Kategorie-Archiv: Blog

25. April 2014

> Von Eckart Runge, dem Cellisten des Artemis Quartetts, habe ich gestern erfahren, dass Websites eher etwas für die ältere Generation seien. Jüngere hätten keine Lust, so etwas eigens anzusteuern und dann noch eine Auswahl zu treffen. Man erreiche sie am besten über Postings bei Facebook. Da er vermutlich recht hat, bewegen wir uns hier also in einem auch schon wieder antiquierten Medium. Und ich dachte, jetzt bin ich modern. So antiquiert, dass es schon wieder cool sein könnte, wäre demnach “das Printmedium”, die Zeitung, und abgesehen davon ist die jüngste ZEIT auch inhaltlich derartig cool, dass ich hier nicht bloß auf meine eigenen Sachen verweisen möchte, sondern erstens auf den einzigen wirklich guten Nachruf auf Marquez; der erste Text, den ich je von Daniel Kehlmann las und der mich bewegen könnte, mein Mißtrauen gegenüber besonders einhellig gefeierten Schriftstellern zu überwinden (zu denen ja auch Marquez gehörte, ohne dass mich das je gestört hätte – er war stärker als jegliches Gewürge). Zweitens auf eine exzellente Recherche im Wirtschaftsteil zu den unfassbaren Bedingungen, die die Post über ihre Subunternehmer ihren Briefkastenleerern zumutet. Drittens auf meine Geschichte zum 150. Todestag von Giacomo Meyerbeer im Ressort Geschichte und viertens auf die Begegnung mit dem bald 80-jährigen Musikdenker Peter Gülke in Weimar, fürs Feuilleton.

18. April 2014

> Gabriel García Márquez ist gestern gestorben, ein paar Wochen nach seinem 87. Geburtstag, in seinem Haus in Mexico City. Trotzdem gibt es eine gute Nachricht: Wir werden uns nie von ihm verabschieden müssen! Dafür sorgt nicht nur der alte Doktor Urbino, sondern auch Gabos Arbeitsmotiv, er sei am “Leben, um davon zu erzählen”. Nicht nur für die Kolumnisten unter uns sei aus seinen Erinnerungen zitiert, wie es ihm mit seinen ersten Glossen erging: „Als er fertig gelesen hatte, zerriss Germán wortlos und ohne mich anzusehen den Zeitungsauschnitt und mengte die Schnipsel zwischen die Kippen und die abgebrannten Streichhölzer im Aschenbecher.“ Wer das, wie ich, in einem Nichtraucherhotelzimmer liest, gewinnt den Eindruck, dass in der Weltliteratur inzwischen mehr geraucht wird als im Rest der Welt… PS am 22.4.: Dem F.A.Z.-Nachruf vom 19.4. entnehme ich: “Seine persönliche Wahrheit steht gewiss nicht in dem matten autobiographischen Band “Leben, um davon zu erzählen”.” Daran ist immerhin wahr, dass Marquez auf keiner der 600 Seiten präzise Angaben zu Blutzuckerwerten, Sex und steuerpflichtigen Einkünften gemacht hat. Setzen, fünf!

17. April 2014

> Neu in der Abteilung “Tonträger” und kürzlich in der ZEIT erschienen: Eine Hymne auf die Rameau-CD der Sopranistin Sabine Devieilhe! Und weil ich dort eine berühmte Händelarie ein bisschen abgekanzelt habe, folgt hier zum Ausgleich die Empfehlung, sich mal die weniger berühmte, aber schönere “When the sun forgets to streak” anzuhören. Die Königin von Saba nimmt darin Abschied von “Salomo” (im gleichnamigen, späten Oratorium Händels). Wenn je Schmerz, Sehnsucht und Süße der Liebe in Töne gefasst wurden, hinter denen man das Meer erblickt, dann hier. So, und jetzt muss ich los zur Kreuzigung: Matthäuspassion in Minden. Frohe Ostern!