1. März 2024

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“Was hat ein Opernhaus mit diesem Kafka zu tun, der sich selbst als unmusikalisch bezeichnete?”, fragt Claus Spahn in seinem Beitrag über “das aufwändigste und experimentellste Musiktheater, das auf einen Stoff von Kafka geschrieben wurde”: Amerika, die 1966 unter Mißfallenskundgebungen des Publikums in Berlin uraufgeführte Oper von Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994), nach Franz Kafkas nicht vollendetem gleichnamigem Roman. Im Magazin und auf der Website der Oper Zürich (Szenfoto oben: Herwig Prammer) findet man neben Spahns Essay einen nicht minder lesenswerten über die fiktiven – und doch nicht so fiktiven – USA des Franz Kafka und ihre Verbindung mit den Vereinigten Staaten unserer Tage. “Mit dem Bruch des Völkerrechts im Irakkrieg haben die USA ihre moralische Hegemonie verloren; ausgerechnet jenes Land, das Europa unter grössten Opfern von Hitler befreite, steht in den Augen der Welt als Heuchler da”, schreibt Thomas Assheuer, bis 2023 Redakteur im Feuilleton der ZEIT, zu deren klügsten Köpfen er nun als freier Autor zählt.

Kafkas Frauengestalten Klara und Therese werden in der Zürcher Produktion – die am Sonntag, 3. März Premiere hat – von Mojca Erdmann gesungen und gesprochen. Darüber (und über einiges andere) habe ich mich mit ihr unterhalten. Das Porträt ist – wie die schon genannten Texte und vieles mehr – auf der Amerika-Website der Oper Zürich zu finden, aber auch auf meiner; eine Interviewfassung ist seit Mittwoch bei VAN online zu lesen. Sie enthält als Video auch das Galgenlied aus dem höchstkarätig besetzten Pierrot Lunaire, den Mojca Erdmann 2021 mit Zubin Mehta, den Barenboims, Emmanuel Pahud und weiteren Musikern realisierte – ein fantastisches Schönberg-Konzentrat aus dem Lockdown, das in Gänze noch seiner Veröffentlichung harrt.

Am Ende noch ein Hörtipp in ganz anderer Richtung: Noch bis zum 14. Oktober ist auf Deutschlandfunk Kultur die Chopin-Sendung Warten, bis der Frühling kommt zu hören – fast zwei Stunden mit den Préludes op. 28, ihren Interpreten und ihren Entstehungsumständen. 2018 für die Reihe Interpretationen produziert, ist die Sendung nun wieder online und herunterladbar. Details und Playlist dazu findet man allerdings nur im Archiv des Senders, nämlich hier.

“Mich reizen Figuren mit einer größeren Fallhöhe”

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Mojca Erdmann, Wahlschweizerin aus Hamburg, singt Kafka in Zürich. Dort erzählt sie (nicht nur) von ihrer Doppelrolle in Haubenstock-Ramatis selten gespielter Kafka-Oper “Amerika”

«Haben Sie mal die Noten gesehen?» «Nein.» «Ich hab’ sie mitgebracht.» Mojca Erdmann holt im Café den Klavierauszug aus ihrer Tasche. Sofort zur Sache, nach Amerika, mitten hinein in diese irre Montage aus den 1960ern, nach der von Buhs, Gelächter und Handgemengen umtosten Uraufführung in Berlin bislang nur zwei Mal produziert, eine Herausforderung ohnegleichen. «Was ist das eigentlich?», habe sie sich gefragt, als sie die Noten zum ersten Mal sah. «Ich habe viel neue Musik gemacht, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen.» Wir blättern im Klavierauszug. Auf manchen Seiten stehen keine Noten, man sieht grafische Gebilde, Linien und Schraffuren zwischen den Taktstrichen, auf anderen gibt es Notenlinien, mal nur drei, auf denen ungefähre Höhen für Sprechgesang notiert sind, denen jählings Töne auf fünf Linien folgen können, ganz präzis, vom b eine grosse Septime runter zum h… Um die zu treffen, ist ein absolutes Gehör hilfreich, wie Mojca Erdmann es hat, aber allein damit kommt man nicht hinein in ein Werk wie die Amerika­-Oper von Roman Haubenstock­-Ramati nach Kafka. «Ich habe erstmal den Roman gelesen», meint die Sopranistin, «und da ich in Zürich wohne, konnte ich mich mit Michael Richter treffen, dem Studienleiter des Opernhauses, und die Noten mit ihm durchgehen.» In Blau hat sie die Passagen markiert, die sie live singt, in Rot die, die von ihrer Stimme aufgenommen und zugespielt werden, die Figur Klara singt mit sich selbst. Uff. Und was sind das für Charaktere, Klara und Therese?

«Klara ist im Grunde eine reiche Tochter, verwöhnt, brutal, sehr narzisstisch, wirklich das Gegenteil von Therese. Die ist ein Hilfsmädchen im Hotel Occidental, sehr schüchtern, sie erzählt Karl Rossmann ihre ganze Lebensgeschichte. Es ist interessant, diese verschiedenen Frauen schauspielerisch herauszuarbeiten.» Mojca Erdmann selbst hat keine der Eigenschaften, die sie da schildert. Sie wirkt alles andere als selbstbezogen, ohne Diva-­Allüren, vollkommen arbeitsorientiert, freundliche warme Stimme. Und wenn sie, im Gegenteil, so zurückhaltend wäre wie Therese, könnte sie schwerlich längst auf eine Bühnenkarriere zurückblicken, die so reich an Wagnissen ist.

Denn tintenfrische Partien lebender Komponisten zu gestalten, ist auch dann ein Wagnis, wenn diese Künstler so etabliert sind wie Wolfgang Rihm und Aribert Reimann, die beide – und nicht als einzige – für sie geschrieben haben, von Liedern bis zu ganzen Opern. Rihms Proserpina wurde 2009 in Schwetzingen vor allem deswegen ein Erfolg, weil die damals 33­-Jährige die Rolle der in einer antikischen Ehehölle gefesselten Heldin mit grandioser Präsenz und Selbstverausgabung realisierte. Mit der Opernfantasie Dionysos setzten beide 2010 die Zusammenarbeit in Salzburg fort, es wurde die «Uraufführung des Jahres». «Es ist schon toll, wenn man mit den Komponisten sprechen kann», meint sie. «In Dionysos gab es wenige Stellen, wo ich Wolfgang fragte: Kann man hier was ändern? – Ja, schlag mir was vor … wunderbar, machen wir so.» Nun könnte man ja denken, kein Wunder bei einer Sopranistin, die selbst die Tochter eines Komponisten ist, Helmut W. Erdmann aus Emden.

«Nein, durch meinen Vater gab es gar nicht so viel Einfluss, betreffend neue Musik. Er ist auch Flötist, und wir mussten immer leise sein, wenn er Flöte übte…» Sie lacht. Wichtiger war, dass sie schon als Sechsjährige bei den Hamburger Alsterspatzen mitsang, im Kinderchor auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper stand und das Reisen lieben lernte. Der Chor trat in Spanien, Japan, den USA auf, «mit zehn habe ich im Disneyland gesungen. Aber Singen war für mich Spass, ich wollte Geige studieren.» Dann riet ein Musiklehrer der 14­-Jährigen wegen ihrer schönen Stimme, sie solle doch mal Unterricht nehmen, und so wurde sie Schülerin der damals 27-­jährigen Evelyn Herlitzius, die dann eine der grossen dramatischen Sopranistinnen wurde. «Ab da war mir klar, dass die Stimme mein Instrument ist.» Geige studierte Mojca Erdmann aber trotzdem neben dem Gesang, zur Sicherheit. «Ich wusste durch meinen Vater, dass es nicht einfach ist, als Musiker zu überleben. Geige spielte ich auch schon, seit ich sechs war, und wusste, da kann ich als Orchestermusikerin oder Geigenlehrerin mein Geld verdienen. Ich wollte aber weg von zu Hause und habe in Köln vier Semester lang beides studiert.» Wieder Glück: Ihr Gesangsprofessor war Hans Sotin, legendärer Wagner-­Bass, der Gurnemanz schlechthin, und er riet der 21­-jährigen dringend zu, als sie mitten im Studium nach einem Vorsingen in Berlin das Angebot bekam, ins Ensemble der Komischen Oper zu gehen, mit Intendant und Regisseur Harry Kupfer.

«Das war für mich eine unglaublich wichtige Zeit, das Laufenlernen auf der Bühne, zwischen erfahrenen Kollegen. Wie es ist, im Betrieb einzuspringen, nach sechs Stunden Proben noch eine Vorstellung zu singen und dabei die Kräfte einzuteilen.» Von den kleineren Rollen, den Despinas und Ännchens, kam sie zu den grösseren, andere Häuser wurden auf sie aufmerksam. Kent Nagano holte die 29-­Jährige als Gast an die Staatsoper, wo er My way of life dirigierte, ein aus Fragmenten des verstorbenen Tōru Takemitsu gefügtes Musiktheater, «das war eine Collage, an die mich Amerika ein bisschen erinnert». Danach wagte sie den Sprung ins Freiberufliche – und später den nach Zürich. «Ich wollte nach einer Trennung ein neues Kapitel starten, nach elf Jahren in Berlin, und bin allein hierher gereist und habe eine Wohnung gesucht, während des Vulkanausbruchs auf Island. Das war unglaublich kompliziert, weil ich auch noch eine Vorstellung in Wien singen musste.» Die Aschewolken des Eyjafjallajökull legten bekanntlich den Flugverkehr im April 2010 lahm. Aber es klappte, sie fand eine Wohnung zwei Minuten vom See, «es war eine super Entscheidung».

Da sie außer im Winter täglich im See schwimmt, können auch die sportlichen Anforderungen der Amerika-­Inszenierung sie nicht schrecken. Es gibt Kampfszenen, in denen Kopfnüsse und Ohrfeigen genau sitzen müssen, Jiu­-Jitsu ist dabei, break dance, «und Bewegungsabläufe Richtung Tai­-Chi, es braucht viel Kontrolle, weil es sehr langsame Bewegungen sind, und dann das hohe C zu singen … da sind wir noch dran!» Dazu kommen noch die Finessen des Sprechgesangs. «Es ist spannend, mit Sebastian Baumgarten zu arbeiten, der vom Schauspiel kommt und anders mit Worten arbeitet. Man kann auch gegen den Text sprechen», Sebastian hatte so einen Beispielsatz: «Ich bring dich um!» Sie sagt ihn und lässt die letzte Silbe mal eben in die Höhe hüpfen. Ein irrer Effekt.

Fällt es ihr leicht, sich in die Kafka­-Figuren einzufühlen? «Ich kann schnell umdenken und mich nach einer Vorstellung sofort über völlig andere Dinge unterhalten. Natürlich wird man in eine Rolle immer etwas von seinem eigenen Erleben reinbringen. Das ist dann aber die Rolle und nicht Mojca» – übrigens wird der Name, auf ihre slowenische Mutter zurückgehend, wie «Moiza» ausgesprochen. Welche Rollen sind ihr am nächsten? «Figuren mit einer größeren Fallhöhe. Ich war nie ein grosser Fan von Zerlina und Despina. Ich mag Bergs Lulu und Vitellia in Mozarts La clemenza di Tito, die an den Rand ihrer Emotionen getrieben werden. In Hamburg habe ich letztes Jahr die Blanche in Poulencs Dialogues des Carmélites gesungen, das war schon sehr, sehr intensiv. Wenn da am Ende während des Chorals eine Nonne nach der anderen geköpft wird, gingen wir mit Tränen in den Augen auf die Bühne, zusammen ins Ende.» Ebenfalls sehr nah ist ihr die Salome, zu der ihr viele rieten. Ein konzertanter Auftritt mit dieser Partie entfiel wegen Corona. Dafür machte sie im Lockdown eine Aufnahme von Arnold Schönbergs Pierrot Lunaire, mit Zubin Mehta am Pult, Daniel und Michael Barenboim und dem Flötisten Emmanuel Pahud. «Eine unglaubliche Atmosphäre», sagt Mojca Erdmann. «An den Umgang mit Sprechgesang in Pierrot Lunaire erinnert mich Amerika besonders.»

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt und erschien im MAG 109 der Oper Zürich, Februar 2024, ebenso auf der Website des Hauses. Die Premiere von Amerika ist am 3. März 2024, es dirigiert Gabriel Feltz, Sebastian Baumgarten inszeniert. Foto: Screenshot aus dem Video mit Schönbergs Pierrot Lunaire ((c) Helios Films/Pierre Boulez Saal), das 2021 in Berlin entstand. Ein Ausschnitt aus dieser noch nicht veröffentlichten Produktion ist im VAN-Interview mit Mojca Erdmann zu finden.

7. Februar 2024

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Ausgerechnet da, wo Brecht persönlich die Strophe „Und der Haifisch, der hat Zähne, / Und die trägt er im Gesicht…“ singt, hat diese Platte eine Lücke. Wie das kommt und was es bedeutet, ja sogar, was es für die neuere Aufführungsgeschichte der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill bedeutet, das (und viel mehr) beschreibt der Übersetzer Alexandre Pateau in einem außergewöhnlichen Arbeitsjournal auf der Übersetzerplattform Toledo. Alexandre hat L’opéra de quat’sous – als solche schon im Paris der frühen 1930er ein Begriff wie damals vor allem ihr Komponist Kurt Weill – erstmals in singbares, adäquates Französisch übersetzt. Behauptet nicht er selbst, erweist sich aber am Erfolg der Inszenierung, die Thomas Ostermeier 2023 mit der Truppe der Comèdie-Française und den Musikern des Ensemble Balcon unter Leitung von Maxime Pascal realisierte – fürs Festival in Aix-en-Provence zuerst, fortgesetzt in Paris, aufgezeichnet für Arte. Dass und warum Übersetzerarbeit in so einem Fall der Quadratur des Kreises nahekommt, oder der einer Scheibe, aus der ein metaphysischer Haifisch ein Stückchen herausbiss – das ist in diesem inspirierenden Journal (ins Deutsche übersetzt) nicht nur nachzulesen, sondern auch zu hören. Und jetzt noch Freundes- wie Eigenwerbung: Wie sich Alexandres Französisch liest, wenn es um Prosa geht, erfährt man hier, nebst allem Drum und Dran zum Buch Der Klang von Paris.

Ein sehr wienerisches Paris hat Franz Lehár 1905 in Die Lustige Witwe komponiert, und das kommt jetzt in Zürich auf die Bühne. Dort traf ich die Sängerin der Titelpartie, die am nächsten Sonntag Premiere hat. Marlis Petersen passt erfreulich schlecht ins Klischee einer Operettendiva, und das nicht nur, weil sie im Nebenjob eine griechische Ölbäuerin ist… Was wiederum zum essayistischen Spaziergang durch die Natur in der Musik passt, den ich vor zwei Jahren fürs Magazin der Elbphilharmonie schrieb und der jetzt in revidierter Fassung im Magazin “Arsprototo” erschien. Zur Online-Ausgabe des aktuellen Hefts “Natur und Kunst” geht es hier – sie umfasst auch lesenswerte Beiträge zur Restitution geraubter Kunst.