Kategorie-Archiv: Blog

11. Mai 2016

> Nur dreierlei auf die Schnelle: Vor einer Woche erschien in der ZEIT mein Text zur sinfonischen Avantgarde in Deutschland. Welche Orchester spielen hier noch Musik von lebenden Komponisten, wenn es das SWR Sinfonieorchester nach 70 Jahren nicht mehr gibt? Die Antwort ist mehrdimensional, aber nicht hoffnungslos, und eine ausführliche Version des Textes ist hier zu finden. Außerdem ein Hörtipp: Am vorigen Freitag spielte Cantus Cölln im Rahmen der Schwetzinger Festspiele ein Programm mit zwei Kantaten und der A-Dur-Messe von J.S. Bach. Die neogotische Kirche St. Joseph zu Speyer geizt nicht mit Hall, womit die Tonmeister von SWR 2 freilich keine Probleme haben: Der Mitschnitt ist am 12. Mai um 20.03 hier zu hören. Mein Favorit: die frühe Kantate “Aus der Tiefe”, schon wegen der zwei Bratschenstimmen… Ebenfalls am Donnerstagabend, aber live und schon um 18 Uhr, setzen sich bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen vier Musikjournalisten zum “Quartett der Kritiker” zusammen und bereden Aufnahmen zweier Tondichtungen von Richard Strauss. Mit dabei sind Don Juan, Till Eulenspiegel, Eleonore Büning, Christian Wildhagen, Thomas Rübenacker und ich. Und natürlich Willem Mengelberg, Fritz Reiner, zehn weitere Dirigenten und ihre Orchester auf Tonträgern von 1938 bis vorgestern. Danach kümmern wir uns dann alle wieder um die Avantgarde, versprochen!

29. April 2016

> Heute ist sie 337 Jahre her, die Hochzeit von “Toffel” und Martha, von Johann Christoph Bach und Martha Elisabeth Eisentraut! Am 29. April 1679 julianischer Zählung, einem Dienstag, wurden sie in Ohrdruf getraut, belegt durch ein Dokument, das bisher noch keine Rolle in der Forschung spielte. Damit steht auch das Uraufführungsdatum des wunderbaren Hochzeitsdialogs “Meine Freundin, du bist schön” fest, den Johann Christoph komponierte, nicht der Bräutigam, Zwillingsbruder von Ambrosius, sondern der Organist aus Eisenach, der in meinem Buch “Bachs Welt” den Spitznamen “Stophus” trägt. SAM_1112

Es ist im Trauregister von Ohrdruf die zwölfte Trauung des Jahres 1679: „Johann Christoph Bach, HofMusicus zu Arnstadt. Und J. Martha Elisabeth Eisentrautis, des Kirchners Tochter alhier 29. Apr.“ Nachtschwarz auf elfenbeingelb, wie gerade erst geschrieben. Neben dem Datum ganz rechts steht noch „M Wolff“ für Magister Johann Christoph Wolff, Archidiakon, der die Trauung vornahm. Wie ich auf dieses schöne Blatt gestoßen bin, ist in “Bachs Welt” auf Seite 165 f. nachzulesen. Das Buch ist jetzt seit sieben Tagen in der Welt, ein ausführliches Interview dazu hat das Onlinemagazin VAN vorige Woche gebracht. Lesungen gibt es am 31.5. in Nürnberg (Buchhandlung Jacob), am 1.6. in Köln (Buchhandlung Kaiser) und am 2.6. in St. Augustin (Hochschulbibliothek).

24. März 2016

> Erstmal die Sensation: Smartphones gab es schon vor 240 Jahren! Anno 1776 nämlich porträtierte Georg David Matthieu auf Schloss Ludwigslust die Prinzessin Sophie Friederike, die mit unnachahmlicher Grazie ein grüngoldenes Mobilgerät in der Hand hält. Auf dem ovalen Bildschirm (nicht auszudenken, welches technische Knowhow allein schon dieses Format voraussetzt!) erscheint das Bildnis eines Mannes, dessen Kontaktdaten sich Sophie gerade handschriftlich notiert – schon zu Mozarts Zeiten wusste man also, dass der digitalen Speicherung allein nicht zu trauen ist. Und tatsächlich verschwand die hier schon mit größter Selbstverständlichkeit und Eleganz gehandhabte Technologie auf rätselhafte Weise für zwei Jahrhunderte so spurlos, dass selbst lange nach Einführung der ersten Mobiltelefone im späten 20. Jahrhundert keinem Betrachter der Ludwigsluster Sammlung ein Licht aufging. Sehen Sie selbst!

MatthieuSophieFriederike

Ganz andere Zeitreisen unternimmt Countertenor Max Emanuel Cencic, den ich in seiner Pariser Wohnung traf, um nicht nur über Barockopern zu sprechen, sondern auch über die Erosion der Kultur, beschränkte Millionäre und seinen Lieblingskastraten. Nachzulesen und mit fabelhaften Audio- und Video-Exempeln versehen im aktuellen VAN. Auf ZEIT online ist seit nun schon zwei Wochen mein Text “Was soll das ganze Theater?” zu lesen, in dem es um Migration, kulturelle Identität, Theaterfinanzierung und einen Großbildschirm an der Semperoper geht.