The Fairest Isle

Ein Ausflug in den Brexit-Alltag britischer Musiker – und in eine lange Musikgeschichte, deren Spuren man in Glanz und Elend der Gegenwart wiederfindet

rattle 1994

Die Kühe von Glyndebourne, die gelassen zusehen, wie in der Pause auf Picknickdecken der Champagner entkorkt wird. Das ehrwürdige Wentworth Hotel in Aldeburgh, dessen Gäste schon bei Agatha Christie vorkommen könnten, abends aber auch mal härtester Avantgarde der 2010er lauschen. Das lampenfiebersteigernde Künstlerzimmer der Wigmore Hall mit Fotos all der Berühmtheiten, die hier seit 1901 auftraten. Der schräg abwärts führende Tunnel mit dem Schild „bull run“ zur Arena der gigantischen Royal Albert Hall. Der Komponist im Londoner Osten, der in den hohen Räumen einer ehemaligen Schule sein Rennrad unter der Decke aufhängt und eine Oper über Karl Marx schreibt…

Es hat wohl jeder so sein Album britischer Impressionen. Viele dieser Alben werden in unseren Zeiten mit verstörtem Blick aufgeblättert. Das Vereinigte Königreich ist auch durch seine Musik und ihre Musiker so eng mit dem Kontinent verbunden, dass das Wort »Brexit« noch immer wie ein dissonantes Krächzen mitten in einer von Henry Purcells traumhaften Melodien klingt. Wie geht es der »fairest isle«, fragen wir uns, der schönsten aller Inseln, wie »Old England« in Purcells Oper King Arthur gefeiert wird? Als ich London den Zug nach Manchester besteige, möchte ich wissen, wie musikalischer Alltag heute im UK aussehen kann. Und ich werde feststellen, dass hier auch in der Musik die Geschichte der Gegenwart näher ist als überall auf dem Kontinent.

Schon mit dem Betreten der Chetham School of Music, östlich der Schleife des Flusses Irwill, gerät man zwischen die Zeiten. Was in den 1420ern als Priesterlogis errichtet wurde, ist der älteste Teil einer 1653 gegründeten Schule, die vor jetzt fünfzig Jahren zum Musikinternat und seither zu einer der wichtigsten britischen Talentschmieden wurde. Der Dirigent Daniel Harding lernte hier, der Pianist Paul Lewis, der Tenor John Daszak. Und nun steht, in Zimmer 217 eines modernen Gebäudes, der 18jährige Leo und kniffelt an den Oktaven in Paganinis Caprice Nr. 17. Sechzehntel, je zwei gebunden, sauschwer, das sauber hinzukriegen. »Don´t play timid, spiel nicht schüchtern, du hast so viel Kraft!« Leos Lehrer Sebastian Müller sitzt in der Ecke, die Geige im Schoß, wellige blonde Haare bis zum offenen Kragen seines weißen Hemds, schwarzes Jackett, Bluejeans.

“Ich habe mich in London sehr frei gefühlt”

Seit drei Jahren unterrichtet er Leo, den Sohn russischer Musiker, der von einem Studienplatz in Berlin träumt. Müller, 1981 in Deutschland geboren, arbeitet seit dreizehn Jahren im UK. »Ich kam 2006 nach London, war total überwältigt von der Geschwindigkeit, mit der alles geht, und habe mich sehr frei gefühlt. Die 140 Nationen in der Stadt, wie egal es ist, was jemand anhat! Dieses Gefühl, dass man sein kann, wer man will, hat mich aufgerichtet.« Musiker vom Kontinent fühlen sich seit Jahrhunderten an der Themse wohl. 1540 ließ König Heinrich VIII. sechs Geiger aus Venedig nach London kommen. Einer von ihnen, Ambrosio Lupo, gründete hier eine Dynastie von Musikern. Eine andere Familie, die Bassanos, hat an der Themse weit über ein Jahrhundert, bis 1650, musiziert, Instrumente gebaut, Madrigale und Tanzsätze aus Italien verbreitet.

Auf die Wahllondoner Georg Friedrich Händel und Johann Christian Bach braucht man Deutsche nicht erst aufmerksam zu machen, aber vielleicht auf das berühmte Hallé Orchestra in Manchester. Es heißt nach seinem Gründer, der als Karl Halle in Hagen zur Welt kam, in Paris dem polnischen Emigranten Chopin zu Füßen lag und Klavierunterricht bei einem Iren hatte. Der Revolution von 1848 entwich Hallé nach Manchester, wo er aus einem kleinen ein großes Orchester machte, in dem man Hector Berlioz besser und häufiger spielte als in Paris. Auch dieses Orchester zählt zu den Adressen, für die Sebastian Müller seine Schüler in Chethams trainiert. Rund 300 Jungen und Mädchen zwischen acht und achtzehn Jahren lernen hier, fast alle von ihnen gehen nach dem Abitur an Musikhochschulen wie etwa das Royal Northern College of Music – ebenfalls von Hallé gegründet und ebenfalls einer von Müllers fünf Arbeitsplätzen.

Ein Jahr Chetham kostet 37.000 Pfund, das sind fast 3500 Euro im Monat. Es gibt Ermäßigungen, doch für Europäer werden sie mit dem Brexit entfallen, und damit Hunderte potentieller Schüler vom Kontinent. Umgekehrt sorgen sich britische Sänger um ihre Arbeitserlaubnisse für den Kontinent – es gibt auf der Insel gar nicht genug Opernhäuser für sie. »Das ist die große Angst. Mein Leben war Europa«, sagt der Tenor Christopher Ventris, der in Wien, Zürich, Bayreuth, aber nur noch selten auf britischen Podien auftritt. Mehrere EU-Direktiven zur Verbesserung der Lage der Musiker werden mit dem Brexit wohl hinfällig.

45 Schüler unterrichtet Sebastian Müller in Manchester, Birmingham und London, vierzehn Stunden ist er pro Woche auf der Schiene. Darunter geht es nicht, wenn man auf Großbritanniens freier Wildbahn überleben will. So berühmt etliche der 62 britischen Orchester und viele Solisten sind, so renommiert viele der Einrichtungen sind, an denen die Musiker groß werden – ihre Lehrer und die meisten Orchestermusiker arbeiten ohne feste Verträge, von Stunde zu Stunde bezahlt. Müller erhält im Schnitt 34 Pfund. Von den 36.000 Pfund, die ihm ein Leben ohne freie Wochenenden jährlich einbringt, bleiben nach Abzug von Steuer, Versicherungen und business expenses 27.000 Pfund übrig. Nebst Schulden für die Kellerwohnung, die er im Norden Londons erwarb, um die Miete zu sparen. Ein Zimmer im Studentenwohnheim kostet rund 1000 Pfund im Monat.

Schon Leopold Mozart fiel in London auf, »das hier alles ungemein theuer ist«. Aber er machte 1764 ein gutes Geschäft mit seinen beiden Wunderkindern: Drei Stunden täglich ab 12 Uhr mittags konnte man Marianne und Wolfgang Amadeus Mozart im »Swan and Harp Tavern« ihre Künste vorführen sehen, Eintritt zwei Pfund sechs Dimes. Das Kommerzspektakelhafte an der Sache ist bezeichnend. Schon bei öffentlichen Auftritten im 18. Jahrhundert ging es meist um Gewinn; um künstlerischen Mehrwert rangen Amateure hinter den Pforten ihrer Landgüter.

Englischer Neugier verdanken wir die beste Schilderung des europäischen Musiklebens um 1770: die Musikreisebücher von Charles Burney. Er fand auf dem Kontinent, was es in England nicht gab: Hofopern und -Orchester, die auf kommerzielle Erfolge nicht angewiesen waren. Was freilich einer wie Joseph Haydn in fürstlich geschützten Umständen entwickelt hatte, konnte im London der 1790er durchaus ein Kassenerfolg werden. Und das wachsende Interesse an der Sinfonik führte 1813 zur Gründung der Philharmonic Society in London.

Viele Musiker überleben nur mit mehreren Jobs

Nicht aber zur Absicherung der Orchestermusiker. Bis heute werden die meisten sinfonischen Töne im Inselreich von freelancers gespielt. 132 Pfund erhält ein Tuttigeiger für einen Tag mit Probe und Konzert, das entspricht dem Minimalsatz für eine Kirchenmucke im deutschen Westen. Dabei geht es um Orchester von internationalem Ruf: in London das Philharmonic, das Symphony, das Philharmonia, das Royal Philharmonic, dazu bahnbrechende Ensembles vom Orchestre Revolutionnaire et Romantique bis zur Sinfonietta London. Sebastian Müller kennt Schülereltern, die selbst Musiker sind und sich mit einem Laptop in seinen Unterricht setzen, um Nebenjobs zu erledigen, etwa Notenschreiben für Verlage. Ein Fagottist, erzählt er, hat auf Pilot umgeschult, um eine Familie gründen zu können.

Wegen notorischer Probenknappheit gelten britische Musiker als die besten Vom-Blatt-Spieler der Welt: time is money. Die generelle Qualität ist aber nicht nur bei denen hoch, die im Wortsinn um ihr Leben spielen. Auch besser abgesicherte BBC-Musiker lassen manches deutsche Rundfunkorchester etwas müde klingen. Die fünf BBC-Orchester werden besonders kräftig vom Staat unterstützt, aber auch einige große Ensembles außerhalb von London. Das sind contract orchestras mit festen Verträgen, die ihre Leute durchbezahlen. Klar, dass nun viele hoffen, Simon Rattle werde als neuer Chefdirigent auch das London Symphony Orchestra in diese Liga bringen. Denn immerhin hat er dem City of Birmingham Symphony Orchestra, ebenfalls ein contract orchestra, eine der größten britischen Erfolgsgeschichten beschert.

Simon Rattle verdankt seine Ausbildung sozialeren Zeiten

Als 25jähriger begann Simon Rattle dort zu dirigieren, mit solcher Ausstrahlung, dass man ihn 1991zum Chefdirigenten machte und ihm einen neuen 2200-Plätze-Saal hinstellte (von dem die EU ein Sechstel bezahlte). Ganz Birmingham erwachte damit zu neuem Leben nach dem industriellen Niedergang, und Rattle steht ikonisch für den kulturellen Aufstieg der bescheideneren Mittelklasse. In Liverpool als Sohn eines Marineleutnants geboren, profitierte nicht nur er bei seiner Musikausbildung vom florierenden Wohlfahrtsstaat der 1950er und 1960er. Seine Generation führte das UK auf einen Gipfel: »Zu Beginn des 21. Jahrhunderts«, stellte Stephen Banfield 2001 im Musiklexikon Grove fest, »genoss Musik in Britannien vermutlich einen höheren internationalen Rang als mehrere Jahrhunderte lang zuvor.«
Überall stößt man auf Musiker, die Rattle beeindruckt hat. Da ist Jonathan Dove, der eingangs erwähnte Komponist mit dem Rennrad, der mit 16 Jahren Bratschist in einem Jugendorchester war und noch heute vom Charisma des 20jährigen Dirigenten in Mahlers Erster schwärmt. Da ist Robin Ticciati, der im National Youth Orchestra Pauke spielte, als der 45jährige Rattle ihn mitten in der Probe bat, sie für ihn weiterzuleiten – er hatte gehört, der Junge habe dirigentische Ambitionen. Viele hat Rattle so auf den Weg gebracht.

Doch auch nur den Anfang eines solchen Weges zu finden, ist für Kinder aus ärmeren Familien jetzt wieder fast so schwer wie in viktorianischen Zeiten. Die Musikversorgung der staatlichen Schulen befindet sich seit zehn Jahren im Decrescendo. Andrew Lloyd Webber nennt das einen »nationalen Skandal«. Kinder von Eltern, die mehr als 48.000 Pfund im Jahr verdienen, haben doppelt so hohe Chancen auf das Erlernen eines Instruments wie die, deren Eltern mit 28.000 Pfund und weniger auskommen müssen. Stipendien für Talentierte, enthüllte der »Guardian«, landen nicht selten bei Wohlhabenden.

Viele Eltern setzen Musik auch ein, um ihren Kindern den Weg an eine der besseren Universitäten zu ebnen. Das funktioniert über Prüfungen beim ABRSM, dem Associate Board of Royal School of Music. »Für jedes Instrument«, erklärt Sebastian Müller, »gibt es acht Examen. Manchmal bekomme ich so eine Ansage: Im Juni macht meine Tochter grade six, sie muss die und die Punktzahl erreichen.« Denn für Unis wie Cambridge empfiehlt sich neben einem Einser-Abitur der Nachweis erfolgreicher extra-curriculum activities. Auch viele Privatschulen treffen eine Vorauswahl nach Höchstnoten bei ABRSM-Vorspielen. »Dazu müssen die Eltern begleitende Pianisten bezahlen, Examensgebühren, es ist ein riesiges Business. Die Musik muss herhalten, damit der Sohn Anwalt werden kann.« Das System wird schon lange exportiert; auch in Hongkong lassen sich Hunderte examinieren.

Es gibt aber auch ein anderes Britannien. Eines, in dem alte Traditionen in eine sozial offene Gegenwart münden. Man kann dem nachgehen auf der Website »British choirs on the net«, die nicht weniger als 4.135 Chöre jeglicher Größe und Stilistik verzeichnet. Knapp drei Millionen von 66 Millionen Briten singen gemeinschaftlich – deutlich mehr als im ebenfalls chorbegeisterten Deutschland,wo man unter 83 Millionen Einwohnern gut zwei Millionen Amateurvokalisten findet.

Begonnen hat es mit sechzehn Knaben, die 1382 in Winchester den ersten englischen Kirchenchor bildeten. Daraus hat sich eine gewaltige Geschichte nicht nur der Chöre, sondern auch der Komponisten entwickelt. John Dunstaples Motetten beeinflussten im 15. Jahrhundert auch den Niederländer Guillaume Dufay; umgekehrt geht das gewaltigste Werk von Thomas Tallis, die 40-stimmige Motette Spem in alium (um 1570), auf ein italienisches Modell zurück. Und italienische Madrigalkunst verband sich mit englischen Idiomen so glücklich, dass John Dowland um 1600 einen Gipfel differenzierter Subjektivität erreichte, wie am Ende des 17. Jahrhunderts Henry Purcell.

Nach dem frühen Tod Purcells, dieses »Orpheus Britannicus«, beginnt, was Stephen Banfield »the failure of English opera« nennt – die erste Oper eines Briten, die man nach Purcells Fairy Queen von 1693 im internationalen Repertoire findet, ist Benjamins Brittens Peter Grimes von 1945. Nach Purcell entfaltet sich aber eine unvergleichliche Begeisterung für Oratorien. Ihr verdanken sich Händels (oder besser doch: Handel´s!) späte Meisterwerke ebenso wie der Auftrag für Mendelssohns Elias. Dieses Werk wurde 1846 mit 125 Orchestermusikern und 271 Choristen in Birmingham uraufgeführt, mit beispiellosem Erfolg. 1890 war Elias schon mit 3000 Mitwirkenden in London zu hören, zum Entsetzen des Kritikers George Bernard Shaw, der die alttestamentarische »Lust an Drohung und Rache« ohnehin als Verrat an der Kunst sah und nun den martialischen Stolz des Empire in all seiner Macht mitschwingen hörte.

Das größte Kolonialreich der Geschichte beherrschte ein Drittel der Weltbevölkerung. Doch der viktorianische Wohlstand zementierte eine Hierarchie, in der alles seinen Platz hatte – mit der Musik eher am Rande und »seltsam unerheblich für die Repräsentation des Empire« (Banfield). »Verbreitet ist die Ansicht, wer Kunst macht, hat sowieso Geld«, sagt der Geigenlehrer Sebastian Müller. »Ich werde oft sogar von gebildeten Leuten gefragt, was ich im Hauptberuf mache! Alles, was nicht Business ist und auf den ersten Blick was einbringt, hat politisch keine Priorität.« Das bestätigte kürzlich der Direktor einer britischen Schule, der das Fehlen von Musikunterricht offensiv verteidigte: »Musik ist ein Hobby, kein Beruf. Das wird von der Schule nicht unterstützt.«

müller 2019

Vielleicht sollte er einmal am Samstagvormittag in der Londoner Guildhall School erleben, was Jugendliche so auf sich nehmen, um Schule und Musik übereinzubringen. »Wie waren deine Ferien?«, fragt Sebastian Müller die 14-jährige Allegra. »Stressful«, sagt sie mit müdem Lächeln. Sie musste sich für die Schule auf siebzehn Prüfungen vorbereiten. »Dann konntest du die Geige wohl nicht oft auspacken«, sagt er freundlich. Zu ihren exams kommt noch eines für die Violine, bei sie 44 Tonleiterübungen parat haben muss. »Welche ist die schlimmste?« »Alle.« »That sounds promising…« Er steht auf und lenkt Allegra von ihren Sorgen um die linke Hand ab. Er zeigt ihr, wie beweglich sie mit der Rechten streichen kann, was von den Fingern bis zum Rückgrat möglich ist. Und spielt ein paar Akkorde aus Brahms´ Violinkonzert, als kämen die ganz von selbst zustande, wenn man sich nur mal locker macht. Das Zimmer scheint größer und heller zu werden dabei.

Dass es kein großes romantisches Violinkonzert eines Engländers gibt, liegt nicht am Mangel von Talenten. William Sterndale Bennett hätte sicher gerne eines geschrieben – neben seinen vier Klavierkonzerten -, doch die Laufbahn dieses selbst von Mendelssohn bestaunten Musikersohns aus Sheffield zeigt die Mühen auf dem Weg zu einem „genuin britischen“ Komponieren nach Purcell: 1816 geboren, Student der jungen Royal Academy of Music, die mangels staatlicher Unterstützung immer wieder von der Schließung bedroht war, musste er seinen Lebensunterhalt durch zeitraubende Lehrtätigkeit finanzieren und verbrachte seine vitalsten Jahre fast unkreativ.

Originelle Geister empfing man auf der Insel von jeher mit offenen Armen – Händel, Haydn, Mendelssohn, Berlioz, Chopin, Rossini, Wagner. Aber groß werden mussten sie anderswo als in dieser so merkantil wie hierarchisch geprägten Gesellschaft. Als ausgerechnet ein deutscher Publizist 1913 den Begriff vom »Land ohne Musik« für England prägte, traf das viele Musikfreunde auf der Insel tief. Im europäischen Diskurs ist Oskar A.H. Schmitz längst vergessen, aber britische Musikautoren setzen sich noch immer mit seinem Essay auseinander.

Es gibt hier ein besonderes Gespür für Melodien

Die erfolgreichen Erneuerer einer britischen Musik kamen – natürlich – nicht aus dem Establishment. Edward Elgar war der mittellose Sohn eines Musikalienhändlers und von der deutschen Spätromantik beeindruckt; Benjamin Britten entstammte der »besseren« Gesellschaft, hatte als Homosexueller aber die Perspektive des Outsiders – auch in der Wahl der Stoffe, mit denen er die englische Oper neu erfand. Die Großen des Pop, die Britannien zu neuer, gewaltfreier Weltherrschaft verhalfen, die Beatles und die Stones, Elton John und Andrew Lloyd Webber, kamen aus bescheidenen bis moderaten Verhältnissen. Und selten aus London. Geradezu phänotypisch ist Sting, der als Sohn eines Milchmanns aus einem Vorort von Newcastle upon Tyne stammt.

Sie alle aber knüpfen an den English melos an, das besondere, insulare Gespür für Melodien, nicht selten mit melancholischem Beiklang. Es ist in der britischen Kultur so prägend, dass die 1967 geborene Rebecca Saunders sich bei ihrem Kompostionsstudium in Edinburgh geradezu »gedrängt fühlte, so zu schreiben«. Als Stipendiatin in Deutschland fand sie es dann »extrem befreiend, dass hier keine Melodien erwartet wurden.« Höchst spannend, wie sie in einem langen Prozess wieder zur menschlichen Stimme fand.

Als aber die 51jährige in diesem Jahr den Ernst von Siemens Musikpreis erhielt, die weltweit höchste Auszeichnung für Musiker, war das einem britischen Altkritiker in seinem viel gelesenen Blog nur ein chauvinistisches Zähneknirschen wert: »Britisch von Geburt, lebt Saunders in Berlin und komponiert deutschen Post-Rihmismus«. Ebensogut könnte Norman Lebrecht einem John Dowland vorwerfen, er habe zuviele italienische Madrigale gelesen. In seiner Inselbesoffenheit wendet er einer britischen Tradition den Rücken zu, an der sich viele Kulturen ein Beispiel nehmen könnten – nämlich der großen Neugier auf Anderes, der Lust am Austausch und der Fähigkeit zur Integration.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er erschien – geringfügig kürzer – im Elbphilharmonie Magazin August 2019, S. 4-10, mit Fotos von Martin Parr. Die beiden Fotos auf dieser Website wurden vom Autor gemacht: Simon Rattle in Glyndebourne, am 10. Juli 1994 vor der Premiere von “Don Giovanni”, Sebastian Müller beim Unterricht in der Londoner Guildhall School am 27. April 2019. – In der Elbphilharmonie findet vom 6. bis zum 16. Oktober das Festival „Britain Calling“ statt.

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