Schön auf dem Klangteppich bleiben

Wo Graphic Novel und Postpostmoderne zusammenfinden: Christian Thielemann und Philipp Stölzl versuchen sich in Salzburg an den beiden Kurzopern “Cavalleria rusticana” und “I Pagliacci”

Sie gingen hart ran an die Realität, diese Komponisten. Alltagstypen und Außenseiter holten sie nach vorn, die ohne happy end auf der Strecke blieben: zuerst eine Zigarettenarbeiterin, die man heute als Carmen verehrt, dann all die Leute, die zeitnah am echten Leben litten leiden. Man spricht immer noch von verismo, aber nichts altert so schnell wie die Realität, gerade in der Oper. Das Liebesleben italienischer Provinzler um 1890 war schon zwanzig Jahre später ein dankbares Genrebild, und so ging es bald im Doppelpack auf Erfolgskurs in Sachen Eifersucht (von Insidern knapp Cav/Pag genannt): Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni und I Pagliacci von Ruggiero Leoncavallo.

Ehebruch geht immer, und wenn es gut klingt, um so besser: Das ist das Erfolgsgeheimnis dieser Kurzopern, und nicht irgendeine gesellschaftliche Brisanz, mit der man das Publikum der Salzburger Osterfestspiele wohl nur nerven würde. Up to date möchte man hier trotzdem sein, und da ist ein cinematographisch versierter Endvierziger wie Philipp Stölzl genau der richtige Regisseur. Er hüllt die Cavalleria ins Schwarzweiß frühen Kintopps ein und macht die große Bühne des Festspielhauses zum Split Screen. Auf zwei Etagen finden sich sechs Fächer verteilt, darin man Kirche, Kneipe, Kämmerlein sieht oder auch mal in Großaufnahme Lola am Dachfenster bei der Zigarette danach, alles sehr hüsch.

An optischen Querverweisen fehlt es nicht. Die halb plastische, halb gemalte Ausstattung der Fächer verbindet Graphic Novel mit Expressionismus und die Postpostmoderne mit Klamotten von 1900, und durch die Zitatenvirtuosität wird der Plot noch einfacher, als er es ist. Lolas Mann Alfio (grandios: Ambrogio Maestri) ist hier ein so brutaler Halbmafioso, dass er es verdient hat, gehörnt zu werden, und außerdem sieht Jonas Kaufmann als Turridu auch viel zu gut aus, als dass ihm nicht die schärfste Braut (Annalisa Stroppa) zustünde. Seiner stimmlichen Entfaltung kommen die Aktionskästchen nicht so entgegen wie der sitzengelassenen Santuzza: Liudmilla Monastyrska ist wirklich bewegend.

Sonst aber eigentlich nichts. Wo der Scherenschnitt jegliche Psychologie ersetzt, bleiben die Emotionen ebenso im Kästchen wie jeder Gegenwartsbezug (der sich in „Cav/Pag“ durchaus herstellen lässt, wie Calixto Bieito in Hannover bewiesen hat). Die Dresdner Staatskapelle kommt derweil kaum aus dem Klangteppich heraus, den ihr Chef Christian Thielemann im Graben entrollt. Dass Achtel federn könnten wie eine Matraze, dass Synkopen die Wut des Gehörnten antreiben können, das hat man schon im unverklemmten Dresden des 18. Jahrhunderts besser gewusst. Viel näher als Mascagnis Partitur ist den Musikern die Sprache Leoncavallos, näher an Wagner, artifizieller auch, subtiler. Da wird Thielemann spannend und verbindlich.

Und Jonas Kaufmann, eben noch als Turrido abgestochen, ist nun Canio, der selbst ein sündiges Paar schlachtet. Neben seinem dringlichen, dunkel timbrierten Tenor beeindruckt Kaufmanns darstellerische Intensität. Diesem Bajazzo, der auf einer Jahrmarktsbühne einen Gehörnten spielen muss und selbst einer ist, glaubt man die Not. Auch alle anderen sind glänzend besetzt; vom kristallklar singenden Harlekin (Tansel Akzeybek) bis zur freiheitssuchenden Ehebrecherin (Maria Agresta) beantworten sie ein paar Fragen, die der Regisseur den Figuren gar nicht erst stellt. Stölzl steckt nun fest in seinem Split Screen, und statt der schwarz-weißen Graphic Novel kommt das knallbunte Ausstattungstheater der 1960er zum Vorschein.

Die Absicht hinter dekorativ fröhlichen Chorauftritten und einem Gestenvokabular aus der Mottenkiste lässt sich nicht ergründen, vielleicht gibt es einfach keine. Gerade dieser Regisseur, vertraut mit hybrider Multimedialität, hätte I Pagliacci daraufhin abklopfen können, was sie uns über die Verschmelzung individueller und virtueller Emotionen zu sagen haben. Nur weil die Gegenwart übermorgen schon wieder Patina hat, braucht man nicht an ihr vorbeizugehen. Man muss nicht gleich ein facebook-Drama basteln, aber doch fragen: Was geht uns das an, von Sex und Liebe einmal abgesehen? Auch dafür, dass diese Frage an diesem Abend nicht gestellt wurde, hat sich das Festspielpublikum begeistert bedankt.

Der Text erschien am 1.4.2015 in der ZEIT und ist urheberrechtlich geschützt

10. April 2015

> Für ZEIT online habe ich den Rausschmiss des Rostocker Intendanten Sewan Latchinian kommentierend beleuchtet und bin mir nicht nur darin einig mit Detlef Brandenburg (Deutsche Bühne) und Alexander Kissler (Cicero): Auch sie blicken in diesem Zusammenhang 5000 Kilometer weiter östlich auf das Opernhaus in Nowosibirsk, dessen Intendant wegen eines jesusmäßigen “Tannhäuser” den Protesten orthodoxer Gläubiger weichen musste. Mit den Regierenden in Rostock und Schwerin haben die nur eins gemein, aber nicht das unwichtigste: Sie müssen gar nicht erst in ein Theater gehen, um es als störend zu empfinden. Dass es indessen auch eine Roheit der Kultur gegenüber der Politik geben kann, stellt der Perlentaucher nach Claus Peymanns wüsten Ausfällen gegen den Berliner Kulturstaatssekretär fest. Und ist, meinen Kommentar betreffend, sicher: “Den Artikel muss er vor dem Interview des 77-jährigen Claus Peymann in der ZEIT geschrieben haben.” Habe ich. Hätte ich aber auch im andern Falle nicht anders gemacht.

Wenn nachts die Eule röchelt

Einfach nur über den Frühling zu schreiben, das steht ja sofort unter Weltfluchtverdacht. Man kann auf die Haikudichter verweisen, die seit Jahrhunderten immer nur auf die Jahreszeiten und ihre Zeichen in der Natur blicken, in fünf und sieben und fünf Silben, aber es sind Dichter. Und sie brauchen nicht viel Platz dafür. Kolumnisten sind angehalten, ein Minimum an Aktualität zu bieten. Wenn sie schon nicht über das Innenleben von Piloten und die Erbschaftssteuer räsonieren, über die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Zertrümmern sumerischer Skulpturen und dem Kappen von Kulturetats, dann sollte wenigstens Putin mal wieder vorkommen.

Ja, soll er doch! Putin hat in Russland die Sommerzeit abgeschafft. Neulich dachte ich noch, das wäre derzeit einer der wenigen Gründe, in die russische Föderation auszuwandern, die gegenüber den USA auch noch den Vorteil hat, dass man dort nicht sofort erschossen wird, wenn man vor einem Polizisten wegläuft, man muss vorher wenigstens die Regierung kritisiert haben. Aber jetzt scheint mir, Zar Wladimir verpasst doch etwas mit dieser Morgenstunde. Auf einen Schlag bin ich nicht mehr eine Stunde zu früh im Dunkeln aufgewacht, sondern pünktlich und mit Sonnenaufgang. Außerdem schön, dass es abends um acht noch so hell ist wie um sieben.

Kurz bevor ich trotzdem viel zu früh einschlafe, auf dem Sofa zusammengebrochen beim Versuch, einen richtig langen Text im New York Review of Books im Netz zu lesen und zu verstehen, lausche ich noch dem saurierartigen Röcheln unserer Untermieterin, der Eule, beim Beuteflug. Und morgens begleitet das Tschilpen zahlreicher Vögel, die ich immer noch nicht auseinanderhalten kann, das Auseinanderfalten von Nachrichten über die orthodox österlich inspirierte Allianz von Griechenland und Rußland und weitere Allianzen und Mesalliancen, die ich noch schlechter auseinanderhalten kann als die Vögel. Der Frühling ist gekommen, die Welt ist wieder weit.

Der Mirabellenbaum in der Südostecke hat weiße Blüten, der wilde Wein an der Südwand treibt aus rötlichen Knospen schon Blätter hervor, nah und fern brummen die Rasenmäher, die dunkle Jahreszeit scheint auf einem anderen Planeten stattgefunden zu haben. Das ist alles wunderbar, und jedes Mal glaubt man, dass jetzt überhaupt die Welt besser wird. Dabei kann man schon froh sein, dass es überhaupt noch Vögel, Weinlaub und Bäume gibt. Nun ja. Etliche Bäume dienen den Männern im Dorf dazu, für ihre frühlingshafte Unrast eine Ausdrucksform zu finden. Sie fällen, sägen, spalten wie die Besessenen, schweigsam und ohrenbetäubend.

Wenn ich mir ansehe, wieviele Holzstapel hier ringsum in die Höhe wachsen, wundert es mich, dass nicht die komplette norddeutsche Tiefebene schon baumfrei ist. Aber auch das ist das Besondere am Frühling – man gewinnt aus den Widersprüchen der Welt Hoffnung statt finsterer Aussichten: Wächst wohl alles nach! Na prima. Dann kann ich ja getrost die Holzkohle auf den Grill werfen.

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