebzeiten zu Weltruhm brachte. Sie erinnerte sich voller Wärme an Dmitri Schostakowitsch, der sie ermuntert hatte, auf dem “falschen Weg” zu bleiben, auf dem man die junge Komponistin am Moskauer Konservatorium sah. Das und viel mehr ist nachzulesen im Text, den ich für VAN geschrieben habe – dort wird auch auf einige Videos von Aufführungen ihrer Musik verlinkt, last not least mit Gidon Kremer, der ihr Violinkonzert Offertorium anregte, uraufführte und aufnahm, was zu ihrem internationalen Durchbruch führte. “Gidon hat mich erschaffen”, meinte Sofia Gubaidulina – eines der bescheidensten Genies, die je gelebt haben.
7. März 2025
Am 7. Oktober 1913 schreibt Maurice Ravel in einem Brief: „Placet futile war schon fertig, aber ich habe es überarbeitet. Ich verhehle mir nicht, dass es eine gewaltige Kühnheit ist zu versuchen, dieses Sonett in Musik zu übertragen. Die melodische Kontur, die Modulationen, die Rhythmen müssen so fein, so delikat und zugleich komplex sein wie die Gefühle, die Bilder des Textes. Trotzdem muss die elegante Haltung des Gedichts da sein. Und, vor allem, die tiefe, bewundernswerte Zärtlichkeit, die all das umfließt. Jetzt, da es getan ist, habe ich ein bisschen Lampenfieber…“
Placet futile, Vergebliches Flehen, so heißt ein nahezu unübersetzbares Sonett von Stéphane Mallarmé, und was Maurice Ravel 1913 daraus machte, das sollte man heute an seinem 150. Geburtstag schon deswegen hören, weil ja sonst überwiegend der Bolero von 1928 rauf und runter gespielt wird. Auch ein tolles Stück! Aber hier, im mittleren der Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé, komponiert für zwei Flöten, zwei Klarinetten, Streichquartett, Klavier und Gesang, kann man den jungen Avantgardisten Ravel entdecken. Ich gestehe, bei einem Blindhören hätte ich bis zum Einsatz der Sopranistin auf etwas von Alban Berg getippt, vielleicht schon aus der Zeit der Arbeit am Wozzeck. So nahe wie in Placet futile kommen sich Ravel und der Kreis um Schönberg nie wieder – nicht von ungefähr. Über seinen Freund und Kollegen Strawinsky hatte Ravel Anfang 1913 den noch fast tintenfrischen Pierrot Lunaire von Schönberg kennengelernt und war fasziniert.
Das Gedicht – es geht, sehr grob gesagt, um Liebesgedanken beim Blick auf eine bemalte Porzellantasse – scheint ein völlig anderes zu sein als eben dasselbe Placet futile, das Claude Debussy etwa zeitgleich in derselben Stadt Paris komponierte. Während er den nostalgischen Blick in die Zeit der Schäferspiele zum Thema macht, etwas ironisch gebrochen, entdeckt Ravel Abgründe von Leidenschaft, Verlust, Sehnsucht. Das ist nicht das Lächeln einer gemalten Figur, auf die ein paar Träume projiziert werden, das ist das Lächeln eines zutiefst geliebten Menschen. Am schönsten hat Felicity Lott das Lied gesungen, 1983 mit dem Ensemble de Chambre de l´Orchestre de Paris. Noch viel mehr zu den Mallarmé-Vertonungen von Ravel und Debussy ist nachzuhören in einer Folge der Interpretationen auf Deutschlandfunk Kultur, 2022 entstanden, Infos hier.
Und der Boléro? Wollen Sie es wirklich wissen, von Polytonalität bis Bo Derek? Und was Debussy auch damit zu tun hat? Dann geht´s hier lang. Das signierte Lichtbild von Ravel aus der Zeit kurz vorm Boléro hängt übrigens im Künstlerzimmer der Sociedad Filarmónica da Bilbao, wo ich es fotografierte. Er hat in diesem Saal am 10. November 1925 eigene Werke dirigiert.


