> Der Mann hat Format; er ist nicht zufällig seit elf Jahren Oberbürgermeister von Gotha, dieser Knut Kreuch. Als ich in seinem wunderschönen Rathaus aus dem 16. Jahrhundert meine Lesung aus „Bachs Welt“ beendet hatte, stellte er sich hin, sein Exemplar des Buches in der Hand, und erklärte den Leuten im vollen Bürgersaal – selbstverständlich ohne Mikro, das braucht er nicht – er müsse ihnen noch was aus Seite 23 vorlesen. Dann wüssten sie, was es heiße, sich mit einem Journalisten einzulassen. Prompt, so Kreuch, habe er sich im Buch beschrieben gefunden: „Er ist nicht groß, aber um so energischer, zum Rückzug neigen bei ihm nur die knappen schwarzen Haare auf dem Kopf…“ Er lachte. Er hat mir bei den Recherchen enorm geholfen, wie auch andere Menschen in Gotha, Wechmar, Ohrdruf, Arnstadt, Eisenach, Erfurt. Viele von ihnen waren unter den Gästen von drei Lesungen an, mehr oder minder, Originalschauplätzen: im Rathaus von Gotha, unter dessen Dach ab 1600 der Stadtpfeifer Caspar Bach mit Familie lebte, in der Bibliothek des Augustinerklosters zu Erfurt, wo in den Kirchenbüchern nachzulesen ist, wie die Pest die Bachs traf, im Bachhaus Eisenach pünktlich zum 332. Geburtstag von JSB und zur Eröffnung der neuen, kleinen, feinen Dauerausstellung „Bachs innere Welt“, in der mit 80 Bänden die theologische Bibliothek des Thomaskantors rekonstruiert wird. Wie an neun von zehn Bachgeburtstagen regnete es in Eisenach. “Das ist wohl der Preis für seinen Weltruhm”, meinte ich, und Elmar von Kolson, direkter Nachfahre von JSB, mit Gemahlin im Wohnmobil angereist, hielt diese These für vertretbar. All diese Leute wieder zu treffen ein knappes Jahr, nach dem „Bachs Welt“ erschienen ist, war umso berührender, als ein Autor durchaus nicht fest auf den Zuspruch jener lebenden Zeitgenossen rechnen darf, die er in seinem Buch vorkommen lässt. Sie hinterließen jetzt bei mir den Eindruck, als habe man ein gemeinsames Projekt – was die Musik, um die es geht, ja ohnehin ist. Da „Bachs Welt“, bei aller Gegenwart darin, nicht an den Tag gebunden ist, erscheinen weiterhin Rezensionen: Alexander Dick hat das Buch neulich in der Badischen Zeitung besprochen und Michael Preis aktuell auf literaturkritik.de.
8. März 2017
> Endlich mal wieder eine Kolumne! Ein paar Sommerminuten mit Gitarren… Und etwas verspätet verlinke ich hier auf das Interview, das ich in Zürich mit Extrembariton Georg Nigl führte, auf VAN zu lesen, vor der Premiere von Manfred Trojahns Oper “Orest” in der Regie von Hans Neuenfels. Die hat mittlerweile stattgefunden und scheint schlichtweg alle hingerissen zu haben. Für alle, die am 17. März in Luxembourg noch nichts vorhaben, verweise ich gern auf das Quartett der Kritiker, das sich um 18 Uhr in der Philharmonie an der Place de l´Europe versammelt. Dann werden Eleonore Büning, Elisabeth Richter, Peter Hagmann und ich über Aufnahmen von Maurice Ravels Ballettmusik “Daphnis et Chloé” diskutieren. Anschließend wird sie live gespielt: Gustavo Gimeno dirigiert das Orchestre Philharmonique du Luxembourg und den WDR Rundfunkchor. Sechs Tage vorher findet in Saarbrücken das bislang aufwändigste Projekt zum Buch “Bachs Welt” statt: Ein Lesungskonzert mit acht Vokalsolisten und dem Bach Collegium Saarbrücken, am 12. März um 17 Uhr in St. Arnual. Und jetzt muss ich zurück auf meine dichtbesiedelte Großbaustelle, die von Bachs Welt gut hundert Jahre gen heute und 800 Kilometer gen Westen entfernt ist…
Drei Gitarren, ein Rollstuhl, ein Glück
Es gibt auch eine Musikgeschichte der kleinen Begegnungen, der flüchtigen Momente, der Sommerminuten, die im weichenden Winter wieder auftauchen wie aufgetaut. Wie jetzt bei mir die CD in Papphülle mit drei bärtigen jungen Italienern, ihren Gitarren und dem Bandnamen „Gli Ex Della Tua Ragazza“. Allein der Name ist ja zum Niederknien, wenn auch auf Deutsch nicht elegant hinzukriegen: „Die Exmänner deiner Freundin“. Was ein bisschen an „die ungetreue Zerbinetta und ihre vier Liebhaber“ aus Richard Strauss´ „Ariadne auf Naxos“ denken lässt. Aber davon waren wir weit entfernt an dem leicht verregneten Sommertag in Perugia. Wir dachten gar nichts mehr.
Wir schleppten uns erschöpft durch die Altstadt, ein deutsches Touristenpaar mit zwei kleinen Söhnen, deren jüngerer der einzige war, der noch Energie hatte. Schließlich saß er ja im Rollstuhl, wegen Beinbruchs im Kindergarten. Wenn man im Urlaub etwas wirklich Idiotisches machen kann, dann ist es ein Ausflug mit einem hyperaktiven vierjährigen Rollstuhlfahrer in eine treppenreiche italienische Felsenstadt wie Perugia. Paul war von seinem Fahrzeug begeistert, ging hochvirtuos damit um und erlebte sich als Attraktion. Er hatte schon das Archäologische Museum von Perugia zur Rennbahn gemacht, außerhalb solcher Pisten wurde er geschoben und getragen. Anstrengend.
In dem Moment, als wir uns fragten, warum in aller Welt wir eigentlich nach Perugia gefahren waren, und der Nieselregen nachließ, stießen wir auf diese drei Gitarristen. Sie saßen vor einer Mauer gegenüber dem alten Rathaus und spielten wunderbaren altmodischen Gitarrenjazz, stilistisch in Django-Reinhardt-Nachfolge, Gipsy, Swing, Blues, ich kenne mich da nicht so aus. Sie blickten ernst, aber nicht unglücklich, und schrammelten und zupften voller Hingabe. Wir lauschten alle vier beglückt. Paul versuchte nicht mehr, die Stadt autark auf Rädern zu erkunden, er entspannte sich genauso wie sein siebenjähriger Bruder und seine Eltern. Also deswegen waren wir hier!
Wegen dieser Typen, die sogar die eine oder andere Ungarische Rhapsodie von Brahms draufhatten, bekam der Tag einen Sinn. Es gibt ja solche Momente, in denen man sich fragt, was eigentlich das Problem gewesen sein soll. Plötzlich leuchtet es irgendwie, das Herz kriegt wieder frische Luft, man wird unternehmungslustig. Das haben diese Musiker hingekriegt, das kriegen weitaus besser bezahlte Musiker oft nicht hin. Es ist ja, zugegeben, auch nicht der einzige Sinn von Musik, aber doch ein schöner. Sie waren vielleicht auch nicht ganz so virtuos wie Al di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucia anno 1980 in San Francisco, aber sie waren gut. Und sie hatten CDs dabei.
Ich trat näher, um eine zu kaufen. Da sah ich erst, wie sie sich nannten. „Gli Ex Della Tua Ragazza“. Frido wollte wissen, warum wir den Namen so lustig fanden. Er ist klug, aber das war einfach zu kompliziert. Ich stellte mir die Ragazza vor, die solche Exmänner hatte. Was die drei wohl durchgemacht hatten, um sich so fabelhaft zu solidarisieren? Was die Frau und ihr aktueller Freund, beides freilich fiktive Gestalten, wohl empfanden, wenn sie dieses Trio erlebten? Sehnsucht sie, er Eifersucht? Und was dachten die weniger fiktiven Gestalten? Ich kam komischerweise nicht auf die Idee, über gli ex della mia sposa nachzudenken. Diese waren es jedenfalls mit Sicherheit nicht.
Wir haben die CD dann dauernd im Auto gehört. Die Musik passte fabelhaft auf die kurvigen Straßen rund um den Trasimenischen See. Sie war auch gut gegen Zankereien auf den Kindersitzen hinten. Acht Stücke, 27 Minuten, damit kommt man schon mal gut von Perugia bis, sagen wir, Corciano, auch so eine schöne Stadt mit einem rollstuhltauglichen Museum… Diese Tage höre ich jetzt wieder, ohne die Strapazen natürlich. Längst ist Pauls Bein wieder intakt. Und wie geht´s Gli Ex? Sie haben sogar eine Facebookseite. Eduardo Pilone, chitarra acustica, Nicola Miele, chitarra classica… aber wo ist Stefano Cacciatore?
Der spielte im vorigen Sommer noch die Manouche Guitar. Jetzt steht da Francesca Alinovi, contrabbasso! Haben die Ex jetzt einen Ex? Hat die Ragazza auch eine Ex? Verwirrend. Aber die Welt ist halt immer im Wandel. Paul wollte ja auch nicht für immer Rollstuhl fahren. Das Gerät glänzt jetzt wie verklärt in den Klängen dieser Sommerminuten zwischen Nieselregen und Glück.
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