Kategorie-Archiv: Blog

22. Dezember 2014

> Wer Neues bis Nagelneues lesen möchte, findet in der Abteilung “Oper” einen Essay zur Genese und Aktualität von Wolfgang Rihms Kammeroper “Jabob Lenz” (geschrieben fürs Programmheft der Stuttgarter Oper, an der Andrea Breths hymnisch gelobte Inszenierung derzeit zu sehen ist) und im neuen “128″, dem Magazin der Berliner Philharmoniker, Betrachtungen zum “Publikum von morgen”, das jetzt schon da ist und, was die Besucher ab 50 betrifft, unablässig als “Silbersee” beleidigt wird. Das Heft erforscht auch, wie man sich früher die Zukunft vorgestellt hat, wie es der Klassik im Zeitalter der Digitalisierung ergeht, wie das Smartphone den Umgang mit Musik verändert, warum trotzdem MEHR Vinyls gepresst werden. Neben dem Hauptthema “Zukunftsmusik” geht es mit Rattle und Stegemann um Sibelius, und Altmeister Peter Gülke schreibt, von wegen Silbersee, über “Altersreife, Spätstil, Spätwerk”. Wenn diese 126 Seiten ihre 7 Euro nicht wert sind, dann kann man sich die ganze Kultur auch gleich schenken. Wenn doch, dann auch. Frohes Fest!

19. Dezember 2014

> Rauchertipp der Woche: Im Backstagebereich der Berliner Philharmonie gibt es einen verglasten Balkon mit Aschenbecher! Vor Kälte schützt er allerdings nicht, wie mir ein Mann aus dem ebenfalls vorbildlich ausgestatteten Gastrobereich hinterm Podium erzählte. In richtigen Wintern lassen sie dann einfach die Tür nach innen auf, um warme Luft in die Vitrine zu lassen. Und der Rauch? Naja. Auch in diesem Laden ist nicht alles so perfekt wie die Uraufführung von Jörg Widmanns “Trauermarsch für Klavier und Orchester”, wobei “perfekt” das falsche Wort ist. Es berührte, es zog einen zuerst hinein und dann hinüber, wie über eine Brücke, mit der man gar nicht gerechnet hat, die man irgendwann unter den Füßen hat, durchaus bei Bewusstsein übrigens – es ist keine Überwältigungsmusik. Aber diese 25 Minuten haben mehr in sich als nur ein knappes Jahr Entstehungszeit. Ich habe sie einfach so gehört, nicht rezensierend (sonst wäre ich nicht hinter das Podium gegangen), nicht vorbereitet, nichts notierend. Auch mal schön. Und schön, dass der Komponist auch Raucher ist. So standen wir im Glasgehege mit einem grimliähnlichen Kontrabassisten der Philharmoniker, der erzählte, was Richard Strauss über Jean Sibelius gesagt haben soll (dessen – im letzten Satz – grandiose Fünfte hatten sie nämlich auch gespielt): “Er ist der bessere Komponist. Aber ich KANN mehr.” Was an dem Abend etwas kurz kam, unter Simon Rattles Leitung, war Wagners “Tristan”-Vorspiel. Da wurde ich doch innendrin wieder zum Rezensenten und fand: Bläser nicht sehr sauber, einiges nicht zusammen, Kontrapunktik unterbelichtet, keine Spannung, und vor allem: Wo bleibt die Liebe? Also das grauenhaft schöne Reißen des Herzens, das “Die Welt ist nicht genug”? Vielleicht braucht es dafür bei diesem Stück doch den Druck des Theaterkessels und des in drei Akten Bevorstehenden. So aber konnte man mitunter Hector Berlioz (der sich mit Liebe und ihren Schmerzen wirklich auskannte) verstehen, der nach Lesen und Anhören dieses Vorspiels schrieb: “Ich muss gestehen, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, was der Komponist gewollt hat.”

11. Dezember 2014

>Mal mit, mal ohne Bach: Welche Alternativen es zu DEM Weihnachtsoratorium gibt, habe ich für ZEIT online erkundet. Und welche Probleme die Brandenburgischen Konzerte aufwerfen, wenn alle Probleme gelöst scheinen, erweist sich in den Neuaufnahmen des Sixpacks von Freiburger Barockorchester und Concerto Köln. Die habe ich für die Musikbeilage der ZEIT behorcht, der Text ist nun auch hier zu lesen. Nach der Musik kommt zwingend das Essen und darum jetzt eín Lokaltipp – auch als Dank ans fabelhafte Team der so engen wie metropolitanen Gastrobar Boca zu Hannover, die uns vor einer Woche einen wunderschönen Abend beschert hat. So kann man schmerzfrei 53 werden. Natürlich hat die Bar Empfehlungen nicht nötig, man kriegt mit Glück und Vorbestellung bestenfalls einen Platz an der Theke – kann von da aber bestens den Jungs beim Brutzeln zusehen. Rauchern und Großportionsfreunden sei hingegen die Erfurter Kneipe Noah ans Herz gelegt, in der auch Thüringens kontaktfreudige Musiker verkehren. Hätte Bachs Papa gefallen, der hier aufwuchs, und den vielen andern Bachs.