Tonleitern führen selten ins Freie

Über den Pianisten Evgeny Kissin war jetzt mal wieder zu lesen, er habe schon als Zweijähriger improvisiert. Da musste ich lachen. Ich habe zu Kissin überhaupt nichts zu sagen, da ich ihn noch nie spielen hörte, ich bin schon reichlich damit bedient, von den tausenden lebenden Klaviersolisten vielleicht fünfzig näher behorcht zu haben. Aber welcher Zweijährige improvisiert denn nicht? Wenn ein Klavier in der Nähe steht, nehmen sie das Klavier. Oder eine Trommel. Oder Stift und Papier. Oder Steine, die im Gras verlegt werden. Zweijährige improvisieren unablässig, mit unfassbarer Freiheit.

Wenn man sie lässt, jedenfalls, und als Anregung ein bisschen mehr da ist als ein Fernsehgerät und andere Selbstläufer. Bilder, Improvisationen und selbstausgedachte Geschichten von Zweijährigen sind oft von leuchtender Schönheit. Wenn Eltern der 1970er angesichts der Avantgarde gern spotteten, „das kann mein Kind auch“, dann verhöhnten sie in Wahrheit nicht die Künstler, sondern die Kinder, deren Freiheit sie nicht begriffen. Natürlich ist das auch eine Freiheit von Regeln. Sie zu behalten, ist allerdings schwieriger und stößt auf größeren Widerstand, als Klavier spielen zu lernen.

Nun mal das doch mal richtig, und so geht die Melodie! Wenn ein Kind dann richtig malt, gilt es als begabt, wenn es die Melodie sogar von vornherein trifft und selbst eine erdenken kann, der man Tonika und Dominante anhört, ist es ein Wunderkind und gibt mit acht Jahren sein erstes Konzert. Ich misstraue nicht den Wunderkindern, aber ihren Bewunderern. Mozart ist kein Maßstab, sondern eine Ausnahme. Unter den wirklich innovativen Künstlern ist der Anteil derer, die überfrüh ein Handwerk beherrschten, gering. Selbst der flammend begabte Ferruccio Busoni ging als Komponist nicht so weit wie als Theoretiker.

Wagner und Berlioz dagegen waren erbärmliche Pianisten. Cézanne lernte nie, eine Hand gut zu zeichnen. Flaubert wurde von seinen Eltern für einen Idioten gehalten. Das spricht nicht dafür, frühe Professionalität für kreativ förderlich zu halten. Wir brauchen indessen gar nicht mehr Genies, sondern mehr Neugier. Matthias Kaul bringt in seiner Kinderkompositionsklasse den Kindern keine Fugen bei, sondern das Suchen und Fragen. Eine Mutter, deren Sohn mit neun Jahren seinen Chopin „konnte“, erwartete bei Kaul klassische Harmonielehre und war entsetzt, als der Junge begeistert erzählte, man habe ein Klavier zerlegt.

Hätte er dabei bleiben dürfen, uns bliebe vielleicht der soundsovielte Repertoiresportler erspart, es müsste auch gar kein Komponist aus ihm werden, einfach nur ein offener Mensch. Gerade habe ich mir noch mal angehört, wie Frido mit zwei Jahren am Klavier improvisierte. Eine irre Mischung zwischen New York School und dem kargen Rihm der 1980er. Wunderschön. Frei. Es ist doch schon viel, wenn diese Freiheit weiterwirkt. Übrigens bricht Frido nach acht Minuten ab, weil im Hintergrund ein Staubsauger aufheult. Da merkt man, wie verletzlich Freiheit ist. Man sollte sie nicht nur bei Künstlern respektieren.

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E-Mail aus dem Orwell-Jahr

Während die meisten Leute sich schwerlich erinnern können, in welchem Jahr oder gar um welche Uhrzeit sie ihre erste E-Mail bekamen, steht es zumindest für ganz Deutschland fest: 3. August 1984, 10.14 Uhr mitteleuropäischer Zeit. In der Betreffzeile stand: „Wilkomen in CSNET!“ Heute würde die leicht defizitäte Rechtschreibung sofort Verdacht auf Phishing erregen, damals öffnete ein Mann in Karlsruhe bedenkenlos das digitale Kuvert, um Post von Laura zu lesen: „Michael, This is your official welcome to CSNET.“

Michael Rotert war und ist Informatiker in Karlsruhe, damals an der Uni. Und Laura Breeden begrüßte ihn auf einer US-Plattform, die zur Kommunikation von Wissenschaftlern gegründet worden war. Der junge Karlsruher brauchte dafür einen kühlschrankgroßen Computer namens VAX 11/750, der schon mit dem Betriebssystem UNIX lief. Und natürlich stand dieser Computer in einem Keller. Es müssen ja immer Keller und Garagen sein, in denen die großen Umwälzungen ihre Anfänge nehmen, bescheiden und beengt.

In Wahrheit tun sie das selten. In Wahrheit wünschte man sich im US-Verteidigungsministerium schon zu Beginn der 1960er ein Netzwerk zur internen Kommunikation, und was dann 1962 drei Informatiker als „Intergalactic Computer Network“ konzipierten, enthielt schon fast alle Ingredienzien des Internet. Einer von ihnen wurde bald darauf Chef der Advanced Research Projects Agency, 1969 stand das ARPANET, das mit Harfen nichts zu tun hatte, 1971 wurde die erste E-Mail verschickt.

Natürlich führen noch zig weitere Wege zur weltweiten E-Post mit jetzt mindestens 3,4 Milliarden Anwendern. Auch der Buchdruck beginnt nicht erst mit Gutenberg, um die Erfindung des Funkverkehrs konkurriert ein Dutzend Pioniere. Aber es gibt doch immer irgendwo ein konkretes „erstes Mal“, eine Geburt mit Datum, auf die sich Menschen gern berufen. Je weniger wir durchblicken, desto lieber zeigen wir auf die Urkunden. Und auf einen Ur-Kunden wie Michael Rotert, immerhin erster Mailer im deutschen Telefonnetz.

Seine Uni habe damals, sagt er heute, schon mal 30.000 Mark monatlich fürs Mailen bezahlt. Schade, dass solche Tarife nicht beibehalten wurden für alle, die Spams absondern. Der klebrige Müll umfasst nämlich drei Viertel der 3,7 Millionen Mails, die mittlerweile weltweit pro Sekunde verschickt werden.

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Drachenhunde über dem Bodensee

Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ werden von HK Gruber in Bregenz zur Festspieloper entkernt, während die „Zauberflöte“ als bunteste aller Utopien triumphiert

Prominenter kann man eine Uraufführung kaum besetzen. Carola Neher, Paul Hörbiger, Hans Moser, Peter Lorre waren dabei, als 1931 die Geschichten aus dem Wiener Wald von Berlin aus zu einem der größten Erfolge des Ödön von Horváth wurden. Im gemütlichen “Weaner” Ambiente legt er eine hilflose Brutalität offen, komisch, bitter, entsetzlich, im Schatten eines gewesenen und eines kommenden Krieges, eine Substanz, die einen noch 80 Jahre danach stark beunruhigen kann. Auch dem Wiener Komponisten HK Gruber, Jahrgang 1943, hat sie keine Ruhe gelassen.

Eigentlich wünschten sich die Bregenzer Festspiele für ihren 68. Sommer am Bodensee von ihm eine Oper zu einem zeitgenössischen Text, eigentlich fand Gruber selbst, dass Horváth keinen Komponisten brauche. Aber den brauchte ja auch Georg Büchners Woyzeck nicht, und trotzdem wurde Alban Bergs Oper Wozzeck daraus. Ein schräger Vergleich ist das nur, wenn man die genialen Geschichten aus dem Wiener Wald beharrlich als ein “mit satirischem Speck dick durchwachsenenes Volksstück” unterschätzt wie einst Alfred Polgar.

Prominent ist auch diese Uraufführung besetzt. Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager als Tabaktrafikantin, Bassist Albert Pesendorfer als Zauberkönig, Spielzeughändler und Vater jener Marianne, deren uneheliches Baby von einer garstigen Großmutter zu Tode gebracht wird, die von keiner geringeren als Anja Silja verkörpert wird, sämtliche weiteren elf Solisten auf demselben Niveau – was soll da schiefgehen, wenn zudem die Partitur griffig, kurzweilig, durchsichtig geschrieben ist und vom Komponisten am Pult der Wiener Symphoniker auch noch genau so dirigiert wird?

Gar nichts geht schief. Leider. Es funktioniert so fabelhaft, dass nichts quer und schief und bitter eindringen kann in die schöne, bunte Sommerlaune am Bodensee. Und das bei einer Geschichte, in der – ähnlich der Marie in Bergs Wozzeck und ihrer Leidensschwestern bei Leoš Janáček – eine naive junge Frau, ihrer Sehnsucht folgend, sich verführen und hereinlegen lässt, an den Rand der Gesellschaft geschleudert und zumindest innerlich tot in sie zurückgetragen wird wie ein Beutestück. All den Stationen, den Affekten, den Charakteren ist HK Gruber durchaus getreulich gefolgt.

Es gibt große Vokallinien, gern von instrumentalen Echos nachgezeichnet, knackige Duette und Terzette, rotierende Rhythmen, in denen Strawinsky als jazzophiler Neoklassizist grüßen lässt, es gibt Wiener Walzer und Zitate aus dem Rosenkavalier, es gibt Sphärenklang und Blechbläsereruption, die Kombi aus verstimmtem Klavier und Tuba, selbst ein Gebet gibt es wie einst in der Grand opéra, und all das ist trefflich gefügt, getimt, kontrastreich und nachvollziehbar. Und vertändelt einen großen Stoff, eine riesige Chance.

Gruber komponiert dem Dramatiker Horváth hinterher wie einer, der gern dessen Zeitgenosse gewesen wäre, anstatt mit seinen Tönen Löcher in unsere Gegenwart zu schlagen, durch die der Text hereinbrechen könnte in aller fauligen Süße und Brutalität. Als hätten sich Kurt Weill und Richard Strauss nach ihrem Tod auf halber Strecke getroffen, klingt vom einen die Bodenhaftung, vom andern die Überwölbung an. Dazwischen bildet sich der Hohlraum des Kunstgewerbes, in dem selbst die Kinderrassel, die der nichtsahnende Opa dem toten Enkel mitgebracht hat, ein Requisit bleibt.

Zur Entkernung trägt freilich auch der Librettist und Regisseur Michael Sturminger bei. Die Tristesse der Anfangsszenen lässt er weg, die des Kleinbürgertums auch. Es geht gleich zum heiteren Picknick an der Donau mit cool und aktuell gekleideten Leuten, die offensichtlich über den Klamottenetat von Festspielgästen verfügen und sich, während Videoprojektionen die heutige Donau zeigen, über “Tonfilm” und “Bolschewismus” und “die Juden” unterhalten. Was in diesem Fall nicht zu unangenehm juckenden Epochenberührungen, sondern zu zeitloser Unverbindlichkeit führt.

Der 8. Wiener Bezirk ist dann eine Fototapete wie ein Exponat in der Lobby einer Konzernzentrale. Wobei keine Brechung entsteht, sondern keimfreie Distanz zur Gier, zur Sehnsucht, zum Ausgeliefertsein dieser Leute. Dabei singt hier eine Idealbesetzung, die sich auf der Bühne des Bregenzer Festspielhauses unterfordern lässt. Anja Siljas kalte Alte kann einen bis in die Träume verfolgen, Angelika Kirchschlagers Trafikantin lässt alle Hohlräume und Keimschutzfolien wegbrennen mit einem einzigen, halb gesungenen Satz, abgefeuert auf Schmarotzer Alfred: “So klein möcht ich dich sehn, so klein!”

Da raucht die Stimme wie ein Colt, da ist man aber schon wieder nah am Sprechtheater. Es spricht für Gruber, dass er solche Nähe zulässt, und zeigt zugleich, welche Intensität Horváths Text tatsächlich birgt. Die Crew um die zerbrechliche Ilse Eerens als Marianne könnte man sich auch denken für eine ganz andere, ungeschriebene Partitur, eine der Extreme und des Eigensinns. Was nicht heißt, Oper könne nur durch rücksichtslose Ästhetik den Horizont nachhaltig erweitern. Dann nämlich gäbe es die Zauberflöte nicht.

Mit ihr feiert in Bregenz ein Werk Rekorde, das vor 223 Jahren als kalkulierter Kassenschlager begann, mit ihr outet sich David Pountney zum Abschied als Intendant als Wiedergänger des Showprofis Emanuel Schikaneder, der auch ein Pionier der Freiluftevents und technischer Gimmicks war. 210 000 Menschen werden sich in diesem Sommer ansehen, was der Brite im Vorjahr (ZEIT Nr. 31/13) für die Seebühne inszenierte: Ein Theater großer Wunderbilder, bei dem sogar der Sonnenuntergang überm See mitspielt, pünktlich und dunkelrot.

Da werden 7.000 Besucher gemeinsam zu Kindern, die himmelhohe Drachenhunde bestaunen und selbstfahrende Gondeln und eigensinnige Riesengrashalme, vom Seewind gestreichelt, den Bungeeangriff der Spidermänner, indonesische Fabeltiere und singende Puppen, die Königin, die von ihrer Krinoline in die Nacht gehoben wird, kurz, die schikanederischste Zauberflöte seit 1791, deren Widersprüche sich in Farben auflösen und, natürlich, in Mozart. Auch hier funktioniert alles fabelhaft. Zum Glück. Denn die Utopie brauchen wir so dringend wie die Beunruhigung.

Der Text erschien mit anderer Unterzeile in der ZEIT vom 31.7.2014 und ist urheberrechtlich geschützt