Die Herzausreißerin

Vesselina Kasarova trifft als Stargast in der hannoverschen „Carmen“ auf einen José, der es in sich hat – und auf ein Orchester in Topform

Die Sache mit den Stargästen hat so ihre Tücken. Das Haus ist voll, sicher, aber passt die eingeflogene Überfliegerin ins Ensemble? Stellt sie alle in den Schatten, fremd in einer Produktion, in die sie rasch eingewiesen wurde? Wer, um Himmels willen, ist einem Bühnentier wie Vesselina Kasarova gewachsen, der bulgarischen Mezzosopranistin, die vor 22 Jahren als Einspringerin für Marylin Horne in Salzburg steil jene Umlaufbahn erreichte, auf der man sie seither bestaunt? Welcher José hat das Format, diese Carmen als verzweifelt Liebender in den Tod zu reißen? Ein Koreaner aus Hannover?

Oh ja. Eben das machte diesen Abend groß, dass Philipp Heo ihn so klein begann, wie es der wackere Soldat José in Georges Bizets Oper anfangs auch ist. Nicht, dass es dem Tenor da an Stimme und Fokus gefehlt hätte, aber an Freiheit, er war befangen. So, wie es einer ist, der bis dahin die Liebe für die lautere Fortsetzung familiärer Geborgenheit gehalten hat und nun zum ersten Mal die Angst spürt, die dem ganz großen Herzensreißen voraus geht. Oder eben auch dem ersten Auftritt mit einer wie Kasarova, die sofort voll da ist. Und sofort alle Spannungen spüren lässt, die Carmen so gefährlich machen.

Die hannoversche Inszenierung, sechs Jahre alt, ist ihr dabei nicht im Wege. Dass da in einheitlicher Gitteroptik keine neuen Perspektiven entstehen und die Personenführung im Grunde vertrauten Mustern folgt, lässt um so mehr Spielraum für starke Selbstgestalter wie Kasarova. Als Kerl tritt sie zuerst auf, in Uniform, aber auch im Rock wird sie nicht einfach zum zielführenden Vollweib. Maskenhaftes wechselt mit Explosivem. Man erlebt auch in der Stimme eine Frau, die mit großer Energie verbindet, was in ihr selbst auseinanderstrebt. Nicht geschmeidig und sinnlich klingt sie, sondern vor allem: unberechenbar.

Kasarova hat ein tiefes Register, in dem sie gaumig grollen kann, es ist der Raubtierkeller ihrer Stimme, die weiter oben auch bei großer Kraft nie einfarbig wird. Da sind Feuer und Stein zugleich, Sehnsucht und Trotz, und wenn sie jäh etwas ins piano verschwinden lässt, erschrickt man fast und fragt sich wie José: Wird sie jetzt ganz zärtlich oder besonders gemein? Dass manche Tonwechsel sehr kantig geraten, nicht nur zwischen den Registern, irritiert zuerst, doch immer mehr fasziniert die Persönlichkeit. Und das ist eben nicht die einer Sängerin, die hier nur mal eben „ihre“ Carmen vorführen will.

Vesselina Kasarova ist auch deswegen eine große Darstellerin, weil sie sich für die anderen interessiert, auf sie reagiert, und es ist enorm spannend, wie sie und Philipp Heo einander entdecken. Den Seitenblick, den sie José zuwirft, als sie ihn schon fallen gelassen hat, kann man nicht proben, er erzählt die Geschichte, die sie miteinander hatten, die an diesem Abend entsteht, weil hier ein Mann über sich hinauswächst. Er kämpft um sie, sein „Je t´aime“ glaubt man ihm, und zugleich hört man, dass auch Georges Bizet es ihm glaubt, der mitten im Ges-Dur ins renaissancehaft sakrale C-Dur einer großen Liebe schwenkt.

Einen Rivalen freilich hat José hier nicht wirklich. Es ist leider kein Regieeinfall, dass da ein eitler, abgehalfterter Torero die Treppe herabstolziert, der kein Kalb mehr zur Strecke bringen könnte. Carlos Álvarez, zur selben Generation zählend wie Kasarova und wie sie zuhause an den großen Häusern der Welt, fehlt es mittlerweile an Tiefe, Höhe und Durchschlagkraft, wenn auch nicht an baritonaler Selbstgewißheit. Lieber lauscht man der trotz starkem Vibrato klaren, innigen Micaëla der Sara Eterno, den gewitzt lockeren, präsenten Halbweltlerinnen von Stella Motina und Hanna Larissa Naujoks.

Und dann ist da noch der dritte Star des Abends neben Carmen und José. Selten hört man die Partitur in solcher Vielschichtigkeit, wie das Niedersächsische Staastsorchester sie realisiert. Es federt und leuchtet nicht nur, es zeigt auch den Kontrapunktiker und Simultanisten Bizet, der genial die Stilebenen verschränkt. Unablässig präpariert Dirigentin Anja Bihlmaier Details heraus, ohne die große Liebe zu zerlegen: Zu Beginn des vierten Aktes hört man in den Holzbläsern Linien, die nicht einfach legato sind, sondern schmerzvoll über sich hinausdrängen. Das kann nur zum Tod führen. Und zu einem großen Erfolg.

Dieser Text erschien am 3. 11. 2014 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist urheberrechtlich geschützt

Rembrandt tauscht den Glühzünder aus

Am besten gäbe es überhaupt keine Krankheiten und Pannen. Am zweitbesten ist es, wenn sie einen wenigstens zum passenden Zeitpunkt treffen. Da ich als temporärer Alleinerzieher nicht krank werden darf, haben es höhere Mächte so eingerichtet, dass mich eine Malaise nur dann niederstreckt, wenn Frido und Paul in Obhut ihrer Großeltern sind. Dann hänge ich einen Nachmittag herum und trinke Fencheltee, esse trockenes Brot, träume nachts zehn Mal nacheinander denselben Blödsinn und bin am nächsten Morgen wieder fit. Mit den Pannen, scheint es ähnlich zu sein, unberufen, möge es so bleiben.

Ich hatte den ganzen Tag mit pestkranken Erfurtern des Jahres 1683 verbracht, also am Schreibtisch, und es wurde immer kälter. Ich litt Hunger wie sie (denn die Bauern brachten nichts mehr in die Stadt, und ich hatte mich seit dem Frühstück nur von Kaffee ernährt), also führte ich die Kälte aufs Thema und die Erschöpfung zurück. Ich wollte soviel wie möglich schaffen an dem Tag ohne die Jungs! Aber die Heizkörper selbst waren kalt, und am Heizgerät leuchtete eine rote Lampe, die ich nicht kannte. Ich rief, da es ein Samstagabend war, sofort den Notdienst an. Der Mann hatte einen netten holländischen Akzent.

Er fand ziemlich schnell heraus, dass der Glühzünder defekt war. „Das ist wohl länger nicht gewartet worden?“ Er zeigte mir die brüchige, rostige Halterung des Zünders. „Zehn Jahre?“ Ich holte eine Rechnung. Zuletzt war der Glühzünder vor zwei Jahren ausgetauscht worden, für alles in allem 85 Euro. „Hm“, sagte Herr van Rijn, denn so hieß er, wie Rembrandt. Zahlreiche Holländer tragen berühmte Namen, es ist halt ein kleines Land, dessen Goldenes Zeitalter so viele Leuchten hervorbrachte, dass dort bis heute jeder zweite Leuwenhoek oder Ruisdael oder Huygens oder Rubens heißt. „Hm“, sagte also Herr van Rijn.

Dann holte er einen neuen Glühzünder aus dem Wagen und stellte fest, dass der keine Fassung hatte. Also musste er wieder die alte, rostige nehmen. Das hatte sein Vorgänger wohl auch schon getan, damit war für ihn das Rätsel gelöst. Es komme auch gar nicht so auf die Fassung an, meinte er und schraubte. Fluff, das Gerät ging an, na bitte. Wenn Frido und Paul kommen, ist alles schön warm wie immer. Hätte ich am Montag angerufen, dann wäre frühestens am Donnerstag jemand gekommen, sagte er, ich könne von Glück sagen. Jetzt bin ich gespannt auf die Rechnung. Zuletzt nahm die Firma 42 Euro pro Stunde.

Wenn das mein durchschnittlicher Stundensatz als Freischaffender wäre, hätte ich den Stall schon längst zum Konzertsaal umgebaut. Dabei kann ich das bisschen, was ich kann, auch nicht schlechter als van Rijn, egal welcher. Aber darüber zerbrach ich mir jetzt nicht den Kopf. Ich war dankbar. Die Heizung war in genau dem Moment erkaltet, als auch der Glühzünder in meinem Kopf nicht mehr konnte, und wieder warm, ehe mich die Panik vorm Nachtfrost packen konnte. Die Panne hatte mich für heute von der Pest erlöst und mir den goldenen Boden des Handwerks gezeigt. Was will man mehr?

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt

Venedig wäre eine prima Alternative

Einen Berufswunsch werden Frido und Paul bestimmt niemals äußern, nämlich Journalist zu werden, oder jedenfalls irgendein Schreiber. Sie hassen meinen Job. Besonders jetzt, da ihre Mama ihrem Beruf für Wochen ganz woanders nachgeht und sie ganz auf mich angewiesen sind. Sie lieben Bücher und Geschichten, aber schon Zeitungen sind eher problematisch. Ich kann den Tag nicht beginnen, ohne wenigstens ein paar Seiten querzulesen, während die beiden sich auf dem Bett tummeln. Nur absolute Notfälle – Kometeneinschläge oder ein umstürzender Kaffeebecher – können mich davon abbringen.

Ihnen wäre es lieber, ich würde auch Höhlen aus Bettdecken bauen oder Bilderbücher vorlesen, aber das geht nur am Wochenende, wenn wir nicht um acht zum Kinderhaus aufbrechen. „Und wieso fahren wir nicht später los?“ „Weil ich arbeiten muss. Ihr würdet euch schrecklich langweilen mit mir“, sage ich und verschweige, dass eh keine Zeile zustandekäme, wuselten sie hier oben in meinem Arbeitszimmer herum. Wir haben es ausprobiert. Paul zerlegte mein Stapelarchiv (ich nenne es „open source“, weil das Zeug längst nicht mehr in Schubladen passt und den ganzen Raum okkupiert), Frido quengelte.

Mein Arbeitszimmer ist also keine Wunderkammer, sondern der Raum, der mich ihnen entzieht. Ich glaube, sie verabscheuen sogar das Knarren der schmalen hölzernen Treppenstufen, das Geräusch meines Entschwindens, wenn nachmittags die nette Babysitterin kommt und ich schon wieder keine Zeit zum Spielen habe, weil ich am Vormittag nicht nur recherchiert und organisiert und geschrieben, sondern auch geputzt und eingekauft, eine Lampe repariert und die Betten gemacht habe, weil die Nacht nur sechs Stunden dauerte und mittags eine Siesta fällig war. Was sie mögen, ist, wenn ich Bratsche übe.

Dabei muss ich nämlich nicht allein sein und komme nach unten. Wenn ich mich mit ein paar Etüden fit mache und Stücke nach schweren Stellen absuche, kann Paul ruhig mitsingen oder sogar Trommel, Xylophon und Klavier traktieren, und Frido genießt es, in der Nähe mit einem Comic herumzuliegen. Da wissen sie wenigstens, was ich mache. Ein Instrument, eine Bewegung, ein Ton. Aber schreiben? Da sitzt ihr Papa am Laptop und tut kaum etwas, wie es scheint. Er guckt auf Schirm und Papiere, ab und zu tappert sein Zeigefinger über die Tastatur, und was dabei herauskommt, ist für sie nicht interessant.

Das Laptop ist nur interessant, wenn ich es abends herunterbringe und wir vorm Zubettgehen ein paar Clips mit Maus und Elefant gucken oder sogar einen ganzen Film darüber, wie ein Schiff gebaut wird oder wie Bonbons hergestellt werden. Manchmal habe ich aber tagsüber so viel ins Laptop gestarrt, dass ich erkläre: „Heute will ich das nicht mehr sehen. Ich lese euch was vor.“ Das akzeptieren sie. Und Frido weiß auch, dass alles, was man vorlesen kann, erstmal geschrieben werden muss. Aber reicht es nicht, wenn das andere Leute machen? „Papa, du sollst nicht schreiben“, findet er. „Du sollst mit mir nach Venedig fahren.“ Voll erwischt! Das täte ich jetzt auch am liebsten.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt