29. Juli 2026

de telegraaf 12 10 1934 avondblad tweede blad 3. weill 2 sinfEine gut gelaunte Runde ließ sich da in der Konzertpause fotografieren, am 11. Oktober 1934 im Concertgebouw Amsterdam. Bruno Walter (58) hatte gerade nacheinander Werke von Sergej Prokofjew (43) und Kurt Weill (34) dirigiert. Nach der Uraufführung von Weills Zweiter Sinfonie setzte sich Prokofjew als Solist seines Dritten Klavierkonzerts an den Flügel. Brahms´ Vierte Sinfonie soll nach diesen Stücken so brav wie selten gewirkt haben, glaubt man dem Kritiker von De Telegraaf, in dem am nächsten Tag auch dieses Foto erschien – prominent plaziert zwischen den großen und dramatischen Meldungen des Tages. Von einer solchen Medienpräsenz können die jetzt lebenden Komponist*innen nicht mal träumen. Von einer “Krise der Neuen Musik” wusste man da noch nichts, es gab auch keine “Neue Musik”, sondern Programme wie dieses, in denen Repertoire und hochkarätige Novitäten selbstverständlich nebeneinander standen. Im Publikum – randvoller Saal – waren viele Zuhörer*innen jünger als die anwesenden Komponisten.

So weit, so schön, nur herrschten im östlichen Nachbarland seit einem Jahr die Nazis, weswegen Weltstar Walter dort nicht mehr dirigieren durfte und Kurt Weill inzwischen in der Nähe von Paris lebte. Dort hatte er die Zweite Sinfonie vollendet, deren erster Satz noch Anfang 1933 in Berlin als Skizze fertig geworden war. Dieses dreisätzige Werk, in dem Weill seinen “Songstil” in eine neue orchestrale Sprache überführt, blieb trotz des prominenten Starts lange unbeachtet. Inzwischen sind der ersten Einspielung von 1967 rund zehn weitere gefolgt, mit Mariss Jansons und den Berliner Philharmonikern etwa und zuletzt mit dem Konzerthausorchester Berlin und seiner Chefdirigentin Joana Mallwitz. Diese Aufnahmen werden ebenso wie Kurt Weills Leben 1933 und 1934 erkundet in der neuen Folge der Sendereihe “Interpretationen” auf Deutschlandfunk Kultur, am 2. August 2026 um 15.05 Uhr. Ganze zwei Stunden Weill – in denen auch seine Lebensgefährtin Lotte Lenya zu hören ist, denn zwischen der Sinfonie und den Songs des Komponisten gibt es spannende Verbindungen. Man kann das auch als Podcast hören, ebenso wie derzeit meine Sendung zu Rossinis Petite messe solenelle. Viel Spaß dabei!