Krummes Ding

Sechs Millionen Dollar für die Erlaubnis, eine Banane an die Wand zu kleben – was könnte außer Hype dahinterstecken? Fragt sich Volker Hagedorn mit einem Seitenblick auf die Musik, die im Schatten solcher Rekorde nur bescheiden einen Hit von 1923 wiederholen kann: »Yes! We Have No Bananas«

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Sogar bei Penny in Walsrode wurden die Kunden mit der lustigen Nachricht beschallt, unlustige Nachrichten sind im Marktradio logischerweise nicht zugelassen. Eigentlich hätte die muntere Sprecherin auch gleich auf die günstigen Bananenpreise in der Obstabteilung hinweisen können, als sie erklärte, dass in New York eine Banane für 6,2 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt habe – eine Frucht, die am Tag der Auktion für 35 Cent erworben worden war, um dann bei Sotheby’s mit Klebeband an einer weißen Fläche befestigt zu werden. Der Meistbietende hat freilich nicht diese Banane und dieses Klebeband erworben, sondern das Zertifikat für die Realisierung des Werkes Comedian des 64-jährigen Künstlers Maurizio Cattelan.

Drei von diesen Zertifikaten gingen schon vor fünf Jahren auf der Art Basel in Miami Beach weg, zu Spaßpreisen zwischen 120.000 und 150.000 Dollar. »Art world gone mad«, schrieb schon da die New York Post. Der Künstler nahm dabei für sich in Anspruch, mit seinem, nun ja, Werk Kritik zu üben an der »grotesken Entkoppelung des Kunstmarkts von jeglicher ökonomischen Entsprechung oder Begründung, ganz zu schweigen von künstlerischem Verdienst«, schreibt Hakim Bishara auf Hyperallergic. Er hält den 6-Millionen-Verkauf für den hässlichsten Exzess seit langem, »obszön und unmoralisch«. Cattelan schwimme in eben dem Sumpf, den er zu parodieren vorgebe. Es gibt auch ganz andere Stimmen. »Verschwendung?«, fragt Kia Vahland in der Süddeutschen. »Eher der verzweifelte Wunsch, ein wenig Glanz zu erstehen.«

Man kann von hier aus in Diskurse in jede erdenkliche Richtung einsteigen, das zumindest ist unbestreitbar. Was mich noch vorm Lesen diverser Kommentare als stärkste Botschaft des Vorgangs erreichte, war maßlose Arroganz: Ein Superreicher zeigt wie die anderen Oligarchen, Steuervermeider, Zocker und Megayachtbesitzer den restlichen 99,99 Prozent der aktuellen Menschheit, wie scheißegal ihre Probleme sind. Justin Sun, Jahrgang 1990, hat sein Vermögen mit Kryptowährung gemacht, da hat man schnell mal sechs Millionen übrig, aber sicher nicht, um der Welt etwas Gutes zu tun. Hier wird Geld mit Kunst gewaschen, die wiederum Kunst wird, indem sie teuer ist. »Das ist MEIN Geld, das gebe ich für eine Banane aus und lasse mir dazu schreiben, dass die in einer Reihe mit Manets skandalöser Olympia steht. Mal sehen, ob ihr Idioten da immer noch mitgeht.« Und ja, sie tun es, wir tun es! Die Welt staunt!

Hier können schon Einwände aufpoppen, schon weil Justin Sun so etwas natürlich nie gesagt hat. Wer sagt denn, dass er sich zu jenen 0,01 Prozent der Weltbevölkerung zählt und bekennt, die 80 Prozent des Finanzvermögens kontrollieren? Vielleicht versuchte er tatsächlich verzweifelt, »ein wenig Glanz zu erstehen«, und das sehr preiswert. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat seine Freundin nackt aus Holz schnitzen und am Bug seiner 500 Millionen Dollar teuren Segelyacht befestigen lassen, das ist schwer zu toppen und hat es trotzdem nicht ins Pennyradio geschafft – obwohl die Frage, was sich mit 500 Millionen noch so machen ließe, erst recht mit mehr als Zimmerlautstärke gestellt werden könnte. Eine Motoryacht dieser Größe bläst jährlich soviel Kohlendioxid in die Atmosphäre wie die Gerätschaften von 1.400 gewöhnlichen Sterblichen, nämlich 7.000 Tonnen. Da kann man über den Biomüll, den Comedian erzeugt – alle zwei Tage muss die Banane ausgetauscht werden – doch Tränen der Dankbarkeit vergießen!

Zudem entbehrt es ja nicht der Eleganz, wenn ein Kryptoinvestor wie Sun statt eines Werks zum Mitnehmen ein Zertifikat erwirbt, sozusagen Kryptokunst. Und wenn wir uns schon über irre Preise für »zeitgenössische Kunst« aufregen, warum über lächerliche 6,2 Millionen Dollar und nicht über die 91,1 Millionen, für die vor fünf Jahren ein Kaninchen versteigert wurde? Wenn auch aus Edelstahl, konzipiert von Jeff Koons. Schwieriger wird es allerdings mit dem Kopfschütteln, wenn die gehandelten Werke dem traditionellen Kunstbegriff standhalten. 170 Millionen Dollar für einen Akt von Modigliani sind, außer von der Yacht aus gesehen, irre viel, aber nicht verschwendet – noch weniger, wenn das Bild sogar im Museum landet, jedem zugänglich, der in Shanghai zu tun hat.

Umgekehrt wird ein Hut draus: Von Modigliani aus gesehen erscheinen stählerne Kaninchen und zerfallende Bananen erst recht als Gesslerhüte der Plutokratie. Gerade dass kein Kopf drinsteckt, dass die Bedeutung projiziert werden muss, macht die öffentliche Anerkennung, den Respekt, mit dem solche Verkäufe beraunt werden, ja selbst noch die Ironie, zur Unterwerfungsgeste. Als Nächstes kann dann der Plutokratenpräsident Trump versuchen, ein Pferd zum Regierungsmitglied zu machen, wie vor knapp 2.000 Jahren der römische Kaiser Caligula. Bekanntlich ging das den Senatoren zu weit, und sie ließen den Kaiser aus dem Weg räumen. So gesehen wäre der Bananendeal auch ein Symptom dafür, dass ein System seiner Wahnsinnsgrenze nahe ist.

Zugleich verdankt er sich auch einem schon länger brausenden Hype um die Kunst, der sich gar nicht nur auf Bieterkreise mit Champagner beschränkt, der die Leute zu Tausenden in Ausstellungen von Vermeer bis Gerhard Richter zieht und von dem besonders die zeitgenössische Musik nur träumen kann. Nicht, dass man in Donaueschingen den Glamour der Art Basel vermisst – aber wann wurde zuletzt einer Uraufführung von breiten Kreisen mit Spannung entgegengesehen? Bis wann hoben die Medien zeitgenössische Komponisten so prominent als Stars ins Blatt wie etwa 1934 in Amsterdam, als Kurt Weill und Sergej Prokofjew mit neuen und neuesten Werken gastierten, ehe Bruno Walter Brahms Vierte dirigierte? Die guten Komponist:innen von heute sind ja nicht schlechter. Grundsätzlich gilt aber: Kunstgucken ist einfacher als Musikhören.

Dabei sind Kunst und Musik oft nah beieinander, und dem Nihilismus von heute sind sie um Jahrzehnte voraus, ganz ohne Hype. 1952 publizierte John Cage 4’33, betitelt nach der Gesamtdauer von drei Sätzen für ein nicht definiertes Instrument, auf dem der Interpret, die Interpretin keinen Ton spielt. Stille! Es wurde legendär, es wurde vielfach aufgeführt. Cage hätte auch Zertifikate dazu verkaufen können, aber so war und ist der Musikmarkt nicht beschaffen – Versuche von Musikern, in der Welt virtueller Zertifikate und Währungen zu reüssieren, führten bis jetzt nicht weit. Und doch hat John Cage von der Kunst gelernt: Erst die White Paintings seines Freundes Robert Rauschenberg brachten ihn auf die Idee zu 4’33 – Leinwände, mit weißer Latexfarbe bemalt.

Was wohl die Kassiererinnen bei Penny dazu sagen würden, und zu 4’33? Aber so etwas kommt im Marktradio natürlich nicht vor. Dass da überhaupt diese bescheuerte Banane durchgesagt wurde, das ist schon wieder rührend und horizonterweiternd. Jenseits aller Diskurse.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand als Nr. 44 der Kolumnenreihe “Rausch & Räson” für das Magazin VAN und ist dort seit 27. November 2024 online. Die illustration ist von Merle Krafeld.

 

15. November 2024

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Sopranistin Esther Tschimpke singt “Meine Freundin, du bist schön” von Johann Christoph Bach (1642-1703) -  ein Screenshot aus dem Trailer, der am 23. Juni 2023 in der Elisabethkirche Langenhagen entstand. Das ist schon eine Weile her und erst recht ein Grund, es aufzurufen. Denn die Produktion mit Voktett Hannover und Concerto Ispirato, die die von mir gelesenen Passagen aus Bachs Welt musikalisch wahr machten, war viel zu gut, als dass man nicht für ein Reload Reklame machen müsste. Ganz dasselbe gilt für ein eng verwandtes, aber weiter gefasstes Projekt des Freiburger Ensemble Context. Von November 2021 bis Juli 2022 führte die vierteilige Serie “Bachs Welt” nach und nach aus den Lockdown-Restriktionen hinaus. “Krieg und Frieden”, “Hochzeit in Ohrdruf”, “Pest in Erfurt” und “Bach bricht auf” heißen die rund 70minütigen Lesungskonzerte. “Es ist alles drin, was eine gute Serie bieten muss”, schwärmte die Badische Zeitung, “ein Clan, Leidenschaft, Zeitgeschichte, Sex and Crime.”

And now for something quite different: Ausnahmsweise trete ich nächstens nicht zusammen mit Musikern auf, sondern als Gast eines Seminars. Es war die Idee des in Leipzig lebenden Komponisten Bernd Franke, den Autor ins Musikwissenschaftliche Institut der Universität Leipzig einzuladen, um über die Entstehung und Konzeption von Flammen (2022) zu sprechen – und auch, um sich dazu befragen zu lassen. Die Veranstaltung ist natürlich öffentlich – das Buch Flammen ist ja keine Doktorarbeit! Auch wenn es genug Themen für ein Dutzend davon enthält. Ort: Neumarkt 9-19 (ehem. Städtisches Kaufhaus), Aufgang E, Hörsaal 302. Zeit: Dienstag, 19. November 2024, 15 Uhr. Von Leipzig ins nahe Halle: Dort traf ich die Pianistin Ragna Schirmer, die in der umjubelten Zürcher Ballettproduktion Clara die Solistin (im Graben) ist und mir nicht nur über Clara Schumann viel Spannendes erzählte. Nachzulesen im Porträt wie auch im VAN-Interview. Heute übrigens ist Cathy Marstons Choreographie zum (hoffentlich nur vorerst) letzten Mal in Zürich zu erleben!

31. Oktober 2024

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Flankiert von “Idioten”: Bo Skovhus (Mitte) ist “Ich” in der Zürcher Produktion von Alfred Schnittkes Oper Leben mit einem Idioten. Auf dem Probenfoto sind es deren gleich zwei, nämlich Matthew Newlin (links) und sein Double Campbell Caspary. Bariton Bo Skovhus hat mir in Zürich nicht nur von den Herausforderungen dieser Partitur erzählt, auch über seinen Weg von Dänemark nach Wien, über Schuberts Winterreise und ein Fax von Wolfgang Rihm… Nachzulesen und mit Audiolink versehen ist das im neuen VAN, in kürzerer Fassung im MAG der Oper Zürich und hier.

Eine besonders aufwändige Produktion in der Reihe “Interpretationen” ist nun wieder für ein Jahr online. Am 13. Oktober 2024 wurde zum zweiten Mal gesendet, was vor zwei Jahren entstand – eine Sendung über die 1913er Mallarmé-Vertonungen von Debussy und Ravel und ihre Interpreten. Auf der Website von Deutschlandradio Kultur gibt es, anders als früher, keine Informationen dazu, um so mehr ist in meinem Blog vom 1. November 2022 zu lesen. Die betreffenden vier Gedichte von Stéphane Mallarmé werden von Céline Grillon exemplarisch gut gelesen – nebst den Übersetzungen. In die ganz anderen Welten von Bach, Tarkowsky und Pasolini führt eine Kolumne, die ebenfalls schon 2022 für VAN entstand und nun auch auf dieser Website zu lesen ist: Schweben mit Bach. Alle Folgen von “Rausch & Räson” seit 2017 sind bei VAN hier zu finden.

Jetzt breche ich gleich mal auf nach Hildesheim, endlich wieder die h-Moll-Messe spielen! Bernhard Römer leitet die St.-Andreas-Kantorei, und ein erstrangiges Solistenquartett ist angereist. Alex Potter ist einer der besten Countertenöre, die ich je gehört habe. Klug und sensibel gestaltend auf allen Ebenen, blühender Ton, unendlich nuancenreich geformt – da macht es einen Bratscher sogar froh, dass er im “Agnus Dei” nur zuhören darf. Weitere Glücksbringer sind Kerstin Dietl (Sopran), Andreas Post (Tenor) und Matthias Vieweg (Bariton), und Ulla Bundies konzertmeistert das Bach-Collegium St. Andreas.