27. November 2019

> Man muss nicht alles aufheben, aber manches ältere Blatt wirft ein Licht auf spannende Entwicklungen – etwa die des Baritons Johannes Martin Kränzle. Der war schon auffällig, als er mit dreißig Jahren in Hannover den Figaro in Rossinis Barbiere sang. Ich war, gleichaltrig, dabei, erlebte ihn zum ersten Mal und schrieb für die Hannoversche Allgemeine Zeitung:

barbier 28 9 92
Der Text vom 28. September 1992 umfasste übrigens 8800 Zeichen. Wir fanden das damals normal für eine Premierenkritik in einer großen regionalen Zeitung. Heute hat man selbst in den Redaktionen der verbliebenen großen Blätter Probleme, einer Opernkritik solchen Platz einzuräumen, während man bei den geschrumpften Regionalzeitungen einen Autor für wahnsinnig erklären würde, der mit dem Format anrückt. Kränzles Laufbahn entwickelte sich deutlich anders als die der Tagespresse. Er ist einer der gefragtesten Charakterbaritone und Bayreuths abgründigster Beckmesser, probt jetzt in Zürich den Don Pasquale und bekam am Tag nach unserem Treffen den Theaterpreis „Der Faust“ zugesprochen – als bester Sängerdarsteller im Musiktheater. Auf Bühnen und im Internet ist zunehmend auch ein historisch jüngeres Stimmfach so präsent wie nie. Für die ZEIT bin ich der Counter-Evolution nachgegangen. Und für VAN habe ich einen jener Künstler interviewt, die viel zu selten im Zentrum des Interesses stehen: den Bühnenbildner Rufus Didwiszus. Ebenfalls bei VAN ist nachzulesen, welche Vorteile es hat, wenn man nicht wirklich Klavier spielen kann. Ausgerechnet Frédéric Chopin ist solchen Leuten gegenüber sehr entgegenkommend… Womit wir schon fast wieder in Paris wären. Von dort kommt das fantastische Trio Karénine, mit dem zusammen ich am Samstag, 30. November in Ulrichshusen den Klang von Paris erkunden werde – ein Konzert mit Texten.