Kategorie-Archiv: Historisch

Vierne II: Die Jahre des Leidens

Zweites Intermezzo zu Louis Vierne, zwischen den Orgelsinfonien III und IV

Niemand hört eine Stadt so gut wie einer, der wenig sieht oder gar nichts. Wenn Louis Vierne unterwegs ist, sind es vor allem die Trams und die cris de Paris, die er hört, die Rufe und Signale der Straßenhändler. Gemüsehändler, Bonbonverkäuferinnen, Katerkastrierer, Kesselflicker, Spielzeughändler, jede und jeder von ihnen mit einer eigenen Melodie, in manchen klingen Arien nach, in anderen Kirchengesänge, und dieser Sprechgesang wird unterbrochen von den Pfeifen und Hörnern, die sie einsetzen und die sich überlagern mit den langgezogenen pneumatischen Blastönen der Straßenbahnen.

Rund 70 Trambahnlinien gibt es um 1905 in der Stadt, die mit Dampf betriebenen weichen immer mehr denen mit Akku und mit Oberleitung, dazwischen das Rasseln von fast 5000 Automobilen, oder das Summen der Autos mit Elektromotoren., das Dampfhämmern an hundert Baustellen. Vierne kennt auch den Klang einer steckengebliebenen Tram, die mit kleinen Pausen schreit wie ein sterbendes Tier. Er hört, wie all die Motive sich verknüpfen zu einer Sinfonie der Metropole.
Und noch einer hört es, begabt mit dem besonderen Ohr jenes musikalischen Schriftstellers, dem wir diese Eindrücke verdanken – es ist der mit Vierne fast gleichaltrige Marcel Proust. Dieser Klang also umgibt den Organisten, wenn er die Kirche verlässt, es ist der äußere Klang um seinen inneren, um seine eigene Musik. Und dann ist da das Leben, in dem diese Musik entsteht. Die Dritte und die Vierte Orgelsymphonie führen hinein in die dramatischsten Jahre dieses Komponisten. Aber vielleicht helfen sie ihm auch, sie zu überstehen.

Im Mai 1906 stürzt Louis Vierne. Auf dem regennassen Quai Malaquais hat er die mit Wasser vollgelaufene Baugrube einer neuen Straßenbahnlinie nicht erkannt. Er bricht sich das Bein. Streikende Arbeiter in der Nähe, die er eben noch die Internationale hat singen hören, laufen herbei. Einer von ihnen erkennt den Organisten von Nôtre-Dame – Vierne hat im Vorjahr ohne Gage bei einem Treffen der Gewerkschaft gespielt. Die Männer bringen ihn vorsichtig heim. Das Bein kann nur mit mehreren Operationen vor der Amputation bewahrt werden. Nach zwei Monaten beginnt er, wieder gehen zu lernen, nach fünf Monaten wagt er sich an die Orgel und stellt fest, dass er den Fuß kaum auf den Pedalen bewegen kann. Bis zum Jahresende übt er, um wieder spielen zu können.

Am 6. Januar 1907 kommt Colette zur Welt. Als Louis Vierne ihr sechs Jahre später ein Klavierstück widmet, „à ma fille“, „für meine Tochter“ erklärt ihm die Mutter des Mädchens: „Die Widmung ist sinnlos, denn sie ist nicht deine Tochter.“ Schon lange hat Arlette Vierne eine Affäre mit Charles Mutin, dem Orgelbauer, dem Vierne seine Zweite Orgelsinfonie widmete: „à mon ami“.

Am 12. Januar 1907 kommt Louis Vierne mit Fieber und Kopfschmerzen nach Hause. Bald kann er nicht mehr sprechen, hört aber den Arzt sagen: „Wenn das Fieber nicht in den nächsten zwölf Stunden sinkt, wird er sterben.“ Sieben Wochen dauert die Genesung von der Typhusinfektion. Am Sonntag Laetare, 3. März 1907, sitzt er wieder an seiner Orgel. Er vollendet auch seine Violinsonate für Eugène Ysaÿe, die dieser mit großem Erfolg zur Uraufführung bringt.

vierne arlette

Im August 1909 wird die Ehe geschieden. Arlette übernimmt das Sorgerecht für die jüngeren Kinder, Louis das für den neunjährigen Jacques. Josephine Vierne, 63, übernimmt die Haushaltung für ihren Sohn und ihren Enkel – nur ein halbes Jahr lang, denn am 25. März 1910 stirbt Viernes Mutter an Nierenversagen. Ihr folgt vier Tage später Alexandre Guilmant, 74 Jahre alt, Leiter der Orgelklasse am Konservatorium. Er hat sich gewünscht, dass Vierne, sein Assistent in all den Jahren, sein Nachfolger wird. Man übergeht Vierne.

Von Mai bis September 1910 schreibt er seine Dritte Orgelsymphonie auf dem Sommersitz der Eltern des Organisten Marcel Dupré, dem sie gewidmet ist und der sie in Paris aufführt. Die Vierte Orgelsinfonie beginnt er 1913 zu schreiben. Eine „bittere Sache,“ sagt er später, „die einen Moment lang von einem Rest Illusion erhellt wird und dann im Fieber endet.“ Es ist das Fieber seines zweiten Kindes. Am 7. September 1913 ist André mit zehn Jahren der Tuberkulose erlegen. Vollendet wird die Sinfonie ein Jahr später in einer Zeit, als ganz Europa in einen Krieg gerät, der zum Weltkrieg wird.

Die Schüler und Studenten, die den Lebensunterhalt von Louis Vierne sichern, verlassen Paris. Die Älteren ziehen an die Front, die Jüngeren aufs Land, der vierzehnjährige Jacques zu seiner Mutter. Von August bis Oktober 1914 vollendet Vierne die Vierte Orgelsymphonie, eine Tondichtung für Orchester und zwölf Préludes für Klavier. Die folgenden Jahre verbringt Vierne, der kaum Einkünfte hat, bei Freunden und Gönnern in Frankreich und der Schweiz.

Im Mai 1915 macht sich beim 45jährigen eine Sehnervschädigung bemerkbar. Zugleich verlässt ihn Jeanne Montjovet, die junge Sängerin, mit der er seit seiner Scheidung zusammen war. „Gefährtin in dieser schmerzvollen Zeit“, sagt er über sie, „Inspiratorin und Interpretin, die den armen blinden Augen den Sinn des Lebens und die Freude des Schaffens sichtbar werden ließ.“

Am 7. November 1917 wird die Vierte Orgelsinfonie im amerikanischen Boston von Francis Snow zum ersten Mal gespielt. Im Mai ist Viernes Sohn Jacques mit Einwilligung des Vaters als Siebzehnjähriger an die Westfront gegangen. Aus seiner Begeisterung wird Entsetzen, als er das sinnlose Schlachten erlebt. Er gehört zu den vielen Hunderten, die den Gehorsam verweigern, und zur kleineren Zahl derer, die standrechtlich erschossen werden – am 11. November 1917. Für Jacques schreibt Louis Vierne sein Klavierquintett. Als er es im Mai 1918 vollendet hat, wird Viernes jüngerer Bruder René das Opfer einer Granate. Auch vier Studenten des Organisten kehren nicht aus dem Krieg zurück.

Vielleicht kann da nur noch einer Hoffnung fassen, der einen so großen inneren Klang hat wie dieser Komponist, einen so weiten Raum für diesen Klang, voller Trauer und Schönheit.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand für das Projekt KathedralKlangKosmos mit Musik von Louis Vierne (1870-1937) und war am 2. und 3. Juli 2021 in Stadthagen und Nienburg, am 1. Oktober in Rotenburg (Wümme) zu hören – als zweites von drei Intermezzi zu Viernes sechs Orgelsinfonien. Die Fotografie zeigt Viernes Frau Arlette und den ersten Sohn Jacques etwa zur Zeit der Scheidung – entnommen dem Buch “Louis Vierne: Organist of Notre-Dame Cathedral” von Rollin Smith (1999), zugänglich über archive.org.

Vierne III: Die Orgel von Nôtre-Dame

Drittes Intermezzo zu Louis Vierne, zwischen den Orgelsinfonien V und VI

Frühmorgens am Montag, 3. August des Jahres 2020, beginnt die Demontage der größten Orgel in Frankreich. Fünf Monate wird es dauern, bis alle Teile des Instruments abgebaut und in die Werkstatt von Bertrand Cattiaux gebracht worden sind, verdreckt vom Bleistaub, der beim Brand der Kathedrale von Nôtre-Dame aus den Rauchschwaden auf das Instrument herabfiel. Dass der Orgel nichts Schlimmeres geschah, ist das glückliche Wunder inmitten der Katastrophe vom 15. April 2019.

Weder die Flammen noch die Hitze noch die 24000 Liter Löschwasser pro Minute, mit denen der Brand gestoppt wurde, haben der Substanz des Instruments und seinen 8000 Pfeifen Schaden zugefügt. Zuallererst wird an diesem Morgen der Spieltisch in Sicherheit gebracht, auf einer Plattform heruntergelassen, von maskierten Bauarbeitern. Corona hat die Demontage um fünf Monate verzögert, und ebenso lange wird sie dauern.

Als Louis Vierne am 12. April 1920 nach Paris zurückkehrt, nach mehr als fünf Jahren, findet er die Orgel von Nôtre-Dame – zwischenzeitlich hat ihn sein Schüler Marcel Dupré vertreten – in einem jämmerlichen Zustand.
Schon vor dem Krieg hatte sie viel gelitten. Im Januar 1910 war die Seine durch Tauwasser und Regenfälle zum reißenden Strom geworden und weit über die Ufer getreten, drei Meter hoch stand das Wasser über den Straßen. Die Pariser ruderten durch ihre Stadt, zwischen tausenden von Ratten aus der überquellenden Kanalisation, die Energieversorgung brach zusammen, die Metro, die Heizungsanlage von Nôtre-Dame. Kälte und Luftfeuchtigkeit beschädigten die Mechanik.

Zwei Jahre später das Gegenteil: Eine Hitzewelle im Sommer 1912 lässt die Außentemperatur auf 38 Grad steigen. An der Rosette, dem gewaltigen Glasfenster hinter der Orgel, misst Louis Vierne sogar 72 Grad. Der Leim in der Windlade beginnt sich aufzulösen, die Mechanik verzieht sich. Wieder rückt Charles Mutin an für eine provisorische Reparatur – ohne diesen Orgelbauer, an dem seine Ehe zerbrach, kommt Vierne nicht aus.

Wieder zwei Jahre später kommen die Deutschen. Nachdem ihre Truppen bereits die belgische Universitätsstadt Leuwen nebst unersetzlicher Bibliothek verbrannt und die Kathedrale von Reims mit Granaten beschossen haben, erscheinen am Sonntag, 11.Oktober 1914, fünf Eindecker vom Typ Taube über Paris und werfen Bomben ab, drei gezielt auf Notre Dame. Eine trifft die Vierung, explodiert und löst einen Brand aus, der gelöscht werden kann. Auf ebenfalls abgeworfenen Fähnchen lässt die Kulturnation Deutschland grüßen: „Wir haben Antwerpen genommen, ihr seid auch bald dran.“ Zur Sicherheit demontiert man die Glasfenster, aber der Orgel tut das nicht gut.

Im April 1920 also findet Vierne sie bedeckt von Staub und toten Fledermäusen, von Feuchtigkeit durchzogen, die Mechanik ist so marode wie die Halterung der zu dieser Zeit 5246 Pfeifen. Eine ihrer größten löst sich bei einem Gottesdienst und kann knapp davor bewahrt werden, von der Empore in die Reihen der Gläubigen zu stürzen. Die Gemeinde von Nôtre-Dame ist zu der Zeit arm wie die meisten Kirchengemeinden in Frankreich – seit der Trennung von Kirche und Staat 1905 sind sie auf Spenden angewiesen. Der Zustand der Orgel entspricht dem des inzwischen bettelarmen Organisten. Da erscheint endlich der rettende Engel.

Madeleine Richepin ist 22 Jahre alt, Sängerin, sie kommt aus einer so alten wie reichen Familie und bringt Viernes Leben in Ordnung. Er kann aus seiner Hotelabsteige in eine schöne Wohnung unfern des Arc de Triomphe ziehen, Mademoiselle kümmert sich um Konzerte, Tourneen, den Druck seiner Werke, nimmt Kontakt zu seinen Schülern auf. Sie ist Impresario, Kopistin, Assistentin, Sekretärin, Chauffeurin – eine gefürchtete Automobilistin allerdings -, und eine überaus gut gelaunte Person. 1923 geht es Vierne, nach einer Tournee durch die Schweiz und Italien, so gut, dass er sich an eine Fünfte Orgelsymphonie setzt. Eine Entgrenzung.

Uraufgeführt wird sie ein Jahr später von Joseph Bonnet. Zu dieser Zeit geht es auch der Orgel von Nôtre-Dame schon etwas besser. Mit Spenden, für die Marcel Dupré und Louis Vierne mit Auftritten in England geworben haben, wird ein elektrischer Blasebalg finanziert.vierne mit richepin

Im April 1927 sehen wir Louis Vierne und Madeleine Richepin an der Reling des Ozeandampfers Rochambeau, auf dem Rückweg von einer USA-Tournee. Etwas tapsig steht der 56jährige da, die Augen beschattet von der Krempe eines mächtigen schwarzen Huts. Schwarz sind auch der Anzug und die Krawattenschleife nach der Mode von 1910, während Mademoiselle unter einer topaktuellen cloche, dem knappen Glockenhut, hervorstrahlt, bekleidet mit Pelzmantel, Rautenstrümpfen und Riemchenpumps.

In knapp drei Monaten hat Louis Vierne 34 Konzerte gegeben, das erste in einem New Yorker Kaufhaus. Wanamaker´s Department Store ist eine Musikadresse mit eigenem Auditorium, schon Richard Strauss hat hier dirigiert, die Orgel hat 7000 Pfeifen, 120 Register und vier Manuale. Danach bereisen Vierne und Richepin den Kontinent von Kalifornien bis Kanada. Und sie treiben genug Spendengelder ein, um die Orgel von Nôtre-Dame restaurieren und erweitern zu können.
Am erneuerten Instrument spielt Maurice Duruflé am 3. Juni 1935 erstmals die Sechste Orgelsinfonie. Sein Lehrer Vierne hat sie mit 59 Jahren komponiert, in der Villa der Familie Richepin an der französischen Riviera. „Das intensive Sonnenlicht“, schreibt er darüber, habe ihn früheres Unglück vergessen lassen, nur die „reine animalische Freude des Daseins“ sei geblieben.

Aber es ist ein kranker, erschöpfter, blasser Mann, der sich am 2. Juni 1937 die neunzig Stufen zum Spieltisch der Orgel von Nôtre-Dame hochhelfen lässt, zu einem Konzert vor 3000 Gästen. Oben angekommen, erhält er ein herzstärkendes Mittel von Dr. Mallet, dem Mann, den Madeleine Richepin inzwischen geheiratet hat. Auch sie ist auf der Empore, und Maurice Duruflé, der die Register ziehen wird. Es ist mucksmäuschenstill in der Kathedrale, als Louis Vierne das Konzert mit seinem Tryptichon beginnt. Dieses endet mit der Stele für ein gestorbenes Kind, er bringt das mit zitternden Händen zuende. Dann sagt er, er könne die Tasten nicht mehr sehen. Die Menschen unten in der Kirche hören nun ein tiefes E, lang und nicht enden wollend. Ist es der Beginn der angekündigten Improvisation? Louis Vierne, dessen Fuß auf dem Pedal ruht, hört diesen Ton nicht mehr.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand für das Projekt KathedralKlangKosmos mit Musik von Louis Vierne (1870-1937) und war am 2. und 3. Juli 2021 in Stadthagen und Nienburg, am 1. Oktober in Rotenburg (Wümme) zu hören – als drittes von drei Intermezzi zu Viernes sechs Orgelsinfonien.

Vier ungleiche Brüder

Die komponierenden Söhne des Thomaskantors J.S. Bach gingen höchst verschiedene Wege – in die Weltstadt, in die Provinz, zu Wohlstand und Armut. Vier Werke aus einem halben Jahrhundert spiegeln Stationen ihres Lebens

Den beiden Besuchern aus Bückeburg verschlägt es den Atem, als sie in London ankommen, im Frühsommer 1778. Ein Welthandelszentrum, in dem sich an die 800.000 Menschen drängen, unvorstellbar für die Bauern und Handwerker der norddeutschen Residenzstadt Bückeburg. Auch der Leiter der dortigen Hofkapelle hätte sich, samt Sohn, nicht hergewagt, gäbe es in London nicht den erfolgreichen Bruder, 42 Jahre alt: Johann Christian Bach, Mr. John Bach, drei Jahre jünger als Johann Christoph Friedrich. Er zählt hier zur Musikprominenz. Gerade erst hatte seine fünfte Londoner Oper Premiere, Scipione, und seit drei Jahren steht am Hanover Square das Konzerthaus, das er und zwei Mitunternehmer haben bauen lassen, in der Nähe des Parlaments.
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Wer hätte sich das träumen lassen, als er und acht Geschwister im Juli 1750 den letzten Abschied vom Vater nahmen, dem Thomaskantor? Johann Christian war damals vierzehn, zweitjüngstes Kind neben der acht Jahre alten Regina, und wie alle Söhne hatte er Unterricht gehabt beim „berühmten Musicus“, der sein Vater war. Hochbegabt und bestens ausgebildet waren die jungen Musiker, die um den Vater trauerten, und drei auch schon in passablen Stellungen. Doch wie verschieden die Wege verlaufen würden, die Johann Sebastian Bachs vier komponierende Söhne aus zwei Ehen dann gingen – das ist mehr als polyphon.

Nach der Beerdigung hatte der Älteste, Friedemann, seine Beurlaubung vom Organistenamt in Halle verlängert, um den Jüngsten nach Berlin zu bringen. Dort sollte Carl Philipp Emanuel, Hofcembalist Friedrichs II., Christians Lehrer sein. Typisch für Friedemann, dass vom Urlaub kein Vorgesetzter etwas wusste. Mit spöttischer Melancholie stand er über den Dingen und im Schatten des Vaters. Er war dessen „gutes Jüngelchen“ gewesen, Hoffnungsträger einer Musikerdynastie; er hatte eine Ausbildung ohnegleichen genossen. Wo er sich an eine Orgel setzte, hatte kein Konkurrent eine Chance, aber Geschäftliches interessierte ihn nur im Notfall, Eigensinn ging vor Diplomatie.

In Dresden hatte er seine Orgelkunst zehn Jahre lang für ein Jammergehalt verschenkt, 80 Taler im Jahr, während die Faustina an der Hofoper 4000 einstrich. Mit kleinen Werken für Adlige besserte er die Einkünfte auf, es sind Experimente im neuen Genre einer mehrsätzigen Sinfonie. Nur drei sind ganz erhalten, etwa die Sinfonia F-Dur: Kurze Sätze voller Kontraste, Abrisse, Andeutungen, voller Eindrücke auch aus Hasses Opern und Zelenkas Kirchenmusik, das alles aber komprimiert und durchgearbeitet im polyphonen Satz, mit dem er groß wurde und den er, als einziger der Söhne, niemals aufgibt. In Halle, wo Friedemann seit 1746 die Organistenstelle hat und nach seines Vaters Tod heiratet, wird er nicht glücklich. Mit 53 Jahren kündigt er einfach, ein seltsames Wanderleben mit Frau und Tochter schließt sich an, halb prekär, halb prominent. Am liebsten improvisiert Friedemann stundenlang.

Der dreieinhalb Jahre jüngere Carl Philipp ist das genaue Gegenteil, zielstrebig, systematisch, witzig, offen. Zwar erfinden er und Friedemann gleichsam die Klaviersonate in den Jahren, in denen ihr Vater die h-Moll-Messe schreibt. Aber vom Jüngeren liegen schon zwei Sixpacks im Handel vor, als der Ältere seine erste Sonate drucken lässt, ein so komplexes Werk, dass es kaum jemand kauft. Seit 1741 ist Carl Philipp Hofcembalist in Potsdam, wo er im Schatten des Flötisten Quantz steht. Doch als der seine Flötenschule vorlegt, folgt Carl Philipp mit dem geistvoller geschriebenen Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen, 1753, der den Musiker auch als Buchautor berühmt macht.

So einem muss Friedrich II. zähneknirschend eine Gehaltsaufbesserung gewähren, während Carl Philipp in seiner Musik längst das Weite sucht. In der e-Moll-Sinfonie aus der Mitte der 1750er wird ein selbstbewusstes Unisono-Statement in sanguinische Motorik überführt. Polyphone Reste finden sich in kleinen, melancholischen Vorhaltsbildungen, die in der Rasanz nicht die Substanz verlieren. An solche Modelle knüpft Johann Christian an, der mit vierzehn Jahren seine Lehre beim großen Bruder begann, beim Halbbruder strenggenommen, denn Christian kommt aus Bachs zweiter Ehe.

Wer hört, was der 19-jährige am Ende seiner Lehrjahre komponiert, das Cembalokonzert f-Moll, könnte im motorischen ersten Satz meinen, er habe bereits London ins Auge gefasst, im Andante, es sei die Begleitung einer der Arien, die er in Italien schreiben wird; im funkelnden Prestissimo herrscht das Tempo, mit dem es ihn aus dem Staub Brandenburgs herausdrängt. Mit einer italienischen Sängerin und einigen Empfehlungen in der Tasche reist er gen Süden und macht umgehend Furore: Als Opernkomponist in Neapel, als Organist in Mailand, als Giovanni Christiano Bach, der zum Katholizismus konversiert – und mit 26 Jahren ans King´s Theatre in London gebeten wird.

Dieses Leben ist geradezu der Gegenentwurf zu dem des Vaters und hätte dem vielleicht doch gefallen, denn Kantor zu werden war keineswegs sein Traum. Und selbst JSB ist, wegen ungebührlicher Nähe ohne Ehe, einmal vermahnt worden wie Giovanni, der den Kontakt mit Künstlerinnen ungern auf die Arbeit beschränkt. Als Mr. Bach gewinnt er nicht nur in London schnell Renommée, auch international. Fast jedes Werk, das er in England publiziert, wird auch in Paris und Amsterdam gedruckt. Die junge Königin Charlotte hat bei Bach Cembalolektionen und bittet ihn dazu, als sie 1764 einen achtjährigen Wunderknaben aus Salzburg empfängt.

Während die anderen diesen Mozart bestaunen wie ein Zirkustier, setzt sich Johann Christian mit ihm ans Cembalo, spielt mit ihm vom Blatt, behandelt ihn als Profi, und das vergisst Mozart nie. Was ihm die ganze Familie Bach bedeutet, macht sein Brief an Leopold Mozart vom 10. April 1782 deutlich: „ich mach mir eben eine Collection von den Bachischen fugen. – so wohl sebastian als Emanuel und friedeman Bach. (…) – sie werden wohl schon wissen daß der Engländer Bach gestorben ist? – schade für die Musikalische Welt!“

Johann Christian ist im Januar 1782 gestorben, keine 47 Jahre alt, nach rasantem Niedergang. Der Unternehmer, von dem sein ebenso renommierter Malerfreund Thomas Gainsborough ein grandioses Porträt schuf, hat sich verkalkuliert, ein Diener veruntreut 1000 Pfund, umgerechnet rund 170.000 Euro. Der wirtschaftliche wie gesundheitliche Verfall findet just in den Jahren statt, als der Sohn des „Bückeburger Bach“ bei ihm in die Lehre geht. Johann Christian Bach ist im Frühkapitalismus abgebrannt – aber er hat zuvor Funken gesprüht.

Beides lässt sich vom Bruder aus Bückeburg nicht sagen, der vom Besuch in London 1778 mit einem Fortepiano und Stücken neuen Stils zurückkehrt, aber bis ans Lebensende im gräflichen Dienst bleibt, den er schon mit siebzehn Jahren antrat, mit Vaters Begleitschreiben: „Übersende hiermit meinen Sohn.“ Nicht, dass er in dem Nest versauert wäre. Es gab glückliche Jahre der Zusammenarbeit mit Hofprediger Johann Gottfried Herder, und die Hofkapelle wurde unter Bachs Leitung eine der besten in Deutschland. Mit ihr führt er, um 1790, auch sein Konzert für Viola, Klavier und Orchester Es-Dur auf, dem man anhört, dass Johann Christoph Friedrich Bach auf aktuellem Stand ist: Hier nimmt erstmals nicht ein Bach Einfluss auf Mozart, sondern umgekehrt.

Zu dieser Zeit ist der Bückeburger der einzige noch lebende Sohn des Thomaskantors. Wilhelm Friedemann, der mit seinen Polonaisen für Klavier schon in die Nähe Chopins geraten war, der an jeder Orgel Aufsehen erregte, aber nirgendwo Fuß fasste, hatte es sich am Ende in Berlin noch mit der Schwester des Preußenkönigs verdorben, die ihn unterstützte, und ist dort mit 73 Jahren verarmt in der Wohnung eines Tischlermeisters gestorben.

Carl Philipp folgte ihm im Winter 1788 unter denkbar besseren Umständen. Seit 1768 Direktor der fünf Hamburger Hauptkirchen, war er nicht zu eigenen Kirchenkompositionen verpflichtet. Er schrieb vor allem instrumentale Werkzyklen, wie schon sein Vater, dazu Oratorien wie Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, großbesetzter Sturm und Drang, der in Konzertsälen bejubelt wurde. Zur bürgerlichen Existenz an der Elbe gehörten eine Kunstsammlung und wohlgehütete Manuskripte aus Johann Sebastians Nachlass, ohne die dessen Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert kaum möglich gewesen wäre.

Sieht man sie sich auf Bildern an, seine vier Söhne, dann sind die einzige Gemeinsamkeit die kräftigen Augenbrauen, die wir vom Thomaskantor kennen. Mit fernem Lächeln sieht uns der späte Friedemann an, als Energiebündel der mittlere Carl Philipp mit dunklem Teint, aus rosigem Antlitz blickt versonnen der junge Johann Christoph Friedrich. Johann Christian aber schaut so cool zur Seite, am Maler vorbei, als habe er eigentlich Wichtigeres zu tun, als an eine Nachwelt zu denken, die sich ihn anschauen könnte. Gegenwart! Alles ist offen, kein Weg ist festgelegt. Niemand zeigt uns das so gut wie diese vier Brüder.

Dieser Text entstand für die Oper Zürich anlässlich des Livestream-Konzerts von La Scintilla, geleitet von Riccardo Minasi, am 19. Dezember 2020, online zu erleben bis 27. Dezember 2020. Das Porträt von Johann Christian Bach (Öl auf Leinwand, 750 x 620 mm) malte Thomas Gainsborough ca. 1776. Es befindet sich im Besitz der National Portrait Gallery, London