Sie war also nach Südamerika durchgebrannt mit diesem Pianisten. Quatsch, auf Konzertreise. Kein Anlass zur Besorgnis. Aber dass ich mir sowieso nie Sorgen machte, musste unbedingt bestraft werden, und zwar mit 2000 Deutschen Mark. Eines Tages in Costa Rica oder wo auch immer erzählte meine Freundin dem Pianisten, mit dem sie Musik machte, von ihrem Mitbewohner, einem Bratscher, der überhaupt nicht Klavier spielen konnte, aber einen Grotrian Steinweg von 1915 sein eigen nannte, darauf popartige Weisen improvisierte, die er „Megahits“ nannte und sofort wieder vergaß, und für das herrliche Instrument nur die in einer Kneipe ausgehandelten Transportkosten bezahlt hatte.
„Ach“, sagte er. „Stand der Flügel in einer WG in der List? “ Die List, muss man dem Rest der Welt erklären, ist ein relativ musikerhaltiger Stadtteil von Hannover, viel Jugendstil und Gründerzeit, Berlins Schöneberg nicht unähnlich und damals voller WGs. „Ja“, sagte sie, „wie kommst du darauf?“ “Weil ich meinen Flügel bei denen habe stehenlassen, als ich wegzog. Es war ein Gotrian. Ich wollte ihn mir irgendwann holen…“ Das war kein Trick, er wusste sogar die Adresse. Offenbar hatte die Besetzung der WG so fluktuiert, dass irgendwann keiner mehr wusste, wem das schwarze Riesending eigentlich gehörte. Und damals war man locker drauf und verschenkte sowas in einer Kneipe.
Kurz, ich war im illegitimen Besitz des Instruments, auf dem einer der maßgeblichen Klavieristen unserer Zeit (und das ist wirklich eher untertrieben, so soviel Protz muss mal sein!) sich als Student vervollkommnet hatte, und ohne weiteres bereit, ihm dafür den Spaßpreis von 2000 Deutschen Mark zu zahlen, die ihm gerade für ein neues Cembalo fehlten. Dabei hätte schon die Generalüberholung des Flügels um die 10.000 gekostet. Es war also ein Freundschaftspreis noch vor unserer Freundschaft, die ebenfalls mit einer Überraschung begann, nämlich dem Anfang von Brahms´ d-Moll-Konzert, das der Komponist 1859 mit mäßigem Erfolg in Hannover uraufgeführt hat.
Ich vernahm die donnernden Klänge der Solopartie unten im Treppenhaus des Hauses, in dessen zweiten Stock wir wohnten. Ohne Orchester. Das konnte keine CD sein, ohnehin war Brahms den anderen Mietern völlig egal. Jemand spielte das wirklich. Und es gab nur ein Klavier im Haus, nämlich meinen Grotrian. Wahnsinn. Ich raste nach oben, und da saß er, der Pianist, überraschend zu Gast, und entschuldigte sich für sein, wie er behauptete, fehlerhaftes Spiel, während ich beteuerte, noch nie etwas so Gewaltiges an diesem Instrument gehört zu haben. Gerührt schenkte er mir daraufhin Arnold Schwarzeneggers bahnbrechendes erstes Buch, 1985 erschienen, „Bodybuilding für Männer“.
Die Wahl mag sonderbar anmuten, aber Czernys Klavieretüden hätten mir weniger geholfen. Ich halte den längst schweißdurchtränkten Band noch immer in Ehren. Soweit, dass ich den Grotrian beim nächsten Umzug selbst hätte tragen können, hat mich Arnie bis heute nicht gebracht. Der Flügel aber lässt jetzt, mit hundert Jahren, wie ein freundlicher Ururopa die kühnen Improvisationen der jüngsten Generation über sich ergehen. Paul und Frido halten ihn fit…
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