Kategorie-Archiv: Blog

1. November 2022

> Über zweieinhalb Jahre, von Anfang 2020 bis zum Herbst 2022, hat sich die Produktion eines so latenten wie öffentlichen Fünfteilers erstreckt, der die Horizonte und Zooms des Buchs Flammen radiophon vertieft, also die vielleicht bewegteste, risikoreichste und herausforderndste Zeit der europäischen Musik bis jetzt, die Jahre zwischen 1900 und 1918. Dass ich wichtige Komponisten und Werke dieser Zeit und dieses Buchs in gleich fünf Ausgaben der „Interpretationen“ auf Deutschlandfunk Kultur würde erkunden können, im schon geradezu märchenhaften Format einer Zwei-Stunden-Sendung mit Studiogästen, Sprecher*innen, O-Tönen und natürlich unzähligen Aufnahmen, war keineswegs geplant, aber doch naheliegend.

Es begann mit Alban Bergs Orchesterstücken opus 6 und Richard Strauss´ Alpensinfonie (2020) und ging weiter mit einem diskographischen Porträt der Komponistin Ethel Smyth (Mai 2021, seit September 2022 erneut online) und Arnold Schönbergs Streichquartett opus 10 (online seit Januar 2022). Teils gingen dabei Funde der Radio-Recherche in die Arbeit am Buch ein, teils umgekehrt. All das wurde von Olaf Wilhelmer, dem federführenden Redakteur der jetzt seit fünfzehn Jahren existierenden Reihe, mit Verve und Wissen unterstützt.

ravel 1925

In der jüngsten Folge, am vorigen Sonntag gesendet und jetzt für ein Jahr online, sind auch Komponisten selbst als Interpreten zu erleben, als komponierende. Es geht um Claude Debussy und Maurice Ravel (Foto oben, 1925) und eine singuläre Koinzidenz in der Musikgeschichte. Dass Anfang 1913 die Nouvelle Revue Française eine erste Gesamtausgabe der Gedichte von Stéphane Mallarmé publizierte, dass beide Komponisten diesen Dichter noch persönlich gekannt (und auch schon auf den Spuren seines Werks gearbeitet) hatten, erklärt bei weitem nicht, warum sie sich im selben Jahr unabhängig voneinander entschlossen, je Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé zu komponieren – und dabei für die ersten beiden auch noch exakt die selbe Wahl trafen!

Aber sie taten es, Ravel für Stimme und Ensemble, der um dreizehn Jahre ältere Debussy für Stimme und Klavier. Und so kommt man den kreativen Persönlichkeiten der beiden Komponisten und deren fundamentalen Unterschieden so nahe wie sonst nie – wie bei einer Triangulation, bei der es in diesem Fall nicht um Winkel, sondern um Blickwinkel geht und mit Hilfe des „Fixsterns“ Mallarmé die Positionen der Komponisten deutlich werden. Man fragt sich natürlich, was die beiden gegenseitig von ihren Mallarmé-Mélodies hielten. Aber beider Korrespondenz lässt nicht mal darauf schließen, dass sie die Noten (immerhin im selben Verlag Durand erschienen) auch nur durchblätterten. Was dafür Strawinsky tat, bei dem, in Clarens, Ravel das erste seiner Lieder geschrieben hatte.

Das „match Debussy-Ravel“, wie letzterer amüsiert die Doppelung nannte, findet nun also endlich statt. Aus einer Passage, die im Buch Flammen wenige Seiten beansprucht, wurde eine der aufwändigsten Arbeiten, die ich je für die „Interpretationen“ machte. Zu hören sind dabei, der Sängerchronologie nach: Suzanne Danco, 1954, in der ersten Aufnahme des Ravel-Triptychons, Janet Baker mit der zweiten, 1966, dann 1971 Bernard Kruysen mit der Debussy-Erstaufnahme, Felicity Palmer 1975 mit Ravel und mit dem blutjungen Simon Rattle am Pult, 1977 vom 52jährigen Pierre Boulez gefolgt, der die verheerende Aussprache der Solistin Jill Gomez nicht korrigiert. 1979 singt Elly Ameling Debussy wie 1981 auch Margaret Price. 1983 setzt Felicity Lott Maßstäbe mit Ravel, 1996 folgt ihr Anne Sofie von Otter. François Le Roux nimmt Debussy 1999 auf. Das 21. Jahrhundert startet in meiner Auswahl 2003 mit Sandrine Piau, der 2012 ebenfalls mit Debussy die unvergleichliche Stella Doufexis folgt und 2014 Magali Léger, deren Pianist an Debussys Blüthner spielt, 1905 erworben und bis zuletzt, bis 1918 also, das Instrument des Komponisten. Jüngste Aufnahme: Ravels Soupir in der Fassung für mittlere Stimme und Klavier, 2021 von Stéphane Degout gesungen.

Die allerjüngste Aufnahme freilich ist nicht mal eine Woche alt, und sie gilt den Originaltexten. Die vier Gedichte von Stéphane Mallarmé, Soupir, Placet futile, Autre Éventail (Debussys Nr. 3) und Surgi de la croupe… (Ravels Nr. 3) hat direkt in der Studioproduktion Céline Grillon gelesen, die Übersetzungen ebenso. Bei Paris geboren, in Berlin lebend, studierte sie in Paris, Hamburg, Berlin Musik, Germanistik und Musikwissenschaft, als Hörfunkautorin von Deutschlandfunk Kultur hat sie Musik oft im Kontext von Literatur, Kunst, Zeit betrachtet – kurz, eine Idealbesetzung!

Noch mehr Radio: Gestern gesendet, ist eine Ausgabe von „A la carte“ auf NDR Kultur auch online zu hören, für die mich Friederike Westerhaus zu Büchern (nicht nur „Flammen“) und Werkstatt befragte und für die ich die passende Musik aussuchen durfte – von Debussys Gollywog’s Cakewalk, gespielt von Arturo Benedetti Michelangeli, bis zu Johann Christoph Bachs Kantate Es erhub sich ein Streit, gespielt vom Ensemble Cantus Cölln.

Diese wunderbare Formation hat vor nun elf Tagen ihr letztes Konzert gegeben, im katalanischen Städtchen Vic, wo man – außerhalb des gut besuchten L´Atlàntida, eines 2010 eröffneten Kulturzentrums am Stadtrand – schon die unermessliche Weite und Verlassenheit spüren kann, von der Sergio del Molino in seinem bahnbrechenden Buch Das leere Spanien (2016, jetzt ins Deutsche übersetzt) erzählt. Auf mehr als der Hälfte der Fläche Spaniens leben gerade mal knapp 16 Prozent von 46,4 Millionen Spaniern. In einem großen Teil des Landes ist fast kein Mensch anzutreffen, während die größeren Städte vor Leben brodeln. Eine davon ist Bilbao im baskischen Norden, und dort gaben wir das vorletzte Konzert, wie neulich schon angekündigt, in der Sociedad Filarmónica da Bilbao. In Künstlerzimmern und Korridoren ist man dort umgeben von Musikerfotografien seit 1896, und dort fand ich auch, wie erhofft, Maurice Ravel.

Er hat in diesem Saal am 10. November 1925 eigene Werke dirigiert, und dem Foto, das er für die Sociedad signierte, sieht man an, dass er sich dort als Komponist gesehen wissen wollte: Statt Frack ein lässiger Dreiteiler mit Einstecktuch – kein einziger Dirigent auf den hunderten von Fotos dort wirkt so cool wie Maurice Ravel, zu der Zeit 50 Jahre alt. Wie es ist, mit solchen Geistern in der Nähe alle Bachmotetten zu spielen, vor hellwachem Publikum sämtlicher Altersgruppen ab 17, um später vor einer Tanzbar zu landen, aus der ABBA-Hits in die laue Nachtluft knallen? Naja, es war alles andere als eine Trauerfeier…

19. Oktober 2022

> Nur das nötigste Neueste heute, denn beim Warten auf dem Flughafen, zwischen Gesprächen und Telefonaten anderer und nur mit einem steinalten ipad ausgerüstet bloggt es sich nicht entspannt. Zuvor im Büro ging es schon gar nicht – wegen diverser deadlines, die schon nach einander zu schnappen begannen. So ist die frohe Botschaft nun schon vier Wochen alt, dass Flammen in der Kritikerumfrage der “Opernwelt” zum “Buch des Jahres” erkoren wurde, zusammen mit Fast nackt, nachgelassenen Schriften des Opernregisseurs Hans Neuenfels. Den meisten wird die Nachricht dennoch neu sein. Die Redaktion der “Opernwelt” erwähnte in ihrer Pressemitteilung acht Kategorien von “Opernhaus des Jahres” bis “Sängerin des Jahres”, das “Buch des Jahres” entfiel – im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse besonders erstaunlich.

Zu Flammen – Eine europäische Musikerzählung 1900 – 1918 befragt mich die NDR-Moderatorin Friederike Westerhaus in der Reihe “A la carte” auf NDR Kultur, zu hören am 31. Oktober von 13 bis 14 Uhr, mitsamt Musik von Debussy über Berlioz bis zurück zu Johann Christoph Bach (1642-1703) – denn außer um Flammen geht es im Gespräch auch um die Bücher davor, Der Klang von Paris und Bachs Welt.

Jene Oper Barkouf, 1860 von Jacques Offenbach komponiert, deren tragisch rätselhaftes Scheitern und Verschwinden auch im Klang von Paris eine Rolle spielt, wird nun, am kommenden Sonntag, in Zürich aufgeführt. Dort habe ich mich neulich nach einer Probe mit dem Dirigenten und Komponisten Jérémie Rhorer getroffen. Ein polyphon denkender Mensch, der von Offenbach über Umberto Eco zu Boulez und Steve Reich kommt. Und Offenbachs schärfsten Kritiker, Hector Berlioz, nicht ungeschoren lässt…

Was ich auf dem Münchner Flughafen zu suchen habe? Demnächst das Gate für den Weiterflug nach Bilbao. Dort findet morgen abend der nun wirklich allervorletzte Auftritt von Cantus Cölln statt, mit J.S. Bachs Motetten, in der ehrwürdigen Sociedad Filarmónica da Bilbao. Diese Institution, diesen Saal gibt es seit 1896, und zu den berühmten Gästen zählt auch Maurice Ravel, der hier 1928 eigene Werke dirigierte.

Er wiederum bringt mich, fast hätte ich es vergessen, auf den 30. Oktober 2022, 15.05 Uhr. Dann beginnt auf Deutschlandfunk Kultur eine neue Folge der “Interpretationen”, in der ich einer der rarsten und schönsten Koinzidenzen der Musikgeschichte nachgehe: Dem “match”, wie Ravel es nannte, zwischen ihm und Debussy, die im selben Jahr 1913 Trois poèmes de Stéphane Mallarmé komponierten, vom Vorhaben des je anderen nichts wussten und dabei auch noch mit exakt denselben beiden Gedichten begannen. Wie verschieden die aber klingen, und die Interpretationen dazu – das ist dann ein Jahr lang online zu hören.

8. September 2022

> „Der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Flammen fällt 2022 zusammen mit gegenwärtigen Kriegsereignissen und europaweiten Spannungen, was der Lektüre eine ungeheure Brisanz verleiht“, schreibt Anja Kleinmichel im aktuellen Leiziger Kreuzer. „Umso beklemmender lesen sich die Dokumentation kriegstreiberischer Manipulation vor dem Ersten Weltkrieg und deren wirkungsvolle Verblendung von Intellektuellen und Künstlern.“ Noch etwas hebt sie hervor, was in rund 30 gedruckten und gesendeten Rezensionen bislang kaum in den Fokus geriet: „Immer wieder macht der Autor Frauengestalten mit ihrem schlummernden Potenzial sichtbar. Bei Ethel Smyth erfährt es seinen ungehemmten Durchbruch.“

Smyth, die in Leipzig 1877 bis 1881 prägende Jahre erlebte und Brahms, Grieg, Tschaikowsky persönlich kannte, deren wichtigste Oper The Wreckers hier 1906 uraufgeführt wurde, wird in dieser Stadt seit neuestem mit einer Gedenktafel gewürdigt. Über ihre Begegnung mit Johannes Brahms spricht die Komponistin im O-Ton am 18. September, 15 Uhr, auf Deutschlandfunk Kultur. Dort nämlich wird die zweistündige Sendung Die Brückenbauerin wiederholt (und für ein Jahr online gestellt), ein diskographisches Porträt mit der Smyth-Expertin Marleen Hoffmann als Studiogast. Hoffmann referiert auch beim Smyth-Symposion, das am 25. September in der Berliner Philharmonie stattfindet, unmittelbar vor der ersten deutschen Wreckers-Aufführung seit 1906 (eine von Bruno Walter für das Frühjahr 1915 in München geplante Produktion scheiterte am Krieg). Nun sind die Wreckers vollständig konzertant zu erleben; Robin Ticciati dirigiert das DSO Berlin.

Einen Tag danach ist im Literarischen Salon der Leibniz Universität Hannover ein Satz aus Ethel Smyths Streichquartett e-Moll von 1902 / 1913 zu hören (neben Debussy und Hindemith), gespielt von Musikern der Staatsoper Hannover, die diesen Abend zu Flammen mit dem Autor und der Moderatorin Swantje Köhnecke gestalten. Thematisch in der Nähe bewegt sich Salon Wittgenstein in der Alten Oper Frankfurt am 18. September. Rund um die Wiener Familie, der Philosoph Ludwig und Pianist Paul entstammen, entsteht ein inszenierter Konzertabend in Traumbesetzung: Zu Eva Mattes und Ulrich Noethen als Sprecher kommen das Kuss Quartett, Klarinettist Sebastian Manz und Pianist Cédric Pescia, der die linkshändige Partie in sonst kaum je live zu hörenden Werken wie etwa Korngolds opus 23 für zwei Violinen, Cello und Klavier übernimmt, komponiert für Paul Wittgenstein, der bei seinem ersten Kriegseinsatz am 23. August 1914 seinen rechten Arm verlor.bros wittgenstein

Ludwig (links) und Paul Wittgenstein beim Notenlesen, Wien 1909 (Quelle: ÖNB)

„With an all-forgiving peace“ lautet die gleichsam programmatische Satzbezeichnung eines Werks, das zu Beginn dieses Jahres vollendet wurde und am kommenden Sonntag, 11. September, von seinen Widmungsträgern uraufgeführt wird: Cembalist Mahan Esfahani, das Gürzenich Orchester Köln und sein Chefdirigent FX Roth interpretieren Standstill, ein Werk des 1975 geborenen Prager Komponisten Miroslav Srnka. Welche Rolle dabei Eierschneider spielen, warum das Cembalo auch ein digitales Instrument ist – dazu habe ich ihn befragt. Wobei sich herausstellte, dass Srnka Bruckner als Nachbarn im Konzert sehr schätzt – dessen Dritte Sinfonie wird hier in der Erstfassung gespielt.

Noch mal zu Flammen: Die jüngste Besprechung, ein Fünfspalter in der FAZ vom 2. September, ist eine ausgreifende Würdigung und inspiriert zugleich zum Nachdenken über Genre-Grenzen. Andreas Meyer gefällt im Falle Debussys „ein subtiles Porträt des von privaten Sorgen und Geldnöten umstellten Komponisten“, er würdigt „Kabinettstückchen der Kunst, in wenigen Worten den richtigen Ton zu treffen und Präsenzeffekte zu erzielen“. Zugleich hadert der Rezensent mit „einer Nähe, die es nach über hundert Jahren nicht geben kann“, und den literarischen Techniken, denen sich Präsenz und Nähe mit verdanken. Dazu gehört das Zusammenführen authentischer Zitate zu fiktiven Dialogen, die im Anhang aufgeschlüsselt werden (vgl. Blog vom 21. April 2022).

Sachbuchautor*innen in Deutschland können immer noch froh sein, wenn der Einsatz belletristischer Mittel nicht gleich als „Fabulierlust“ diskreditiert wird. „Literatur“ muss dagegen wenigstens formal fiktional sein. Es wäre hier kaum denkbar, dass ein Autor, der z.B. Hitlers Weg von 1933 bis 1938 in dichter Prosa faktengetreu erzählt und reflektiert, dafür einen so renommierten Literaturpreis wie den Prix Goncourt erhielte, den Éric Vuillard 2017 für eben dies Unterfangen (Die Tagesordnung) bekam. Ein deutscher Rezensent würdigte ihn dafür als „Trüffelschwein im Wald der Geschichte“. Ist dieser Wald den ordentlich geharkten Beeten der Historiker vorbehalten und jeder, der sich ihm mit anderer Perspektive und anderen Mitteln nähert, verdächtig?

sartre

Im Niemandsland zwischen “Sachbuch” und “Literatur”? Jean-Paul Sartre 1965

Im englischen Sprachraum ist narrative nonfiction ein respektiertes Genre im Grunde seit Kaltblütig (1965), vom Autor Truman Capote als „nichtfiktionaler Roman“ bezeichnet und den „New Journalism“ befeuernd. In Deutschland aber hat sich Elke Heidenreich neulich nicht etwa gefreut, dass ihr Buch mit autobiografischen Erzählungen auf die Spiegel-Bestsellerliste kam, sondern laut geärgert, dass es da als „Sachbuch“ einsortiert wurde, nicht als „Literatur“. Diese Kategorien samt latenter Hierarchie wirken rückständig 57 Jahre nach Kaltblütig und 26 Jahre nach Márquez´ Nachricht von einer Entführung, einer 450-Seiten-Reportage, deren literarischer Rang von egal welcher Bestsellerliste aus gesehen nur zu erkennen ist, wenn man den Kopf in den Nacken legt.

Aber nein, „der Unterschied zwischen Literatur und Sachbuch ist keine Kleinigkeit. Er verändert die Art, wie man einen Text betritt.“ So zitiert die Süddeutsche Zeitung Heidenreichs Verleger Jo Lendle. Da wird das Sachbuch tendenziell zum Kochbuch – alles gecheckt für den praktischen Einsatz -, und alles ohne Quellennachweis ist Literatur und steht unter Genieverdacht. Natürlich braucht man Orientierung, aber lesen können wir selbst. Die Abteilungen „Fiktional“ und „Nicht fiktional“ würden genügen. „In einen Toten tritt man ein wie in eine offene Stadt“, allein dieser Satz aus einem der gewaltigsten nichtfiktionalen Werke (Sartres Idiot der Familie) reisst jeder gated community den Zaun weg.