22. September 2013

Nun ist das schon eine Woche her. Premiere in Bochum, Jahrhunderthalle, Lachenmanns “Mädchen”, großer Rummel, kein normaler Mensch zu sehen, soll heißen: Alle rund 1200 Besucher sehen aus, als seien sie im Musikbetrieb aktiv als Intendanten, Dramaturgen, Operndirektoren, Komponisten, Verlagsleute, Agenten, Musen, Journalisten oder Eminenzen (Zehelein ist natürlich auch da!), es ist ja auch schön, dass sie alle da sind, aber es hat was von geschlossener Gesellschaft. Die einfach so wirklich Interessierten, für die die Kunst ja eigentlich gemacht ist, kommen hoffentlich in die weiteren Vorstellungen. Woran man die erkennt? Darüber müsste man sich mit (zweifellos ebenfalls anwesenden) Kostümbildnern unterhalten, die die Dresscodes aufschlüsseln können. Hier wird jedenfalls, auch von Damen, auffällig viel Dunkel getragen, und viel Brillendesign. Und zur Premierenfeier steigen alle in den ersten Stock, wo sich ein noch nicht eröffnetes Büffett befindet, Kellner warten hinter silbernen Trogdeckeln, großes Gedränge und Lärmen, kennt man wen, besteht Gefahr, dass man Premiereneindrücke vergleichen und abgleichen muss. Die Profis sind ja in einem irren Tempo fertig mit dem Urteil. Die meisten. Wir beide sind auch Profis, aber langsamer, ich muss das alles mal in Ruhe nachwirken lassen, und sie hat keine Lust auf small talks. Wir gehen wieder runter und raus. Wir haben nach zwei Stunden in Robert Wilsons quadratischem Kessel Sehnsucht nach Freiheit, und die braucht auch Lachenmanns Musik. Die ist nicht vorbei. Ein solches Maß an komprimierter Einfühlung, Energie, Vielfalt, kluger Verzweiflung nimmt einen mit, die Feinheiten sind zu fein, als dass sie sich von Filtern abhalten ließen, tief zu dringen.

Das merke ich aber erst, als wir das passende Refugium erreicht haben, und wir erreichen es mit Hilfe eines komplett unkompetenten Taxifahrers. Ob er wisse, wo wir um diese Zeit, 23 Uhr, noch was zu essen kriegen könnten in Bochum. Nein. “Okay, dann fahren Sie uns zur Beckstraße.” Ich hatte da nachmittags ein paar Lokale nebeneinander gesehen. Er schaltet das Navi an, fährt los, ignoriert bei erster Gelegenheit die Hinweise des Geräts und biegt ab mit dem Hinweis, “Navi immer verrückt, kamman nix mache”. “Wo fahren Sie denn jetzt hin?” “Brückstraße.” “Nein, wir wollen zur Beckstraße.” Er braust weiter. “Beckstraße, verstehen Sie?” Er wühlt einen Stadtplan raus. “Brückstraße?” “Nein, Beckstraße.” Und tonlos füge ich an: “Darfdochnichwahrsein…” An der nächsten roten Ampel ruft er einen Kollegen an, der soll ihn lotsen. In dem Moment ruft sie von hinten: “Alles gut, wir steigen hier aus!” Und so geschieht es. Neun Euro, wahnsinnigerweise runde ich um einen Euro auf für das Geiere, vermutlich vor Erleichterung. “Tolle Idee”, sage ich zu ihr, “warum gerade hier?” Sie hat irgendeine U-Bahn-Station wiedererkannt. Tja, und wo und kriegen wir hier noch was?

Da ist ein Schild: “Una mas”, “noch einen”, das muss ein Spanier sein, schaun wir mal. Ich sondiere: Butzenscheiben, Reingucken unmöglich, ob das was ist? Sie spricht unterdessen an der Straßenecke ein Pärchen an. Die waren gerade in eben dem Lokal: Verschärft zu empfehlen! Die Tür ist offen, der Saal ist herrlich. Hoch, aber gemütlich, gelbes Licht, viel Holz, lange Theke, hinter der steht ein Spanier um die Vierzig wie von Picasso gemalt auf einem seiner Artistenbilder, drahtig: “Wenn Sie sich schnell entscheiden, können Sie alles haben.” Außer einem Aschenbecher natürlich, eine Schande ist das… Und dann werden Tapas gebracht und Wein, die Fleischbällchen sind noch besser als in Vechta, die Tortilla ist ein Traum, und wir können endlich in Ruhe reden, ohne Musikbetrieb um uns herum, in einer Welt, in der die Leute von Lachenmann noch nie etwas gehört haben, auch nie etwas hören werden, die mir aber den Kopf befreit, die Musik noch mal zu hören, oder vielmehr: Zu hören, dass ich sie immer noch höre. Das ist schon alles gut so. Natürlich, da bin ich dogmatisch: Kunst soll nicht affirmativ sein. Aber danach so nett am Tisch zu sitzen, so temporär gefestigt, das muss unbedingt sein. Diese Art von Affirmation genießt man in jener Tiefe, die vorher aufgerissen wurde. Una mas!

Was MRR nicht gerne las

Heute schreibe ich ab! Nicht aus Faulheit, sondern um die hektargroßen Nachrufe auf den gewaltigsten Literaturkritiker aller Zeiten um Passagen dreier deutschsprachiger Schriftsteller zu ergänzen, mit denen er nichts anfangen konnte. Unfehlbar war er selbst in der Treffsicherheit seiner Irrtümer, denn es handelt sich unter den Eigenköpfigsten der letzten 60 Jahre auch gleich um ihre Bedeutendsten. Den ersten fand er „kurios und weltfremd“, über den zweiten schrieb er, stärker als dessen literarische Leistung sei sein Image, den Rang des dritten bezweifelte er mit dem Hinweis „Ich kann mich nicht irren“. Na dann!

Zur Linken ein Wiesewässerchen, 80 Zentimeter breit (…) Jungbäume reckten dünne schwarze Reiherhälse. Ab & zu 1 Blatt aus ff.=Gelb. : „Und hier : hastu das schon ma gesehen?“ : 4 Birken in 1 Reih. Und an jeder diverse Konsolpilze, weißledern und schüsselgroß. / (Und während noch ihr Kopf erfreut schüttelte. Und während ihre Hand noch den Skizzenblock hielt : machte ich sie schon wieder auf das Eichenbüschel daneben aufmerksam, das verbissen alle=seine Blätter festhielt : die waren braun verbrannt wie Santos, mit hellgelben Adern ! — : „Sowas Verrücktes iss selbst=mir noch nich vorgekomm´!“ / Und sie zeichnete dankbar, und notierte die kuriosen Fehl=Farben.

Wie der Wind oft erst den Anblick, die Gegenständlichkeit der Bäume erzeugt, auch gerade, indem er deren besondere Gegenständlichkeit auslöscht, verwandelt, umwandelt, versetzt, von der Stelle versetzt, bewegt, die Bäume in Wellen, Licht und Farben umsetzt, und so erst betrachtbar, erkennbar in ihrer Eigenart werden läßt – wie eben jetzt die sich wellenden, farben- und lichtspielenden, sich im Wind aufhellenden Bäume dort in der fernen Allee: vom Wind verwandelt, zeigt jeder Baum für sich erst sich erkenntlich: in der Verwandlung, durch Wind und Licht, erscheint mir erst der Gegenstand, wird der Baum mein Gegenüber und nimmt mich in sich auf (…)

Der See ist umgeben von dem grünen Kranz eines Laubgehölzes, das aufgrund der fortschreitenden Erosion der Küste von der Meerseite her allmählich abstirbt. Sicher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kiesbank in einer Sturmnacht durchbrochen wird und die ganze Gegend ihr Ansehen verändert. Aber doch konnte man an dem Tag, an dem ich dort an dem stillen Ufer saß, glauben, man schaue in die Ewigkeit. Die Dunstschleier, die am Morgen landeinwärts trieben, hatten sich aufgelöst, das Himmelsgewölbe war leer und blau, kein Hauch regte sich in der Luft, wie gemalt standen die Bäume, und nicht ein einziger Vogel flog über das samtbraune Wasser.

Erraten? Zuerst spazierte Arno Schmidt durch Norddeutschland im „Kaff“, 1960, dann Peter Handke durch Österreich „Unterm Felsenfenster“, 1985, schließlich W.G. Sebald an Englands Küste in „Die Ringe des Saturn“, 1995. Zur „Litterrrattuuhrr!“ freilich fehlt allen drei Bänden eine griffige Handlung. Und allen, denen sie nicht fehlt, wird MRR natürlich trotzdem fehlen. Griffig war er ja wirklich.

Quadratur einer Passion

Robert Wilson zelebriert Lachenmanns “Mädchen mit den Schwefelhölzern” in Bochum. Aber braucht dieses Werk wirklich eine Bühne?

Fahl geschminkt, im weißen Nachthemd, tappt Angela Winkler durch das Karree. Sie ist das Mädchen, der Tod ist ihr nah, ein Mann in Schwarz. Stumme Rollen. Ihre Bewegungen sind ritualistisch, erstarrend in der Kälte, um die es auch geht im Mädchen mit den Schwefelhölzern. Was allerdings der Komponist Helmut Lachenmann aus dem Märchen gemacht hat, in einem der meistdiskutierten Musiktheaterwerke der Gegenwart, ist fern der Erstarrung. Zwei Stunden lang rauscht, flüstert, funkelt, wütet, lebt diese Partitur in der Jahrhunderthalle Bochum, von allen Seiten hineintönend in einen quadratischen Kessel. Und zwei Stunden lang geschieht auf der Spielfläche das Gegenteil.

Natürlich war schon vor der Premiere der Ruhrtriennale klar, dass Robert Wilson, der 72-jährige Ritualdesigner, keine Individualpsychologie betreiben würde, schon gar nicht mit einem Stück, das keine singenden Protagonisten hat, von dessen Heldin nur erzählt wird, und das auch nur in Textfragmenten. Aber so lähmend, ja zombiehaft ist es auf einer Bühne schon lange nicht mehr zugegangen wie in jenem Geviert, in dem Wilson persönlich als Tod im schwarzen Anzug eine der sensibelsten deutschen Schauspielerinnen zur Passionspuppe in einem fernöstlich abgezirkelten Mysterienspiel macht. So keimfrei wünscht man sich Krankenhäuser, aber nicht das Theater.

Paradoxerweise liegt darin ein Gewinn des Abends: Die Szenen stören nicht beim Hören. Gerade weil Wilson die Empathie, Vielfalt, Gebrochenheit, Spannung dieser Musik säuberlich umgeht, sechzehn Jahre nach ihrer legendären Uraufführung in Hamburg, werden ihre Qualitäten deutlicher – und ihre Grenzen. Zwar ist diese “Musik mit Bildern” jetzt erst zum vierten Mal inszeniert worden, wird aber längst als Schlüsselwerk des Musiktheaters in einer Reihe mit Bergs Wozzeck und Zimmermanns Soldaten gehandelt. Dabei muss man durchaus fragen, ob es sich hier um eine Oper handelt, wie Lachenmann selbst das Werk bezeichnete, oder nicht doch um eine Passionsmusik.

Dass Wilson den singenden Menschen von der Bühne entfernt, entspricht durchaus einer Option der Partitur. Die führt uns tief in Wärmetraum und Kältetod des Mädchens, aber nicht zu Beziehungen zwischen Individuen. Zudem ist aus dem Gesang als unmittelbarer Äußerung die komponierte Kritik daran geworden: für zwei Sopranistinnen, während traditionelle Instrumente (in Bochum das exzellente hr-Sinfonieorchester unter Emilio Pomárico) Klänge erzeugen, für die sie nicht gebaut sind. Es ist ein Wunder dieser Musik, dass aus der Verweigerung ein sternenklares Universum von Geräuschen und Fragmenten wächst. Aber weiter kann man diesen Weg nicht gehen.

Und vielleicht ist diese Partitur sogar weniger Musiktheater als ein Kommentar dazu, der keine Bühne braucht, anders als die großen Opernwerke der jüngsten Jahre, die von traditioneller Klangerzeugung, von verstehbaren Texten erkennbarer Protagonisten ausgehen: Klaus Hubers Schwarzerde von 2001 etwa, antidramatisch, gebrochen, mit atmenden Klangflächen, Aribert Reimanns Medea von 2009, linear, doch von einer psychologischen Vielschichtigkeit ohne Beispiel. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die besonderen Qualitäten dieser Partituren auch eine Antwort auf die Herausforderung des Mädchens sind.

In ihm hört man mittlerweile weniger das “Neue” als das fast schon historisch Gewordene. Die Vertrautheit ist bei Musikern wie Hörern gewachsen. Darum kehrt nun manches, was Lachenmann zu brechen sich vornahm, als Verdrängtes zurück: Kurze, dröhnende Blechbläserpassagen künden von einer tiefen, verbotenen Liebe zur Romantik, manche Entfesselung ist in ihrer Aggressivität schon Heavy Metal. Wie viel Leben diese Partitur durch ihr Reifen gewinnt, wird im Kontrast zur keimfreien Inszenierung ebenso deutlich wie das, was sie mit ihr gemeinsam hat: Die Annäherung an Menschen erlaubt sie nicht.

Wenn das aber bei Wilson mit der Angst vor dem Inneren zu tun hat, ist es bei Lachenmann das Gegenteil: Er überspringt den Prozess der Annäherung. Er umgibt uns mit dem Innenleben einer Schutzlosen. Seine Musik ist vom ersten bis zum letzten Ton, auf Umwegen auch da, wo Leonardo da Vinci und Gudrun Ensslin zitiert werden, mit dem träumenden, frierenden, sterbenden Mädchen identisch, mit dem, was ihm geschieht, was es fühlt und wünscht. Darum nimmt sie einen mit, in jedem Sinne. Und darum wohl ist auch Angela Winkler, ob es dem strengen Bob nun passte oder nicht, immer mehr sie selbst geworden.

Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien am 19.9. 13 in der ZEIT unter dem Titel “Zwischen Romantik und Heavy Metal”. Der Text ist urheberrechtlich geschützt.