“Oh Gott, wie soll das jemals gehen?”

Ein Treffen mit vier Solisten des Ensembles Cantando Admont während der Proben zu Beat Furrers neuer Oper “Das große Feuer” in Zürich

cantando foto
Fünf Jahre ist es her. Friederike Kühl hatte gerade ihr Gesangsstudium in Rostock abgeschlossen, „vier Wochen vor dem Lockdown, mit Konzert, mit Publikum, richtig schön. Dann war alles zu und ich stand da mit einem Beruf, der plötzlich verboten und gefährlich war. Ich habe erstmal Hartz 4 beantragt. Und dann bin ich in Salzburg bei Cantando eingesprungen.“ Großes, befreites Gelächter in der kleinen Runde, die im Foyer der Probebühne zusammensitzt. Längst ist Friederike festes Mitglied des Ensembles Cantando Admont, das in Zürich an Beat Furrers neuer Oper Das große Feuer arbeitet. Sie nennt es „eine Schicksalsgemeinschaft“. Zwölf Vokalsolisten sind es insgesamt, vier von ihnen erzählen mir vor der nächsten Probe von sich und ihrer Arbeit.

Sie lachen oft dabei. Verschiedener könnten sie nicht sein, verbundener aber auch nicht. Da ist Bernd Lambauer, schmal, gelassen, blondes Haar bis knapp über die Schultern, Mitte fünfzig und gebürtig aus Graz – dort und in Wien hat das Ensemble seinen Sitz. Rechts von ihm sitzt ein weiterer Tenor am Tischchen, Hugo Paulsson Stove, 1993 in Stockholm geboren, den man nicht als schwedischen Naturburschen unterschätzen sollte, auch wenn er so aussieht. Eher florentinisch wirkt Helēna Sorokina, aber sie kommt vom anderen Ufer der Ostsee, aus Riga, und lebt in Wien. Für diese Altistin schrieb Beat Furrer die „Prophezeihungen“ in seiner Oper, so, wie er jede:n von ihnen beim Komponieren vor sich hatte.

„Wir haben die Partitur von ihm so nach und nach übers Internet bekommen“, sagt Bernd, „dann schaut man sich´s an und denkt, oh Gott, wie soll das jemals gehen! Das ist das erste Stadium.“ „Die initiale Frustration“, sagt Hugo, „das muss so sein!“ „ Als ich meine Prophezeihungsszene gekriegt habe“, sagt Helēna, „dachte ich, ich hab in meinem Leben noch nichts Schwierigeres gesehen. In der einen Sprache zu sprechen und parallel in der anderen Sprache zu singen! Challenge accepted! Die Belohnung für das, was wir hier machen: Man kommt auf ein Level, von dem man nie gedacht hat, dass man da landen könnte. Man sieht, dass Beat uns schätzt, vielleicht mehr als wir uns selber.“

Sie haben alle vier schon vieles von Beat Furrer gesungen, diesem Meister der suggestiven Klangräume und fein kalkulierten Verdichtungen, und auch Friederike, gebürtige Stuttgarterin, kennt das „Verzweiflungsmoment“ bei der Annäherung an seine vertrackten Partituren. „Da schreie ich ihn innerlich an: Ist das dein Ernst, muss das so sein? Aber dann kommt dieses Erlebnis, dass ich an seiner Musik wachse, als Künstlerin und Mensch, und dass aus diesen kleinen Punkten Musik wird. Diesen Vorgang gibt´s bei Mozart natürlich genau so, aber bei ihm überspringt man das – die Pamina hat man ja schon tausend Mal gehört. Es war ein total schönes Erlebnis, mir selbst bei dem Schritt zuzugucken.“

„Ich denke, es ist wie Winken“, meint Helēna. „Eigentlich zwei unterschiedliche Bewegungen, eine nach rechts, eine nach links. Aber daran denken wir nicht bei Mozart, da winken wir automatisch. Hier müssen wir es erst lernen.“ „Und das bedeutet für den Ausführenden eine Vertiefung“, sagt ihre Kollegin, „das macht es für uns so wertvoll auch für Musik, die man schon kennt. Irgendwann nach einem Projekt mit Beats Musik hatte ich ein Weihnachtsoratorium. Die Echoarie hatte ich schon mal gesungen, aber es machte solchen Spaß, in diese Arie anders reinzugehen!“ Sie alle haben ihre Erfahrungen mit dem Repertoire, und ABBA lieben sie auch. Um so spannender, eine neue Musiksprache zu lernen.

„Es ist der schönste Moment, wenn es dann wie Winken ist“, findet Hugo. Doch in Das grosse Feuer ist der Weg zu diesem Moment noch hürdenreicher als in früheren Werken von Furrer. Zum einen, weil sich viele Charaktere in diesem Regenwalddrama ständig ändern – „manchmal sind wir Teil der Gesellschaft, manchmal mutieren wir in Wesen, die nicht von dieser Welt sind, auch die Musik ändert sich, unsere sängerischen Aufgaben“, sagt Helēna. Zum andern gehören zu diesen Aufgaben auch Mikrointervalle aus der Obertonreihe.

„Es ist in verschiedenen Tonarten“, erklärt Hugo, „harmonisch gedacht, aber ganz komplex.“ „Das stelle ich mir schwierig vor“, meine ich. Fast unisono rufen sie: „Das ist es!“ Friederike geht ins Detail: „Es gibt einen Grundton und von dem aus müssen wir die Mikrotöne ansteuern, nicht so ungefähr, sondern zum Beispiel den elften Oberton. Der liegt zwischen Quart und Tritonus…“ „Aber nicht die mathematische Hälfte“, wendet Bernd ein. „Wir mussten lernen, wie wir blind mitten in der Nacht diesen Oberton in Bezug zum Fundamentalton finden können“, sagt Helēna. „Und wenn´s dann stimmt beim Singen“, bekennt ihre Soprankollegin, „ist es körperlich geil!“ Alle lachen. „Oder?“

„Das kann man tatsächlich in Worten nicht beschreiben“, sagt die Altistin. „Es ist einfach ein anderes körperliches Gefühl, als wenn man Halbtöne und mathematische Vierteltöne singt.“ Vielleicht könne man es, sagt Tenor Bernd, mit den reinen Terzen in der alten Musik vergleichen, aus der Zeit vor den „wohltemperierten“, also künstlich egalisierten zwölf Halbtönen. „Deswegen beschäftigen wir uns als Ensemble ja auch viel mit alter Musik.“ Das war von Anfang an so, 2016, als die Dirigentin Cordula Bürgi mit Bernd Lambauer und weiteren Sängern das Ensemble gründete – benannt nach dem Stift Admond in der Steiermark. Mit Renaissancemusik aufgewachsen, von Avantgarde fasziniert, gelernte Sängerin und Geigerin, steuerte sie Cantando Admont bald an die Spitze der Gruppen, die im 16. wie im 21. Jahrhundert zuhause sind.

Cordula Bürgi war es auch, die Helēna nach einer Empfehlung engagierte. Die weiss noch jetzt auf den Tag genau, wann und womit sie 2017 debütierte, das geht Hugo nicht anders. Wie Friederike, aber zwei Jahre vor ihr sprang er in Salzburg ein, in Beat Furrers Musiktheater Begehren. „Drei Tage vor Probenbeginn wurde ich gefragt, davor habe ich fast nichts Zeitgenössisches gemacht. Ich habe nur geschummelt die ganze Zeit,“ er lacht, „ich bin einfach mitgegangen.“ Es muss gut gegangen sein, er blieb dabei. „Es gibt viele Musiker, die wollen nur Klassik und Romantik, bis dahin und nicht weiter. Ich will das nicht. Ich will denken, dass es heute Komponisten gibt, die großartig sind, und die gibt´s. Dabei kommt man auch den toten Komponisten viel näher. Alle wollen musikalisch etwas ausdrücken, gesagt haben und aufs Papier schreiben. Egal ob das Bach oder Bruckner ist, es ist derselbe Drang.“

Aber mit einer Oper wie Carmen ist Das große Feuer nun wirklich nicht zu vergleichen. Wie könnte man einem blutigen Laien den Unterschied erklären? „Ich könnte nicht sagen, ich spiele dir die schöne Arie aus der Furrer-Oper vor“, meint Hugo. Grosses Gelächter, Helēna summt gleich die Arie „Près des remparts de Séville“. „Bei Carmen“, sagt sie dann, „gehen wir immer von Melodien aus, aber so einfach ist das nicht. Auch dort sind die Geräusche, die Umgebung, die Gesellschaft der Zeit eingewoben. Wir sind es nur gewohnt, diese Musik auf eine bestimmte Art zu hören, sie wird konsumiert.“

Und wie ist es mit der Handlung der neuen Oper? Natürlich gibt es eine Geschichte, aber sie ist nicht so eindeutig auf Rollen verteilt. „Wir sind Boten, Naturereignisse, Einzelpersonen, aufgewühltes Volk“, sagt Helēna, Hugo ergänzt: „Manche Sachen sind fest und andere wie Rauch, oder Fließendes… da muss man als Publikum einfach mitkommen!“ Auf jeden Fall sei es dramatische Musik, und ihr Bezug zum Text helfe ihnen, das alles auswendig zu lernen. „Und dann“, meine ich, „kommt die Regie und verlangt wieder etwas Neues…“ „Das ist immer ein Problem!“ ruft Friederike sofort, alle lachen. Und dann begeben sie sich auf die Probebühne, um auch dieses Problem zu lösen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand für das MAG 120 der Oper Zürich, erschienen März 2025. Die Uraufführung von Beat Furrers Oper Das große Feuer findet am 23. März 2025 unter der Leitung des Komponisten statt, in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca. Näheres hier. Das Foto (privat) zeigt (v.l.n.r.) Bernd Lambauer, Hugo Paulsson Stove,  Helēna Sorokina und Friederike Kühl.

 

15. März 2025

Sofia_Gubaidulina_July1981_Sortavala_©DSmirnov

Unfern der russischen Grenze zu Finnland in Sortavala entstand im Juli 1981 dieses Foto, das Dmitri N. Smirnov von der 49-jährigen Sofia Gubaidulina machte. Nun ist die Komponistin am 13. März mit 93 Jahren gestorben, in ihrem Haus bei Pinneberg. Als ich sie im April 1990 zum ersten Mal traf, war Gubaidulina noch ein halber Geheimtipp. Aber schon da musste der Workshop mit ihr in der hannoverschen Musikhochschule aus dem kleinen Saal 235 in einen größeren umziehen, weil so viele Interessierte gekommen waren. Als ich Sofia Gubaidulina zuletzt besuchte, im Oktober 2011, war sie fast 80 und längst eine internationale Größe – wohl die erste Komponistin der Geschichte, die es zu Lebzeiten zu Weltruhm brachte. Sie erinnerte sich voller Wärme an Dmitri Schostakowitsch, der sie ermuntert hatte, auf dem “falschen Weg” zu bleiben, auf dem man die junge Komponistin am Moskauer Konservatorium sah. Das und viel mehr ist nachzulesen im Text, den ich für VAN geschrieben habe – dort wird auch auf einige Videos von Aufführungen ihrer Musik verlinkt, last not least mit Gidon Kremer, der ihr Violinkonzert Offertorium anregte, uraufführte und aufnahm, was zu ihrem internationalen Durchbruch führte. “Gidon hat mich erschaffen”, meinte Sofia Gubaidulina – eines der bescheidensten Genies, die je gelebt haben.

7. März 2025

ravel in bilbao

Am 7. Oktober 1913 schreibt Maurice Ravel in einem Brief: „Placet futile war schon fertig, aber ich habe es überarbeitet. Ich verhehle mir nicht, dass es eine gewaltige Kühnheit ist zu versuchen, dieses Sonett in Musik zu übertragen. Die melodische Kontur, die Modulationen, die Rhythmen müssen so fein, so delikat und zugleich komplex sein wie die Gefühle, die Bilder des Textes. Trotzdem muss die elegante Haltung des Gedichts da sein. Und, vor allem, die tiefe, bewundernswerte Zärtlichkeit, die all das umfließt. Jetzt, da es getan ist, habe ich ein bisschen Lampenfieber…“

Placet futile, Vergebliches Flehen, so heißt ein nahezu unübersetzbares Sonett von Stéphane Mallarmé, und was Maurice Ravel 1913 daraus machte, das sollte man heute an seinem 150. Geburtstag schon deswegen hören, weil ja sonst überwiegend der Bolero von 1928 rauf und runter gespielt wird. Auch ein tolles Stück! Aber hier, im mittleren der Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé, komponiert für zwei Flöten, zwei Klarinetten, Streichquartett, Klavier und Gesang, kann man den jungen Avantgardisten Ravel entdecken. Ich gestehe, bei einem Blindhören hätte ich bis zum Einsatz der Sopranistin auf etwas von Alban Berg getippt, vielleicht schon aus der Zeit der Arbeit am Wozzeck. So nahe wie in Placet futile kommen sich Ravel und der Kreis um Schönberg nie wieder – nicht von ungefähr. Über seinen Freund und Kollegen Strawinsky hatte Ravel Anfang 1913 den noch fast tintenfrischen Pierrot Lunaire von Schönberg kennengelernt und war fasziniert.

Das Gedicht – es geht, sehr grob gesagt, um Liebesgedanken beim Blick auf eine bemalte Porzellantasse – scheint ein völlig anderes zu sein als eben dasselbe Placet futile, das Claude Debussy etwa zeitgleich in derselben Stadt Paris komponierte. Während er den nostalgischen Blick in die Zeit der Schäferspiele zum Thema macht, etwas ironisch gebrochen, entdeckt Ravel Abgründe von Leidenschaft, Verlust, Sehnsucht. Das ist nicht das Lächeln einer gemalten Figur, auf die ein paar Träume projiziert werden, das ist das Lächeln eines zutiefst geliebten Menschen. Am schönsten hat Felicity Lott das Lied gesungen, 1983 mit dem Ensemble de Chambre de l´Orchestre de Paris. Noch viel mehr zu den Mallarmé-Vertonungen von Ravel und Debussy ist nachzuhören in einer Folge der Interpretationen auf Deutschlandfunk Kultur, 2022 entstanden, Infos hier.

Und der Boléro? Wollen Sie es wirklich wissen, von Polytonalität bis Bo Derek? Und was Debussy auch damit zu tun hat? Dann geht´s hier lang. Das signierte Lichtbild von Ravel aus der Zeit kurz vorm Boléro hängt übrigens im Künstlerzimmer der Sociedad Filarmónica da Bilbao, wo ich es fotografierte. Er hat in diesem Saal am 10. November 1925 eigene Werke dirigiert.