Nein, das ist kein Mandala, kein Grundriss, auch nicht der Entwurf für eine Turbine. Es ist die graphische Anleitung für Tänzer am Hofe des Sonnenkönigs, wie sie aus einer engen kreisförmigen Schrittfolge wieder in eine weitere kommen – Auszug aus dem bahnbrechenden Lehrwerk von Raoul-Auget Feuillet von 1700, dem Erfinder einer Tanzschrift, aus der im frühen 18. Jahrhundert auch das tanzfreudige europäische Bürgertum lernte. Ich stieß darauf bei Recherchen für den Essay “Klang und Körper”, der im aktuellen Magazin der Elbphilharmonie zu finden ist. Weitere neue Texte: Eine Begegnung mit dem südfranzösischen Tenor Mathias Vidal in Zürich, ein Ausflug in die sinfonischen Weiten des Nordens, die das Gürzenich-Orchester demnächst mit Salonen, Grieg und Sibelius erkundet, und eine kritische Auseinandersetzung mit der jüngsten Mozart-Aufnahme des Hamburger Ensemble Resonanz vor dem Hintergrund der grandiosen Einspielung, die diese Musiker 2020 von Mozarts letzten drei Sinfonien vorlegten. Nachzulesen bei VAN. Was nächstens folgt: Eine Begegnung mit der Sopranistin (und Ölbäuerin) Marlis Petersen und der Abschluss meiner Bruckner-Erkundungen für das Gürzenich-Orchester mit der Zweiten Sinfonie von 1872. – Für meine wunderbare Mama, Hanneliese Hagedorn, die am 8. Dezember 2023 in ihrem 87. Lebensjahr ihr Dasein in dieser Welt verlassen hat, verlinke ich hier auf das Porträt des polnischen Geigers Bartłomiej Nizioł, mit dem zusammen sie dort 1991 am Beginn seiner Laufbahn zu sehen ist, unterstützend wie immer.
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30. November 2023
> Je häufiger ich diese sieben Minuten höre, desto tiefer scheinen sie zu werden. „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ So heißt das Orchesterwerk, das Younghi Pagh-Paan für die Donaueschinger Musiktage 2023 komponiert hat, für das SWR Symphonieorchester, das diese Musik mit Dirigent Ingo Metzmacher am 22. Oktober 2023 uraufgeführt hat. (Der Videomitschnitt des ganzen Konzerts ist hier zu finden, ihm entstammt als Screenshot das Bild der vier Kontrabassisten.)

Der Titel ist Johannes 20, 15 entnommen, wo sich Jesus mit diesen Worten an Maria von Magdala wendet, die an seiner leeren Grabhöhle weint. Es geht der Komponistin dabei um „den großen Trost, den ein weinender und suchender Mensch erfährt, und die große Stärkung darin.“ Ein dicht und lebendig gefügtes, schattenreiches, schmerzvolles, aber auch lichterfülltes und extrem gegenwartsoffenes Werk ist das, und schon das zweite von Younghi Pagh-Paan, das in diesem Jahr fertig und uraufgeführt wurde, nach dem – ganz anders ausgerichteten – „Die Blüte – Wurzelwerk“ für Klavier und Ensemble, vom Münchner Kammerorchester im März erstmals gespielt. Diesem Naturwunder energiereicher Farben ist nun also eine Musik gefolgt, von kurzer Dauer nur den Minuten nach, die mir als eine der bedeutendsten, bewegendsten, unauslotbarsten dieser Jahre erscheint – nicht nur mir: „Die intensiven Klangfarben dienen als Ausdrucksträger, die Wahrhaftigkeit der Aussage wird durch die einzigartige Klarheit des Orchestersatzes verstärkt“, schrieb Max Nyffeler in seiner exzellenten Rückschau auf die Donaueschinger Musiktage, erschienen am 24. Oktober 2023 in der F.A.Z. Heute, am 30. November, feiert Younghi Pagh-Paan in Bremen ihren 78. Geburtstag. Großen Glückwunsch!
Ingo Metzmacher war es übrigens auch, der zu Beginn des Jahres das summum opus eines weniger bekannten Komponisten aufführte. Anton Plate (1950-2023) war einer der Helden meiner Jugend, nicht als Komponist, sondern als Dirigent eines Jugendsinfonieorchesters. Warum, das erkundete ich mit einem Umweg über Tschaikowsky im ICE für VAN. In diesem ICE wiederum saß ich auf dem Weg nach Zürich, um dort Klaus Florian Vogt zu treffen, den Siegfried der neuen Götterdämmerung…
12. Oktober 2023
Viel war vom Eiffelturm nicht mehr zu sehen an dem Septembermittag, an dem ich mich mit Augustin Hadelich in Paris traf – der Stadt, der dieser wunderbare Geiger schon vor einigen Jahren eine CD widmete, mit der 1943er Sonate von Francis Poulenc als zentralem Werk. In Zürich spielt Hadelich am 29. Oktober mit der Philharmonia Dvořáks Violinkonzert – Anlass für ein Porträt im MAG der Oper Zürich. Ebenfalls in Paris beginnt die Geschichte der legendären Préludes op. 28 von Frédéric Chopin, die bekanntlich nach Mallorca führt. Vor fünf Jahren ging ich ihnen mit einer Sendung auf Deutschlandfunk Kultur nach, die nun wieder zu hören ist und dann ein Jahr lang online abrufbar bleibt. “Warten, bis der Frühling kommt” beginnt am nächsten Sonntag, 15. Oktober, um 15.05 Uhr.
