Musikgeschichte wird immer noch weitgehend zentralisiert geschrieben – rund um die ›Klassik‹ und die Ideologie der Moderne, aufgeteilt in Gehege. Auf den Spuren von Rachmaninow in den 1930ern entdeckt Volker Hagedorn einen berühmten Jazzpianisten. Und anstelle von Genres den Klang einer Zeit.
Es ist eigentlich ganz schön, nicht der Erste am Südpol zu sein. Da stehen schon welche? Wie gut, dann ist es ja die richtige Stelle! In meinem Fall war es die Vermutung, dass zwei der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts aus komplett verschiedenen Genres viel miteinander zu tun haben. Vom einen kannte ich vorher nur den Namen … (kommt noch!). Dem anderen war ich gerade auf der Spur, Sergej Rachmaninow. Ich befasste mich mit der Rhapsodie über ein Thema von Paganini, das er in seiner schicken neuen Villa Senar am Vierwaldstättersee komponiert hatte, im Sommer 1934. Nicht die schönste Zeit der Weltgeschichte, aber höchst produktive Wochen für den Komponisten, der da Kette rauchend am Steinway sein vielleicht bestes Stück schrieb.
Es besteht aus 24 Variationen, die erzählerische Zusammenhänge bilden, und ist natürlich sauschwer zu spielen. Rachmaninow nahm das Stück noch im selben Jahr auf, in Camden an der Ostküste der USA, mit dem Philadelphia Orchestra und Leopold Stokowski am Pult, ausgerechnet am 24. Dezember in einer Kirche. Das Church Studio 2 der RCA (Radio Corporation of America) war nämlich eingebaut in ein umgenutztes Gotteshaus. Knochentrockene Akustik! Das spielt eine Rolle bei meiner »Entdeckung« … Natürlich spielt Sergej Rachmaninow, 61 Jahre alt, fantastisch. Brillant, klar und klug, poetisch und witzig. Und in der 15. Variation hebt er ab, ganz alleine, ohne Orchester.
Eine ununterbrochene Fluglinie irrwitzig schneller Sechzehntel ist zu hören, der Dreiertakt nicht mehr zu erkennen, das Paganinimotiv (das berühmte aus der 24. Caprice für Violine solo) auch nicht, verzerrt durch Umkehrung und Blue Notes, und der Solist denkt gar nicht daran, es irgendwie analytisch hervorzuheben, er rast 28 Takte lang rauf und runter, tupft mal mit links, mal mit rechts ein paar Achtel dazu, dann erwartet ihn raunend das Orchester, und die immer noch rasenden Sechzehntel werden sozusagen ins Bett gebracht wie ein Kind nach Abenteuern, die ihm keiner glauben würde. Bei Rachmaninow klingen diese Abenteuer sehr jazzig – vor allem bei ihm, ich hörte noch andere Pianisten.
Seine bluenotigen Klavierläufe in trockener Akustik erinnerten mich an frühe Jazzaufnahmen, und weil ich mich da nicht auskenne, las ich nach, wer in den 1930ern als Jazzpianist berühmt war. Nicht googeln, blättern: Das Jazzbuch von Joachim Ernst Behrend, 25. Auflage von 1980, ist fantastisch! Behrend stieß mich auf Art Tatum, und bei YouTube stieß ich auf This can`t be love, von Art Tatum am Klavier gespielt.
Etwas derartig Virtuoses, Freies, Witziges, dazu noch Ironisches hatte ich noch nie gehört, auch in der Harmonik und der irregulären Rhythmik. Und diese Linien, diese entfesselten, eigensinnigen Girlanden sind denen sehr nahe, die Sergej in seiner Villa aufgeschrieben hat, gut ein Jahr, nachdem Tatum seine erste Soloplatte aufgenommen hatte.
Rachmaninow soll den jungen Jazzer live gehört und bewundert haben. Sein Freund und Kollege Vladimir Horowitz, so geht die Sage, habe ihn – wohl 1933 – in einen New Yorker Club geführt, in dem Tatum spielte. Rachmaninows Kommentar: »Wenn er jemals beschließt, klassische Musik zu spielen, sieht es schlecht für uns aus.« Dass Horowitz ein Fan von Art Tatum war, bestätigt (neben dem Grove) sein Biograph Glenn Plaskin. Und dass Rachmaninow von Tatum beeindruckt war, ist in der 15. Variation kaum zu überhören.
Damit bin ich am Südpol. Denn kaum war ich Sergej auf die Schliche gekommen, fand ich schon ein Video, in dem der kanadische Pianist Jon Kimura Parker diese Passage ganz selbstverständlich als »Tatum-Variation« erläutert und am Klavier dazu auch gleich noch Tatum nachspielt. So weit das möglich ist – denn der spielt schneller als sein Schatten. Die Virtuosität ergibt sich fast wie nebenbei aus der Improvisation, aber auch aus dem Eigensinn der Hände, die mit dem Elan junger Katzen herumjagen. Selbst wenn Tatum mal andere bei ihren Soli begleitet – etwa den Vibraphonspieler Lionel Hampton –, wirbeln seine Klavierläufe quasi kontrapunktisch im Hintergrund herum. Oscar Peterson soll zuerst geglaubt haben, da spielten zwei Pianisten gleichzeitig.
Das wissen die Jazzologen natürlich alles seit 70 Jahren. Wenn Leute »aus der Klassik« kommen und erklären, wie toll sie das finden – oder gleich à la Tatum komponieren! –, besteht sofort Kolonisierungsverdacht: Jetzt wird mal wieder einer von der Straße nobilitiert, willkommen in der hohen Kunst! Wohl keiner eignet sich für diese Sorte Herablassung so schlecht wie dieser halbblinde Pianist aus Ohio, der trank wie Max Reger und nur 47 Jahre alt wurde. Er hat sich seinerseits die »Klassik« gegriffen und der Elégie, die Jules Massenet 1866 für Klavier schrieb, die intelligenteste Version verpasst, mit übermütigem Witz und Elan allen Kitsch beiseite gefegt. Er hat Elliott Carters Temposchichtungen vorweggenommen und Conlon Nancarrow auf den Weg gebracht.
Ich habe bei der Gelegenheit mal wieder gemerkt, dass Kategorien wie Jazz, Pop, Rock, Klassik nebst allen Unterkategorien reichlich einschränkend sind, ebenso wie die »Romantik«, die man Rachmaninow vorwirft, während er Musik seiner Zeit komponiert, nur eben »mit allem Komfort der Romantik«, um mal ein Wort von Debussy abzuwandeln. Immerhin, Art Tatum wird im Grove auch im Artikel »Pianoforte« gewürdigt – in der Unterabteilung »Jazz Piano Playing«.
Aber wo sieht man so einen einfach neben den anderen Genies sitzen? Auf den Spuren nicht nur von Art Tatum und Sergej Rachmaninow könnten wir uns mehr mit Gemeinsamkeiten statt mit Genrezuschreibungen befassen. Mit dem Klang einer Zeit. Ob einer seine Noten aufschreibt oder nicht, das ist seit Erfindung der Tonträger sowieso einerlei. Inzwischen kann auch keine und keiner mehr sagen, man komme ja nicht an die Aufnahmen. Willkommen am Südpol!
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand als Nr. 46 der Kolumnenreihe “Rausch & Räson” für das Magazin VAN und ist dort seit 10. September 2025 online. Die illustration ist von Merle Krafeld.
