> Das wurde aber auch Zeit: Endlich debütiere ich in der Wigmore Hall! Glücklicherweise nicht mit einem Bratschensoloabend (da hätte ich mit dem Üben früher anfangen müssen, und außerdem hat mein Opa seinerzeit schon genug Bratschensoloabende gegeben), sondern als Instrumentalist bei Cantus Cölln. Gesungen und gespielt werden Motetten und frühe Kantaten von J.S. Bach, nämlich Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Lobet den Herrn, Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt (mit VIER Bratschen!), Christ lag in Todesbanden und Jesu meine Freude. Das Konzert beginnt am 18. Februar um 19.30 Uhr, BBC 3 sendet live. Wer als interessierter Hörer zufällig in London ist, steige in Bond Street aus der U-Bahn und begebe sich in die Wigmore Street Nr. 36. Konrad Junghänel, der das Konzert leitet, ist schon am 15. Februar als Dirigent in der Komischen Oper Berlin zu erleben, wo Stefan Herheims Inszenierung von Händels Xerxes wieder aufgenommen wurde. Noch mehr Oper: Für eine Reportage rund um das Teatro Real war ich in Madrid, der Artikel ist in der ZEIT vom 6. Februar und nun auch hier zu lesen. Anlass war die Uraufführung der Oper Brokeback Mountain im Zusammenhang mit der Krise Spaniens und dem Halb-Rauswurf des Intendanten Gerard Mortier, der im Text ebenso zu Wort kommt wie sein Nachfolger Joan Matabosch und der Regisseur Calixto Bieito.
Wackelige Angelegenheit
Es wackelt. Es wackelt sehr, während unten schon der Welfenspieß zu erkennen ist, oder Telemax, oder wie der Funkturm nun heißt. Es wackelt immer schlimmer. Auf die Sturmtiefs ist auch kein Verlass mehr. Die angekündigten mit Namen wie “Xaver“ werden Brisen, aber die namenlosen … „hui“, ruft sogar eine der Stewardessen hinter mir, wenn auch heiter. Sie sind beide lustig. In Frankfurt hat ein Passagier, der am Eingang keine Brezel mehr abkriegte, gescherzt, dann fliege er nächstes Mal mit Air Berlin und nicht mit Lufthansa, da haben sie gesagt: „Der kriegt kein Getränk.“ Natürlich kriegte er trotzdem eins.
Dann wurde auch schon aus der Reiseflughöhe ins Sturmtief gewechselt. Wenn wir schon abstürzen müssen, möchte ich nicht ausgerechnet in, bei oder auf Hannover fallen, das fände ich würdelos. Nichts gegen Hannover, aber ein Absturz muss Größe haben. Die hat eine Stadt für den, der in ihr aufwuchs, naturgemäß nur selten, zudem ist Größe wirklich nicht die hiesige Spezialität. Und meine? Einer muss Flugangst haben, das hilft allen, hat mir mal ein Therapeut gesagt. Die Angst, die die andern nicht haben, versammelt sich in ihm, es ist eine Aufgabe. Das ist magisches Denken, aber es verleiht, nun ja, Größe.
Ich und der Pilot (wie er wohl aussieht? Werden seine Knöchel schon weiß am Joystick?) retten die Landung im sturmgezausten Niedersachsen. Aber selbst als die Maschine angedockt hat, wackelt sie noch. Die etwas ältere Stewardess (ich weiß, sie heißen längst anders, aber ich sage auch Schaffner zum Zugbegleiter) sagt zur jüngeren: „Du, das ist immer noch der Wind!“ Ich frage sie, ob sie schon mal eine windigere Landung erlebt habe. Sie zögert. „Na, ein Sturm… das ist dann schon so.“ „Und wir müssen gleich wieder zurück!“, ergänzt die jüngere, die Blonde. Ich wundere mich: „Kein Feierabend?“
„Oh nein. Wir müssen sogar noch nach Warschau.“ „Da kommen Sie ja nicht vor Mitternacht zur Ruhe“, sage ich, über die Maßen redselig, wie Überlebende so sind. Die lustige Blonde, fast stolz: „Ja. Und wir waren heute schon in Birmingham!“ Dazu fällt mir nichts mehr ein, aber dafür bellt nun mein Nachbar übern Gang, der mit den Brezeln, in sein Handy: „Wer spricht da? Wie bitte?“ „Air Berlin wahrscheinlich“, mutmaßt die Blonde und grinst breit: „Die wären jetzt abgestürzt.“ Der Wind hat sie eindeutig nicht unbeeindruckt gelassen, und sie ist eindeutig stolz auf ihren Piloten. Ja, wie sieht er denn nun aus?
Wie ein Chef, um es mal französisch zu sagen, denn in Frankreich bedeutet Chef vor allem Küchenchef. Tatsächlich steht der Pilot, ein schlanker grauhaariger Mann mit feinem Gesicht, am Ausgang in der Haltung und mit dem Lächeln, womit extrem gute Küchenchefs nach fünf überragenden Gängen ihre Gäste verabschieden. In der sicheren Bescheidenheit jener Profis, denen wir unser leibliches Wohl anvertrauten und die gut damit umgegangen sind. „Danke für die exzellente Landung“, hätte ich sagen mögen und tat es nicht. Warum nicht? Warum es nicht hier nachholen? Danke für LH-Flug 054 FRA/HAJ, Freitagnachmittag.
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Moskau für Anfänger
Der Barkeeper war ein einziges langes, blasses, saures NJET. Und es ging nicht etwa um das letzte Glas nach Mitternacht, sondern um den Kaffee, sechs Uhr morgens im Hotel, ehe der Bus zum Flughafen Scheremetjewo fuhr. Eine Tasse hatte ich schon, aber nach vier Stunden Schlaf braucht man etwas mehr, um wach zu werden. Da der Frühstücksraum noch geschlossen war, musste der Barkeeper die abreisenden Musiker versorgen. Eine zweite Tasse zapfte er mir unter Zähneknirschen, dann verbarg er sich hinter einer Säule. Ich ging hin und bestellte den dritten Kaffee. „One breakfast, one coffee“, erklärte er.
„Das hier ist ein Hotel“, sagte ich ebenfalls auf Englisch. „Ich werde so lange Kaffee trinken, bis ich wach bin. Das ist in jedem Hotel der Welt so üblich.“ Er knirschte jetzt so mit den Zähnen, dass ihm das Pulver aus den Mundwinkeln zu rieseln schien, und wandte sich wieder der Maschine zu, um das Sieb aufs neue zu füllen. Obwohl er vielleicht halb so alt war wie ich, schien er mir 70 Jahre Ostblock in Reinform zu verkörpern, oder mein Klischee davon: übellaunig, störrisch, unkommunikativ, bei Bedarf bizarre Regeln aufstellend. Wer zum ersten Mal nach Moskau kommt, wird seine Klischees nicht los.
Genau so kreischend laut hatte ich mir die Metro vorgestellt, so grotesk das Neobarock der unter Stalin gebauten U-Bahnhöfe, so eisig ungemütlich den Roten Platz, so unberechenbar die Bürokratie: Bei der Einreise hatten wir etwa eineinhalb Stunden am Zoll verbracht, bis sich herausstellte, dass die Vorschriften für Instrumente sich geändert hatten. Es mussten nur noch jene Geigen und Bratschen mit Formularen bewehrt werden, die älter als 50 Jahre waren. Vielleicht hatten auch die Beamten, von Sotschi und Snowden erschöpft, keine Lust mehr zum Stempeln, jedenfalls durfte ich unerwartet durch den grünen Bereich.
Mit meiner Bratsche hatte ich auch ein paar überaus günstige Vorurteile mitgebracht, die russische Liebe zur Musik betreffend. Dass unsere Aeroflot-Maschine „Dmitrij Schostakowitsch“ hieß, passte schon mal prima, besser noch, dass meine russische Sitznachbarin mir gleich stolz erklärte, wer dieser Schostakowitsch sei. Vielleicht wäre er, lebte er noch, auch zu unserem Konzert gekommen, denn er verehrte Bach, und wir spielten die h-Moll-Messe. Beinahe hätten wir sie aber in lückenhafter Version spielen müssen. Denn – Klischee „russisches Chaos“ – zwei Stunden vorm Konzert war keine Orgel da.
Man zeigte auf die Riesenorgel an der Saalwand im „Haus der Musik“: Die tue es doch auch?! Nein, nicht wirklich. Wir brauchen ein kleines ambulantes Gerät, gestimmt auf einen Kammerton von 415 Hertz. Das kam dann kurz vor knapp, denn in Moskau ist alles möglich. Dann erschien das Publikum, das wunderbarste, das man sich denken kann, Enthuasiasten jeglichen Alters. Viele Kinder waren dabei, ab sechs Jahren etwa, nicht abgerichtet und feingemacht, sondern neugierig. Und dann wichen alle Klischees dem Geist. Schade, dass Njet, der Barkeeper, nicht dabei war. Es hätte ihm gut getan. Aber vielleicht musste er arbeiten, wie wir – und hatte noch nie Applaus dafür bekommen.
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