> Die häufigeren Anklicker haben es wohl schon enttäuscht bemerkt: Zur Zeit sind Novitäten hier Mangelware. Das liegt nicht am Urlaub, sondern dem Gegenteil – ich muss mit einer größeren Baustelle fertig werden. Dazu mehr, sobald ich die Bauzäune wegtragen kann. Darum jedenfalls gibt es diese Woche “nur” eine schon historische, also glatt sieben Jahre alte Kolumne, die aber jahreszeitlich passt und auf dieser Website noch nicht zu lesen war, darum verschiebe ich noch das Vorhaben, mich über die Blogwarte zu belustigen, die dem Autor Tex Rubinowitz jüngst den nicht vollends offengelegten zitierenden Gebrauch der Wikipedia nachwiesen, und darum verlinke ich mit geradezu unjournalistischer Verspätung auf zwei größere Texte im ZEIT Feuilleton, nämlich ein Gespräch mit vier Komponisten zur Frage “Wie klingt die Gegenwart?” und die Besprechung der Bayreuther Neuproduktion von “Tristan und Isolde”. Aktueller ist mein ZEIT-Text über die Pasolini-Bach-Passion “Accattone” in einer ehemaligen Kohlenmischhalle zu Dinslaken.
Goethe war auch nur neidisch
Das klassische Cabrio hat 1 PS und zwei Räder, also jenes, in dem schon die Klassiker fuhren. Goethe, 40 Jahre alt, hob es in einem Brief an seine Freundin eigens hervor, als er mal in einem Einspänner mit vier statt zwei Rädern fuhr. Cabriolets benutzte er sonst selten, es waren schon damals Luxusgeräte, und etwas abfällig erwähnte der Dichter die „Poesie der Leute auf den Sophas und in den Cabriolets“, derer also, die es bequem im Leben haben. Goethe war selbst nicht gerade mittellos, aber „etwas zu leiden sind wir bereit“, so umriss er seine Haltung gegenüber der Weltsicht der Cabriolisten. Es verläuft eine bruchlose Linie von den offenen Kütschlein zu den Cabrios von heute. Sie sind Luxus, und vom Laffen bis zum Leader benutzt man sie, um sich zu zeigen.
Das macht die Leute neidisch, erst recht, seitdem die Verdecke sich wie von Geisterhand entfalten und wieder zusammenlegen. Früher wurde man für den Neid auf Cabriofahrer ja noch ein wenig entschädigt, wenn man sie am Straßenrand die Plane aus der Versenkung zerren sah, weil sich ein Wölkchen vor die Sonne schob. Aber die james-bond-artigen Szenen, die uns jetzt die omnipotenten Kraftwagen bieten, sind schwer zu verknusen. Obwohl der Vorgang in seinen Grundzügen ja nicht komplexer ist als eine Knoblauchpresse, finde ich es faszinierend, zuzusehen, wie ein Auto sich selbst einen Hut aufsetzt. Dass aber der Besitzer sich in meinen Blicken sonnt, das nervt.
Neulich beobachtete ich vor einem Parkhaus die Neidattacke zweier Männer in einem Billigauto, die in der Schlange hinter einem Cabrio standen und zusehen und abwarten mussten, wie das Verdeck sich elegant zusammenlegte. Sie hupten wie die Blöden, und man konnte ihnen ansehen, dass sie so etwas wie „Komm in die Gänge, du Arsch“ riefen. Dabei hätten sie selbst sich in dem schicken Auto wahrscheinlich doppelt so viel Zeit gelassen und noch betont lässig die Arme rausgehängt. Gegen den Cabrioneid, der in jedem von uns Schachtelfahrern steckt, gibt es abgesehen vom Buddhismus eigentlich nur eine gute Therapie: Sich selbst einmal von Fahrern teurer Freiluftwagen beneiden lassen.
Dafür genügt ein kleiner Oldtimer als Leihgabe für einen Tag. Ich bekam einmal von Freunden einen Fiat Spider geliehen, wunderschönes 60er-Jahre-Design. Wo immer ich fuhr, drehten sich die Leute um, und als ich neben einem aufgeblähten Roadster zu stehen kam, guckte der Fahrer scheel. Sein Hydraulikdach half nichts, der rote Spider siegte durch Schönheit und Bodennähe. Dieses Cabrio hat seine Gattungsbezeichnung wirklich verdient von „cabrioler“, was „Luftsprünge machen“ heißt und seinerseits vom italienischen „capriola“, Bockssprung, kommt. Man spürt jede Delle. Schon die Einspänner der Klassik hüpften so über die Straßen. Dass Goethe sie mit Sofas verglich, ist eigentlich seltsam. Ich glaube, er war doch ein bisschen neidisch.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er erschien zuerst im Juli 2008 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und zuletzt 2012 im Kolumnenband “Mann, Frau, Affe” im Zu Klampen Verlag.
Warum immer nur die Saurier überleben
Ohje, die Zeitungen! Stapel von Zeitungen aus Tagen und Wochen, und morgen ist der Tag der Grünen Tonne. Was jetzt nicht wegkommt vom Altpapier, wächst weiter, und damit das schlechte Gewissen. Die Stapel entstanden ja nicht, weil ich zu faul wäre, alle paar Tage die Zeitungen wegzuwerfen, sondern aus Respekt vor dem Fleiß, der in ihnen steckt. Was da alles konzipiert, recherchiert, formuliert, redigiert wurde, welche Kämpfe hinter überraschenden Themen stecken, die es am Mainstream vorbei ins Blatt geschafft haben. Und was ich alles nicht weiß, aber vermutlich wissen sollte!
Aber ich komme morgens für maximal zehn Minuten zum Lesen und Querlesen, zwischendurch auch mal und abends. Das reicht, selbst beim Übergehen von Sportteil und Stellenangeboten, bei weitem nicht. Sieben klitzekleine Urlaubstage haben für weitere zwölf Zentimeter gesorgt. Das einzige, was ich immer sofort zum Aufheben beiseite lege, sind Nachrichten über den Kosmos und die Prähistorie, und wegen Frido alles über Saurier. Den Rest versuche ich in Abständen in diagonaler Schnelllektüre zu erfassen, und immer seltener gelingt es. Dann wandern wieder zehn Ausschnitte in die Schublade.
Man könnte das in digitalen Zeiten für idiotisch halten. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man nach einem Stichwort sucht oder auf ein Thema gestoßen wird, nicht selten, zugegeben, durch ein geschickt gewähltes Foto zum Text, dessen Layout zugleich den Stellenwert signalisiert, den eine Redaktion ihm einräumt. Und schließlich bin ich kein digital native, sondern analog konditioniert, und werde nie vergessen, wie fassungslos ich war, als ich zum ersten Mal schwarz auf weiß gedruckt etwas in der Zeitung las, das ich selbst geschrieben hatte – einen ganzen Tag hatte ich da an 50 Zeilen gefeilt.
Gestern musste ich wieder etwas fertigkriegen, im ICE. Der Zug war rappelvoll, bis auf einen Tisch im Speisewagen. Der bot Platz für vier und war vollständig bedeckt von – Zeitungen. Da saß ein Mann Mitte vierzig und tat genau das, wozu ich nicht komme. Er wertete Zeitungen aus. Einen ganzen Stapel, aus dem schon eine beachtliche Kollektion von Ausschnitten entstanden war. „Ist hier noch ein Platz frei?“ fragte ich. Er blickte auf, wortlos. „Sie sehen doch wohl, dass hier überhaupt kein Platz frei ist“, las ich in seinem Blick, während er widerstrebend ein paar Zeitungen zur Seite schob. „Vielen Dank“, ich setzte mich.
Dass ich dann mein monumentales schwarzes Laptop Marke „Star Wars“ aufklappte, entspannte die Lage nicht. Verbissen beugte er sich über das Papier. Ehe er Artikel ausschnitt, markierte er wichtige Sätze mit Rosa, dann falzte er das Blatt mit Hilfe eines Zollstocks (vielleicht maß er damit auch die Artikellängen) und riss die Artikel sauber heraus. Ich überlegte nicht, was er mit einem Text von mir tun würde. Ich dachte nur, irgendwie ist diese Aufheberei doch etwas schrullig. Und so habe ich heute fünf Kilo Zeitungen unausgewertet in die Grüne Tonne plumpsen lassen. Horribile dictu: Es war ein gutes Gefühl.
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