21. November 2014

> “Musikdozenten ziehen andere Saiten auf” – unter dieser Überschrift erschien am 6. November auf ZEIT online meine Kolumne über die prekären und unangemessenen Bedingungen, unter denen hochqualifizierte Lehrbeauftragte die Ausbildung an deutschen Musikhochschulen gewährleisten. Anlass war der Aktionstag, an dem diese Musiker bundesweit für ihre Forderungen eintraten. Die Folgen lassen aufhorchen. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer kündigte an, den Etat der Musikhochschulen zu erhöhen, statt ihn wie geplant um fünf Millionen Euro zu kürzen. Die Budgets für die Lehrbeauftragten sollen um 20 Prozent erhöht werden. Und in Mecklenburg-Vorpommern will Bildungsminister Mathias Brodkorb die Lehrbeauftragten besser bezahlen. Weil der Bund ab 2015 die BAFöG-Zahlungen übernimmt, wird der Haushalt des Bundeslandes um 30 Millionen Euro entlastet – ein Teil davon soll in höhere Honorare für Lehrbeauftragte fließen.

Chaotisches hört man aus Wuppertal, wo an der Oper das Ensemble abgeschafft worden ist zugunsten eines Stagionebetriebs. Darüber hatte ich am 4. September auf ZEIT online skeptisch nachgedacht unter der Frage “Neustart oder Notstart?”. Vorerst ist eine Bruchlandung daraus geworden. Nur gut zwei Monate nach seinem Amtsantritt hat Generalmusikdirektor und Intendant Toshiyuki Kamioka – er hatte das Wuppertaler Orchester zehn Jahre lang mit Erfolg geleitet – seinen Vertrag vorzeitig gekündigt. “Weg mit Schaden”, kommentiert die F.A.Z.

Eine traurige Nachricht kommt aus Donaueschingen. Armin Köhler, der seit 1992 das Avantgardefestival des SWR auf neue Bahnen gebracht hat, ist mit erst 62 Jahren gestorben. Für die aktuelle ZEIT schrieb ich den Nachruf auf einen Mann, der gerade keine westlich durchtrainierte Betriebsnudel war und um so mehr bewegt hat.

Ewig währt die große Pause

Da sind sie wieder, die zwei Männer. Reglos im Schatten hinter der Windschutzscheibe. Es ist immer ein Lieferwagen mit Firmenaufschrift. Man geht dran vorbei, man sieht nicht hinein. Man weiß auch so, dass sie Blaumann tragen, die Brustlatzhose der deutschen Handwerker. Es ist, als seien es immer dieselben zwei Männer, seit Jahrzehnten schon. Als hätten sie schon zum Inventar der 1960er gehört, mit sämtlichen Requisiten nebst Bildzeitung, die immer der auf dem Fahrersitz liest, das Blatt übers Lenkrad gebreitet.

Ich spreche nicht von Geheimdiensten. Diese Männer sind das, wonach sie aussehen: Deutsche Handwerker bei einer ihrer zahlreichen Pausen. Damit mich nun nicht der lange Arm einer ihrer Innungen in den Würgegriff nimmt: Ich habe keinen Zweifel daran, dass es exzellente deutsche Handwerker gibt. Der Mann, der meine Viola gebaut hat, ist einer von ihnen. Ich habe ihn aber noch nie bei einer Pause überrascht, geschweige denn mit dem, was morgens gern mit dem steinalten Spruch „Einmal die Bildung bidde“ gekauft wird.

Es war ein holländischer Handwerker, der neulich feststellte, dass ein deutscher Kollege vor zwei Jahren einen schrottreifen Glühzünder in meine Heizung geschraubt hat. Es waren polnische Handwerker, die ohne erkennbare Pause ein neues Zimmer ins Haus einbauten zu einem Preis, für den deutsche Handwerker …Schluss mit der Gehässigkeit! Unsere Autowerkstatt (deutsch) ist klasse, unser Nachbar ist selbst im Ruhestand ein Elektriker, von dem man wünscht, ihm obläge die Ausbildung sämtlicher norddeutscher Verdrahter.

Nur eben diese Pausenmacher machen mich stutzig. Wie kommt es, dass der Lieferwagen am Straßenrand mit Handwerkern und Zeitung zum zähesten, bereits ikonischen Bestand der Bundesrepublik gehört? Dass man sich nie Fragen über sie stellt und über die auffallende Frequenz ihrer Erholungsphasen? Dass man nicht in die die Führerhäuschen dieser Wagen zu blicken wagt, aus denen sie ihrerseits ja auch nie herausblicken, diese tüchtigen Männer? Denn es sind immer Männer, nur im Handwerk noch so dominant, außer im Vatikan.

Vielleicht ist es das Verdruckste, das einem so typisch deutsch vorkommt. Sie müssten ja nicht da drinnen Pause machen, bei geschlossenen Türen, und sie könnten doch wenigstens „Mens´ Health“ lesen. Aber nein, es muss die Büld sein. Immer. Und immer strahlen sie so einen dumpfen Trotz aus, als würde mit der Scheibe auch ein verbrieftes Recht gegen jegliches Mißtrauen hochgekurbelt. Vielleicht würden sie alle gern anders pausieren, kommen da aber irgendwie nicht raus, weil jeder deutsche Meister es so lehrt, seit es Lieferwagen gibt?

Es bleibt ein Geheimnis. Wenn man die Omnipräsenz dieser Entschleuniger hochrechnete, käme man zu dem Schluss, dass in diesem Land keine Baustelle jemals fertigwerden kann. Vielleicht sind sie ja doch alle vom Geheimdienst? Dann würde ich mir wünschen, eine Kette ihrer Tarnwagen möge die Baustelle an der B 209 lahmlegen. Da ist immer Stau. Da wird dauernd gearbeitet. Leider.

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Wo bleibt die Antwort auf Arecibo?

Die Botschaft umfasste überschaubare 1679 Bits, aber sie enthielt präzise Angaben über Größe, Zusammensetzung, Intelligenz und Standort des Absenders. Schlau, wie er war, hatte er die Botschaft binär codiert. Nur wer auf die Idee kam, die Bit-Summe in ihre Primfaktoren 23 und 73 zu zerlegen, um aus diesen ein Rechteck zu basteln, konnte im entstehenden Mosaik erfahren, aus welchen Elementen und wie die DNS aufgebaut ist, dass der aus ihr entfaltete Absender im Schnitt 176,4 Zentimeter groß sei, dass es von seiner Art gut 4,2 Milliarden Exemplare gebe und dass sie alle auf einem Planeten lebten.

Die Lage und Umgebung des Planeten war ebenso präzise angegeben wie die des Observatoriums, von dem aus die Botschaft zum Kugelsternhaufen M13 im Sternbild Herkules gefunkt wurde: Arecibo in Puerto Rico. Am 16. November 1974 verließ die Botschaft an mögliche Außerirdische unsere Erde. 40 Jahre ist das jetzt her, und von einer Antwort hat man noch nichts gehört. Aber ob das ein Grund zur Beruhigung ist? Schwer beunruhigt war nämlich damals der nobelpreistragende Astronom Martin Ryle. Er befürchtete eine Invasion außerirdischer Intelligenz inklusive Kolonisation und Ausbeutung.

Und Evolutionsbiologe Jared Diamond erinnerte an die selbstmörderische Torheit des letzten Inkaherrschers, der den technisch überlegenen Spaniern von seinen Schätzen erzählte und den Weg zur Hauptstadt wies. „Um Himmels willen unsere Sender abschalten!“, forderte er im Buch „Der dritte Schimpanse“. Tja. Womöglich sind sie längst da. Wer kann schon hineinschauen in die Schaltkreise jener 72 Millionen von 7,2 Milliarden Erdbewohnern, die bereits über die Hälfte des weltweiten Vermögens verfügen? Sollte man mal Jean-Claude Juncker beiläufig auf den Kugelsternhaufen M 13 ansprechen?

Womöglich wäre es aber auch prima, sie kämen endlich. So, wie es auf dem Planeten zugeht, könnte ein bisschen außerirdische Intelligenz ganz hilfreich sein, und es ist ja nicht gesagt, dass Typen, die den Umgang mit Binärcodes schon im pränatalen Stadium beherrschen, sich genauso bescheuert und brutal aufführen müssen wie seinerzeit die Spanier im Inkareich. Der Mensch schließt gar zu gern von sich auf andere, im Guten wie im Schlechten. Aber wenn wir glauben, es müssten erst andere kommen, um die menschliche Zivilisation gründlich zu verwüsten, dann unterschätzen wir uns ein bisschen.

Vielleicht haben sie in M 13 ja auch beschlossen, vorsichtshalber erstmal eine Sonde zu schicken, zur unverbindlichen Kontaktaufnahme, mit Form, Größe, Gewicht und Inhalt eines ihrer Durchschnittsgehirne, gut ummantelt. Und freuen sich nun, dass unsere Sonde „Philae“ auf dem gelandet ist, was wir für den vier Kilometer großen Kometen 67 P Tschurjumow-Gerassimenko halten.

Dieser Text erscheint am 15.11.2014 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und ist urheberrechtlich geschützt