Kategorie-Archiv: Blog

15. November 2025

Fotos von CNLB.fr
Hier stehen sie auf dem Balkon in der rue La Bruyère, die Schwestern Boulanger im Paris des Jahres 1900. Nadia, links, wurde 92 Jahre alt, Lili starb schon mit 24, berühmt wurden sie beide. Lili war die erste Komponistin, die den Rompreis gewann, hoch geschätzt von Claude Debussy; Nadia, gleichermaßen begabt, verstummte wenige Jahre nach Lillis Tod als Komponistin und setzte um so erfolgreicher ihre Laufbahn als Kompositionslehrerin fort – sie wurde zur Legende, von der sich noch der reife Leonard Bernstein etwas beibringen ließ. In Leben und Musik der genialen Schwestern führt mit einer Traumbesetzung der literarisch-musikalische Salon Boulanger zum Auftakt einer fünftägigen Hommage Nadia & Lili Boulanger im Konzerthaus Berlin, am 19. November um 20 Uhr. Mit dabei: Christiane Paul, Ulrich Noethen und das Boulanger Trio. Das Foto wurde freundlicherweise vom Centre Nadia et Lili Boulanger zur Verfügung gestellt.

In eine völlig andere Welt führt Giuseppe Verdis außergewöhnliche Oper La forza del destino, mit deren Entstehungsumständen ich mich für die Oper Zürich befasst habe. Dort hatte vor zwei Wochen die Inszenierung von Valentina Carrasco Premiere. Da Anna Netrebko die weibliche Hauptrolle singt, erstrecken sich politische Implikationen, wie sie schon das Werk selbst prägen, auch gleich bis zu Fragen zur Besetzung, die der neue Intendant Matthias Schulz sehr differenziert beantwortet hat. So oder so, an Aktualität mangelt es Verdis Oper nicht…

17. September 2025

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Es ist eigentlich ganz schön, nicht der Erste am Südpol zu sein. Da stehen schon welche? Wie gut, dann ist es ja wirklich die richtige Stelle! In meinem Fall war der Südpol die Vermutung, dass zwei der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts aus komplett verschiedenen Genres viel miteinander zu tun haben. Vom einen kannte ich vorher nur den Namen… So beginnt die jüngste Folge von Rausch & Räson auf VAN, wie immer, siehe oben, von Merle Krafeld illustriert. Die Anregung zum Text ergab sich aus der Arbeit an der Sendung Letzter Lichtflug für die Reihe Interpretationen auf Deutschlandfunk Kultur. Es geht um Sergej Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini, 1934 komponiert und im selben Jahr erstmals eingespielt – mit dem Komponisten am Klavier und Leopold Stokowsky am Pult des Philadelphia Orchestra. Zahlreiche Interpreten folgten bis heute, von Arthur Rubinstein bis Daniil Trifonov, von Dinorah Varsi bis Lise de la Salle – auch sie sind hier zu hören.

In der Abteilung “Essays” gibt es auf dieser Website jetzt ein kleines Festival für Younghi Pagh-Paan. Am 30. November wird die Komponistin 80 Jahre alt, und das wird schon ab kommender Woche beim Musikfest Berlin und der Münchner Reihe musica viva des Bayerischen Rundfunks gewürdigt. Dafür habe ich mich mit mehreren ihrer Werke wieder oder erstmals befasst: Sori (1980), Hohes und tiefes Licht (2012), Frau, warum weinst du (2023), alle für Orchester, und das Streichtrio NO-UL, das 1985 für Viola, Violoncello und Kontrabass entstand. “Das war mutig”, sagte sie über dieses Werk, als wir neulich dazu telefonierten. Denn sie hielt sich nicht an die Dogmen der Avantgarde, mit denen lange zuvor sogar schon Rachmaninow konfrontiert wurde…

2. September 2025

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Den Nachrufen auf Gabriel Feltz füge ich keinen hinzu. Ich erfuhr erst gestern, dass dieser großartige Musiker und Dirigent am vergangenen Freitag mit gerade erst 54 Jahren völlig unerwartet gestorben ist, und bin darüber fassungslos. Ich lernte ihn vor knapp zehn Jahren in Dortmund kennen, bei einem Gespräch für das Magazin der Oper Zürich, an der er gerade begonnen hatte, Wolfgang Rihms Hamletmaschine zu proben. Das Treffen war so gut, spannend und ergiebig, dass nicht nur ein Porträt für das Magazin daraus wurde, sondern auch ein Interview für VAN. Und noch mehr wurde daraus. Als Gabriel Feltz 2021 mitten im Lockdown seine Gesamtaufnahme der Mahler-Sinfonien herausbrachte – von 2007 bis 2019 live eingespielt mit den Stuttgarter Philharmonikern und den Dortmunder Philharmonikern -, wünschte er sich eine Art “first listener”-Text für das Booklet. Ich sollte dabei keine Rücksichten nehmen. Er freute sich aber doch, dass das Ergebnis “positiver, als ich erwartete” ausfiel. Sehr verhalten ausgedrückt! Seine Aufnahmen haben sicher nicht nur mich Gustav Mahler neu entdecken lassen. Den Text habe ich – das war so eine Art konstruktive Trauerarbeit – jetzt überarbeitet und auf diese Website gestellt, auch als Empfehlung für alle, die Gabriel Feltz mit Gustav Mahler noch nicht erlebten.

codex buranus, veni

Das hier ist ein Ausschnitt aus einer Seite des Codex Buranus, einer Handschrift mit mehr als 200 Texten und Liedern, die um das Jahr 1230 entstand und erst 1803 wiederentdeckt wurde. Mit großem Initial beginnen da Verse, die manchen Leser*innen vielleicht bekannt vorkommen: “Veni, veni, venias, / ne me mori facias, / hyrca, hyrce, nazaza, / trillirivos! / Pulchra tibi facies…” “Komm, komm, so komm doch,/ lass mich nicht sterben…” Es folgen unübersetzbare Freudenlaute, dann beginnt mit “Schön ist dein Gesicht” eine Lobpreisung in diesem Gedicht des Begehrens, das Carl Orff in seinen Carmina Burana vertonte mit weiteren 22 Texten aus dem Codex Buranus. Die Geschichte dieser Handschrift, die erst nach und wegen Orffs Welterfolg in ihrer ganzen Tragweite erschlossen wurde, finde ich nicht weniger spannend als die Musik der Carmina Burana, um die ich lange einen Bogen machte. Der mündete jetzt in unerwartete Hörfreuden und einen Essay für das Gürzenich Orchester Köln.