Schweben mit Bach

Vor 50 Jahren kam Tarkowskis ›Solaris‹ in die Kinos, vor 61 Jahren Pasolinis ›Accattone‹ – beides Filme, an deren Magie und Intensität Werke von J.S. Bach großen Anteil haben und die uns gleichzeitig diese Musik besonders nahebringen.

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Eigentlich kann es diese Frau gar nicht geben. Das hatte ich vergessen, als ich auf die Filmszene stieß, ein Ausschnitt. Sie sitzt, die braunen Haare zum Zopf gebunden, im Kleid auf einem Tisch in einem getäfelten Raum, einer Bibliothek, neben ihr steht ein Mann im Anzug, Mitte vierzig, die Haare etwas zerzaust, und spricht sie an: »Harey!« Sie lächelt. Sie hat ein Gesicht wie ein Engel, er blickt melancholisch, ratlos. Dann beginnen sie zu schweben, in die Luft gelehnt, und Orgelmusik setzt ein. Mit ihnen schwebt ein Kerzenhalter, ein Buch. Man könnte es unfassbar kitschig finden. Es ist aber wunderschön, weil die Musik die beiden umfasst: J.S. Bach, Choralpräludium f-Moll, BWV 639.

Vor 50 Jahren wurde Solaris erstmals in Cannes gezeigt, der dritte Film des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski, der später ins französische Exil ging, und immer noch ist es ein Film von magischer Kraft, nicht zuletzt wegen Bach. An Bach allein liegt es aber nicht, denn dann würden alle bis jetzt 1066 Filme unsere Aufmerksamkeit verdienen, in deren Soundtracks Musik des Thüringers (der eben nicht nur »Thomaskantor« war) eingesetzt wird. Und da sind die seit 1941 produzierten rund 30 kurzen und langen Filme über diesen Musiker noch gar nicht mit eingerechnet. Tarkowskys Werk indessen hat es sogar in die Gefilde der Musikwissenschaft geschafft, mit Musik und Imagination – J.S.Bach in Tarkowskijs Solaris.

1977 kam der Film in die bundesdeutschen Kinos; wann ich ihn erstmals sah, weiß ich nicht mehr. Ich hatte jetzt nur noch im Kopf, dass zentraler Schauplatz eine Raumstation im Orbit des Planeten Solaris ist, von Stanisław Lem im gleichnamigen Roman erdacht, aber nicht mehr, dass dort immer wieder Harey in Fleisch und Blut erscheint, die junge Frau des Wissenschaftlers Kris Kelvin, die sich vor seinem Weltraumeinsatz das Leben genommen hat. Man muss das auch gar nicht wissen, um schon von der levitation scene fasziniert zu sein. Auch Pieter Bruegels Jäger im Schnee von 1565 spielen hier eine Rolle. Die Epochen durchdringen einander, die Bedeutungen, und der Einsatz des Bach’schen Präludiums ist ähnlich genial wie die Komposition selbst.

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Wenn mit C-Dur die Dominante von f-Moll erreicht ist, geht es über ein Des in der Oberstimme zu einem Takt, der durch die fließende Bewegung der Mittelstimme zwischen As-Dur und c-Moll schwebt, weiter zu einem Des-Dur über einem C im Bass…man könnte auch sagen, auf Szene und Bilder bezogen, es ist, als breite die Musik ihre Arme weiter aus, um alles zu verbinden. Darum denkt man gar nicht so sehr an SciFi, Gravitation, Plots und Kinotricks, sondern viel weiter. Das Schweben ist auch eine Metapher für die Liebe und das Lieben, zugleich für den Verlust des Bodens unter den Füßen in einer instabilen Welt.

Und die Ratlosigkeit, die Melancholie, die Trostbedürftigkeit des Mannes muss nicht daher rühren, dass die Frau nur eine Erinnerung sein kann. Es ist darin auch ein Wissen um das Zeitvergehen, durch das Liebe und Schönheit nicht relativiert, sondern vertieft werden, so wie bei Bach der Glaube. Sein Präludium, vor 1720 entstanden, gilt dem Choral Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (es hat schon Ferruccio Busoni zu einer Bearbeitung für Klavier gereizt).

Die Bilder von Solaris zeigen uns das Potential dieser Musik, das über Religion hinausgeht und sich zugleich mit ihren Quellen berührt. Die großen Regisseure bedienen sich nicht bei Bach, sie arbeiten mit ihm zusammen. Im Kino ist seine Musik vielleicht nie so herausgefordert worden wie 1961 in Pier Paolo Pasolinis Accattone, einem Schwarz-Weiß-Film über das Leben im römischen Subproletariat.

Mit fast unerträglicher Nähe und Dichte zeigt Pasolini das Leben am Rand der Gesellschaft, am Rand eines weniger ewigen als dreckigen und brutalen Rom. Die Darsteller sind Laien aus dem Milieu, manchen fehlen Zähne, alle sind von Armut gezeichnet. Pasolini verwendet den Schlusschor der Matthäuspassion, aber mich beeindruckt besonders das Adagio aus dem 1. Brandenburgischen Konzert.

Man hört es (hier bei 7’35), als der Zuhälter Accatone seine einzige Prostituierte aufsucht, die sich von einem Unfall erholt. Schäbiges Zimmer unterm Dach mit Herd und Bett, zwei Frauen, viele Kinder. Die Musik bildet keinen Gegensatz dazu, keine Gegenposition. Sie wird nicht eingesetzt, um Glanz in die Hütte zu bringen. Sie scheint dieses Leben zu kennen, zu sehen, auch die unfassbare Entfernung zu dem, was Glück sein könnte. In Bachs weiten Linien, hinter den Dialog geblendet, wird tiefes Verstehen spürbar. »Absolute Musik«? Losgelöst von allem? Wenn das so wäre, was könnte uns berühren?
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Solaris und Accattone, kein bisschen patiniert, könnten auch Interpreten zum Nachdenken bringen. In der »Alten Musik« wird inzwischen so viel von so vielen »richtig« gemacht, dass sich eine gewisse Unverbindlichkeit eingestellt hat. Man kennt die historischen Bedingungen Bachs, die Affekte, die Klangfarben, die Stimmhöhen, die Chorgrößen, die Anlässe, die Instrumente, die kirchlichen und weltlichen Bezüge. Und was ist mit dem Leben, mit Angst und Sehnsucht und Glück? Dürfen sich damit nur die Zuhörer befassen?

PS: Falls jemand im Ernst mal das ganze Kino auf Bach durchchecken will – ich wüsste ja gern, wie er in Roswell – Ufo-Absturz über New Mexico von 1994 eingesetzt wird.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Er entstand als Nr. 38 der Kolumnenreihe “Rausch & Räson” für das Magazin VAN und ist dort seit 15. Juni 2022 online. Die Illustration ist von Merle Krafeld. Im Filmstill aus “Solaris” zu sehen: Hari (Natalja Bondartschuk), Cervantes´ “Don Quixote” (1605/1615) in der 1863 von Gustave Doré illustrierten Ausgabe, ganz rechts “Die Jäger im Schnee” von Pieter Breughel dem Älteren, 1565. Das Filmstill aus “Accatone” zeigt Franco Citti in der Titelrolle, mit namentlich nicht genannten Laiendarstellern.

 

14. Juni 2023

> Am nächsten Sonntag hat in Zürich Puccinis Turandot Premiere, und inzwischen ist das Porträt von Sondra Radvanovsky, die die Titelpartie singt, auch auf dieser Website zu lesen. Inzwischen ist aber auch die Zahl der Künstler*innen, die ich in den jüngsten drei Jahrzehnten traf, um Porträts, Interviews und andere Formen von publizierten Texten daraus zu machen, auf weit über hundert gewachsen. Hauptsächlich für die ZEIT, für das Magazin der Oper Zürich und für VAN entstanden sie; etliche sind – ohne Bezahlschranke – auf dieser Website zugänglich und über die Suchfunktion zu finden. Um einen zeitsparenden (und anregenden) Überblick zu ermöglichen, ist nun in der Rubrik “Inhalt” eine Liste der Begegnungen von A bis Z im Bau. Viele Namen fehlen noch, viele andere sind noch nicht verlinkt. Aber da, der Zeitnot geschuldet, der “in progress”-Modus ein anhaltender sein wird, erscheint es sinnvoll, dIe Liste mitsamt ihren Lücken online zu stellen. In der Rubrik “Begegnungen” selbst stehen zuoberst jeweils nicht nur die allerneuesten Texte, sondern auch ältere, teilweise schon fast “historische”, die aber neu auf dieser Website sind – wie jetzt etwa der Besuch bei Hans Werner Henze im Sommer 2007, vor der Uraufführung seiner Oper Phädra. Auch lediglich neu illustrierte und mit ergänzenden Hinweisen versehene Porträts wie das des fast 100 Jahre alten Elliott Carter aus dem Jahr 2008 kommen auf diese Weise in ein neues Tageslicht und regen vielleicht zu weiterer Spurensuche an. Und zum Hören!

Begegnungen A-Z (in progress)

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Alder, Louise (Sopran) Juni 2022
Alban Berg Quartett, März 2008, ZEIT
Altinoglu, Alain (Dirigent)
Altstaedt, Nicolas (Cellist), Juli 2012, ZEIT
Antonini, Giovanni (Dirigent), Oktober 2015
Artemis Quartett

Banse, Juliane (Sopran) MAG 56, Februar2018
Becker, Markus (Pianist) März 2022, VAN
Beczala, Pjotr (Tenor) Juni 2017, MAG 49
Behle, Daniel (Tenor), Oktober 2018, VAN, MAG
Beyer, Michael (Bildregisseur), April 2023, VAN, MAG
Bezuidenhout, Christian (Pianist)
de Bique, Jeanine (Mezzosopran), Mai 2023, MAG 102
Boulez, Pierre (Komponist), August 2013, ZEIT

Cannelakis, Karina (Dirigentin) September 2017, MAG 51
Capuano, Gianluca (Dirigent) Junuar 2020, MAG 75
Carter, Elliot (Komponist), Dezember 2008, ZEIT
Cencic, Max Emmanuel (Counter) März 2016, MAG 38, VAN
Chevalier, Nicole (Sopran) März 2020 ZEIT
Connelly, Paul (Dirigent) Januar 2017 MAG 45
Cummings, Lawrence (Dirigent, Counter)
Cutler, Eric (Tenor) September 2022 MAG 95

Dantone, Ottavio (Dirigent), Juni 2016, MAG 40
Dasch, Annette (Sopran) September 2020, MAG 77
Daszak, John (Tenor) September 2018, MAG 61
Davidsen, Lise (Sopran) September 2016, MAG 41
Devieilhe, Sabine (Sopran) November 2017, MAG 54
Didwiszus, Rufus (Bühnenbildner), September 2019, MAG 72, Oktober 2019, VAN
Dreisig, Elsa (Sopran) März 2019, MAG 67

Eötvös, Peter (Komponist)
Erdmann, Mojca (Sopran), Februar 2024, MAG 109

Farnocchia, Serena (Sopran) März 2018, MAG 57
Faust, Isabelle (Geigerin), 29.11.2012, ZEIT
Feola, Rosa (Sopran) Januar 2019, MAG 65
Feltz, Gabriel (Dirigent) Januar 2016, MAG 35, VAN
Fischer-Dieskau, Dietrich (Bariton)

Genaux, Vivica (Mezzosopran) Oktober 2020, MAG 79
Gerzmava, Hibla (Sopran) Mai 2018, MAG 59
Gielen, Michael (Dirigent) Mai 2010, DIE ZEIT
Gould, Stephen (Tenor) März 2019, MAG 66, VAN
Grigorian, Asmik (Sopran) Februar 2019 DIE ZEIT
Gubaidulina, Sofia (Komponistin) Oktober 2011 DIE ZEIT
Gülke, Peter (Autor, Dirigent) April 2014 DIE ZEIT

Haas, Georg Friedrich (Komponist)
Hadelich, Augustin (Geiger)
Harnoncourt, Nicolaus (Dirigent), April 2008, Magazin ZEIT Geschichte
Hamelin, Marc-André (Pianist)
Harfouch, Corinna (Schauspielerin) Februar 2016, MAG 37
Henze, Hans Werner (Komponist), September 2007, ZEIT
Hindoyan, Domingo (Dirigent)
Hinterhäuser, Markus (Intendant, Pianist), Juli 2017, ZEIT
Hrusa, Jakub (Dirigent)
Huber, Klaus (Komponist)

Jansons, Mariss (Dirigent)
Jaroussky, Philippe (Counter)

Kaiser, Joseph (Tenor)
Kermes, Simone (Sopran)
Kirchschlager, Angelika (Sopran)
Kleiter, Julia (Sopran)
Koerppen, Alfred (Komponist)
Koerppen, Barbara (Geigerin)
Kondek, Chris (Videokünstler)
Kränzle, Johannes Martin (Bariton)
Kremer, Gidon (Geiger)Juli 2011, ZEIT

Lazar, Milko (Komponist)
Leon, Donna (Autorin)
Lungu, Irina (Sopran)

Meier, Waltraud (Sopran)
Meister, Cornelius (Dirigent)
Müller, Hanna-Elisabeth (Sopran)
Mundry, Isabel (Komponistin), Juli 2015, ZEIT

Neuwirth, Olga (Komponistin)
Nigl, Georg (Bariton)
Niziol, Bartlomieij (Geiger)
Nylund, Camilla (Sopran), Februar 2023, VAN, MAG

Orlinski, Jakub Józef (Counter)
d´Oustrac, Stéphanie (Sopran)

Pagh-Paan, Younghi (Komponistin)
Peretyatko, Olga (Sopran)
Peter, Mauro (Tenor)
Petersen, Marlis (Sopran), Februar 2024, MAG 108
Pierro, Nahuel di (Bass)

Radvanovsky, Sondra (Sopran), Juni 2023, MAG 103
Rebeka, Marina (Sopran)
Reich, Steve (Komponist)
Reimann, Aribert (Komponist)
Renzetti, Donato (Dirigent)
Rihm, Wolfgang (Komponist)
Rhorer, Jérémie (Dirigent)
Ryott, Emma (Kostümbildnerin)

Sabadus, Valer (Counter)
Sacks, Oliver (Autor)
de la Salle, Lise (Pianistin)
Salonen, Esa-Pekka (Dirigent)
Sanderling, Kurt (Dirigent), März 2002, ZEIT
Sareika, Vineta (Geigerin)
Saunders, Rebecca (Komponistin)
Shiff, Buki (Kostümbildnerin)
Sinkovsky, Dmitri (Dirigent, Sänger, Geiger)
Skride, Baiba (Geigerin)
Staud, Johannes Maria (Komponist), Juli 2015, ZEIT
Steidl, Gerhard  (Verleger)
Stundite, Ausrine (Sopran)

Tézier, Ludovic (Bariton)
Ticciati, Robin (Dirigent)

Ventris, Christopher (Tenor)
Vidal, Mathias (Tenor), Dezember 2023, MAG 107
Vogt, Klaus Florian (Tenor), September 2014, MAG 21, November 2023, MAG 106
Volle, Michael (Bariton), Februar 2016, MAG 36

Widmann, Carolin (Geigerin)
Widmann, Jörg (Komponist, Klarinettist, Dirigent)
Winters, Corinne (Sopran)
Wolff, Christian (Komponist)

Young, Simone (Dirigentin)