2. August 2014

> Als meine Opas zehn und acht Jahre alt waren, begann der Erste Weltkrieg. Zu dessen hundertstem Jahrestag sind jede Menge Lesetipps erschienen, aber nirgendwo fand ich einen Hinweis auf zwei Romane, die eben keine “Weltkriegsromane” sind, sondern Weltliteratur, die aus den Jahren 1916 und 1917 erzählt. Ruhige, klare, weite Bücher, beide erschienen im Jahre 1935. In Frankreich “Le sang noir”, “Schwarzes Blut” von Louis Guilloux, in Deutschland “Erziehung vor Verdun” von Arnold Zweig. Den Titel des letzteren, immerhin, wählte Frank Schirrmacher 2013 als Überschrift für seine Geschichte über einen Besuch der Schlachtfelder, in der Zweig allerdings weder erwähnt noch zitiert wird. Er und Guilloux sind wie zwei Brüder im Geiste, zufälligerweise beide “Arbeiterkinder”. Der Deutsche kam 1887 im schlesischen Glogau (heute Glogów) als Sohn eines Sattlers zur Welt, der Franzose 1899 als Sohn eines Schusters im bretonischen Saint-Brieuc. Ihre Bücher ergänzen einander. Zweig schildert den Krieg an der Front, Guilloux einen Tag in einer Provinzstadt.

Louis Guilloux, “Schwarzes Blut”, Heyne Verlag 1981, S. 150

Für dienstuntauglich wurde niemand erklärt. Kleine Schwächlinge trugen an den Hüten das Zeichen des nahen Todes. Wie wenig kriegerisch sahen sie doch aus, wie wenig geschaffen für so frühes Sterben! Und wie wenig schienen sie den Tod zu ahnen! Fast alle Gesichter dieser Jungen, auch die männlichsten, drückten Vertrauen aus, kindliche Leichtgläubigkeit, eine rührende Naivität angesichts der Lüge. Es kam ihnen nicht in den Sinn, dass sie verraten werden könnten. Sie waren durchaus bereit, ihre Hand in die Hand eines zu legen, der sie fortführen woillte, vorausgesetzt, er erzählte ihnen eine schöne und edle Gerschichte. Sie stellten keine Bedingungen, schienen nicht einmal daran zu denken, verlangten nicht zu wissen, womit am anderen Ende der Kette der Verlust ihres jungen Lebens aufgewogen werden würde (…)

Arnold Zweig, “Erziehung vor Verdun”, Reclam Verlag Leipzig 1971, S. 242

Neben ihm lag ein ausgestreckter Körper, die Brust durchstochen, anscheinend auch durchschossen; er fühlte immer wieder nach dem Puls des Mannes, der mit der rechten Faust seine Pistole umklammerte, und zwar am Lauf wie eine Keule. Das weiche blonde Haar fühlte sich noch ganz lebendig an, aber die Blicke des Leutnants Schanz sahen nichts mehr. Bertin forschte in diesen Zügen mit seinem kurzsichtigen Gesicht. „Nimm die Lampe weg“, sagte er, „ich sehe ihn auch so.“ – „Nicht jeder Mann“, sagte Leutnant von Roggstroh, „bekommt so seine Zukunft hingemalt.“ – Bertin schwieg, er schloß dem Toten die Augen mit vorsichtigen Fingerspitzen, als tue er ihm weh. In seiner Brust war eine Weite, wortlos, ohne Schmerz. „Finden Sie, daß das Sinn hat? (…) Glauben Sie nicht, daß es anders auch ginge? Er lebte so gern.“

Ist es unnötig zu sagen, dass die Welt solche Bücher unvermindert, ja sogar gesteigert nötig hat? Dass selbst mit Wagners “Tristan und Isolde” Aktuelles zu sagen ist, wenn auch nicht zum Krieg, sondern anderen Deformationen, zeigen an der Stuttgarter Oper Jossi Wieler und Sergio Morabito. Wie, das habe ich in der ZEIT besprochen (zu lesen auch hier). Dort erschien vorgestern auch meine Geschichte aus Bregenz, wo ein großer Stoff musiktheatralisch verschenkt wurde, nämlich Ödön von Horváths “Geschichten aus dem Wiener Wald”. Dafür gibt es auf der Seebühne die schikanederischste “Zauberflöte” seit 1791. Nach der Premiere sammelte ein Team des österreichischen Fernsehens Impressionen der angereisten Kritiker – weswegen sogar meine Anmerkungen zur Tonqualität (das Orchester spielt drinnen und wird nach draußen übertragen) auf der ORF-Website gelandet sind.

Und weil das Sommerwetter so schön ist wie, bekanntlich, schon im August 1914, folgen hier noch Ausflugstipps: Für Zeit online bin ich dem Boom der “Klassik”-Festivals nachgegangen – über 300 von denen gibt es in Deutschland!

26. Juli 2014

>Selbst die Verspätung der aktuellen Kolumne “Störung im Betriebsablauf” verdankt sich einer Bahnpanne. Eigentlich wollte ich den Text gestern im ICE schreiben, um wenigstens 90 der 210 Minuten zu nutzen, die mir innerhalb von fünf Tagen als Verspätungen bei der DB beschert wurden. Dazu hätte ich aber ein bisschen im Netz recherchieren müssen, ohne Smartphone. „Auf Ihrer aktuellen Strecke können Sie mit HotSpot ins Internet gehen“, las ich auf meinem PC-Bildschirm, „worauf warten Sie noch? HotSpot verfügbar.“ Na prima. Auch wenn die Telekom minimal 4,95 Euro dafür verlangt, reicht das für 24 Stunden, und der Tag ist vorstellbar, an dem die Bahnfahrt vom Bodensee zum Maschsee wirklich wieder eine Tagesreise wird. Ich klicke also auf den Button „Jetzt ins Internet“. Das Warterädchen auf dem Schirm dreht sich. Und dreht sich. „Worauf warten Sie noch?“, lese ich wieder. Und drücke wieder „Jetzt ins Internet“. Nix. Und dabei blieb es, und darum verzögerte sich die Abfahrt meiner Kolumne um unbestimmte Zeit. Zum Trost hier noch zwei schöne Links bei „Pro Bahn“: zur Entwicklung der Fahrpreise seit 1950 und der Verspätungen seit 2011.

Störung im Betriebsablauf

Die Einfahrt verzögert sich um voraussichtlich fünfzehn Minuten. Grund dafür ist eine Störung im Betriebsablauf.“ Man mag es ja schon seit zwanzig Jahren nicht mehr hören, muss man aber. Wir sind Geiseln. Autofahren ist noch teurer und endet im Stau. Da stehen wir also und hören uns Sätze an, die, auf ihre Substanz heruntergekürzt, nichts anderes heißen als: „Der Zug kommt zu spät, weil er zu spät kommt.“ Nullinformationen, die wie heiße Luft den Ballon unserer Wartewut füllen. Ab und zu platzt er, dann fliegen die Fetzen immer den Falschen um die Ohren, den Zugbegleitern.

Mit einer kleinen Änderung der Ansagen wäre schon viel gewonnen. „Die Abfahrt verzögert sich um voraussichtlich 30 Minuten. Grund dafür ist ein Investitionsstau von über 30 Milliarden Euro“. Der Bahnchef hat die Summe selbst genannt, den Rest findet man in einer exzellent recherchierten DB-Geschichte, die am 30. April 2014 in der ZEIT erschien und idealerweise in jedem Zug aushängen sollte. Oder eben in die Ansagen wandern. „Meine Damen und Herren, unser Zug ist zu einem außerplanmäßigen Halt gekommen. Grund dafür ist eine Signalstörung, Entschuldigung, ich korrigiere…“

„…Grund dafür ist die beschränkte Befahrbarkeit einer der 1400 dringend sanierungsbedürftigen Brücken, von denen jede dritte älter als hundert Jahre ist. Länger als hundert Jahre hält eine Brücke im Durchschnitt nicht. Wenn Sie mögen, können Sie auch aussteigen und den Rest zu Fuß laufen.“ Das wäre doch mal ein Signal, besser als die angeblichen „Signalstörungen“, die sich etwas konkreter geben als die „Störungen im Betriebsablauf“, aber nur den Umstand umnebeln, dass es seit dem Börsengang der Bahn um Gewinne geht und Bahnmanager Millionenboni fürs Kaputtsparen der Infrastruktur bekamen.

Eine echte Signalstörung hatten sie, als sie dem Schienennetz mal 1,75 Milliarden Euro entgehen ließen, die der Bund für Repaturen bereitstellte. Das Geld wurde nicht abgerufen und wanderte, nun ja, in den Straßenbau. Trotzdem hat die Bahn auf ihren mit Steuergeldern geschotterten Trassen im vorigen Jahr Gewinne von fast einer Milliarde gemacht, aber die wandern offensichtlich woanders hin. „Die Weiterfahrt verzögert sich um unbestimmte Zeit. Grund dafür ist, dass Deutschland ins Schienennetz sieben Mal so wenig investiert wie die Schweiz, nämlich 51 Euro pro Einwohner. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

Wenn zu solchen Ansagen noch ein guter (!) Kaffee gratis serviert würde, ginge es zwar immer noch nicht vorwärts, aber wenigstens in die richtige Richtung.

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