Was tun, wenn man so viel zu tun hat, dass die Zeit nicht reicht? Manche Leute beherrschen das time management und kommen gar nicht erst in solche Lagen. Andere zerteilen mutig den Wust der Aufgaben und fangen einfach mal an. Ich neige dagegen zur Notabschaltung und mache erstmal, worauf niemand wartet, was keiner bezahlt, was kompletter Luxus ist und möglichst weit vom Schreibtisch entfernt. Zum Beispiel das, was ich großspurig unseren Pavillon nenne. Der fiel mir ein, als ich zu vier Themen gleichzeitig recherchierte und nicht mehr wusste, ob ich gerade im Thüringen des 17. Jahrhunderts war oder bei Richard Strauss oder… was war da noch?
Genau, der Pavillon. Steht im Garten auf einem schmucken gepflasterten Platz, den ich natürlich Piazza nenne, und ist nichts weiter als ein Holzgerüst, über das bis zum vorigen Dezember eine völlig vermooste Plane gespannt war. Wegen Xaver, dem Sturm, der dann doch über der Nordsee blieb, hatte ich sie abgenommen. Das Gerüst war ebenfalls angemoost und unansehnlich, neue Wetterschutzfarbe musste drauf, also fing ich an zu schmirgeln. Drei Stunden schmirgelte ich und war sehr zufrieden. Aber die Ansprüche wuchsen. Das muss nachgeschmirgelt werden, fand ich anderntags. Und machte weiter.
Dabei stellte ich fest, dass ein paar Bodenbalken durchgefault waren. Ich fand im Stall perfekte Teakholzbretter, von denen mir meine Mitbewohnerin später erklärte, dass sie zu einem kostbaren Designerregal der 60er gehören, sägte sie zurecht und verschraubte alles so professionell, dass bis zum Anstrich schon insgesamt sieben Stunden dahingegangen waren. Unterdessen malten die einen Nachbarn ihre Fenster an, die andern mähten den Rasen, die dritten spalteten Holz für den nächsten harten Winter, von fern hörte man ein Trio für zwei Hunde und eine Kreissäge, kurz, das ganze Dorf war unbezahlt im Freien tätig.
Sowas motiviert. Nach dem Anstrich (drei Stunden) fand ich, nun müsse auch der Steintisch mal gründlich gereinigt werden. Dann vergingen ein paar Tage, in denen meine Forschungen zu Thüringen im 17. Jahrhundert, zu Richard Strauss und mittlerweile drei weiteren Themen immer wieder vom Gedanken an die Plane durchkreuzt wurden. Die konnte man doch unmöglich vermoost, wie sie war, auf dieses herrlich restaurierte Gerüst spannen! Gestern holte ich sie. Drahtbürste, Gartenschlauch, stumpfes Messer zum Abkratzen, zwei Stunden, erstaunlicher Erfolg. Ein leuchtendes Blau kam zum Vorschein.
Aber zwei Drittel sind noch matschgrüngrau, da stecken noch vier Stunden Arbeit drin. Dann bin ich bei sechzehn Stunden! Unbezahlt! Die Recherchen warten! Darum habe ich mir ausgerechnet, dass ich durchs Selbstverschönern mindestens 560 Euro Handwerkerkosten spare. Und mir eingeredet, dass ich am Schreibtisch besser vorankomme, wenn draußen ein schöner Pavillon steht. Und eine Heckenschere ausgeliehen, weil die Buchsbaumhecke neben dem Pavillon ja unmöglich so struppig bleiben kann.
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