11. September 2023

> Noch bis zum 18. September mittags ist sie online zu hören, die zweistündige Sendung über Ethel Smyth, die zuerst im Mai 2021 auf Deutschlandfunk Kultur gesendet wurde. Für die Reihe „Interpretationen“ hatte ich die Smyth-Expertin Marleen Hoffmann als Studiogast, lockdownbedingt per Telefon. Im September 2022 kam es zur Zweitausstrahlung, nun läuft das Online-Jahr ab. Derweil nimmt die Wiederentdeckung der britischen Komponistin, Autorin, Frauenrechtlerin Fahrt auf, zuletzt dank der Initiative von Pianist Markus Becker in Hannover. Als künstlerischer Leiter der traditionsreichen „Kammermusik-Gemeinde“ riskierte er ein Programm, in dem Odelette aus Smyths wohl avanciertestem Werk zu hören war, den Four Songs (1907) für Sopran, Streichtrio, Flöte, Harfe, Schlagzeug. Auch dieser Besetzung wegen wird das Werk (1908 von Pierre Lalo in Paris gefeiert, einem Musikkritiker, den sogar Debussy ernstnahm) kaum je gespielt, die beiden bislang vorliegenden Aufnahmen sind unbefriedigend. Vom Auftritt im Alten Magazin (einem kleinen Industriebau aus dem 19. Jahrhundert mit perfekter Akustik) am 3. September lässt sich das Gegenteil sagen – was, da die örtliche Presse anno 2023 das Ereignis anders als die Pariser Presse 1908 verpasste, ich – als selbst Beteiligter – an dieser Stelle gern tue.

Antonia Schnaidt sang mit einer Klarheit und Intensität, der die Instrumentalisten nicht nachstanden. Flötist Vukan Milin und Harfenistin Ruth-Alice Marino, beide soeben dem Bayreuther Graben entstiegen, dazu Schlagzeuger Henning Ahlrichs, taten sich zusammen mit dem Flex Ensemble – einem jungen Klavierquartett, dessen Pianist Johannes Nies zwar bei Smyth nichts zu tun hatte, dafür um so mehr in Stücken aus Schönbergs Pierrot Lunaire, aus Hindemiths Violinsonate von 1918 und mit Debussys Golliwog’s Cake Walk. All das war Teil einer konzertanten Lesung aus Flammen, 90 Minuten lang, umfasst und zentriert von Debussys Sonate für Flöte, Viola und Harfe, mit Glut und Eleganz gespielt. So ein Programm, so eine Besetzung stellen sonst allenfalls Festivals auf die Beine – großer Dank an Markus Becker, der die Veranstalter dafür begeistern konnte! Nicht nur das ist ein Grund, hier mal auf seine unschlagbar witzig-virtuose, respektlos-respektvolle Jazz-Auseinandersetzung mit Ludwig van B. zu verlinken. Erschienen vor ein paar Monaten auf der CD Regarding Beethoven bei Berthold Records. Track 9 geht auf dieses Stück zurück…
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…und erquickend darüber hinaus! For someone completely different: In Zürich traf ich die Sopranistin Ermonela Jaho, in Albanien geboren, längst weltweit gefeiert und nun in der Schlusskurve zur jüngsten Produktion der Oper Zürich. La Rondine, die operettigste Oper von Giacomo Puccini, hat am 17. September Premiere, inszeniert von Christof Loy und dirigiert von Marco Armiliato. Ermonela Jaho singt die Magda – eine Art Violetta, der das tödliche Ende erspart bleibt. Letzter Tipp für heute, und wieder nah dran an “Flammen”: Noch bis zum 20. Oktober auf Deutschlandfunk Kultur zu hören und sogar herunterladbar ist die Sendung zu den Mallarmé-Vertonungen, die Debussy und Ravel 1913 zeitgleich komponierten. Letzterer übrigens für Stimme und sehr diverses Kammermusikensemble, wie zuvor Strawinsky, der es von Schönberg hatte, und wie vor Schönberg… genau, Smyth!

“Verwundbar zu sein gehört auch dazu”

Aus Albanien in die Opernwelt: Ein Treffen mit der Sopranistin Ermonela Jaho, die in Zürich die Magda in Giacomo Puccinis “La rondine” singt

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Sie trinkt ihren Espresso ohne Zucker, das Guetzli bleibt liegen, das Wasserglas bleibt lange voll, trotz der Augusthitze im Wintergarten des Café Sphères,es gibt einfach zu viel zu erzählen. Ich muss nicht mal erklären, was das für eine Porträtreihe ist, für die wir uns hier treffen, nachdem sie, Ermonela Jaho, heute schon sechs Stunden Probe hinter sich hat und ich neun Stunden reiste, dank der üblichen „Störungen im Betriebsablauf“ der Deutschen Bahn, von denen die Sängerin erstmals hört, überrascht: „Aber in Deutschland ist man doch so pünktlich!“ „Das ist dreißig Jahre her.“ Sie klopft mir amüsiert tröstend auf den Arm. Ob man vor dreißig Jahren in Deutschland oder in Albanien lebte, das ist ein himmelweiter Unterschied. Und was Ermonela als Kind und Teenager erlebte, das spielt, wie sich herausstellen wird, bis heute eine große Rolle.

Auch für ihre Gestaltung der Magda in Giacomo Puccinis La rondine, über die wir zuerst sprechen, denn bis eben hat sie auf der Probebühne an dem Stück gearbeitet. Magda gelingt gerade das nicht, was Ermonela einst schaffte, gegen beträchtliche Widerstände einen Traum realisieren. „In dieser Oper stirbt keiner“, meint sie, „aber es ist trotzdem dramatisch. Wenn du stirbst, ist das Leben vorbei“, sie klatscht kurz in die Hände wie eine Lehrerin, die „Schluss für heute!“ ruft, „aber leben mit einem Traum, der nie wahr wird, mit diesem Schmerz, das ist dramatischer, als nur zu sterben.“ Magda komme aus der demi-monde wie Violetta in La traviata, der junge Mann, den sie liebt, aus solider Familie, „und vielleicht kommt er auch nicht im richtigen Moment…“

Sie liebt es, wie der Regisseur Christof Loy arbeitet, „an allen Details, allen Personen. Jeder hat seine eigenen Gedanken, seine eigene Art, ans Leben heranzugehen, das ist in unserer Rondine auch so, nicht nur mit den Solistinnen und Solisten, auch mit der Tanztruppe und dem Chor. Es ist irgendwie eine Reise, die wir erleben hinter der Geschichte von Magda und Ruggero, eine Lebensreise. Ich bin ja seit dreißig Jahren unterwegs auf den Bühnen, ich will nicht sagen im world business, aber es passiert nicht so oft, dass ein Regisseur auf diese Weise Leben auf die Bühne bringt.“ Von world business dürfte sie durchaus reden, sie singt, in New York lebend, an den großen Häusern der Welt, und für Arte entstand sogar ein Film über sie und ihre Kolleginnen Barbara Hannigan und Asmik Grigorian, Fuoco sacro, eine Suche nach dem „heiligen Feuer des Gesangs“.

Man könnte auch einfach von Wahrhaftigkeit sprechen, von der Identität von Leben und Kunst, die auf der Bühne gelingen kann, und keineswegs, sagt Ermonela, auf der Bühne allein: „Theater ist eine direkte Verbindung vom Herzen des Künstlers zu dem des Publikums. Verwundbar zu sein gehört auch dazu. Du kannst einem schönen Klang lauschen, fünf Minuten, zehn Minuten. Okay, schön, aber passiert da noch etwas? Die Menschheit existiert noch, weil es den Austausch von Gefühlen gibt, und Oper ist das in groß.“ Ihre Stimme, ihre Mimik ändert sich bei diesen Worten, als stünde sie schon wieder auf der Bühne, überhaupt sind ihr schmales Gesicht, die Melodien und die Farben ihres Sprechens immer eins mit dem, was sie sagt. Mitunter könnte man sie fast ohne Worte verstehen – was auch im Getöse des Cafés sehr hilfreich ist.

Dunkler und schattiger klingt sie, als sie von dem Erlebnis spricht, das sie überhaupt zur Oper brachte, La traviata im Tirana des Jahres 1988, als Ermonela vierzehn Jahre alt war, in der Dämmerung des kommunistischen Regimes, das Albanien vom Rest der Welt isoliert hatte. „Ich wusste nichts über diese Oper, es war meine erste. Da war etwas, das mich so sehr berührte. Violetta, das ist eine gefolterte Seele, a tortured soul. Und wir, in Albanien geboren, haben all die Tragödien des Balkans im Blut. Kinder sind wie ein Schwamm, sie saugen alles auf. Es ist wie ein Archiv. Jeder Mensch hat das und weiß es nicht.“ Das wurde ihr erst später klar. Damals erklärte sie dem älteren Bruder, mit dem sie in die Oper gegangen war: „Ich werde Opernsängerin und ich werde nicht sterben, ohne einmal im Leben Violetta gesungen zu haben.“

Das wäre auch für ein Mädchen unter bequemeren Bedingungen eine kühne Ansage. Ermonela blieb ihr treu, studierte nach dem Zusammenbruch des Regimes Gesang am Konservatorium in Tirana und wurde dort von der Person entdeckt, ohne die es in kaum einer Sängerkarriere geht, die den entscheidenden Schritt ermöglicht. Katia Ricciarelli, italienische Sängerin, die einen Meisterkurs gab, lud sie nach Mantua ein. „Aber es war wirklich hart für mich, 1993 aus Albanien nach Italien zu kommen.“ Zehntausende Albaner waren über das Meer nach Italien geflohen und dort nicht gerade willkommen, „und jeder dort sah mich mit diesem Blick, obwohl ich dabei war, meinen Traum zu realisieren. Warum bin ich kein deutscher oder italienischer Teenager, fragte ich mich, warum muss ich leiden? Meine Therapie war es zu singen.“

Den Lebensunterhalt ihrer Ausbildung, zuerst in Mantua, dann in Rom, verdiente sie mit Babysitten und Gelegenheitsjobs. „Meinen Eltern habe ich immer gesagt, alles ist prima, ich wollte ihnen Sorgen ersparen. Sie hatten mir eine Erziehung gegeben und mich unterstützt, nun war es an mir, zu kämpfen. Wenn man aus Ländern mit solchen Schwierigkeiten wie Albanien kommt, ist das die positive Seite: Du siehst immer, wie du kämpfen musst, um dich durchzusetzen. Es gab auch Momente, in denen ich dachte, ich höre auf, jetzt reicht´s. Aber wenn ich zwei Tage lang nicht sang, merkte ich, das ist mehr als nur Karriere. Meine Seele braucht das. So machte ich weiter und weiter.“

So lange, bis sie bei einem Wettbewerb auf einer Bühne ihre „Balkan side“ ausspielen konnte, wie sie das nennt. Das ungefiltert Dramatische. „Ich bin auf der Bühne wie ein Tier, das aus dem Käfig kommt“, sagt sie und lacht, „im Leben bin ich viel kontrollierter.“ Mit 26 Jahren hatte sie in Bologna ihr erstes professionelles Engagement als Mimi in La bohème, und von da an ging es so steil aufwärts, dass sie 2008 in London für die erkrankte Anna Netrebko einsprang und triumphierte – in der Rolle ihres frühen Traums, der Violetta. Es ist sozusagen die Rolle ihres Lebens, sie ist inzwischen 310 Mal in Alfredos Armen gestorben, „aber ich bin nicht immer dieselbe Person. Ich habe in mir bestimmte Seiten entdeckt, die ich mit 20 Jahren nicht kannte.“ Als sie dachte, jetzt gäbe es für diese Rolle doch nichts mehr zu entdecken, nach ihrer Violetta an der MET im Januar, da brachte ein junger italienischer Dirigent sie auf neue Ideen, Francesco Ciampa vom Teatro Massimo in Palermo. „Ich fühlte mich, als hätte ich das noch nie gesungen! Aber jetzt werde ich mit Violetta aufhören.“

Was bleibt, ist die Erfahrung von Leiden, die sie zuerst in dieser Gestalt gebündelt fand. Ermenola ist überzeugt, dass sie vor allem deswegen etwas zu sagen hat auf der Bühne, weil sie selbst gelitten hat. „Für mich muss ein Künstler ein kleines Trauma haben. Wir lernen aus Schmerz, und Schmerz verbindet, aber das heißt nicht, dass der Künstler traurig sein muss.“ Auf die Idee käme man bei ihr ohnehin nicht, so aprilhaft wechseln Wolken und Sonne in ihrem Gesicht, so witzig führt sie vor, warum schöner Klang auch mal auf der Strecke bleiben muss. „Wenn im Drama geweint wird, kann ich nicht sagen, oh, lasst uns das schön machen“ – sie sagt das mit süß flötender Stimme und tut, als blicke sie verklärt. „Wenn du weinst, weinst du. Das ist keine Schande. Du musst es wagen, das Publikum mag das.“ Ein Vorbild bis heute ist für sie Maria Callas, „weil sie so viel am Gefühl arbeitet. Natürlich musst du deine Hausaufgaben in der Technik machen, ohne die kann man nichts ausdrücken. Es geht darum, der Stimme die Farben der Seele der Rolle zu geben, die du singst. Und keine Angst haben, sich verletzlich zu zeigen.“ Noch weniger Angst davor hat sie seit Covid. „Wir Künstler sahen, dass wir nicht mehr existierten. Du weißt nicht, was morgen passiert. Seitdem gehe ich  immer auf die Bühne, als wäre es die letzte Aufführung, das ist eine Art Befreiung, und ich weiß dann, ich habe 100 Prozent gegeben, mit all meinen Stärken und Schwächen. Like it or dislike it, but it was honest.“

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und erschien im MAG 104 der Oper Zürich, September 2023. Das Szenenfoto mit Ermonela Jaho und Benjamin Bernheim machte Admill Kuyler.

20. August 2023

> “Ich kann nicht glauben, dass ich’s gemacht habe”, sagte Rebecca Saunders lachend, als wir uns über ihr jüngstes Werk “Skull” unterhielten, in dem, erstmals bei ihr, eine melodische Keimzelle ein ganzes Stück prägt. Aber es geht um noch viel mehr in dem Porträt, das für das Magazin der Elbphilharmonie entstand. Von November bis Mai gibt es in der Elphi gleich fünf Veranstaltungen mit Werken der britischen, in Berlin lebenden Komponistin. Für sie sind übrigens auch zwei Komponisten wichtige Anreger, deren Werken ein neuer Essay für das Gürzenich-Orchester Köln gilt: Strawinskys “Psalmensinfonie” und Mahlers Vierte werden am kommenden Sonntag in der Kölner Philharmonie aufgeführt. Algo completamente diferente: Mein Buch “Bachs Welt” (2016) wird für den renommierten Verlag Acantilado ins Spanische übersetzt. Und die Arbeit an einem vierten Buch (nach “Der Klang von Paris” und “Flammen”) hat begonnen.