> Zürich, once more! Dort traf ich vor zwei Wochen Corinna Harfouch zum Gespräch für das Magazin der Züricher Oper, nachzulesen hier. Sie mag übrigens auch James Joyce und sein Raucherdenkmal auf dem Friedhof am Rand der Stadt, die ihn – für kapitalschwache Besucher von heute kaum noch vorstellbar – dank einiger Gönner von seinen Finanznöten entlastete. Wenn doch nicht so, dass ihm Zeitschriftenhonorare gleichgültig sein konnten. Ezra Pound schrieb am 22. November 1918 aus London an Joyce in Zürich: “Muss unbedingt irgendeinen Mechanismus mit Bargeldwirkung erfinden, da die L.R. [Little Review. amerikanisches Literaturmagazin 1914-1929] nicht mehr lange magnetisch auf amerikanische Brieftaschen wirken wird. Ihr Honorar ist gesichert [betr. den folgenweisen Abdruck des "Ulysses"], aber ab April sehe ich keine Einkünfte mehr am Horizont. Warum zum Teufel wir nicht alle miteinander Millionäre sind, kann ich einfach nicht begreifen. Es hängt einem wirklich zum Hals heraus.” Das ist jetzt beinah 98 Jahre her, aber man muss nicht mal an sowas wie “Ulysses” sitzen, um Pounds Zeilen als aktuelle unterschreiben zu mögen.
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19. Februar 2016
> Van Gogh! Wann ich in Amsterdam zuletzt das „gelbe Haus“ sah und den Sonnenuntergang hinter den Bäumen der Heilanstalt, weiß ich nicht mehr, nur, dass diese Bilder wirklich den Geist erweiterten bis dahin, wo es beglückend und traurig und wieder licht wird, und dass die Räume und die Hängung dabei halfen. Das geht jetzt nicht mehr. Die Wände im Van-Gogh-Museum sind farbig (mattgrün, glaube ich – ich kam als Tourist, nicht als Journalist, und machte mir keine Notizen), die Beleuchtung ist schummrig, und das ließe sich noch aushalten, wenn Vincent hier nicht so gnadenlos durchdidaktisiert würde. Große Zeitschienen mit Jahrespunkten wie in einem Evolutionsmuseum zeigen uns, in welcher Periode des Künstlers wir uns gerade befinden.
An vielen Wänden sieht man mehr Schrift als Bild, denn es muss ja nicht nur erklärt werden, dass der Sonnenuntergang neben der Heilanstalt vom melancholischen Zustand der Menschen dort kündet (was er eben nicht tut), sondern auch, in welcher Beziehung die Kunst von Pissarro, Monet und Toulouse-Lautrec (ebenfalls zu sehen) zum Van Gogh der Pariser Jahre steht. Die Bilder sind zu Exempeln ihrer Rezeption, Signifikanz, Bewertung, Vermittelbarkeit geworden, auch zum Materialvorrat fürs Innendesign: „Eine der Wände“, schrieb Bertram Müller in der Rheinischen Post 2014 nach der Neueröffnung, „ ist mit einer riesigen Tapete beklebt, die Details aus van Goghs Selbstbildnis mit grauem Filzhut wiedergibt: die ins Gigantische gesteigerte Augenpartie vor allem. Davor hängen winzig mehrere Selbstporträts.“ Das erwähnte Filzhutbild ist freilich im Original von einer solchen Kraft, dass der Blick des Malers einen time tunnel durch die Sperrgitter der Belehrung und des elenden „Kuratierens“ fräst und es möglich macht, ihm, inmitten von Besuchern, die sich ihn gerade über Kopfhörer erklären lassen, allein gegenüberzustehen.
Im Keller gibt es einen superschicken Museumsshop, gediegen ausgeleuchtet wie eine Prada-Filiale, wo das oben didaktisch perforierte Oeuvre kommerziell granuliert wird. Tassen, Schachteln, Textilien mit einschlägigen Sujets, man kennt das ja alles, müßig, sich darüber zu ereifern. Aber hier ist die Verwertung so gleißend inszeniert, dass man sie als Pendant zur inszenierten Didaktik oben wahrnimmt und demselben Motiv entsprungen, das sich beschreiben ließe als eine Angst vor dem, was Kunst bewegen kann. Doch mittendrin kommt diese Zentrifuge zu sich selbst in einem Objekt, das schon wieder hinreißend ist, als unfreiwillige Selbstkarikatur des Ganzen: Eine Hundeweste nebst Band, bedruckt mit Van Goghs Sonnenblumen (Arles, August 1888). Man hat sie einem weißen Plastikpinscher angelegt, und wer ihn fotografiert, wird sogleich von der Aufsicht ermahnt. Wenigstens hier ist die Aura des Singulären geschützt!
Noch mehr aus der visuellen Welt: Die Süddeutsche von heute zeigt ein Foto wie von einem Historienmaler des 19. Jahrhunderts komponiert. Zentralperspektive, dramatischer Vordergrund, weiter Horizont, ein schräg in flachem Wasser liegendes Boot voller Menschen, das von einem alten Mann, der halb im Wasser schreitet, offenbar an den Strand gezogen wird, auf den Betrachter zu. Die Linien der Bewegungen der Menschen, der Neigungswinkel des Boots gegen den von dämmernden Inseln markierten Horizont, die Vielfalt der Mienen – angestrengt, müde, aufgeregt, verzweifelt – alles ist so hervorragend ausbalanciert (selbst der Alte vorn ist Teil einer Vertikale, die von einem hinten auf dem Boot stehenden Jungen nach oben fortgesetzt wird), dass man sich wie vor einem guten Delacroix wähnt, anstatt beunruhigt zu sein von dem, was da passiert. Fotos von Krisen und Katastrophen werden unablässig so aufgenommen, ausgewählt, geschnitten, dass ihre Betrachter an die Geborgenheit von Museumsbesuchern angeschlossen werden. Mit schöner Regelmäßigkeit werden sie dann, wie dieses, als “Pressefoto des Jahres” ausgezeichnet. Es ist nicht direkt zynisch, aber seltsam kalt – die Komposition wie ihre Prämierung. Natürlich, zugegeben, hätte ich als Journalist nichts dagegen, wenn man mir z.B. für eine grandiose Flüchtlingsreportage (wäre das mein Metier) einen Preis verliehe. Aber was hielten Leute wie die auf dem Boot davon?
10. Februar 2016
> Lange wurde an dieser Stelle nichts vermeldet. Jetzt kommt nach all der Buchmacherei die journalistische Werkstatt allmählich wieder in Gang. Wobei ich mir an dieser Stelle selbst hinterher bin: Das Interview mit dem Dirigenten Gabriel Feltz im Online-Klassikmagazin VAN erschien schon vor drei Wochen. Ist aber auch zwei Wochen nach der Züricher Premiere der “Hamletmaschine” von Wolfgang Rihm erfreulich frisch, finde ich. Wie, erst recht, die Musik (1986) zum genialen Text von Heiner Müller, geschrieben 1977. Überhaupt die Siebziger: Wo ist eigentlich heute die deutsche Lyrik, die neben “Westwärts” von Rolf Dieter Brinkmann NICHT hoffnungslos verklemmt und verschnarcht wirkt? Wenn ich mal etwas mehr Zeit habe, bringe ich Beispiele mit…
