Die schöne Helene beim Bäcker

Jedes Mal, wenn ich beim Dorfbäcker warten muss, gucke ich auf den Ständer mit Zeitschriften und bin fassungslos. Jedes Mal, denn es ist ja nicht zu glauben, dass dort stets und seit mindestens einem Jahr auf mindestens vier von sechs verschiedenen Zeitschriften der Kopf von Helene Fischer zu sehen ist. Wenn ich jetzt sage, dass ich nichts gegen Helene Fischer habe, könnte man argwöhnen, dass ich Repressionen ihrer Fans befürchte. Fan kommt immerhin nicht von Föhn, sondern von Fanatismus, und schöne Frauen können bekanntlich ganze Kriege auslösen, gerade mit so einem Namen, man denke an Troja.

Nein wirklich, ich habe diese Sängerin mal im TV-Mitschnitt erlebt, ein Freiluftauftritt, sie war extrem professionell, perfekt, die Stücke waren so gut gebaut wie sämtliche Akteure. Alles gut. Aber warum viermal zugleich beim Bäcker? Das eine Heft heißt „Freizeit für mich“, so steht es oben links in gelb auf blau. Das andere „Freizeit Idee“, oben links, gelb auf blau. Das dritte „Freizeit spezial“, dito. Schließlich „Freizeit in meinem Tag“. Weiß auf rot? Nee, gelb auf blau, oben links. Und überall Helene rechts, seitenhoch, blond, lächelnd. Immer. Neben ihr rauschen Heino, Letizia, Heidi, Veronica kleinspaltig vorbei.

Heute hat es mich gerissen. Ich wollte wissen, was da vorgeht. Dass die Vielfalt der Presselandschaft im letzten Jahrzehnt übler gelitten hat als der Tropenwald, weiß man, aber lässt sich das nicht besser tarnen? Ich gab mir einen Ruck und kaufte alle vier. Es war mir peinlich wie einem Pennäler sein erster Kondomerwerb, und ich behauptete tatsächlich, ich müsse das ganz gegen meine Überzeugung für einen Freund tun. Hier im Dorf bleibt nämlich nichts unbesprochen, und ich habe einen Ruf als gebildeter Mensch zu verlieren. Die Verkäuferin lächelte still. Verdammt, alle werden es erfahren.

Also, im einen Heft geht es um Til. Er hat mit Helene einen „Tatort“ gedreht und ihr bei einer Preisverleihung einen Kuss an die Wange gehaucht. „Flori, pass bloß auf“, jault das Blatt. Denn mit Florian, weiß das andere Blatt, wurde sie bei einer Hausbesichtigung in Vilshofen gesehen. Nestbau! „Ein Baby für Helene?“ Das dritte Blatt fragt: „Was ist nur mit ihr los?“ Sie habe eine Moderation abgesagt und sei in der Krise, weil die Deutschen, einer nicht weiter präzisierten Umfrage zufolge, ihren jüngsten Hit „nicht mehr täglich hören wollen“. Im vierten Blatt gibt „der absolute Topstar“ Freizeittipps.

Es ist egal, welches Blatt welche Geschichte hat, denn alle vier erscheinen im Hamburger „SCG Verlag Ltd.“ mit demselben Geschäftsführer und demselben Redaktionsteam. Da ist es schon klar, wer in Wahrheit nicht mehr täglich von Helene hören will. Es sind diese armen Heuchler, die im Schnitt alle sieben Wochen vier mal 80 Seiten vollmachen müssen, und zwar so, dass die eine oder andere Närrin sich gleich zwei Magazine aus demselben Stall kauft. Da muss es hier der Helene gut, dort aber schlecht gehen. Wie es ihr selbst geht, wenn sie sowas liest, möchte sie wohl auch nicht wissen. Und die Redakteure?

Es ist leicht, sich seinen Ruf als gebildeter Mensch zu sichern, indem man mit der Fackel in der Hand die Niederungen beleuchtet. Dass sie Schrott erzeugen, wissen die doch selbst. Dass aber auch die Qualitätspresse sich zunehmend auf angesagte Trends einigt, auf die Helenas unter den Themen sozusagen, und zwar in autarken Redaktionen, ist bedenklicher. Und verantwortlich für all die blaugelben Gerüchtegerichte sind am Ende auch die Leute, die sie dauernd kaufen. Gerade Niedersachsens stille Dörfer hungern nach Indiskretionen. Schon jetzt wissen alle, was ich beim Bäcker wollte. Helene, lenken Sie sie ab!

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