Trillern aus der Hüfte

Simone Kermes war einmal Facharbeiterin für Schreibtechnik, jetzt ist sie ein vulkanischer Barockopernstar.

Sie macht ihn fertig, den armen Kerl, vor allen Leuten, schreit ihn an, stößt ihn, gerade noch kann der Bratscher weiterspielen, während ihre Töne ihn strahlend verdammen: »Barbaro, tu m’uccidi« – » Grausamer, du tötest mich!« Gegen diese Diva ist kein Einspruch möglich. Die Szene ist ein Konzertgag, aber die Flammenkraft der Wut ist echt, die Offbeats des Barockgitarristen von Le Musiche Nove heizen sie noch an. Was Simone Kermes singt, das ist sie auch. In diesem Fall die Aristea aus L’Olimpiade, einer Oper von Giovanni Battista Pergolesi, halb vergessen wie so vieles, was die Sopranistin wieder ins Leben holt. Ihr Album Lava, das sich glänzend verkaufte, besteht zu drei Vierteln aus Stücken, die seit 270 Jahren keiner mehr sang, ihre jüngste CD bietet sogar fast ausschließlich Erstspielungen, ausgegraben in Archiven von Neapel bis Wien.

Das ist freilich noch kein Alleinstellungsmerkmal. Auch Cecilia Bartoli, bis vor einigen Jahren Alleinherrscherin im barocken Koloraturgesang, wirbt mit der Anzahl von »world premiere recordings« auf ihren CDs. Und Konzeptalben, die einzelne Komponisten, Kulturbiotope, Themen feiern, gibt es mittlerweile im Dutzend – oft in beträchtlicher Qualität. Barock boomt nach wie vor, und neben den Dauerbrennern von Monteverdi bis Händel wächst die Lust auf Novitäten. Gerade hat Counterstar Philippe Jaroussky Arien von Antonio Caldara aufgenommen, desselben genialen Italieners, dessen Musik für den Wiener Hof um 1700 auch auf der neuen CD von Simone Kermes mehrfach vertreten ist. Was diese Solistin von anderen unterscheidet, ist ihre Direktheit in Stimme und Auftritt.

Sie rockt. Steht da auf irre hohen Plateauschuhen, angetan mit knielangem krinolinenartigem Stoffgewucher in Moosgrün, und stürzt sich in Nicola Porporas Tocco il porto, als wäre es A Hard Day’s Night, auch so eine schnelle Nummer, stößt die ersten drei Töne nicht wie einen Dreiklang, sondern wie eine Botschaft heraus, stampft, geht mit Trillern und Hüfte in die Kurve, genießt Spitzentöne wie Aussichten und tut der Musik damit keineswegs Gewalt an. Das ist kein Crossover-Krampf, sondern jenes Furore, mit dem Kastraten und Sängerinnen um 1740 ihr Publikum hinrissen, auch wenn sie dabei nicht so herumtobten wie Kermes. Sie braucht das halt, und sie genießt auch die Freiheit des Singens, wenn sie fast dreckig im tiefen Register knurrt oder nach Lust und Laune improvisiert – wie die Freiräume dieser Musik das verlangen.

Neben Simone Kermes, schrieb ein Kritiker, wirke ein Auftritt von Cecilia Bartoli wie eine Meditationsübung. Was nichts daran ändert, dass Bartoli mit kleinerer, aber hochintelligent geführter Stimme unschlagbar präzise Koloraturen liefert, mitunter wie in Marmor gefasst. Wer es brennen hören will, hält sich eher an die Frau aus Leipzig als an die aus Rom, und dass Kermes die Tabubrecher von Rammstein mag, passt zum Ungehorsam ihrer Kunst. Kermes ist aber keineswegs nur die »Feuerspuckerin«, auf die man sie nach der Lava-CD festlegen wollte. Typisch für sie ist eher, dass sie dieses Image gleich mit der nächsten, neuesten CD unterläuft. Colori d’Amore bietet Stücke, die inniger und weniger virtuos sind, vertieft im Ausdruck. Anders als in den Koloraturfetzern, die für den Kommerzerfolg im Neapel der 1740er komponiert wurden, ging es am Wiener Hof Jahrzehnte zuvor nur um die Kunst. »Die Künstler waren frei, und der Kaiser hat sie gefördert«, so einfach fasst Simone Kermes die Lage zusammen. Wer hört, wie zart sie den tröstenden Schlaf beschwört in einer Arie von Antonio Maria Bononcini, der den Herzensriss seiner Griselda mit dem unerhörten Wagnis eines großen Septimensprungs beschreibt, entdeckt mit dem weiten Horizont jener Zeit auch eine Sängerin von zerbrechlichster Sensibilität. Ungeschützt, leise, vibratolos, schicksalsergeben steigt sie hoch vom G zum Fis, vom »ombra« zum »tua«.

Bei Sony Music fürchtete man sich vor ihrer Repertoireauswahl, denn mit Simone Kermes hatte das Label die Katze im Sack gekauft: Das Programm bestimmt nur sie. Natürlich hoffte man auf weitere »Knallernummern«, wie sie die nennt. »Wo kann man diese Stücke hören?«, wollten die Produzenten wissen. »Nirgends!« Dass sich die Firma überhaupt auf den Handel einließ, lag am Erfolg von Lava, die Kermes auf eigene Kosten mit dem Ensemble Le Musiche Nove produzierte. Eher durch Zufall landete die Aufnahme bei der Deutschen Harmonia Mundi und im Vertrieb von Sony und schlug fast ohne Werbung durch. Sie entstand ein paar Monate vor Cecilia Bartolis Klassikchart-Produktion Sacrificium, auf der die Italienerin dasselbe Repertoire von Leo bis Porpora singt, wenn auch andere Stücke. »Wir haben ihr dafür zu danken«, sagt Simone Kermes mit sanftem Tigerlächeln, »denn unsere CDs wurden natürlich verglichen…« Prickelnd wird die Rivalität der Diven, weil noch ein Mann im Spiel ist. Claudio Osele nämlich, der als Lebensgefährte der Bartoli und Musikologe die Musik für Konzeptalben wie Opera Proibita zusammentrug, ist seit der Trennung von der Italienerin musikalischer Partner, Ensemble- und Ausgrabungsleiter von Kermes.

Weitergehenden Gerüchten begegnet sie amüsiert mit dem Hinweis auf ihren eigenen Mann, der zugleich ihr Manager und Fotograf ist und, wenn es sich ergibt, auch mal den zerbeulten Riesenkoffer mit ihren extravaganten Roben durch die Städte rollt. Ihn lernte sie schon beim Gesangsstudium zu DDR-Zeiten in Magdeburg kennen, als sie bereits Mutter einer Tochter war. »Ich war noch nicht achtzehn, als ich das Kind kriegte. Ich war einfach jung, verstehste? Ich hab gemacht, was ich wollte.« Ihr Geburtsdatum verschweigt sie: »Dieser Jugendwahn! Mit 35 bist du ja schon alt!« Sie war jedenfalls fünf, als sie träumte, »auf der Bühne zu stehen mit großen roten Vorhängen«, sie sang gern, mit neun wollte und kam sie in den Leipziger Opernkinderchor, lieh sich Platten mit Maria Callas und Gundula Janowitz aus und sang sie mit, alles von Königin der Nacht bis Desdemona. »Meine Mutter dachte, ich hab ’n Vogel.«

Dass sie nicht unterstützt wurde, findet sie okay. »Du musst dich durchschlagen«, sagt sie, »du darfst nicht gemacht werden.« Sie nahm Gesangsunterricht, vernachlässigte die Schule, machte statt Abitur eine Ausbildung zum »Facharbeiter für Schreibtechnik« und war auf einmal Sekretärin im Leipziger Fernmeldeanlagenbau. »Alle sagten, Mensch, du hast doch jetzt ’n Kind, du hast ’n schönen Beruf, da musst du nicht weiter singen!« Aber sie bewarb sich zum Studium in Magdeburg, schaffte es von dort an die Leipziger Hochschule und schwärmt davon, wie streng es da zuging. Heute kämen zu viele Gesangsstudenten durchs Examen: »Die werden nicht alle einen Job finden!« Ihr erster Job auf einer Opernbühne, 1990, führte sie als Einspringerin nach Halle. Händels Tamerlano, Regie: Peter Konwitschny. »Da lagen nur vier, fünf Matratzen rum, aber es hatte einen tieferen Sinn.«

Sie lernte, nach dem Kontext einer Rolle zu fragen. »Manche Regisseure wissen gar nicht, was das ist. Die sagen nur, biet mal was an! Es laufen zu viele Flitzpiepen und Lichtdesigner rum in der Regie.« Aber mit vielen hat sie Glück gehabt, mit Christof Loy etwa in Lucia Silla und mit dem Intendanten, der sie für drei Jahre fest an sein Theater in Koblenz holte: Georges Delnon, jetzt Direktor in Basel, »der ließ mich alles ausprobieren und hat mich nicht verheizt«. Seither ist Konstanze ihre Lieblingspartie bei Mozart: »So eine Stärke, so ein Stolz! Die wächst immer mehr.« Vor zehn Jahren machte sie sich selbstständig, und bald erschien ihre vorerst prominenteste CD: Mit der Mezzosopranistin Maite Beaumont und Donna Leon als Sprecherin wurde La Maga Abbandonata produziert, Händel-Arien über Zauberinnen, die die barockbesessene Krimiautorin besonders schätzt. Nicht nur deswegen war Simone Kermes den Melomanen lange vor Lava ein Begriff. Sie hat für die Deutsche Grammophon auch rare Stücke von Vivaldi aufgenommen, sie holte den genialen Joseph Martin Kraus aus der Versenkung, einen Zeitgenosse Mozarts, der von der Sopranistin gelegentlich mehr Virtuosität verlangt als Strauss von seiner Zerbinetta, und im selben Jahr wie Lava erschien La Diva. Mit der Berliner Lautten Compagney singt Kermes da die Arien, die Georg Friedrich Händel in London für Francesca Cuzzoni schrieb, eine der großen Diven des Barock. Es müssen ja nicht immer Ausgrabungen sein. Doch wie sinnvoll die sind, wie nötig wir sie haben, das ist auf der neuen Colori d’Amore in jedem Stück zu erleben.

Hinter den Arien von Alessandro Scarlatti und Antonio Caldara leuchtet ein ganzer Spielplan verklungener Opern, auf die man hier neugierig wird. Und eine der Ersteinspielungen klingt seltsam vertraut. Da hören wir, wo Georg Friedrich Händel sein weltberühmtes Ombra mai fù klaute, das Largo. Schon 1694 findet Giovanni Bononcini, der ältere der beiden Brüder, für den Schatten der Platane die Töne, die vierzig Jahre später Händel in seinen Xerxes einbaut. Man weiß das, aber das Original zu hören ist etwas ganz anderes. Dann nämlich wird Ombra zum Verbindungsweg zwischen den Welten. Der vertrauten, auf ein paar Begriffe und Größen reduzierten, an die wir uns halten, und einem weiten, kaum betretenen Land vergessener Wunder. Unendlich schlicht singt Simone Kermes diese Weise. Es ist, als blicke man dabei auf das ganze Leben.

Colori d’Amore: Simone Kermes (Sopran), Le Musiche Nove, Ltg.: Claudio Osele (Sony Classical)

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 21.12.2010

Paukenschlag und Kalauer

Kann sich ein Opernhaus neu erfinden? Stuttgart versucht’s – mit einer jungen Regisseurin, vielen weißen Sofas und “hingeworfenen Akkordklumpen”.

Vor einem halben Jahr versammelte sich in Gyöngyöspata, nordöstlich von Budapest, eine paramilitärische Truppe in der Nähe einer Roma-Siedlung. Frauen und Kinder der ethnischen Minderheit stiegen daraufhin in Busse des ungarischen Roten Kreuzes und wurden in Sicherheit gebracht. In so einem Europa gerät man nicht unbedingt in freudige Erwartung, wenn sich auf einer Opernbühne eine ziganeske Hochzeitsgesellschaft vorm Wohnwagen versammelt. Sie wirkt schon bedroht, ehe hinten nebst ungarischer Flagge auch die (offiziell verbotene) rechtsradikale Nationale Garde aufzieht.

Die Töne zum Überfall liefert Hector Berlioz . Der ungarische Rákóczi -Marsch ist das bekannteste Stück seiner Damnation de Faust, und was zu seinen Klängen geschieht, filmt der Titelheld als Kameramann persönlich. Den jungen Faust hat es, in der Partitur wie auf der Bühne der Stuttgarter Staatsoper, nach Ungarn verschlagen. Die Bilder der unter Schlagstockhieben endenden Hochzeit verfolgen ihn und uns bis ans Ende einer Oper, die sich einer verbindenden Erzählung allerdings widersetzt wie keine andere. Berlioz selbst hat das 1846 konzertant uraufgeführte Werk eine »légende dramatique« genannt und die Regeln der Grand Opéra großzügig ignoriert.

Gegen den Opernbetrieb sperrt es sich noch heute. Auch wenn vom Madrigal bis zum Requiem längst alles inszenierbar erscheint, gehört viel Mut dazu, mit diesem sehr frei nach Goethe entstandenen, collagenhaften Halboratorium nicht nur eine Spielzeit zu eröffnen, sondern eine ganze Intendanz – auf der zudem ein Erwartungsdruck lastet wie auf kaum einer anderen. Wer ermessen will, auf was sich die 39-jährige Regisseurin Andrea Moses und ihr Förderer, der neue Stuttgarter Intendant Jossi Wieler, eingelassen haben, stößt nicht nur auf ein schier unerzählbares Werk, sondern auch auf ein Opernhaus, dessen Maßstab der Kultstatus ist, den sein Intendant Klaus Zehelein ihm bis 2006 verschaffte.

Komplexeste Werke von Helmut Lachenmann und Luigi Nono wurden damals zu Kassenschlagern, das sogenannte Regietheater war brillant vertreten, von Ruth Berghaus über Peter Konwitschny bis zu solchen, die hier ihre ersten Opern inszenierten. Wer musiktheatralisch auf dem Laufenden bleiben wollte, musste nach Stuttgart. Doch Zeheleins Nachfolger Albrecht Puhlmann, der in Hannover eine vergleichbare Linie mit vergleichbarer Resonanz verfolgt hatte, konnte im schwäbischen Kessel nicht Fuß fassen. Rückkopplungseffekte zwischen Haus, Politik und Medien fegten Puhlmann aus dem Amt.

Nicht nur vor diesem Hintergrund birgt der Neustart ein hohes Risiko. Es ist vielleicht das größte Wagnis des neuen Intendanten, sich an eine überregional noch kaum bekannte Künstlerin zu binden. Andrea Moses debütiert mit ihrem Faust als Stuttgarter Hausregisseurin. Außer einer Gastregie pro Saison werden die Novitäten künftig ausschließlich Arbeiten der Newcomerin und jenes gefeierten Traumduos der Opernregie sein, das an diesem Haus groß wurde. Jossi Wieler und sein Dramaturg Sergio Morabito, 60 und 48 Jahre alt, von Zehelein auf den Weg gebracht und auch unter Puhlmanns Ägide erfolgreich, werden für zunächst fünf Jahre nur in Stuttgart inszenieren.

Eigentlich hatte man politisches Theater ja für Geschichte gehalten

Aus dem Reisekarussell der Regiestars steigen sie aus. »Es sind zehn bis zwanzig Namen, die da immer wieder auftauchen von Wien bis Amsterdam«, meint Wieler. »Wo ist denn da das Besondere?« Wenn das deutsche Stadttheater mit seinen festen Ensembles und der Repertoirepflege kein »Auslaufmodell« werden solle, müsse es wieder spezifisches Profil entwickeln, bis hin zur Regie. Nicht dass ein Intendant auch zu Hause inszeniert, ist singulär, sondern dass ein international gefragtes Duo wie dieses sich gänzlich an ein Haus bindet. Das hat auch Sylvain Cambreling beeindruckt, der als Generalmusikdirektor 2012 dazustößt. Wieler und Morabito werden zwei Stücke pro Spielzeit inszenieren, aber ein »einheitlicher Stil« sei nicht zu befürchten, sagt Wieler. »Jede unserer Arbeiten hat eine eigene Sprache.« Das muss er niemandem mehr beweisen.

Wohl aber, dass er mit Andrea Moses den richtigen Griff getan hat. Ihr szenischer Einstieg in Berlioz’ Faust -Oper ist als Paukenschlag, als Bekenntnis dem geballten Erwartungsdruck durchaus gewachsen. Politisches Theater hatte man in dieser Eindeutigkeit schon für Regiegeschichte gehalten. Was gerade angesichts rassistischer Entwicklungen mitten in Europa nicht dagegen spricht, diese Geschichte neu aufzurollen. Andrea Moses, 1972 in Dresden geboren, bringt Erfahrungen aus zwei Deutschlands mit, sie ist an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin noch »unter dem Primat der Fabel erzogen worden«, wie sie sagt, sie glaubt noch an die gesellschaftliche Erzählung.
Doch was bei ihr so plakativ wie atembeklemmend beginnt, stößt nicht nur auf den Widerstand des Komponisten, der uns im Faust erratische Tableaus hinterließ. Noch der talentierteste Newcomer würde unter dem Druck der Stuttgarter Situation aus der Balance geraten – und nach den ersten, kräftigen Akzenten liefert Andrea Moses von allem zu viel. Die Trinker in Auerbachs Keller gehören einer schlagenden Verbindung an, die Soldateska schreitet zur Bücherverbrennung, das zivile Kollektiv neigt zum Voyeurismus. In ihrem Übermaß entwerten sich die gesellschaftskritischen Signale gegenseitig.

Der von Moses favorisierte Ausstatter Christian Wiehle verschärft das Dilemma. Die Klarheit seines ersten Bildes – leere Gegend, Wohnwagen, davor ein Klappstuhl, darauf der junge Faust – verliert sich in einer Folge von Schnurvorhängen, Kohorten weißer Sofas unter blauem Licht, verschwiemelter Stadtansichten. Als gotischen Rest der Faust-Legende hat Wiehle ein Kirchenfenster quergelegt, das – mit Blick auf das emsig von Autos befahrene Dresdener Elbufer – Marguerite als Wohnung dient. Immer wieder wird projiziert: Damit wir sehen, was Faust bewegt, flimmern im übergroßen Scherenschnitt seines Profils die Bilder seiner Träume und Filme.

Aber was bewegt ihn wirklich? Pavel Černoch ist ein stimmlich wie szenisch wunderbar präsenter junger Tenor, am Charakter mehr als am Wohlklang interessiert, den er gleichwohl zu bieten hat. Doch bleibt er passiv, Stereotyp des reinen Toren. Nachdem er Zeuge des Überfalls geworden ist und auf den eigenen Weltekel mit einem Suizidversuch reagiert, wird er Spielzeug eines Méphistophélès, den Robert Hayward mit porösem Bariton als Zyniker gibt. Der hat alles in der Hand. Vielleicht soll seine Allmacht zeigen, dass in dieser Welt kein Gott mehr ist – aber eigentlich wirkt er, rotgelbhaarig, wie ein Teufel aus dem Kaspertheater, der nun mal einfach so fies ist.

Faust und Mephisto sitzen auf dem Sofa und spielen Autofahren

Wenn sich am Ende erweist, dass die Paramilitärs unter seinem höllischen Kommando stehen, wird Gesellschaftskritik auf ebenjenes Gut und Böse reduziert, gegen das sie sich zu wenden hätte. Wobei, andererseits, auch alles in Anführungszeichen steht. Wie nah können wir uns die Traurigkeit der verlassenen Marguerite gehen lassen, wenn sie doch Assistentin des Teufels ist und schon ihre Schwangerschaft nur ein Spiel mit Kissen war? Sicher, Oper lebt von Mehrdeutigkeiten – aber auch die brauchen ihre Ökonomie. Wer die Alcina erlebt, die Wieler und Morabito hier 1998 inszenierten und jetzt neu aufnahmen, sieht, mit welcher Virtuosität sich etwas in der Schwebe halten lässt.

Dass einen Gretchens Schmerz dann doch berührt, verdankt sich dem Orchester fast mehr als dem handfesten Mezzo von Maria Riccarda Wesseling. Dirigent Kwamé Ryan dehnt die Romance zum Meeresspiegel der Emotionen, und nicht nur da zeigt uns das Orchester den Extremisten Berlioz, hemmungslos im Weinen wie im Spotten, im Häkeln folkloristischer Genrebilder ebenso wie auf dem Serpentinenpfad den eine rätselhafte Geigenlinie zurechtschlängelt. Wenn dazu Faust in den Regalen der Begehrten stöbert, wird an der komponierten Fremdheit aber kleinteilig vorbeiinszeniert.

Vielleicht kann man an diesem Stück ja gar nicht anders als vorbeiinszenieren. Das müsste dann aber mit Entschlossenheit geschehen, mit der Unverschämtheit eines Berlioz sozusagen, der Goethes Vorlage dekonstruiert und beballert hat. Dass er zu allem entschlossen ist, hört man beim Höllenritt, auf dem der Komponist seiner Zeit weit vorausgaloppiert mit jenen »eigens hingeworfenen Akkordklumpen«, die Robert Schumann irritierten. In Stuttgart sitzen dazu Faust und Mephisto brav auf dem Sofa und spielen Autofahren, und zu den jähen Schreien des tiefen Blechs drückt Faust auf eine imaginäre Hupe. Na ja.

Der Kalauer steht am anderen Ende des Spektrums, das mit dem politischen Paukenschlag beginnt und vielen vieles bringen will. Der Gesellschaft ein Signal, dem Repertoire eine Rarität, allen Chören des Hauses einen Auftritt, der Bühnentechnik eine Leistungsschau, dem Affen Zucker. Und Zehelein, der alte Gott, sitzt ja auch noch im Publikum. Dass das nicht aufgehen kann, erzählt uns weniger über die Regisseurin als über die Erwartungen, mit denen es das neue Team aufnehmen muss. Dazu passt ein ziemlich schwäbischer Satz aus der Werkstatt von Wieler und Morabito: »Wenn wir das Gefühl haben, wir haben etwas nicht zu Ende gelöst, bleiben wir dran.«

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 03.11.2011

Kernschmelze in Zeitlupe

Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas hat ein Streichquartett zur Katastrophe von Fukushima komponiert. Jetzt feiert ihn das Lucerne Festival.

»Es ist alles okay. Geht weiter einkaufen!« Mit Kreide hat das jemand auf den Bürgersteig der Brücke in Luzern geschrieben. Und die schicken, wohlhabenden Luzerner gehen weiter einkaufen, über die Schrift hinweg, die zwei Stunden später kaum noch zu lesen ist. Die Sonne scheint, es ist alles okay. Aber gleich nebenan, im nobel-sperrigen Quader des Kulturzentrums KKL, in einem dunklen Saal, erhebt sich eine Woge. Ein Tsunami aus Klangsplittern bricht über die Musiker herein, die ihn erzeugten, hinterlässt lähmende Ruhe, vorübergehend. Bis der große Sturm beginnt. Wer nach der Uraufführung des Siebten Streichquartetts von Georg Friedrich Haas ins Freie tritt, traut seinen Augen nicht mehr. Über dem Himmelblau am Vierwaldstättersee ahnt man eine Schwärze. Aber sie bedrückt einen nicht, man blickt weit in ihr.

Georg Friedrich Haas läuft so herum, wie es das Vorurteil vom leicht weltfremden Avantgardisten nahelegt. Zwischen den schicken Luzernern fällt er mit seiner übergroßen Lederjacke auf, dem festen Schuhwerk, dem etwas tapsigen Gang eines Bergbewohners. Dieser freundliche, leise Mann erweitert die Möglichkeiten der Musik derzeit wohl nicht weniger, als es 1859 gleich gegenüber im Hotel Schweizerhof geschah. Da vollendete Richard Wagner seinen Tristan, indem er die Harmonik an die Grenzen ihrer Auflösung trieb. Haas löst die uns vertrauten Intervalle auf. Er komponiert mit Mikrotönen. Das tun auch andere, nicht erst seit gestern. Haas aber hat eine so unverwechselbare, starke Musik entwickelt, dass der 58-Jährige, mit Aufträgen überhäuft, nun auch composer in residence beim renommierten Lucerne Festival ist.

Noch vor 15 Jahren kannten nur Insider den Österreicher, der im Skiort Tschagguns aufgewachsen war und mit 17 beschlossen hatte, Komponist zu werden. »In der Pubertät schrieb ich Gedichte und habe gemerkt, dass die Sprache nicht präzise genug ist. Dass ein Akkord, den ich am Klavier anschlage, viel deutlicher ist.« Aber die Klaviertöne sind längst verblasst neben dem Spektrum, das Haas später entdeckte. Möglich, dass das Umspannwerk eines nahen Stauseekraftwerks die früheste Anregung war. Aus statischen Maschinenklängen, sagt er, hört man am deutlichsten die Naturtonreihe heraus, also all die mitschwingenden Obertöne, deren ungeheure Vielfalt in der »wohltemperierten« Stimmung von zwölf Halbtönen grob reduziert wird.

Allerdings nur in der Theorie, denn jeder Streicher, der ein Vibrato spielt, jeder Sänger, der einen Ton der Brillanz wegen leicht anhebt, arbeitet unwillkürlich mit Teiltönen. »Wir sind eigentlich gewohnt, mikrotonale Aufführungen zu hören«, meint Haas. Im Gegensatz zu den Interpreten haben die Komponisten erst spät aus dem Zwölftongehege gefunden, von György Ligeti bis Klaus Huber. Stark beeindruckt war Haas von den französischen »Spektralisten«, die Töne und Klänge analysieren und mit den dabei gefundenen Obertönen arbeiten – längst auch mit Computerhilfe. »Aber sobald es zur Dogmatik wird«, sagt er, »habe ich panische Angst.« Haas will subjektiv sein dürfen. In seiner Kammeroper Nacht schuf er Spannungen zwischen normal gestimmten und mikrotonal umgestimmten Streichern. Mit diesem Werk fiel er 1996 in Bregenz auf; es wird an diesem Wochenende auch in Luzern gespielt.

Erst in einem Alter, in dem manche große Komponisten bereits berühmt oder tot oder beides sind, begann Haas, sich zu etablieren. »Es tut einfach weh, wenn man nicht beachtet wird«, erinnert er sich, »andererseits hat sich die Lernphase wesentlich verlängert.« Im Umgang mit den Mikrotönen erwarb er dabei eine intime Selbstverständlichkeit wie kein anderer. Welche Wirkung das haben kann, zeigte sich vor einem Jahr in Donaueschingen. Die Uraufführung der Limited Approximations für sechs Klaviere im Zwölfteltonabstand und Orchester war nicht nur eine Sensation, sondern eine jener halben Stunden, in denen Musikgeschichte geschrieben wird. Der Klang der Flügel verflüssigte sich. Wie schmelzendes Geröll flossen ihre Töne durch Schichten des Orchesters.

Eine menschenleere Tektonik entsteht, wie vor dem Anfang oder nach dem Ende der Zeiten, die Bedrohliches hat in ihrer Eigengesetzlichkeit. Wie ein brodelnder Meeresspiegel scheint einmal der Klang auf die Hörer zuzukippen. Und wenn manche Akkorde von fern wie Septakkorde bei Anton Bruckner tönen, dann nur als Fata Morgana über einem Prozess, der mit Tonalität so viel zu tun hat wie die Entstehung der Alpen. In diesem Prozess wird einem das gewohnte Treppenmaß der zwölf Töne unter den Füßen weggezogen, während ein ganz anderer, höchst sinnlicher und physisch spürbarer Zusammenhang sich einstellt. Ehe man weiß, wie einem geschieht, ist man ins Gravitationsfeld eines anderen Planeten geraten. Vielleicht ist es auch die Erde, neu betrachtet.
Haas’ Stücke, unverwechselbar auch durch ihr ausgedehntes Pulsieren, führen ihre Hörer weit weg. Und doch blickt man danach schärfer auf die Welt. Die präzise Arbeit an kleinsten Nuancen scheint beim Hörer Spuren zu hinterlassen. An zwanzig Sekunden Klang sitzt dieser Komponist schon mal 24 Stunden lang, vorzugsweise in abgelegenen Berghütten. Er findet aber auch Zeitdruck hilfreich. »Die Vorstellung, wenn ich nur lange über etwas nachdenke, wird’s schon von selbst gut, stimmt weder im Leben noch in der Musik.« Auch seinen Interpreten will er Qualen ersparen. In Limited Approximations empfiehlt er dem Orchester auf Seite 73 ausdrücklich, »in die Intonation dieser Stelle nicht zu viel Zeit zu investieren und sich mit einer groben Annäherung zu begnügen«.

Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass das geniale Werk ins Repertoire wandert. Welcher Veranstalter kann die Anmietung von sechs Flügeln und deren mikrotonale Umstimmung bezahlen? Anfragen, ob man nicht auch elektronische Instrumente nehmen dürfe, lehnt der Komponist ab: »Ich brauche die sechs Flügel als lebendige Resonanzkörper.« Haas ist dabei kein Technologiekritiker. Er studierte am Pariser IRCAM, hält die Verfügbarkeit von 500 Jahren Musik per Knopfdruck für einen »gewaltigen Fortschritt« und braucht beim Komponieren außer einer Kaffeemaschine auch einen PC. Doch was ihn derzeit vor allem interessiert, ist Transzendenz. Die »intensive Wahrnehmung des Klangs« fülle die Lücke, die der »Verlust der Religion« hinterlassen habe. Und das sagt einer, der sich einmal als politisch motivierter Komponist verstand?
Haas hält seine Stücke aus der Zeit immer noch für gut, aber eher trotz ihrer politischen Anliegen. »Die Struktur von in vain ist doch viel zu schön für den österreichischen Rechtsrutsch 2000!« Es passt in diese paradoxe Logik, dass sein jüngstes Werk sehr persönlich und darum umso politischer ist. Haas hat sein Siebtes Streichquartett geschrieben, als in Fukushima die Kernschmelze eintrat , in dem Land, in dem die Großeltern seiner fünfjährigen Tochter leben. Zum ersten Mal seit Langem hat Haas den Instrumenten Elektronik hinzugefügt. Das Arditti Quartett entwickelt in Luzern eine fragile, durchscheinende Klangwelt, aus deren Material eine zweite Ebene geschaffen wird. Es gibt da Zeitlupenexplosionen von eisiger, grauenhafter Schönheit, nach denen die Ardittis wieder liebevoll mit Holz und Haar an Nuancen feilen.

Und es gibt, nach dem elektronischen Tsunami und vor dem großen Sturm am Schluss, das regelmäßige, tonlose Rascheln der Bögen wie leise Brandung auf bleiernem Meer. Unendlich traurig, trostlos. Zum ersten Mal glaubt man zu sehen, zu begreifen, was eigentlich geschehen ist. Und in die Schwärze hinein entfalten sich all die feinen Schwebungen, Glissandi, irisierenden Akkorde, Klangblüten, die man zuvor hörte, wie etwas, das nicht enden kann.

Es endet übrigens auch nicht mit dieser Uraufführung. Georg Friedrich Haas spendet die Tantiemen seines Streichquartetts für eine mobile, aufblasbare Konzerthalle. Der Künstler Anish Kapoor und der Architekt Arata Isozaki haben diese »Ark Nova« für die Katastrophenopfer in Japan entworfen, im Auftrag des Lucerne Festivals. Im nächsten Jahr sollen in der mobilen Konzerthalle Aufführungen in den verwüsteten Regionen stattfinden. Keiner soll behaupten, dass die Luzerner Festivalmacher immer nur einkaufen gehen.

Ursprünglich veröffentlicht in der Zeit am 15.09.2011