Kategorie-Archiv: Reportagen

Madame Bru lässt bitten

Warum ausgerechnet ein Palästchen in Venedig die Welt mit vergessener Musik aus der französischen Romantik beglückt

Navis blicken hier nicht durch. Wer die Adresse eingibt, San Polo 2368, landet zwar im richtigen Viertel in Venedig, im Sestiere Polo, aber an der falschen Stelle. Ein Märchen erreicht man anders. Man suche etwa nach der Calle d’Olio, lasse dort die raffiniert getarnte Gran Scuola di San Giovanni Evangelista links liegen und nehme das nächste (namenlose) Gässchen rechts. Oder begebe sich in den Tunnel, der auf der Nordseite des Campo St. Stin unter den Häusern entlangführt, bis vor ein Tor in einer Gartenmauer. Dahinter Putten, Hecken, Mäuerchen und ein Palästchen, ein Palazzetto, von außen so schlicht, dass man darin wohl kaum einen freskengeschmückten, 300-jährigen Musiksaal vermuten würde.

Noch weniger aber rechnet man hier mit dem Herzen einer jungen Organisation, die bereits im fünften Jahr ein Wunderland der Raritäten vor den Musikfreunden aus aller Welt ausbreitet. Wer kennt schon Theodore Gouvy? Oder Félicien David? Wer weiß von Jules Massenets aufregender Sektenoper Le Mage? Oder von der Orchestersuite, die der 22-jährige Claude Debussy nicht vollendete? War alles Schrott, was Hunderte begabter Franzosen schrieben, um mit dem begehrten Prix de Rome unter den Platanen der Villa Medici weiterkomponieren zu dürfen? Solche Fragen beantworten mittlerweile über hundert CDs, CD-Bücher und DVDs, hinter denen als Initiatoren und Unterstützer die Leute aus dem Palazzetto stecken.

Ebenso stecken sie hinter Konzerten in ganz Europa, hinter Symposien und Erstausgaben, die allesamt die musique romantique française beleuchten, und zwar die vergessene. Mittlerweile sind so viele Kostbarkeiten und Überraschungen aufgetaucht, liebevoll ediert, von besten Musikern gespielt, dass sie gleichsam wie ein zweites Venedig um den Canal Grande des Mainstreams wachsen, labyrinthisch, schön, voller Patina auch, von Vergänglichkeit und Ungerechtigkeit kündend, von vergangenen Festen und ungeküssten Schönen. Geld, scheint es, spielt keine Rolle. Wie kommt das, was ist da los? Warum französische Romantik an der Lagune, und wem gehört eigentlich dieser kleine Palast mit Bootsanleger?

1695 hat ihn Marino Zane bauen lassen, Spross einer der ältesten venezianischen Familien, als Ergänzung zum großen Palazzo Zane, als intimes Refugium für Bücher und Musik. Vielleicht hatte Nicole Bru ihn ja bereits ins Auge gefasst, als sie mit ihrem Mann Venedig besuchte, immer wieder. Jean Bru gehörte unter anderem das Pharmaunternehmen UPSA, dessen bestverkauftes Produkt seine Frau als promovierte Medizinerin mitentwickelt hatte: Efferalgan, eine Brausetablette gegen Schmerzen. Als Jean Bru 1989 starb, wurde der Wert von UPSA auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Heute gilt seine 75-jährige Witwe als eine der zehn reichsten Frauen Frankreichs, lebt allerdings in der Schweiz.

Sie hätte dem geliebten Hubschrauberfliegen weitere teure Hobbys hinzufügen können. Sie hätte teure Kunst ersteigern und in einer Villa verstecken können. Stattdessen gründete sie eine Stiftung, die Medizin, Erziehung und Umweltschutz fördert und nicht zuletzt Kultur. Weil Madame Bru die Musik so liebt wie Venedig und weil sie Französin ist, kaufte sie 2006 den Palazzetto für acht Millionen Euro, ließ den heruntergekommenen Bau von den Stützpfählen bis zu den Fresken für vier weitere Millionen renovieren und eröffnete 2009 unter dem Namen Palazzetto Bru Zane ein Centre de musique romantique française, dem für Forschung und Praxis jährlich drei Millionen Euro zur Verfügung stehen.

“Es ist ein Traum”, sagt Alexandre Dratwicki, der wissenschaftliche Leiter. “Ehe es losging, bin ich in Paris jeden Morgen aufgewacht und dachte, da gibt es dieses Zentrum in Venedig, du wirst da arbeiten und bekommst Geld dafür, Gouvy und Duboit zu entdecken – das ist unmöglich!” Dratwicki ist Mitte dreißig, ein heiterer Typ, mit jenem dezenten Schick gekleidet, der unter Musikwissenschaftlern ebenso wenig verbreitet ist wie die Fähigkeit, Partituren zu lesen – und zwar so, dass man selbst Vielstimmiges bei der Lektüre klingen hört. Diese Art Lektüre betrieben Alexandre und sein Zwillingsbruder Benoît leidenschaftlich schon als Halbwüchsige in Metz, was sie früh zu Raritätensuchern prädestinierte.

Während Benoît zum Direktor des (staatlich subventionierten) Centre de Musique Baroque de Versailles wurde, durchforstet Alexandre, zwischen Paris und Venedig pendelnd, die Archive nach der verlorenen Romantik. Dass gerade in Frankreich so viel unterging, meint er, liege an der Zentralisierung auf Paris und der Konzentration auf die Oper. “Wer als französischer Komponist im 19. Jahrhundert Geld verdienen wollte, musste Opern schreiben. Und wer eine Oper in Bordeaux oder Lyon unterbrachte, also in der Provinz, kam für Paris nicht mehr infrage. Ein Riesenproblem.” Auch deswegen verschwand einer wie der Lothringer Theodore Gouvy, der vor allem Kammermusik komponierte, schnell wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Unterm Opernkessel wiederum herrschte ein enormer Druck. Plötzliche Trendwechsel konnten sicher geglaubte Erfolge stoppen. Le Mage zum Beispiel, Jules Massenets Zarathustra-Oper, gleich nach seinem Meisterwerk Werther geschrieben und bombastisch ausgestattet, war 1891 ein Renner, 30 Mal aufgeführt. Doch dann übernahm ein Wagner-Fan die Direktion des Palais Garnier, und das war’s, auch für die Nachwelt. Mit keiner einzigen Aufnahme ließ sich bislang überprüfen, ob das Werk zu Recht verschwunden war. Nun liegt wieder eines dieser fabelhaften CD-Bücher der Edition Bru Zane vor. Zwar ist die tenorale Titelrolle problematisch besetzt, aber schon die ersten Takte erlauben starke Zweifel an den Urteilen früherer Lexikalisten. Düster, groß, konzentriert – unser dürftiges Bild von Massenet muss um einige wesentliche Farben ergänzt werden.

Überhaupt fokussiert sich das musikalische Europa im 19. Jahrhundert allzu schnell und widerstandslos auf Wagner. Während dessen Sterbepalast in Venedig in ausgleichender Ironie heute ein Spielkasino beherbergt, weichen die Leute vom Palazzetto dem sogkräftigen Deutschen keineswegs aus, sondern sorgten für eine der spannendsten Gegenüberstellungen im nur begrenzt innovativen Wagnerjahr überhaupt: Mark Minkowsky dirigierte in Versailles Le vaisseau fantôme nach jenem Prosaentwurf, den der Direktor der Pariser Oper anno 1841 dem jungen und notorisch von Geldnöten getriebenen Wagner für 500 Franc abkaufte, um den Stoff von Pierre-Louis Dietsch vertonen zu lassen.

Kurz nacheinander wurden damals der deutsche und der französische Holländer uraufgeführt, in Paris und in Dresden, und nun lassen sich auf vier CDs beide vergleichen – der von Wagner in der einaktigen Fassung, die in der Nähe von Paris entstand. Man hört dabei, wie ausgeprägt die Konventionen der Grand opéra waren, die dem 1808 geborenen Dietsch die Feder führten, und wie einsam Wagner mit seiner Ästhetik damals in der musikdramatischen Landschaft stand. Das ganz ausgeleuchtet zu sehen ist der eigentliche Gewinn dieses außerordentlich fairen Prozesses.

Eine ähnliche Trouvaille, vor wenigen Tagen konzertant in Brüssel aufgeführt, stellt die 1859 uraufgeführte Naturkatastrophenoper Herculanum von Félicien David dar. Dratwicki kann solche Funde allerdings nicht einfach durchpauken. Ein sechsköpfiger Conseil d’orientation prüft vor allem die teuren Opernausgrabungen scharf, “und wenn dann einer sagt, das Stück ist doch total schlecht, muss man seiner Sache schon sehr sicher sein”. Es spricht für sein Gespür, dass in dieser Saison in 130 Städten und 315 Konzerten Werke zu hören sind, die vom Palazzetto entdeckt wurden oder gefördert werden. 27 Konzerte finden in Venedig statt, wo man sonst überwiegend Vivaldis Jahreszeiten fiedelt und das Musikleben, wie in den meisten Städten Italiens, nur ein Schatten dessen ist, was dieses Land und diese Stadt für Europas Musik einmal bedeutet haben.

Selbst ein neues Monteverdi-Vivaldi-Festival mit Donna Leon als (inzwischen wieder abgefallener) Galionsfigur scheint sich da schwer zu tun – bis jetzt ist auf seiner Website kein aktuelles Programm zu finden. Florence Alibert, die junge Direktorin des Palazzetto, nimmt die Lagunenstadt in Schutz: “Vergessen Sie nicht, es sind im Zentrum nur 60.000 Einwohner! Und Venedig bleibt ein magischer Platz für Künstler. Hier hat man slow time, sie sind mehrere Tage hier, und bei Aufnahmen stören einen höchstens die Glocken und die Gondolieri.” Im traumschönen Musiksaal, in den 80 Zuhörer passen, hat zum Beispiel das Quatuor Parisii das C-Dur-Quartett des späten Théodore Gouvy aufgenommen. Als Lothringer betrieb er eine so autarke wie in den 1880ern trendferne Fortschreibung von Mendelssohn und Schumann. Anregend, witzig, tief, ein eigensinniger Eklektizist.

Der Palazzetto dient als Laboratorium, in dem solche Fundstücke vor Publikum getestet werden. Für Touristen, etwa die Hälfte der Besucher, ist das einer der Geheimtipps, die man Freunden weitererzählt. Für Venezianer ist es, der Intimität wegen, “wie zu Hause” und außerdem bezahlbar. Bei größeren Besetzungen nutzt man Säle in der Nachbarschaft – und was für welche! Die lichte Barockhalle der Gran Scuola di San Giovanni Evangelista, einer der mächtigen alten Bürgervereinigungen, steht den Franzosen ebenso offen wie der gewaltige Renaissancesaal der Gran Scuola di San Rocco, in dem man umgeben ist von Jacopo Tintorettos bahnbrechenden sakralen Bilderzählungen.

Das alles funktioniert aber eben nicht nur, weil man hier keinem Geld hinterherjagen muss. Es funktioniert, weil alles passt. Weil zehn Mitarbeiter sich um Partituren, Stimmenabschriften, Partner und Künstler, Organisation und Presse kümmern und darum, dass fünf Pumpen den Palazzetto trocken halten. Und weil das junge Team es sich nicht gemütlich macht. “Madame Bru ist ein bisschen beunruhigt, dass wir so viel auf die Beine stellen”, sagt Alexandre Dratwicki, “aber sie lässt uns machen.” Sterne funkeln über der Serenissima, als sich abends 80 Leute zu einem Konzert mit virtuoser Harfenmusik einfinden, von Emmanuel Ceysson gespielt. Da sitzt man dann und fällt selbst aus der Zeit. Es ist wohl doch ein Märchen.

Der Text erschien am 13. März 2014 in der ZEIT und ist urheberrechtlich geschützt

Zerbrochene Träume

Die Oper als Seismograph: Was an Madrids Teatro Real passiert, erzählt viel über ein Land in der Krise. Und darüber, wie man aus künstlerischen Erfolgen Stricke dreht. Die Cowboys von “Brokeback Mountain” singen dazu das Lied vom Tod der Hoffnung

Die große Liebe, sie stört. Der Umsturz liegt in ihrer Natur. Die Liebenden selbst fürchten sich davor fast so sehr wie vor der Reaktion der anderen. “I ain’t no queer”, sagt Ennis Del Mar nach der ersten Nacht mit Jack Twist im Zelt, er sei nicht schwul. Da ist was dran. Wenn es zwischen zwei Cowboys in den Bergen von Wyoming so funkt wie einst zwischen Tristan und Isolde, geht es weniger um Sex als ums Fortgerissenwerden – und die Repression, mit der die Gesellschaft auf jegliche Grenzverletzung reagiert. Aber Grenzen können verschoben werden, in der Kunst sogar unmittelbar, vor aller Augen. Darum ist Gerard Mortier vor gut drei Jahren als Opernintendant nach Madrid gegangen.

Darum hat er jetzt Brokeback Mountain uraufgeführt und das Teatro Real im Herzen der spanischen Hauptstadt auch sonst zum Ort unbequemer Auseinandersetzungen gemacht. Mortier ist der Europäer schlechthin, vielsprachig, visionär. Seit über 30 Jahren ersinnt er Schocks und Konzepte, die das Musiktheater zwischen Brüssel und Paris gründlich erneuert haben. Nur in New York warf er 2008 das Handtuch, rechtzeitig: Die City Opera, mit der er der Met die Stirn bieten wollte, ging pleite. Als Souvenir blieb die bereits bestellte Oper Brokeback Mountain übrig. Die nahm er mit nach Madrid.

Der Mann, der stark genug war, Karajans Schatten aus Salzburg zu vertreiben, hält Theater für politisch. “Das haben die Spanier schon richtig verstanden”, sagt er sarkastisch am Telefon. Denn vor gut vier Monaten enthob die konservative Regierung den Belgier seines Postens – kurz nachdem seine Krebserkrankung bekannt geworden war, kurz nachdem er, frech wie immer, erklärt hatte, er sehe für seine Nachfolge keinen Spanier. Aber das ist nur die einfache Version einer Geschichte, die viel über ein kompliziertes Land erzählt.

Wäre Spanien tatsächlich erstarrt, dann hätte Charles Wuorinens Oper über zwei Männer, die ihre Liebe entdecken und verstecken, den Skandal auslösen müssen, den die Konservativen im Teatro Real befürchteten. Dann hätte nicht vor der Uraufführung ein zwar schmal gewordener, aber glänzend aufgelegter Mortier, faktisch noch Herr im Haus, vor Dutzenden internationalen und nationalen Medienvertretern der katholischen Kirche empfehlen können, besser ihre Probleme zu lösen als die Homosexualität zu geißeln – womit ihn El País prompt zitierte. Dann hätte nicht in der zweiten Vorstellung ein Publikum gejubelt, in dem von Pelzdamen bis Hipstern kaum eine Spezies fehlte.

Während sich hier das liberale Spanien versammelt und die Partitur des finnischen Amerikaners Charles Wuorinen ihren subtil machtvollen Sog entfaltet, zeigen die brutalen Sparmaßnahmen andernorts keineswegs nur die Wirkung, die jetzt Spaniens Banken aufatmen lässt. Mittelständler mit Hochschulabschluss sitzen auf der Straße, rund ums Opernhaus machen sich Akkordeon spielende Senioren die Plätze streitig. Jeder Vierte ist arbeitslos, und die Entscheidung, zehn Milliarden Euro in den Bereichen Bildung und Gesundheit zu sparen, hat im vorigen Jahr mehr als 46.000 Arbeitsplätze allein im Bildungssektor vernichtet. “Die spanische Katastrophe”, sagt der katalanische Opernregisseur Calixto Bieito, “ist eine der Bildung.”

Bieito, ein so radikaler wie erfolgreicher Psychorealist, ist in Basel zu erreichen – wie viele andere hat der 50-Jährige Spanien verlassen. Dort erlebte die Kultur, unter Francos Diktatur praktisch verwüstet, nach 1975 einen durchaus prekären Boom. “Die Demokratie hat uns europäisch und reich gemacht”, sagt die Konzertmanagerin Maria Goded, Jahrgang 1966, “aber wir sind mit dem Geld nicht gut umgegangen. Und die Kultur, vor allem die Musik, ist nicht ein so wichtiger Teil der Gesellschaft wie in Frankreich und Deutschland.” Seit das Geld knapp wurde, stehen viele Säle leer, außer im reichen Norden. Und die Opernhäuser erweisen sich nicht nur als Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern oft genug als deren erste Opfer.

Das traditionsreiche Liceu in Barcelona ist infolge der Kürzungen bankrott. Man spielt trotzdem weiter und hofft auf eine Lösung. Dagegen zeigt sich am 2005 eröffneten Opernhaus von Valencia ein anderer Grund der Krise – hemmungslose Steuerverschwendung. 400 Millionen Euro kostete der Renommieravantgarde-Bau des Architekten Santiago Calatrava. Wegen eines Dachschadens kann das Haus derzeit nicht bespielt werden, ohnehin fehlt der Region das Geld – sie ist hoch verschuldet und gilt als Paradies der Korruption. Eine weitere traurige Attraktion des Südens ist der Flughafen von Ciudad Real, für eine Milliarde Euro gebaut, mittlerweile leere Konkursfläche. “Der wird für 100 Millionen angeboten”, sagt Gerard Mortier, “also werden 900 Millionen verschenkt, während wir uns das Blut aus den Adern sparen.”

Am Teatro Real mit seinen 1800 Plätzen konnte nur die vermögende Stiftung des Hauses die jüngste Subventionskürzung von 28 auf 12 Millionen Euro auffangen – halbwegs, denn der Gesamtetat ist in drei Jahren um 14 auf 42 Millionen abgesackt. Münchens Nationaltheater hat mehr als das Doppelte und ist nicht halb so innovativ. Wer Brokeback Mountain in Madrid erlebt, muss hoffen, dass dieses Niveau gehalten wird – denn hier verbindet sich gesellschaftlicher Diskurs mit unabweisbarer Qualität. Die Oper, zu der Annie Proulx, Autorin der bitter klaren Short Story, selbst das Libretto geschrieben hat, ist besser als der Film.

Mit Kassenrekorden wurde dessen Regisseur Ang Lee dafür belohnt, dass er dass Verstörende und Elementare dieser Männerliebe in eine konventionelle Optik packte. Dem setzt der 75-jährige Komponist Charles Wuorinen nun keineswegs krasse Zuspitzungen entgegen, sondern eine aus Tendenzen der zwanziger Jahre weiterentwickelte organische Klangwelt. Im Schmerz glüht später Mahler auf, bei der Familienkrise assistiert neobarocker Strawinsky, es wozzeckt in der Kneipe, es gibt auch filmmusikalisch schwarze Tiefen mit Klavier und Kontrafagott.

Diese vermeintlich überholten Mittel bilden ein mitwanderndes Orchestergewebe, halb kristallin, halb vegetativ, in dem die kalte Kraft des Berges zu hören ist, die Weite, in der man Nähe sucht, das aber auch liebevoll die Stimmen trägt und viel über die beiden Männer und ihre Frauen erzählt. Regisseur Ivo van Hove und Bühnenbildner Jan Versweyveld arbeiten behutsam und genau. Mal Projektionen hinter karger Spielfläche, mal Möbel, starr sortiert wie im Einrichtungshaus, fürs triste Familienleben.

Das Zerbrechen des Gewohnten einerseits, das von Lebensträumen andererseits – die Ausweglosigkeit ist das Thema, mit dem dieses Werk der spanischen Gegenwart so schmerzhaft nahekommt. Für Gerard Mortier ist die Produktion ein Triumph, der erst recht die Frage aufwirft, warum man sich so brüsk von ihm trennte, um ihn dann, zum Berater degradiert, doch noch für ein Jahr zu behalten, und warum selbst der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, Vorsitzender des Opernrates in Madrid, nicht die Stimme erhob. “Er hat nicht mal gesagt, ich hoffe, es geht Ihnen gut”, meint der 70-Jährige und sieht einen Grund der spanischen Krise auch darin, “dass es Intellektuelle nicht wagen, sich zu äußern”. Spätestens mit einer Oper über die Ermordung Federico García Lorcas, Ainamadar von Osvaldo Golijov, dürfte er sich 2012 bei den Konservativen unbeliebt gemacht haben.

Wohl auch wegen seiner Homosexualität wurde der Dichter Lorca zu Beginn des Bürgerkrieges von Francos Leuten erschossen. Und als vierzig Jahre und viele Morde später die Diktatur endete, “versuchten wir, Frieden zu halten und die Vergangenheit zu vergessen”, sagt Calixto Bieito. Das funktionierte nicht, aber noch immer stößt jeder auf Widerstand, der eine Auseinandersetzung will. Mortier schwärmt von Deutschland: Hier habe man sich mit der Vergangenheit beschäftigt “wie nicht einmal die Franzosen”. Was könnten die Deutschen denn umgekehrt von den Spaniern lernen? “Zurzeit höchstens, wie man Bier aus Plastikeimern trinkt.” Nein, diplomatisch ist er wirklich nicht.

Sein Nachfolger und Bewunderer Joan Matabosch ist es dafür umso mehr. Noch Leiter des Liceu in Barcelona, steht der 52-Jährige bereits als “Director Artistico” im Programmheft des Teatro Real, sieht sich aber einstweilen nur als Assistent. Mortier sei der Chef, sooft es ihm die Behandlung seiner Krankheit erlaube. Und eben die habe im vorigen September Panik ausbrechen lassen, man habe das Schiff führerlos gesehen. “Es waren ein paar verrückte Tage, nach denen aber jeder wieder Vernunft annahm.” Als man ihn, Matabosch, anrief, habe er gleich gesagt: “Wenn Sie jemanden suchen, der genau das Gegenteil von Mortier macht, wie sein Nachfolger in Paris, dann komme ich nicht.” Der Geschmack des spanischen Publikums habe sich massiv gewandelt – man wolle das Regietheater.

Die Frage ist nur, ob eine Regierung überhaupt Kultur will, die für ebendiesen Bereich die Umsatzsteuer von 8 auf 21 Prozent erhöht hat, während Fußballfans wie Regierungschef Mariano Rajoy nur 10 Prozent zahlen. Da wird Matabosch in seinem Büro richtig laut. “Es ist lächerlich! Das hindert das Publikum daran, zu kommen, und 21 Prozent von einem leeren Platz sind – zero!” Leute freilich, die von der Krise in krasse Armut getrieben werden, wie Rafael Chirbes sie in seinem neuen Roman Am Ufer beschreibt, werden wohl niemals in die Oper gehen. Und auch jene nicht, denen Calixto Bieitos Mutter regelmäßig Essen aus dem Supermarkt holt. “Mit etwas so Teurem wie einem Opernhaus”, sagt die Managerin Maria Goded pragmatisch, “kann man keine Revolution machen.” Aber dort, gerade dort, wo Töne und Themen das Gemeinsame berühren, könnte eine Diskussion beginnen.

Als Ennis, Vater zweier Kinder, sich scheiden lässt, 20 Jahre nach der Nacht in den Bergen, macht sich Jack Hoffnungen. Können sie nicht eine Ranch aufmachen, zusammen leben? Ennis ist angststarr. In Wyoming sind Schwule umgebracht worden, als Junge hat er das gesehen. “Das ist doch lange her. Hat sich doch was geändert.” – “Nicht hier. Hier ändern sich die Dinge nie. Werden sie auch nie.” So bleibt die Liebe ungelebt, das Leben ohne Zukunft. Weil die, die am stärksten unter Druck sind, keine Bewegung wagen. Calixto Bieito sagt über sein Land: “Ich wundere mich, dass es keine Explosion gibt.” Vielleicht bewegt sich ja doch etwas. Die billigsten Kartenkategorien für alle weiteren Vorstellungen von Brokeback Mountain jedenfalls sind restlos ausverkauft.

Der Text erschien, geringfügig kürzer, am 6. 2. 14 in der ZEIT und ist urheberrechtlich geschützt

Kunst im Klima der Zensur

Ungarns nationalistische Regierung duldet Hetze gegen Juden und Schwule und drangsaliert das Kulturleben.

Die alte gelbe Straßenbahn, die längs der Donau zum Zentrum rumpelt, ist zum Platzen voll. Nachts um elf drängen sich hier Musiker mit Instrumentenkästen und ihr Publikum. Gerade haben sie im Palast der Künste, einem gleißenden Bau im Süden von Budapest, Ungarns größten lebenden Komponisten gefeiert – in dessen Abwesenheit, denn der nun 85 Jahre alte György Kurtág verlässt sein Dorf in Frankreich nur noch selten. Sein Kollege Peter Eötvös hat Kurtágs Botschaften für Sopran und Ensemble dirigiert, längst ein Klassiker, und András Keller, Primarius des berühmten Keller Quartetts, hat an diesem Abend als Dirigent mit 100 Instrumentalisten die Stele von 1994 errichtet, eins der bedeutendsten Orchesterwerke der Gegenwart, in Ungarn noch nie gespielt. Ob man es hier bald wieder hören wird, ist fraglich.

Derzeit droht Kurtágs Trauermusik Stele zu einem Abgesang auf eine der reichsten kulturellen Szenen zu werden, die es in Europa gibt. Das Concerto Budapest, das sie aufführte, hat seinen Hauptsponsor verloren und hofft auf staatliche Hilfe. Die ist allerdings völlig unberechenbar. Gerade jetzt treffen rigide Kürzungen viele Musiker in Ungarn, auch die Theater und zahlreiche Filmemacher. Das hat zu tun mit den Sparauflagen der Europäischen Union, deren Ratsvorsitz seit Januar Ungarn innehat. Doch die Kürzungen vermischen sich auf schwer entwirrbare Weise mit der Politik einer konservativen bis nationalistischen Regierung , mit der Maßregelung des kritischen Filmregisseurs Béla Tarr , mit der unverhohlen politisch motivierten Verfolgung liberaler Philosophen als »Geldverschwender« und dem Hass, der einem der international renommiertesten ungarischen Musiker in seiner Heimat entgegenschlägt.

András Schiff , in Italien lebend, zählt zu den besten Pianisten der Welt. Schon als 14-Jährigen unterrichtete ihn Kurtág in Budapest, noch zu kommunistischer Zeit zog Schiff nach Italien. Von dort schrieb er im Dezember 2010 einen Leserbrief an die Washington Post gegen die Einschränkung der Pressefreiheit unter der neuen Regierung, gegen Antisemitismus und Nationalismus in seiner Heimat. »Die Leute haben Angst«, erklärte er. In der ungarischen Zeitung Magyar Hirlap hetzte daraufhin ein Parteigenosse des Regierungschefs Viktor Orbán, Zsolt Bayer, gegen die Kritiker der ungarischen Politik, wobei er jüdische Namen aufzählte. Als »stinkendes Exkrement« bezeichnete er Nick Cohen vom Guardian, es folgten die Namen Cohn-Bendit und Schiff und der Satz: »Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren.«

Wobei jeder Ungar weiß, dass in diesem Wald 1919 mindestens 300 Linke und Juden von Offizieren des späteren »Reichsverwesers« Miklós Horthy gefoltert und getötet wurden. »Bayers Anspielung bedeutet, dass leider damals zu wenig Juden ermordet wurden, und jetzt haben wir also ihre Nachfolger am Hals«, sagt der ungarische Dirigent Ádám Fischer. Man stelle sich vor, ein Freund Angela Merkels hätte Vergleichbares in einer deutschen Zeitung veröffentlicht – falls sich eine Zeitung dafür überhaupt fände. Guttenbergs Doktorspiele wären drittrangig neben dem Sturm des Entsetzens und der Empörung, der dem folgen würde. Ungarn aber blieb still. Antisemit Bayer bekam für frühere Veröffentlichungen noch einen bedeutenden Literaturpreis. Auf eine Entschuldigung wartet der Pianist András Schiff, dessen Familie viele Angehörige in Auschwitz verloren hat, bis heute. Stattdessen hat ein ungarisches Gericht gerade in einem Urteil dem Nazifilm Jud Süß bescheinigt, »unideologisch« zu sein. Es ging dabei um die Frage, ob es erlaubt ist, den Propagandafilm ohne wissenschaftlichen Rahmen öffentlich vorzuführen.

Schiff will in Ungarn bis auf Weiteres nicht mehr auftreten. »Ein Auftritt dort könnte für mich sehr unangenehm werden, und ich möchte nicht mit Bodyguards herumgehen«, sagt er. Was im Ungarn der Regierung Orbán vorgeht, wird an den Musikern deswegen so deutlich, weil sie, einer Übersetzung nicht bedürfend, im Ausland besonders präsent sind und ziemlich zahlreich – dank einer Geniedichte, wie sie wohl kein anderes Land der Welt hat, an der Zahl seiner gerade mal zehn Millionen Bürger gemessen. Und weil jene Musiker nicht schweigen, die ihr Erfolg unabhängig macht. Gemeinsam mit András Schiff und weiteren Künstlern und Intellektuellen wie der Philosophin Ágnes Heller und dem Filmemacher Béla Tarr hat der Dirigent Ádám Fischer, in Reaktion auf den Hetzartikel, einen Aufruf an alle Künstler der EU unterzeichnet, sich »für die Bewahrung der moralischen Grundrechte Europas« einzusetzen. Man könne diese Aufgabe »nicht allein den Regierungen überlassen«. Dass der antisemitische Kommentator Bayer noch immer Mitglied der Regierungspartei ist, nennt Fischer – auch in ungarischen Zeitungen – einen Skandal.

In Deutschland kennt man Fischer seit seinen Jahren als Generalmusikdirektor in Mannheim und dem gefeierten Ring -Dirigat in Bayreuth 2001. Fischer war bis zum vorigen September Chefdirigent an der Oper Budapest. Die neue Regierung hat nicht ihn gefeuert, sondern seinen glücklosen Intendanten durch einen linientreuen Mann ersetzt, so wie sie das auch mit vielen anderen Chefs staatlicher Einrichtungen tat: öffentlich-rechtlichen Medien, Museen, Theatern, Forschungsinstituten… Fischer, dessen innovativer Kurs ohnehin nicht gut im Haus ankam, sah nun keine Chance mehr und nahm von selbst den Hut. Der Vertrag des künstlerischen Leiters und Regisseurs Balázs Kovalik wurde schon vorher auf Geheiß der Regierung nicht verlängert.

Dabei hatte der Stil, den Kovalik hier wagte, mit Regietheater wenig zu tun. Im Mefistofele von Arrigo Boito erlebt man zirzensische Ausstattung mit Gegenwartsrequisiten, Trockeneisnebel umwallt Tangatänzerinnen, Hubpodien sind im Dauereinsatz, die Figuren sind holzschnitthaft: Der Teufel hüllt sich unterm Gelächter etlicher Opernbesucher in eine Europafahne. »Modern, aber viel zu kostenaufwändig« findet der neue Intendant Ádám Horvath, der zuvor Sänger im Ensemble des Hauses war, diese Inszenierung. Näher ist ihm ein Regisseur wie Marco Arturo Marelli, »zeitgemäß, dabei sehr ästhetisch«. Und er freut sich auf Bildmagier Achim Freyer, der den Ring gestalten soll. Redet das Ministerium, das Horváth als Intendanten einsetzte, auch bei der künstlerischen Ausrichtung mit? »Keineswegs, wir sind unabhängig! Aber wir müssen uns an das Budget halten. Daher sollte die Regie zu 60 Prozent im Rahmen bleiben.« Den er sich »traditionell im guten Sinne« denkt.

Konservativ ist der offizielle Kulturbetrieb immer gewesen. Um György Ligeti, einen der Größten des Jahrhunderts, gähnte in Ungarn zeitlebens ein »schwarzes Loch«, sagt Komponist Peter Eötvös, dessen Musik überall, nur nicht in seiner Heimat gespielt wird. Die Regierung hat weder den Traditionalismus, den Nationalismus noch den Antisemitismus erfunden und auch nicht die Gepflogenheit, wichtige Posten mit eigenen Leuten zu besetzen. »Es ist eine paternalistische Gesellschaft, das wäre mit den Sozialisten auch nicht besser geworden. Aber sie waren ängstlicher«, meint Dirigent Ádám Fischer. »Das Problem am Kopf-durch-die-Wand-Stil von Orbán ist, dass die Leute es normal finden.« Normal, dass ein Gesetz mit Gummiparagrafen die Journalisten lähmt, normal, dass öffentlich Bedienstete ohne Angabe von Gründen entlassen werden können?

»Es droht die Gefahr, dass das Land in einer nationalistischen Diktatur versinkt«, erklärte kürzlich der Dirigent Iván Fischer der FAZ . Wie sein Bruder Ádám ist er auch im Westen tätig, aber anders als dieser hat er ein Orchester in Ungarn, mit dem er auch reist. Das Budapest Festival Orchestra ist der sinfonische Botschafter des Landes, es konzertiert von Los Angeles bis Tokyo. Nach Fischers Interview wurden 17,5 Prozent der staatlichen Subventionen, bis dahin knapp vier Millionen Euro, gestrichen. Eine politische Strafe? Das will der Dirigent »nicht für möglich halten«. Dass zugleich die Ungarische Nationalphilharmonie, auf globalem Parkett kaum präsent, nun das Doppelte von dem bekommt, was Fischer gestrichen wurde, freut ihn zwar, »denn alles, was für Musik ausgegeben wird, ist hochnotwendig in Ungarn«. Aber verstört ist er schon. Anfragen bei den Behörden blieben bis heute unbeantwortet.

Er will auch weiterhin kein Blatt vor den Mund nehmen. »Entweder ist in Ungarn Meinungsfreiheit oder nicht. Dazwischen gibt es keine Grauzone. Wenn es keine Meinungsfreiheit gibt, muss man sofort weggehen.« Er hat schon einen Koffer in Berlin, wo er ab Herbst das Konzerthausorchester leitet. In Budapest geht er einstweilen davon aus, dass er sich in einer europäischen Demokratie befindet. Wobei auch er zu bedenken gibt, wie anders diese Demokratie ist. Noch immer werde es von vielen als »nationale Wunde« empfunden, dass Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg große Territorien verlor. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine kommunistische Diktatur; der Holocaust, an dem auch Ungarn als Täter beteiligt waren, wurde »als rein deutsche Angelegenheit betrachtet« ( Imre Kertész ). Und in der Demokratie sahen nach 1989 viele eine »postkommunistische Nomenklatura« an der Macht, die das Land ebenso ausraubte wie Ganoven aus dem Westen. Und jetzt, im Europa der offenen Grenzen, sagt Iván Fischer, »ist es schwer mitzuziehen«. Leicht entwickele sich da eine Paranoia, die Tradition hat: »Die Welt ist gegen uns.«

Mit 53 Prozent der Stimmen eroberte die konservative Fidesz-Partei im vergangenen April zwei Drittel der Sitze im Parlament, die Rechtsextremen von der »Jobbik« kamen auf 17 Prozent, die Bevölkerung ist polarisiert. Auf der einen Seite Leute wie Fischer, die Ungarn »an die westliche Welt anschließen möchten«, auf der andern jene, die das »System der nationalen Einheit« wählten. Wer aber nun an der Donau die lastende Atmosphäre einer heraufdämmernden Diktatur erwartet, findet ein Budapest, neben dem Berlin fast ein bisschen depressiv wirkt. Nächtliche Gassen, in denen man sich nicht fürchten muss. Schräge Kneipen, in denen man selbstverständlich Englisch spricht. In Oper und Konzert ein höchst gemischtes, hochintelligentes Publikum, das Iván Fischers hellwache, neugierige Interpretation von Schuberts großer C-Dur-Sinfonie enthusiastisch feiert.

»Budapest vibriert von Kultur, es ist ein Schatz von Europa, es könnte ein osteuropäisches Paris sein. Demgegenüber stehen Behörden, die das einfach nicht verstehen. Das war immer so«, sagt Fischer. »Jetzt kommt der Riesendruck dazu, den Europa ausübt, um zu sparen. Diese Kultur braucht einen Marshallplan, um gerettet zu werden. Das sage ich nicht ganz im Spaß.« Aber Hilfe, gar Nachhilfe von außen, gibt Peter Eötvös zu bedenken, hat einen sonderbaren Beigeschmack in einer Nation, die sich jahrhundertelang gegen übermächtige Herrscher definierte, gegen Tataren, Türken, Habsburger, Russen.

Gern wüsste man von Staatssekretär Géza Szöcs, zuständig für Kultur, was er von den Sorgen hält, die Ádám Fischer, András Schiff und die weiteren Unterzeichner des Aufrufs geäußert haben – gefolgt von Prominenten wie Elfriede Jelinek, Jürgen Habermas, Daniel Barenboim. Und ob der Zentralisierung des Filmbetriebs eine der Musik folgen soll. Und welche Ziele er für die Kultur verfolgt. Aber jede seiner drei Mailadressen scheint ein toter Briefkasten zu sein, während er Zeit findet, einen Filmregisseur zur Rede zu stellen. Béla Tarr, für The Turin Horse mit dem Großen Preis der Berlinale geehrt, hatte dem Tagesspiegel freimütig gesagt: »Die Regierung muss weg, nicht ich«, es gebe eine Zensur, und die staatlichen Förderzusagen seien »nur noch Klopapier«. Nach einem Telefonat mit Szöcz hat Tarr in Ungarn erklärt, er distanziere sich vom Interview, es beschmutze den Erfolg des Films. »Ich pflege auf diese Art weder zu kämpfen noch zu diskutieren.« Die Budapester Premiere des Films, für diesen Donnerstag geplant, wurde inzwischen abgesagt.

Vielleicht empfiehlt es sich dann, wieder »unter der Tischdecke« zu sprechen? »Das«, sagt Komponist Peter Eötvös, »haben wir schon in den 50ern gemacht, es entsteht automatisch, darin sind wir geübt, das ist die große Kunst des Landes.« Er lacht darüber wie über eine Familienmacke. Obwohl man Eötvös’ Musik hier nicht spielt, ist er aus Holland zurückgekehrt nach Budapest, weil er nach der Sprache hungerte, dem Theater. Es gibt hier 200 Theater. Einige stehen vor der Schließung, die anderen erhalten nach und nach neue, linientreue Chefs. Am schwersten unter Beschuss steht der Intendant des Nationaltheaters, Róbert Alföldi. Die Rechtsextremen werfen ihm im Parlament Homosexualität vor, vorm Theater demonstrieren sie gegen ihn. »Er ist wunderbar«, sagt Eötvös, »er macht Welttheater. Und er hat großen Publikumszuwachs, das schützt ihn.« Und die Medien ? »Sie sind vorsichtig…«

Vorsichtig sind hier viele, am schmerzlichsten hat das Pianist András Schiff gemerkt. Nach dem Angriff auf ihn habe in Ungarn »kein einziger Kollege laut gesagt, Moment mal, das geht zu weit. Sie sind still, weil sie Angst haben. Aber so viel Angst muss man nicht haben, es ist nicht so weit wie 1933. Schweigen ist Einverstandensein, oder?« Natürlich schweigt keiner der Budapester Musiker, die man direkt auf den Hetzartikel anspricht. »So was dürfte eine Zeitung nicht drucken«, sagt einer, versteht aber nicht, dass der Pianist sich in Budapest um seine Sicherheit sorgt: »Haben Sie hier so ein Gefühl des Antisemitismus? Im Alltag fühlen wir das nicht.« »Furchtbar« nennt ein anderer die Publikation, hält aber auch Schiffs Kritik für »unglücklich«. Und alle, die hier leben, möchten, sofern sie zitiert werden, ihre Aussagen vor dem Druck autorisieren, was nach deutschem Presserecht nur bei Wortlaut-Interviews üblich ist.

»Es kann für mich weitreichende Konsequenzen haben«, bittet ein Gesprächspartner um Verständnis für die Vorsicht. Dass man mit einer Aussage anecken kann, ohne berufliche Konsequenzen zu befürchten, denen man ausgeliefert ist – das kommt dem Besucher allmählich selbst schon vor wie ein Privileg und nicht wie europäische Normalität.

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 14.03.2011