Für ZEIT Online habe ich über den ensemblelosen Neustart im Wuppertaler Musiktheater nachgedacht, was von Lesern bereits so energisch wie überwiegend differenziert kommentiert wird. Was anderes: Für Kürzestentschlossene, die sich am morgigen Samstag in Berlin zu langweilen drohen, bietet sich ein Besuch des “Quartetts der Kritiker” im Foyer des Philharmonie-Kammermusiksaals an, beim Musikfest Berlin. Diesmal versammeln sich – um 15 Uhr – Eleonore Büning, Hartmut Lück, Michael Struck-Schloen und ich, um sich über CD-Interpretationen zwei der wunderbarsten Trios aller Zeiten zu… naja, zanken tun wir uns selten, aber konträr darf´s schon zugehen. Thema sind die Werke, die Johannes Brahms 1865 und György Ligeti 1982 für die rare Besetzung Violine, Horn, Klavier geschrieben haben (und die, das ist der Anlass unserer Runde, um 17 Uhr im Kammermusiksaal von Isabelle Faust, Teunis van der Zwart und Alexander Melnikov gespielt werden). Moderiert wird die Runde von Olaf Wilhelmer. Und wer sich am Abend des 10. September zu langweilen droht oder es mag, wenn sich subtiler Hornklang in eine Diskussion mischt, kann die Veranstaltung um 20.03 Uhr auf Deutschlandradio Kultur hören.
Stadttheater statt Theater?
Wer den Suchbegriff „Stadttheater“ auf der „Wortschatz“-Website der Uni Leipzig eingibt, die die Sprachpraxis täglich statistisch vermisst und zu jedem Begriff hunderte von Online-Beispielen versammelt, stößt auf reges Leben. Wer ins Stadttheater geht, auch. Und wer zum Berliner Theatertreffen ging, stieß auf das Stadttheater. So viele Produktionen kommunaler Häuser waren dabei, dass der „Tagesspiegel“ vermerkte: „Das zwischendrin gern mal totgesagte, wenigstens als erneuerungsresistent geschmähte Stadttheater, es behauptet sich doch immer wieder als Garant für Kunst, die aus dem Rahmen fällt.“
Kein Wunder, denn die Stadttheater haben sich gerade im Schauspielbereich schier neu erfunden in den letzten zwanzig Jahren – sie fördern Autoren, entwickeln neue Formen des Dokumentartheaters, arbeiten mit freien Gruppen zusammen. Sie riskieren und probieren auch sonst viel. In Chemnitz wurde eine Eötvös-Oper zum Hit, in Halberstadt gibt es eine Orchesterwerkstatt für Komponisten, in Bremerhaven betreibt man konsequent die Wiederentdeckung von Opernraritäten, und als „Stadttheater“ im Sinne lokaler Bindung bietet Hannovers Oper den gewagtesten „Don Giovanni“ weit und breit.
Nur der Basiswortschatz der Reisekritik bleibt erneuerungsresistentent. Als mutloses Mittelmaß gilt „das Stadttheater“ vielen, die den Überblick haben sollten, den Tunnelblick aber steil auf internationale Leuchtfeuer richten. Wehe, wenn da etwas dröge gerät! Dann hat man es in Avignon mit „nicht mehr als wichtigtuerischem Stadttheater“ zu tun, dann ist das Burgtheater nur noch „ein stinknormales Stadttheater, wie es auch in Hamburg, Berlin oder München steht“, dann enttäuscht Salzburg mit „gut abgehangener Stadttheaterästhetik“, dann „verkommt“ ein großes Haus zum, igitt, „Stadttheater“.
In dieser verschnarchten Perspektive taugt die Bühne mit lokaler Bindung nur als süße Kindheitserinnerung („Hänsel und Gretel“, ach ja, damals!) oder als Startrampe künftiger Opernstars und Tatort-Ermittler. So, als könne nicht viel taugen, was man mit dem Fahrrad anstatt mit dem Flugzeug erreicht. Es gibt ja auch Leute, denen der stadteigene Rembrandt erst auffällt , wenn er an eine Superschau in Amsterdam ausgeliehen wird. Wenn das nur dumm wäre, ginge es ja noch. Es ist aber auch fahrlässig vor einem finanziellen Horizont, der sich zwischen Freihandelsabkommen und Schuldenbremse verengt.
Dieser Text erschien am 5.9.14 in der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” und ist urheberrechtlich geschützt.
30. August 2014
> Ein paar, einige ganz wenige Leser werden bei der aktuellen Kolumne auch ohne den Quellenhinweis bemerkt haben, dass sie überhaupt nicht aktuell ist, sondern schon geschlagene vierzehn Jahre alt. Dass ich sie jetzt hier bringe, hat zwei Gründe. Zum einen die grenzwertige Auslastung des Autors, der sich derzeit zeitreisend häufig im Thüringen des späten 17. Jahrhunderts aufhält und keine Muße zum honorarfreien Kolumnieren findet. Zum andern ist der alte Text irgendwie doch aktuell, nicht nur zum Ende der Reisezeit. Offenbar hat die Unverwüstlichkeit der in ihm behandelten Strandbücher auf die Betrachtung selbst abgefärbt. In der hier gebotenen jüngsten Version wird übrigens dem Bierkonsum am Strand wieder mehr Platz eingeräumt als in der Buchversion von 2008. Damit setze ich ein Zeichen gegen die um sich greifende allgemeine Verklemmtheit. Schon vor wenigen Jahren wurde man, besonders als Familienvater, an Stränden schräg angesehen, wenn man mal die Dose zischen ließ. Das darf wieder anders werden! Und drittens mache ich damit Reklame für den wohlfeilen zweiten meiner drei Kolumnenbände, nämlich “Der Wolkenkoffer”.