> Hörtipp zu Weihnachten: Am 24. Dezember um 18.05 Uhr beginnt im Deutschlandradio mein Beitrag zur Reihe “Interpretationen” mit dem Thema “Die Bachs vor Bach – Momentaufnahmen einer Musikerdynastie”. Da lässt sich vieles von dem hören, was in “Bachs Welt” beschrieben wird – von durchaus unterschiedlichen Interpreten aus vier Jahrzehnten, einschließlich, natürlich, der bahnbrechenden Einspielung der Musica Antiqua Köln von 1986 aus dem “Altbachischen Archiv”. Mit dabei sind auch Ensembles wie Vox Luminis, Cantus Cölln und das Collegium Vocale Gent, der frühe Rilling und der späte Gardiner. Zwei Stunden mit Johann, Johann Christoph, Johann Michael, Georg Christoph und am Ende dem jungen Johann Sebastian! An seinem Geburtstag werde ich nächstes Jahr in Eisenach und Gotha aus “Bachs Welt” lesen, und schon am 7. Januar im Spritzenhaus zu Wennigsen, unterstützt von Christian Windhorst am Keyboard. Das Buch geht gerade in die vierte Auflage. Wer jetzt aber etwas ganz Musikfreies lesen möchte, sei auf die neue Kolumne verwiesen. In der auch eine Orgelpfeife vorkommt, aber ohne Ton.
Von Mäusen und Menschen
Erzählen!“, befehlen die beiden. „Erzählen? Aber ich hab doch vorgestern schon…“ So lange habe ich schon am Schreibtisch gesessen, zum Recherchieren und Schreiben, ich bin k.o. an diesem Abend. Aber ausgedacht habe ich mir heute nichts, da könnte noch etwas Phantasie übrig sein. Und die beiden liegen so erwartungsfroh nebeneinander im Bett von Paul. Dort hat ihm Frido nämlich gerade noch aus einem Pixibuch vorgelesen. „Also gut… mal überlegen.“ „Was mit den Mäusen!“, rufen sie. Die seien so lange nicht dran gewesen.
Es handelt sich um mittlerweile sechs Mäuse, die sich meist in unserem Haus treffen. Grundi, die dickste, wohnt hier sowieso und befreundete sich mit der Waldmaus, die bis heute keinen Namen hat und eine Wurzelwohnung im Wäldchen besitzt. Dann lernten sie Charly, die Kirchenmaus kennen, die erfahrenste von allen. Später kamen Bendi und Viktor, Zugewanderte, die jetzt im Pfarrhaus leben, und Frederik, der in eine Katze verzaubert worden war und nur erlöst werden konnte, indem eine Maus furchtlos und langsam an ihm vorbeischritt. Das war eines von jetzt bestimmt dreißig Abenteuern.
Sie haben schon eine Menge erlebt, haben sich an Drachenschnüren festgeklammert und sind übers Feld geflogen, wurden von der Eule vor fiesen Ratten gerettet, sie haben gemeinsam ein Paket Kuchen vom Bäcker in den Wald geschleift. Bei einer Kirchenbesichtigung ist der dicke Grundi in eine Orgelpfeife gefallen und war nur mit Mühe wieder herauszukriegen, und seine Vorliebe für süße Krümel hat nicht nur ihn schon oft in Gefahr gebracht. Natürlich müssen sie auch bei uns im Haus aufpassen, nicht erwischt zu werden, denn wir können ja nicht wirklich wissen, dass es nette Mäuse sind.
Sie beobachten uns. Sie kennen unsere Gewohnheiten und studieren unsere Bräuche, und jetzt gerade haben sie festgestellt, dass alle vier Menschen im Haus, die Erwachsenen und die beiden Jungs, dauernd heimlich Sachen einpacken. Selbstgemachtes und Spielzeug, Bücher und Leckereien. „Warum tun sie das?“, fragt die Waldmaus, und Charly erklärt ihr und den anderen, dass es Geschenke sind. „Geschenke?“ „Ja, das ist etwas, was man kriegt, ohne dass man es bezahlen muss.“ „Aber das machen wir doch immer so!“, sagt Grundi. „Wenn wir Hunger haben, holen wir uns was, wo wir es finden.“
„Ja, aber die Menschen haben viel mehr Hunger als wir, und außerdem reicht es ihnen nicht, dass sie was zu essen haben“, meint Charly. „Sie möchten auch Spielzeug haben, zum Beispiel.“ „Sie könnten doch auch mit einem Stock spielen, wie die Hunde“, schlägt Viktor vor. „Oder einen Apfel rollen wie die Katze“, sagt Bendi. „Das ist ihnen zu einfach“, sagt Charly. „Sie haben Finger und wollen damit etwas anstellen. Etwas zusammenbauen, oder in einem Buch blättern.“ Zu Weihnachten jedenfalls, erklärt die Kirchenmaus, bereiten die Menschen Geschenke vor, heimlich, damit es Überraschungen werden.
Frido meldet sich zu Wort. „Könnten die Mäuse sich nicht mal erzählen, was die Menschen da einpacken?“ Er möchte – das bleibt unerwähnt – natürlich wissen, ob auch der Legobausatz dabei ist, den er sich wünscht. „Nee“, sage ich, „das müssen sie sich gar nicht erzählen, weil sie es ja sowieso gemeinsam beobachtet haben.“ Vielmehr finden die Mäuse diesen Brauch so interessant, dass sie einander nun auch etwas schenken wollen und sich in Haus und Stall auf die Suche begeben. Die Waldmaus wickelt für Grundi zwei geklaute Kekse in einen Zeitungsfetzen, und Charly macht Schmuck aus Schraubenmuttern.
„Jetzt sollst du alles erzählen, was sie zu Weihnachten kriegen!“, sagt Paul und fügt beiläufig an, „und die Menschen!“ „Keine Ahnung. Das weiß ich doch selbst erst zu Weihnachten. Dann geht die Geschichte weiter!“ Damit sind sie erstaunlicherweise zufrieden. Nur nicht damit, dass es jetzt noch drei Tage dauern soll. „Mir geht das viel zu schnell“, sage ich. „NEIN! Zu langsam!“ Für Frido und Paul dehnt sich jeder Tag länger, vor Spannung. Und die Mäuse? Vorm Einschlafen höre ich sie über mir rascheln und lärmen, im Gebälk. Ich wüsste jetzt auch ganz gern, welche Geschenke die da vorbereiten.
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Problembär mit Laterne
Grillen? Draußen, im November? Fröstelnd im Halblicht der bunten Lämpchen, die noch vom Sommerfest am Pavillon hängen? Oh, man macht noch ganz andere Sachen, wenn ein Kind fünf Jahre alt wird. Man wird zum Hütehund, verbrennt sich die Finger, an denen Klebstoff trocknet, man mahnt und tröstet und lobt, und am Ende des Festes sind die Eltern so fix und fertig, als hätten sie einen Nationalfeiertag mit Staatsbesuch und Truppenparade, Volksbelustigung und Terrorwarnung ganz allein organisiert und durchgezogen.
Etwas in der Größenordung hatte Paul wohl auch vorgeschwebt. Größte Mühe hatte er auf zwölf handgemalte Einladungen verwendet und kurz vor dem Termin noch weiteren Kindern erklärt, sie seien eingeladen: „Sia preparato tutto a una gran festa“, würde Don Giovanni sagen. Die daraus sich ergebenden diplomatischen Verwicklungen hatten sich gerade noch lösen lassen. Am Ende waren es elf Gäste, Pauls großen Bruder Frido mitgezählt, der beim Auspacken der Geschenke den Eindruck gewann, „dass Paul öfters Geburtstag hat als ich.“
Die Zahl der Gäste und ihrer Geschenke ließ bei Paul alle Sicherungen durchbrennen. Er warf mit Geschenkpapier, reichte Präsente weiter mit dem Hinweis „brauche ich nicht“, randalierte am Kuchentisch und wurde schnell vom Jubilar zum Problembären des Tages. Was bewirkte, dass Frido sich besann und sich vom Neidhammel zum umsichtigen Gruppentherapeuten verwandelte, während ich immer unduldsamer wurde. „Wie soll das denn gehen“, zischte ich vor mich hin, „Laternenbasteln UND Würstchenbraten?!?“
Da hatte ich schon den Versuch hinter mir, in Unkenntnis der Spielregeln mit allen Fußball zu spielen. Auf dem Rückweg in der Dämmerung, beladen von Verantwortung für Kinder aus acht Familien und den entsicherten Paul aus dem Straßengraben ziehend, kam ich mir beim unablässigen Durchzählen vor wie der Hund Bitzer mit seiner anarchischen Schafherde und hätte gern seine Trillerpfeife gehabt. Dann kam das Laternenbasteln, eine schöne Idee, von Pauls Mama als Alternative zur kindergeburtstagsüblichen Schatzsuche konzipiert.
Um mit elf Kindern elf Laternen aus Pappe und buntem Pergamentpapier zusammenzukleben und sie mit Teilen von Metallkleiderbügeln an zuvor geschnittenen Weidenästen aus eigenem Anbau zu befestigen, braucht man deutlich mehr als eine halbe Stunde. So sprang ich hin und her zwischen Grill und Küche, um die Würstchen zu wenden und einer Frau und elf Kindern beim Kleben zu assistieren. Zehn Kindern, besser gesagt, denn Paul wollte nicht und zog mit seiner nagelneuen LED- Taschenlampe um das Haus herum.
Irgendwann stand ich nur noch draußen und betreute Würstchen und entzündete die Teelichter in den ersten Laternen, die herausgetragen wurden. Am Ende hatte ich eine Brandblase, vierzig Würstchen fertig und dreißig Lichter entzündet; es geht ja immer mal eins aus. Paul legte seinen LED-Strahler weg und gesellte sich zur Schar der Glühwürmchen im dunklen Garten. Und da gab es dann den magischen Moment, der Atlas für das Gewicht des Himmels entschädigt, den er tragen muss – nämlich den Anblick des Himmels selbst.
Elf bunte Leuchten nebeneinander, die ebensoviele Kindergesichter matt beschienen, das war zum Niederknien. Als ich rief, „die Würstchen sind fertig“, gab es kein „das mag ich nicht“, nur Jubel. Die Glühwürmchen stürmten in die Küche, die Würstchen waren so schnell weg, dass ich mit der zweiten Ladung gerade noch rechtzeitig kam, und dann nahten schon die ersten Eltern zum Abholen. „Jetzt macht ihr bestimmt drei Kreuze“, sagten sie.
„Och nö“, behauptete ich. „Das war pure Harmonie. Bis auf unseren Problembären. Wollt ihr einen Prosecco?“ Als alle weg und zwei Flaschen Prosecco fast geleert waren, weinte Paul. „Mein Geburtstag war gar nicht schön“, klagte er. Er habe sich alles ganz anders vorgestellt, und außerdem hätten seine Gäste auch über Nacht bleiben sollen. „Oh je“, sagte ich bloß, streichelte seinen heißen, müden Kopf und trank den Rest Prosecco auf ex.
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