Unsere Wagners

Das Leben ist ein Ränkespiel: Die Historie von Richard Wagners Nachkommen ist voll von politischen Irrtümern, Ehebruch, verstoßenen Töchtern und bestraften Söhnen. Ein Blick in das Familienalbum einer berühmten deutschen Sippe

Man kann sie bis heute an der ausgeprägten Nase erkennen, am markanten Kinn und an den leicht hängenden Augenlidern. Oder sie sehen, mit schmalen Wangen und bleichem Teint, Cosima ähnlich, der Tochter von Franz Liszt. Richard Wagners Nachkommen – in ihrer Familiensaga fallen Kunst und Verwandtschaftsranküne, deutsche Geschichte und fränkischer Provinzialismus auf atemberaubende Weise zusammen. Von ihrem genialen Ahnen haben sie den Instinkt fürs Theatralische geerbt und eisernen Durchsetzungswillen. Sie spielen im richtigen Leben immer wieder zwanghaft nach, was sich Richard in seinen Musikdramen ausgedacht hat: Sie hüten fafnergleich den Bayreuth-Hort und bauen ihre Macht wie Wotan auf Verträge. Es gibt brünnhildenhaft verstoßene Töchter, Ehebruch und Hagensche Speerstöße in den Rücken. Götterdämmerung allenthalben. Jetzt, wo am Grünen Hügel eine Zeitenwende naht, lohnt es sich noch einmal, das große Familienalbum der Sippe hervorzuholen und darin zu blättern.

Wir fahr’n übern See

Am Bodensee, im März 1864. Im Mantel steht Richard an Bord und guckt ins trübe kalte Wetter überm Wasser. Klein von Statur ist er, bedeutender Kopf, hohe Stirn, der Mund etwas zusammengekniffen. So verbreitet ist sein Porträt noch nicht, dass die andern Passagiere den Fünfzigjährigen erkannt hätten, den Komponisten von Holländer , Tannhäuser , Lohengrin . Im Gepäck hat er das Manuskript von Tristan und Isolde . Unklar, wer das aufführen soll, wer das bezahlen kann. Richard hat Schulden: 12000 Gulden. Das würde heute 240000 Euro entsprechen. Er flieht jetzt in die Schweiz. Mal wieder. Zu seiner Freundin Eliza. Am Tag vorher, Karfreitag, hat er schon einen Grabspruch gedichtet: »Hier liegt Richard Wagner, der nichts geworden / nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden…«

Es gibt noch einen anderen Bodensee-Schnappschuss. April 1945 – wieder gehen Wagners an Bord, in Nußdorf. Sie fliehen vor den Alliierten. Wieland, ältester Enkel Richards, mit seiner schwangeren Frau und zwei Kindern, außerdem seine schwangere Schwester Verena, genannt Nickelchen, und ihr Mann Bodo. Bodo Lafferentz. Er war der Chef der Organisation Kraft durch Freude, hat ganz in der Nähe auch ein Institut zur Entwicklung »sehender Raketen« – Cruise-Missiles für den Endsieg, an den jetzt keiner mehr glaubt. Bodo hat das Schiff organisiert. Als Startkapital und Visumsersatz hat die Reisegesellschaft die Handschrift des Tristan dabei, oder des Parsifal, so genau lässt sich das nicht mehr klären. Die Schweizer Polizei jedoch bleibt unbeeindruckt von den berühmten Noten. Sie stellt die Bootsflüchtigen auf der Mitte des Sees und bittet zum Verhör. Die Wagners sagen, sie würden in der Schweiz erwartet von den Nachfahren der Eliza Wille. Aber als Sympathisanten Hitlers sind sie allzu bekannt. Das Boot muss umkehren.

Der Schlapphut

Wahnfried, Richards Bayreuther Villa mit der Fassadeninschrift »Wo mein Wähnen Frieden fand«, hat 1945 einen Bombentreffer abgekriegt. Die linke Hausseite steht noch, aber die rechte liegt in Trümmern. Nike, Wielands Tochter, die nach der gescheiterten Flucht über den Bodensee zur Welt kam, hat das herabhängende Dach in ihrem Buch Wagner-Theater mit dem »Wotansschlapphut« verglichen, der über das tote Auge des Gottes hängt. Es ist in dieser Familie nämlich üblich, alles auf Richards Werke zu beziehen. Für Cosima war Wahnfried ihr »Walhall«. Winifred hat sogar Rudolf Heß mit Brünnhilde verglichen. Mit seinem Versöhnungsflug nach England 1941 habe der Stellvertreter des Führers nur getan, was dieser selbst nicht tun durfte, wie Wotans Tochter in der Walküre . Ganz unübertroffen ist die Korrespondenz zwischen Cosima und König Ludwig II: »Wotan und Waltraute« (das sind Richard und sie) »grüßen Siegfried. Sachs segnet Walther. Stoltzing begrüßt Walhall. Heil ruft der Gott dem Held.« Und das als Telegramm. Als sich hundert Jahre später Wielands betrogene Ehefrau Gertrud nach anderen Männern umsah, fiel ihre Wahl auf einen Arzt namens Alberich. Zu viel Wagnermetaphern-Folklore tut nicht gut.

Eva, Cosimas zweite Tochter mit Richard, ist nach der weiblichen Hauptfigur in den Meistersingern benannt und eine der verkniffenen Gestalten der Familie. Cosima wollte eigentlich den Komponisten Richard Strauss für Eva als Ehemann haben, doch der zog eine Sängerin vor. Eva hat dann Houston Stewart Chamberlain geheiratet, einen Vertrauten ihrer Mutter. Chamberlain ist der berühmteste Rassentheoretiker seiner Zeit. Sein Buch Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts ist ein Bestseller und avanciert zum Standardwerk für den Antisemitismus in Deutschland. Als Cosima stirbt, bringt Eva die Papiere der Mutter in ihren Besitz, auch die Tagebücher, 5000 Seiten umfassend und Siegfried, dem einzigen Sohn, gewidmet. Der stirbt vier Monate nach Cosima, ohne die Tagebücher je gesehen zu haben. Siegfrieds Frau Winifred erstattet Anzeige, wofür sich Eva grausam rächt: Sie verbrennt den vollständigen Briefwechsel zwischen Richard und Cosima. Die Tagebücher übergibt sie 1935 dem Bayreuther Bürgermeister mit der Auflage, sie 30 Jahre lang unter Verschluss zu halten. Erst 1976 können sie erscheinen. Da hatte der Herausgeber dieser Tagebücher seine Ehefrau übrigens schon an Festspielchef Wolfgang Wagner verloren, aber das ist eine andere Geschichte. Irgendwie auch keine neue…

An allem ist Hütchen schuld

Bayreuth, 1925. Hier steht die Villa Wahnfried noch in ganzer Pracht. Man erkennt Siegfried mit seiner Familie. Obwohl er erst 56 Jahre alt ist, sieht er viel älter aus, eher wie der nette Onkel als der Ehemann von Winifred, die 28 Jahre alt ist. Mit ihr hat er vier Kinder: Wolfgang, Verena, Friedelind, Wieland. Siegfried ist nie richtig aus dem Glashaus herausgekommen, das seine Mutter Cosima um ihn errichtete, den einzigen Sohn, den Erben des Meisters! Jede seiner Talentäußerungen wurde registriert und kommentiert, sein Vater Richard wollte für ihn sogar eine Extraschule gründen. Er hat ihn ja nicht von ungefähr nach dem Helden Siegfried benannt, dem großen Hoffnungsträger im Ring des Nibelungen . Bekanntlich wird er ermordet. Richards Sohn indessen erstickt schier unter der Last des Erbes, das ihm aufgebürdet wird. Er sieht sich zum Komponieren verpflichtet und schreibt 14 Märchenopern mit kuriosen Titeln wie Bruder Lustig oder An allem ist Hütchen schuld . Keine der Opern hat es ins Repertoire geschafft. Ehe er Winifred kennenlernt, zeugt er mit einer Bayreuther Pfarrersgattin einen Sohn, der später diskret als Assistent in die Festspiele integriert wird. Eigentlich neigt er aber zu Männern, auch um der Übermacht seiner Mutter zu entgehen.

Es glänzen die Hörner

Richard hat allen vorgemacht, wie die freie Wagner-Liebe geht. Zürich 1957, hier sehen wir ihn in seinem »Asyl«, einem kleinen Fachwerkhaus, das ihm der Fabrikant Wesendonck auf seinem prachtvollen Anwesen zum Komponieren zur Verfügung gestellt hat, umgeben von vier der wichtigsten Frauen seines Lebens, während es aus der Walküre vorsingt. Das Bild ist fiktiv, das Treffen verbürgt. Im Hintergrund steht Eliza Wille, die Exgeliebte Richards, die den Postillon dAmour gibt zwischen ihm und der nächsten Geliebte. Es ist die jüngere mit dem Mittelscheitel, Richards große, vielleicht größte Liebe – Mathilde, die Gemahlin von Wesendonck. Von der reiferen Dame rechts wird sie »Mistweib« genannt. Sie ist Richards Frau Minna. Auch in der Nähe sind der Liszt-Schüler Hans von Bülow und Cosima, damals 19 Jahre alt, die beiden sind auf Hochzeitsreise. Von diesen Frauen umgeben, hat Richard in drei Wochen seine Tristan -Dichtung niedergeschrieben. Man ahnt, warum Kunst und Leben mitunter nicht zu trennen sind. Acht Jahre später bringt Cosima eine Tochter zur Welt, Isolde, sie ist von Richard und nicht vom Gatten Hans, der aber offiziell zum Vater erklärt wird. Vier Jahre später gebärt Cosima bereits den dritten Wagnerspross Siegfried, und Hans von Bülow, der davon in der Zeitung erfährt, bemerkt sarkastisch: »Das Gebäude meiner Hörner ist somit auf die glänzendste Weise gekrönt worden.«

Noch eine Affäre

Stuttgart, 1966. Wieland Wagner probt Lulu mit Anja Silja. So wie er sich da im Sessel fläzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen, könnte er selbst einer der Männer sein, die mit Lulu spielen und von ihr ruiniert werden. So wie Silja vor ihm steht, die 26-Jährige, ist sie Kind und Göttin in einem. Sie war Wielands Geliebte. 1960 kam sie als »Senta« nach Bayreuth, Wielands Frau Gertrud bat das Paar, sich wenigstens während der Proben nicht zu duzen. Für Winifred war die begnadete junge Sängerin nur die »Hure vom Kurfürstendamm«. Sie korrigierte sich dann brieflich: »Nicht Hure, sondern Nutte.«

Schöne Tage mit Onkel Wolf

Auf dem Sofa in Haus Wahnfried sitzt er, mit Anzug und schräg gestreifter Krawatte. Er sitzt ein bisschen da wie ein kleiner Junge, die Hände zwischen den Beinen, im Gesicht etwas vom unsicheren Trotz des Kleinbürgers, der bei Großbürgers gelandet ist, und gleichzeitig erkennt man die Sicherheit dessen, der weiß, dass ihn hier niemand vertreiben kann. Adolf Hitler war in Wahnfried von Anfang an willkommen. Seit 1921 Vorsitzender der NSDAP, machte er zwei Jahre später seinen Antrittsbesuch im Hause des von ihm bewunderten Richard, der seinen Antisemitismus nicht nur in der frühen Schrift über Das Judenthum in der Musik geäußert hat. Evas Mann, Houston Chamberlain, begrüßte den jungen Hitler in Wahnfried als »Lichtgestalt«. Auch Winnie und Siegfried waren begeistert. Für den Tag nach Hitlers Putsch am 9. November 1923, dessen Erfolg sie für sicher hielten, planten sie in München ein Konzert. Als Hitler nach dem Scheitern inhaftiert wurde, wurde ihm das Papier, auf dem er Mein Kampf schrieb, aus Wahnfried ins Gefängnis geschickt. »Meine Frau kämpft wie eine Löwin für Hitler«, schwärmte Siegfried, »großartig!« Der NSDAP-Mann kam nun häufiger, auch nach 1933. In Wahnfried soll er sich immer entspannt haben und trank sogar Schnaps. Die Kinder dürfen ihn Onkel Wolf nennen. Einmal bringt der 16-jährige Wolfgang seinen Schulatlas während der Festspiele zu Hitler, weil dem Führer das Kartenmaterial fehlt, um mit seinem militärischen Stab den Spanischen Bürgerkrieg zu diskutieren.

Der Schrank bleibt zu

In München soll bis heute ein Schrank stehen, von dem leider kein Bild existiert. Verena, »Nickelchen«, habe ihn vor längerer Zeit bei ihrer Tochter Amélie deponiert, so hört man von Familienmitgliedern. Und Amélie verweigere hartnäckig die Öffnung des Möbels. Der Schrank soll den sagenumwobenen Liebesbriefwechsel zwischen Winni und Wolf enthalten.

Die Witwen trinken Tee

»Wie eine Braut«, schreibt Nike in ihrem Wagner-Buch unter ein Bild, das ihre Großmutter mit Hitler zeigt, sie ganz in Weiß, er im schicken Anzug, ringsum Uniformierte. Bis an ihr Lebensende, bis 1980, hat Winifred keinen Hehl aus ihrer Sympathie für diesen Mann gemacht. Er bleibt für sie »USA« – »unser seliger Adolf«. In ihrem berühmt gewordenen Fernsehinterview mit Hans-Jürgen Syberberg erklärte die 87-Jährige: »Der Teil von ihm, sagen wir mal, den ich kenne, den schätze ich auch heute noch, genauso wie früher. Und dieser ganze abzulehnende Hitler, der existiert innerlich für mich eigentlich nicht… Verstehen Sie, alles in meiner Beziehung zu ihm beruht auf absolut Persönlichem.« Mitte der fünfziger Jahre zieht Winifred wieder nach Wahnfried ins Gästehaus, in den »Führerbau«, den sie so nennt wie zu den Zeiten, als Hitler dort übernachtete. Winifreds Domizil wird ein beliebter Treffpunkt der »Ehemaligen«: Es kommen die Naziwitwen Ilse Heß und Emmy Göring, dazu Adjutanten, Piloten, Kammerdiener und Sekretärinnen des »Führers«, Ex-Gauleiter und revisionistische Historiker. Wieland, der das Haupthaus bewohnt, ist entsetzt und lässt eine vier Meter hohe Mauer im gemeinsamen Park errichten. Dahinter sitzen die Hitlerfreunde dann zum Tee in froher Runde und schwärmen von einst, während Winifreds laute Stimme mühelos über die Mauer zum gepeinigten Festspielleiter herüberdringt. Sehr deutsch, die Szene.

Eine höchst umstrittene Persönlichkeit

München, 1947. Erlauchter geht es kaum als bei dieser Pressekonferenz. Der neue Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele präsentiert sich der Öffentlichkeit: Ehrenpräsident Thomas Mann nebst einem Komitee von Beratern, zu dem Arnold Schönberg, Paul Hindemith, Karl Amadeus Hartmann und Arthur Honegger gehören… Nicht nur das Foto ist fiktiv, auch das Treffen. Den Entwurf zu so einer Stiftung aber gab es wirklich, er wurde bestellt vom Bürgermeister Bayreuths, und er stammt vom ersten Enkel Wagners. Der hieß Franz Wilhelm Beidler und war der Sohn jener Isolde, die Cosima auch nach Richards Tod nie als sein Kind legitimierte. Isolde heirate später einen Dirigenten, der sogar in Bayreuth Ring und Parsifal leiten durfte. Doch als er von Cosima mehr forderte, warf sie ihn hinaus – und damit war Franz Beidlers Karriere vorbei. Er wurde Kaufmann. Sein Sohn Franz Wilhelm, Jurist, Musikwissenschaftler und Philosoph, floh aus Hitlers Deutschland in die Schweiz: »National unzuverlässig, marxistisch verseucht und jüdisch versippt, wie ich nun einmal bin und natürlich auch bleibe, habe ich in der lieben Heimat nichts mehr zu suchen.« Aus dem ersten Versuch, die Festspiele dem vordemokratischen Blutrecht der Wagners zu entwinden, konnte schon deswegen nichts werden, weil gegen Winifreds Willen die Überführung des Privatvermögens in eine Stiftung nicht möglich war. 1973 sind die Festspiele dann doch in eine Stiftung umgewandelt worden. Thomas Mann übrigens sollte 1953 immerhin zu einem Vortrag nach Bayreuth eingeladen werden. Die Mäzene verhinderten das: Der Literaturnobelpreisträger sei »eine höchst umstrittene Persönlichkeit«. Stattdessen bestellten die »Freunde von Bayreuth« eine Wagnerbüste bei Hitlers Hofbildhauer Arno Breker.

Wieland putzt die Scheibe

Wieland und Wolfgang machen Baupause bei der Gründung von Neu-Bayreuth. Sie sitzen vor Wahnfried, das wieder aufgebaut wird, auch im unzerstörten Festspielhaus gelingt der Neuanfang. »Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen. ›Hier gilt’s der Kunst‹«. schreiben sie 1951 bei den ersten Festspielen nach dem Krieg ins Programmheft. Schon als Knaben waren die beiden Rivalen mit unterschiedlichen Talenten hervorgetreten. Während Wolfgang gegen Entgelt mit einem Leiterwagen Gäste zum Grab Richard Wagners karrte, übte sich Wieland als Maler und fotografierte – auch Onkel Wolf. Indessen gelten die Brüder nach 1945, anders als ihre Mutter, politisch als hinreichend unbelastet, um Bayreuth neu zu starten. Macher Wolfgang und Künstler Wieland ergänzen sich gut. Der eine setzt sein Bayreuther Schulkameraden-Imperium für die Festspiele ein und beschafft Geld, der andere entrümpelt die Bühne und erfindet für den Ring jene Weltenscheibe, die zum Inbegriff einer neuen, abstrahierenden Ästhetik wird. Auch Wolfgang inszeniert, und bis 1960 hat jeder der beiden fast alle großen Wagnerwerke einmal auf die Bühne gebracht. Dabei kopiert der Jüngere den Älteren, ein Schatten, vor dem Wieland zunehmend häufig an andere Bühnen floh, zumindest sieht seine Tochter Nike das so. Wieland stirbt 1966 an Lungenkrebs. Wolfgang wird alleiniger Leiter der Festspiele und bleibt es bis heute.

Wummi Weltmann

Bayreuth, 1976. Der dominante Typ im weißen Dinnerjackett, der nach Weltmann mit einem Hauch Halbwelt aussieht und rauchend seine Gäste übers Festspielareal führt, als seien sie zu Besuch auf seiner Jacht, ist Wummi. So lautet bis heute der Spitzname des zweiten Urenkels von Richard, Wolf-Siegfried, 1943 geboren. Er gilt als der Lebemann des Clans. Wie eigentlich alle Wagnernachkommen wollte auch Wummi mal Hügelchef werden, setzt sich aber ab nach Mallorca, reüssiert seither als Bauunternehmer und hält Hof in großem Stil. Letzteren bewies er schon bei seinem ersten Skandal. Weil er als 22-Jähriger das Auto eines Freundes kaputt gefahren hatte und Geld brauchte, entnahm er der Rumpelkammer von Wahnfried ein kleines Bild und ließ es in München versteigern. Es handelte sich um ein Liszt-Porträt von Ingres, gewidmet Cosimas Mutter, der Gräfin d’Agoult. Wummis Großmutter Winifred tobte und ließ das Bild für 36000 Mark zurückersteigern. Auch bei der Partnerwahl greift Wolf-Siegfried eher hoch und nimmt zur zweiten Ehefrau die große Blonde, die auf dem Foto von 1976 noch mit dem schmächtigen Mann ganz rechts verheiratet ist. Zugeknöpft und distanziert, scheint er hinter seiner Sonnenbrille zu ahnen, dass Eleonore Gräfin Lehndorff, Tochter des Hitler-Attentäters Heinrich Graf von Lehndorff, genannt Nona, bereits der genuin Wagnerschen Vereinnahmungskraft des Gastgebers zu erliegen beginnt.

Toby versaut die weiße Jacke

1994, am Buchstand vorm Festspielhaus. »Doch, wir haben das Buch«, sagt die Verkäuferin und greift unter den Tresen, »aber machen Sie’s nicht so offensichtlich, der Wolfgang Wagner hat das nicht so gern.« Soeben ist das Buch seiner Schwester Friedelind erschienen, Nacht über Bayreuth, geschrieben 50 Jahre zuvor in New York. Friedelind ist die Querulantin unter den Siegfriedskindern, sie ist 1940 emigriert, gegen die Drohung ihrer Mutter, die sie zum Dableiben zwingen wollte: »Wenn du nicht hören willst, wird der Befehl erteilt, daß du vertilgt und ausgerottet wirst!« In ihrem Buch hat Friedelind dann ausgepackt über das braune Bayreuth und an Grotesken nicht gespart wie etwa der Begegnung zwischen Friedelinds Schäferhund und dem prominentesten Festspielgast. »Jedesmal, wenn der Führer gestikulierte, glaubte Toby, es sei eine Aufforderung, an seinem Freund hochzuspringen, und Hitlers weiße Jacke wurde ruiniert…« Auch Wolfgangs Sohn hat eine Abrechnung mit den dunklen Seiten der Familie in Buchform gebracht: Wer nicht mit dem Wolf heult . Das liest sich aber ungleich steiniger als Friedelinds Buch. Am schönsten ist der Satz, den Gottfried in den frühen 1970ern seinem Vater entgegengeschleudert haben will: »Es wäre wohl Zeit, dass du endlich an einer Demo teilnimmst, statt dich als Dessertlieferant einer internationalen inhumanen Bourgeoisie anzudienen.« Während Friedelind (laut ihrer Herausgeberin Eva Weissweiler) nur der Festspielparkplatz gestrichen wird, trifft es Gottfried härter: Entzug der Festspielkarten.

Die falsche Kandidatin

2001. In allen Zeitungen werden Fotos von Eva gedruckt. Eva ist Wolfgangs Tochter aus erster Ehe, sie soll nach einem Beschluss des Stiftungsrats die Bayreuther Festspiele übernehmen. Drei Kandidatinnen standen zur Auswahl: Wolfgangs Ehefrau Gudrun, die scharfzüngige Nike, die ihren Onkel einen »Striese seines Ahnen« nannte und vieles am Grünen Hügel ändern wollte, und die gemäßigtere Eva, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe. Einst war sie Papakind und Mädchen für alles am Grünen Hügel, bis Wolfgang sich scheiden ließ, Eva zu ihrer Mutter hielt und der Vater die Tochter verstieß. Eva wird aber nicht Festspielchefin, denn ihr Vater ist nicht bereit, zu ihren Gunsten zurückzutreten. Er pocht auf seinen lebenslänglichen Vertrag. Der Stiftungsrat gibt klein bei.

Nietzsche spricht ein Schlusswort

Tribschen, 1869. Friedrich Nietzsche hilft beim Einrichten eines Puppentheaters für Richards Kinder. Der junge Philosoph sieht in dem Komponisten »die leibhaftige Illustration dessen, was Schopenhauer ein Genie nennt«. Das Genie lässt sich die Bewunderung gern gefallen, und da der Gast sich zudem rettungslos in Cosima verliebt, ist er zu allem bereit und erledigt neben seiner Professur in Basel auch Einkäufe für das hohe Paar. Später wird Nietzsche zum geistvollsten und radikalsten Kritiker Wagners. Bayreuth stößt ihn ab: »Mir graut vor jedem dieser langen Kunst-Abende.« Für Wagners Leben findet er Worte, die auf die ganze Dynastie bis heute passen: Es sei »eine groteske Komödie«.

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 16.04.2008

Neobarocke Wasserspiele

Die Starchoreografin Sasha Waltz springt kopfüber in Purcells Oper »Dido and Aeneas«

Es sieht aus wie ein gewaltiges Aquarium. Beinah so breit wie die kahle Bühne, übermannshoch, aufgebockt, ein verheißungsvoll schimmernder Glasquader; darüber bewegen sich im Schatten Gestalten auf einem Laufsteg. Keine Musik. Und dann wird das Schweigen gebrochen durch ein Geräusch, mit dem wohl noch nie ein Opernabend begann: Mit schäumendem Hechtsprung schießt ein Tänzer aus dem Dunkel ins hell erleuchtete Wasser. Durchs Publikum geht ein Raunen wie bei einer gefährlichen Zirkusnummer. Es ist also wirklich ein Aquarium, was hier im Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg steht. Und es ist das Mittelmeer, an dessen Ufer die Karthager-Königin Dido vom Trojaner Aeneas verlassen werden wird. Um sie dreht es sich in der Oper, mit der Henry Purcell zum innovativen Orpheus des barocken England wurde:

Die 41-jährige Choreografin Sasha Waltz, gefeiert als Entgrenzerin des Tanztheaters, startet mit einem Hechtsprung in ihre erste Oper, und der Schwung hält an wie auch die Sinnenlust, mit der sich im brodelnden Wasser eine wachsende Zahl von Tritonen nebst Zivilisten in voller Montur tummelt. Das ist mehr als ein eyecatcher, es dient auch als leuchtender Hintergrund eines musikalischen Prologs, der eigentlich verschollen ist. Nur die Texte des Nahum Tate blieben vom Vorspiel der Oper, die 1689 in einem Londoner Mädchenpensionat uraufgeführt wurde. Zu ihnen hat Attilio Cremonesi, barockerfahrener Dirigent des Abends, aus Purcells Œuvre Passendes gefischt, und die Akademie für Alte Musik Berlin spielt auf dem Instrumentarium des Barock so lustvoll und pointiert, wie die Choreografin ihre Bilder formt. Der Abend schlägt noch Wellen, wenn die nasse Vitrine längst verschwunden ist.

Projekte wie diese Koproduktion zwischen Luxemburg und der Berliner Staatsoper Unter den Linden stoßen auf wachsende Neugier in einer Zeit der Opernermüdung. Henry Purcell ist ja keineswegs abgespielt, sondern den meisten ähnlich unvertraut wie vor 20 Jahren etwa Monteverdi. Es gibt da etwas zu entdecken – auch die enorme Offenheit und Gegenwärtigkeit barocker Musik. Wie zündend sich die »historische« Musikpraxis mit der Tanzavantgarde treffen kann, erlebt man in Luxembourg auch in Details – wenn etwa eine improvisierte Verzierung des Konzertmeisters das Bein einer Tänzerin zu lenken scheint. Ein unplanbarer Moment, der indessen nur möglich ist, wenn schon eine gemeinsame Sprache existiert. Hier ist es eine der Töne und der Bilder, weniger des Dramas.

Die Entwicklung der Gefühle interessiert Sasha Waltz nämlich wenig. Die Tänzer, die den Gesang des antiken Personals mal gestisch verdoppeln, mal kommentieren oder verfremden, führen von Schicksal und Individuum weg. Aber die Abstraktion bringt eigene Bilderwelten hervor, die zu Purcells funkelnder Tiefe und seinem eleganten Timing passen. Aus schwarzweißer Rückwand quillt da ein buntes, karnevalistisch aufgebrezeltes 17.Jahrhundert der Gaukler. Da finden auch Kalauer ihren Platz oder selbstironische Grüße aus der Tanzwerkstatt, wo mit Peitsche geprobt wird… Und doch ist eine formale Strenge zu spüren, die mit der barocken Musikästhetik korrespondiert. Mitunter freilich kommt in der Bilderlust die Musik nicht zu Wort, nämlich da, wo Purcell den Worten in zärtlichste Nuancen folgt. Wenn Didos Hofdame Belinda die Wälder besingt, ihre große Liebe, wälzen sich Menschenketten am Boden. Und Didos todessüchtiges Klagelied wird flach illustriert mit Tanz und Trauerkokon, als wäre es für die Choreografie zu gefährlich, einmal den Tönen die Bühne zu überlassen. Warum nur? Die Sicherheit, mit der Waltz Bewegungen zu Bildern fügt, die Prägnanz, mit der ihr Vokabular von Gesten eine sprachliche Logik entwickelt, fasziniert ja immer aufs Neue. Am stärksten in den Chören. Deren Sänger sind hier tänzerisch derart perfekt integriert, dass man ihnen kleine Ungenauigkeiten gern nachsähe.

Allerdings ist das überhaupt nicht nötig. Das junge Vocalconsort Berlin vollbringt Wunder an Intonationssicherheit, Textdeutlichkeit und Leuchtkraft. Da entstehen magische Momente, klingende Bilder. Daneben wirken die Gesangssolisten des Abends (bis auf Deborah York als Belinda und Céline Ricci als Second Woman) ein bisschen blass. Wenn aber die 16 Choristen und 13 Tänzer verschmelzen, hofft man, dass der Abend nie endet. Als schließlich auf leerer Bühne vier kleine Flammen brennen, nach den ausgelassenen Wasserspielen des Anfangs nun Didos Ende auf dem Scheiterhaufen symbolisierend, und das Orchester leiser und leiser spielt, herrscht vollkommene Stille im Publikum, bis das letzte Flämmchen erlischt. Man spürt, ein ganzer Saal ist verzaubert worden und an ein neues Ufer gelangt. Und das ist weit mehr als nur ein Hechtsprung.

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 03.02.2005

Zen und die Kunst, Wagner zu lieben

»Tristan und Isolde« als prominent besetzte Peinlichkeit an der Pariser Opéra Bastille

Mitten im eher proletarischen 12. Arrondissement geht es diesmal zu wie in Bayreuth. Im Verkehrslärm vor der Opéra Bastille stehen Wagnerianer und halten ihre Schilder hoch: . Anders als auf dem Grünen Hügel tragen die Kartensucher hier aber auch Jeans, Paris ist demokratischer. Und etwas preiswerter. Selbst an der Kasse warten vor der zweiten Vorstellung von noch gut hundert Menschen auf ein Wunder. Die Produktion ist ausverkauft bis zum letzten Abend, und schon vorm ersten wurde sie als Gipfeltreffen beraunt – inszeniert von Regiegenie Peter Sellars und bebildert von Videopapst Bill Viola, dirigiert von Esa-Pekka Salonen, gesungen von Waltraud Meier und Ben Heppner – eine schöne Mischung aus Glamour und Unberechenbarkeit, überwölbt von der Verheißung, man werde hier die Spiritualität neu entdecken. Durch Liebe zum Leiden, zum Tod, zur Erlösung …

So etwas möchte man sich gern zeigen lassen von einem Regisseur, der Don Giovanni zum Fixer machte, Così fan tutte ins Café verlegte, in Opern stets das »wirkliche Leben« suchte und dabei eher durch Präzision als durch Bekennertum auffiel. Und dass der 47-Jährige in letzter Zeit zum Buddhismus neigt, muss bei Richard Wagner ja nicht schaden. Auch einem Künstler wie Bill Viola, der das riesige Gasometer von Oberhausen zur Videokathedrale projizierter Wasserkünste machte, traut man belebende Impulse für die(se) Oper zu. Die liefern dann Salonen und das Orchestre de l’Opéra National de Paris mit einem Vorspiel, wie man es so weit gespannt und spannend selten hörte. Die ersten Takte heben sich wie eine Insel aus dem Schweigen, von einer ungeheuren Pause gefolgt und dann von Stürmen, die nicht aus der Seele, sondern gleichsam objektiv aus der Natur zu kommen scheinen. Unheimlich.

Da ahnt man, wohin es gehen könnte. Manchmal sind Ahnungen das Schönste. Hier weichen sie bald der Eindeutigkeit. Vorhang auf für ein gewaltiges Projektionsrechteck. Darauf wogt das Meer, Brandung umschäumt Fels. Nicht nur, weil Tristan und Isolde ja auf einem Schiff unterwegs sind, sondern weil das Wasser von Bill Viola als Element der rituellen Reinigung gezeigt wird. Das steht im Programmheft, man versteht es aber auch, weil in dem Video nach den Wellenspielen ein Mann und eine Frau, mittelalterlich gewandet, sich langsam und feierlich entkleiden, jeweils von einer Aura umstrahlt und von priesterähnlichen Senioren assistiert, welche dann die Nackten aus großen Amphoren mit Wasser begießen. Dass die Musik derweil vom Erwachen ungeheuerlicher Liebesglut erzählt, wäre mit der Bilderbotschaft vielleicht vereinbar, käme die nicht als so schauerlich klammer Sakralkitsch daher.

Violas Video macht nicht nur inhaltlich alles platt, sondern auch durch die pure Dominanz der großformatigen Filmsequenzen. Im Halbdunkel unterhalb der Leinwand können Tristan, Isolde und ihre beiden Diener nicht viel Theater oder gar Liebe machen. Statisch geht es da zu rund um einen schwarzen Quader, mit einem stereotypen Gestenvokabular, das weder ins Rituelle stilisiert noch ins Persönliche differenziert wird, die Mimik ist im Dämmerlicht nur mühsam zu erkennen. Als »Zen-Haltung« bezeichnet Peter Sellars die Ratlosigkeit, mit der er unter Bill Violas flacher Bilderflut seinen Job aufgibt. Weil er keinem in eine Identität hineinhilft, wirken die großen Liebenden mitunter unfreiwillig wie ein genervtes Ehepaar, das gerade noch den Streit vermeidet. Waltraud Meier wie Ben Heppner brauchen ungewöhnlich lange, um wenigstens als Sängerpersönlichkeiten frei zu werden und ihre Hörer zu fesseln.

Das gelingt im zweiten Akt vor allem Brangäne und König Marke – Ivonne Naef mit traumschönem, fokussiertem, warmem Mezzo, Franz-Josef Selig mit reichem, beweglichem Bass, so getroffen und so anrührend, dass Tristan sich zu Recht schämt, ihm die Braut genommen zu haben. Auf der Projektionsfläche sieht man derweil weniger Wasser und mehr Feuer und gelegentlich ein knutschendes junges Paar wie aus einem Siebziger-Jahre-Aufklärungsfilm. Dass »das einzige Heil im Schmerz der Trennung liegt« (Viola), erschließt sich dabei nicht. Umso schmerzlicher ist die Trennung, die zwischen Bühne und Musik stattfindet. Denn Letztere ist an Differenzierungskraft der Videokunst weit voraus. Die bleibt hier verklemmt im Rahmen, anstatt ihn zu sprengen. Vielleicht ist Bill Viola ja aus lauter Respekt vor Richard Wagner in eine Schreckstarre verfallen, die von seinen Ideen nur bewegte Plakate übrig lässt.

Man mag wirklich nicht mehr hinsehen, wenn im dritten Akt über dem toten Tristan sein Videodouble sich als Astralleib durch blubbernde blaue Wasser erhebt, dem Licht entgegen. Zu dieser Mischung aus Duschgelwerbung und Missionsarbeit würden Weichspülklänge aus dem Synthi besser passen. Aber Waltraud Meier, die da sowieso nicht hingucken muss, ist inzwischen ganz bei sich und singt den Liebestod zum Weinen schön. Und Salonen, souverän und konzentriert, entdeckt in der Partitur Berliozsche Farben und Janá‡eksche Realitäten und eine Musik, die sich von ihrem Komponisten emanzipiert hat, die nicht mehr überwältigen und narkotisieren muss, sondern einfach da ist, Weite erzeugend in all ihrer Vielfalt und Notwendigkeit. Auf ein gelungenes Gipfeltreffen von Musik und Szene indessen wartet man so vergeblich wie zuvor die Kartensucher auf ein Wunder. Nur länger. Gut fünf Stunden währt der Abend. Und nach der zweiten Pause bleiben viele Plätze frei.

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 21.04.2005