
Den Namen Rachmaninow durfte man in Gegenwart von Nadia Boulanger nicht erwähnen. Die dramatische und tragische Geschichte dahinter hat mit Musikästhetik nichts zu tun. Sie würde das Format dieses Blogs sprengen, spielt aber eine Rolle im Salon Boulanger, einem musikalisch-literarischen Abend im Konzerthaus Berlin, am 19. November 2025, den ich für eine fantastische Besetzung konzipieren durfte. Das Trio Boulanger spielt Werke der Schwestern Lili und Nadia Boulanger, dazu Musik von Komponisten, die beiden (oder Nadia) nahestanden, wie Fauré, Debussy, Strawinsky, Piazolla. Verbunden ist das alles durch Texte, von Briefen und Tagebüchern über Gedichte und Zeitdokumente bis zu Dialogen, die von Christiane Paul und Ulrich Noethen gesprochen werden. Die Arbeit daran überschnitt sich teilweise mit der an einem anderen Projekt, das schon am kommenden Sonntag an die Öffentlichkeit kommt: ausgerechnet Sergej Rachmaninow! Seiner wunderbaren Rhapsodie über ein Thema von Paganini, 1934 für Klavier und Orchester in der nagelneuen Villa Senar in der Schweiz komponiert, ist die Folge der “Interpretationen” gewidmet, die am 27. Juli von 15.05 Uhr bis 17 Uhr von Deutschlandfunk Kultur gesendet wird: Letzter Lichtflug. Es sind da eine Menge spannender Funde zu machen, Jazz included. Und selbst Nadia Boulanger könnte diese Partitur gefallen haben… Nachtrag am 28. Juli: Die Sendung ist inzwischen online zu hören.
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21. Juni 2025
“Ob ich wirklich gerne aufnehme? Ich habe mich so daran gewöhnt, dass es mich nicht stört. Manchmal gefallen mir die Ergebnisse hinterher nicht, aber das ist eine andere Sache, das gilt auch für Konzerte mit Publikum. Ich würde viel lieber „live“ aufnehmen. Ich habe mir die Bänder meiner Konzerte angehört und muss sagen, dass ich manchmal die Spontaneität der Aufführungen dem vorziehe, was im Aufnahmestudio entsteht. Ob ich alles noch einmal aufnehmen möchte? Ja, warum nicht? Es liegt auf der Hand, dass man hofft, es beim nächsten Mal besser zu machen; man hat die Illusion, dass man sich noch entwickelt und neue Dinge zu sagen hat. Und es gibt sogar Leute, die so etwas bemerken.”
So gelassen äußert sich der 41-jährige Alfred Brendel auf den Innenseiten des Mozart-Albums, das 1972 in den Niederlanden erschien, ein Jahr, nachdem der Pianist von Wien nach London umgezogen war. Dort ist er am vorigen Dienstag in seinem 95. Lebensjahr gestorben, wie wir alle wissen. Das Album habe ich in Amsterdam gekauft, als die CD gerade das Vinyl abgelöst hatte und schwarze Platten billig wurden. Ich habe Brendel nur ein einziges Mal im Konzert gehört, vor gut 30 Jahren (wirklich!) in Leipzig. Ich war zu der Zeit Musikredakteur der Leipziger Volkszeitung, knapp drei Jahre lang, und Brendels Abend mit den drei letzten Klaviersonaten im Gewandhaus beeindruckte mich sehr. Wenn ich meine Besprechung (komisches Wort eigentlich!) von damals jetzt lese, bin ich nicht ganz sicher, ob ich alles verstehe, aber es wird klar, dass dieser Musiker sehr viel in Bewegung bringen konnte in den Köpfen seiner Zuhörer.
Neu auf dieser Website ist auch ein Essay zu einem anstehenden Konzertprogramm, nämlich dem nächsten des Gürzenich-Orchesters mit Mahlers Blumine, einer Auswahl seiner Wunderhorn-Lieder (ein Kosmos für sich) und Schuberts Sechster Sinfonie. Online weiterhin zu hören: Treffpunkt Klassik bei SWR Kultur und die Folge der Interpretationen bei Deutschlandfunk Kultur, in der es um die Mallarmé-Vertonungen von Debussy und Ravel geht. Eine neue Produktion für die Reihe ist in Arbeit: Am 27. Juli geht es um Sergej Rachmaninows 1934er Rhapsodie über ein Thema von Paganini, mit Interpreten vom Komponisten selbst über Rubinstein, Fleisher, Ashkenasi, Varsi bis zu den Solisten unserer Tage. Einen speziellen Auftritt hat dabei der großartige Jazzpianist Art Tatum…
6. Juni 2025
Vor 150 Jahren kam in Lübeck Thomas Mann zur Welt, bis heute einer der meistgelesenen Autoren deutscher Sprache. Das Magazin ZEIT Geschichte hat ihm schon im März eine Ausgabe gewidmet, für die ich gern Reklame mache, und zwar nicht nur, weil ich mir für dieses Heft über Manns letzten großen Roman Doktor Faustus Gedanken machen durfte. Unter den vielen sehenswerten Fotos und lesenswerten Texten im Magazin hat mich besonders Thomas Assheuers Beitrag über den “reaktionären Kanonendonner” beeindruckt, den Mann in seinen Schriften 1914-1918 intonierte. Allzu gemütlich sollte man es sich mit Thomas Mann nämlich nicht machen – eine höchst ambivalente Gestalt, an der man gleichwohl nicht vorbeikommt.
Sein Doktor Faustus hat eine Reihe von Komponisten inspiriert, und gerade jetzt wäre es an der Zeit, mal wieder Hans Werner Henzes wunderbares Drittes Violinkonzert von 1997 aufzuführen, Drei Porträts aus dem Roman “Dr. Faustus” von Thomas Mann. Der erste Satz gilt Esmeralda, jener Prostituierten, der Manns fiktiver Tonsetzer Adrian Leverkühn seine kreativen Höhenflüge und sogar die Erfindung der Zwölftonmusik verdankt (die sich in Wahrheit Thomas Mann von Schönbergs Schüler Adorno erklären ließ…). Hier geht es zur Aufnahme mit Peter Sheppard Skaerved und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken von 2006. Noch ein Hörtipp in eigener Sache: am Sonnabend, 7. Juni um 10 Uhr bin ich Studiogast beim Treffpunkt Klassik von SWR Kultur, mit Moderatorin Ines Pasz und einer Playlist, die Musik von Kurt Weill, Szymon Laks, Claudio Monteverdi, Johann Michael Bach, Younghi Pagh-Paan, Claude Debussy und Nadia Boulanger umfasst.
Und mehr als nur ein Tipp: Das VAN-Interview, in dem der Geiger Michael Barenboim über sein Engagement für die palästinensische Zivilbevölkerung im Gazastreifen spricht, deren Opfer in Folge des Krieges inzwischen nach Zehntausenden zählen. “Ich finde es sehr seltsam, wenn Menschen, die eine sichere Anstellung und ein bequemes Leben haben, zu diesem Thema so vehement schweigen. Man muss sich klarmachen: Das ist das Verbrechen unserer Generation.”

