Kategorie-Archiv: Blog

5. März 2023

> Wegen großer Zeitnot fällt dieses update heute kurz aus, damit es nicht ganz ausfällt, und damit auf das Interview mit Camilla Nylund in VAN wenigstens noch verlinkt werden kann, ehe sie heute nachmittag erstmals die Brünnhilde in Wagners Siegfried singt, in der Oper Zürich. Auf deren Website findet sich auch ein Porträt der finnlandschwedischen Sopranistin. Ebenfalls im Auftrag der Oper Zürich besuchte ich Sergej Rachmaninows Villa “Senar” am Vierwaldstätter See. Für das Ensemble “La Festa musicale” entstanden drei miteinander verbundene Blicke ins Hannover von 1690. Im aktuellen Magazin der Elbphilharmonie gehe ich der Frage nach: “Was ist eigentlich ,modern’?” Eine der Antworten darauf ist Andreas Staiers Debüt als Komponist.

Eine Antwort auf die Frage, welche “Relevanz” all das mit Blick auf die Opfer des Krieges und anhaltend bedrohliche Entwicklungen der Weltpolitik haben mag, gab Sigmund Freud 1933 in einem Brief an Albert Einstein: “Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.” Wie sich noch gegen den Krieg arbeiten lässt, darüber denken viele nach. Das Fazit der schwer erkrankten, bald 80 Jahre alten Grünen-Politikerin Antje Vollmer fällt dabei besonders ins Gewicht. “Was ich noch zu sagen hätte” erschien kürzlich in der Berliner Zeitung. Heribert Prantl hat in der Süddeutschen Zeitung vom 26. Februar 2023 Vollmers Gedanken aufgegriffen.

Ein Hörtipp noch: Die fantastische Sendung “Transit ins Exil – Deutsche Literaten in Mexiko” auf Deutschlandfunk Kultur!

19. Dezember 2022

nordpol

Sechs aktuelle Porträts und eine Exkursion ins Paris des Jahres 1860 – einen ganzen Schwung von Arbeiten für die Oper Zürich aus diesem Jahr habe ich nun auf die Website gestellt, ein bisschen wie die Maus Frederick, die das Jahr über Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt, um sie im Winter für die anderen Mäuse leuchten zu lassen. Allerdings habe ich nicht vorsätzlich so lange gewartet, und publiziert war eh schon alles. Es war nur rundherum viel anderes zu tun, und es ist eine Menge unbezahlter Arbeit, die Texte mit Fotos, Überschriften und Links neu einzurichten. Es aber gar nicht zu tun – da wäre es schade um die Begegnungen mit so wunderbaren und grundverschiedenen Künstlern. Gleich vier Dirigenten sind dabei: Peter Rundel, Donato Renzetti, Jérémie Rhorer, Dmitry Sinkovsky, eine Sopranistin, Hanna-Elisabeth Müller, und ein Tenor, Eric Cutler. Dem Komponisten Jacques Offenbach bin ich, nach der Arbeit am Buch Flammen, ein weiteres Mal ins Jahr 1860 gefolgt, um mehr über seine Oper Barkouf zu erfahren. Inzwischen hat sie, unter dem kongenialen Dirigat von Jérémie Rhorer, in Zürich ihre umjubelte Wiederentdeckung erlebt, in durchtrieben durchgeknallter Komik von Max Hopp inszeniert. Die Uraufführung in Paris fand übrigens am 24. Dezember statt, vor 162 Jahren.

Und vor ungefähr zwei Millionen Jahren sah es nahe am Nordpol ungefähr so aus wie auf dem Bild oben. Nein, das ist kein Fiebertraum von Klimakatastrophenleugnern. Was die Menschen dem Leben auf der Erde antaten und antun, wird ja nicht relativiert durch die Tatsache, dass der Planet sich seit vier Milliarden Jahren in stetem Wandel befindet. Allerdings ist das, was die New York Times am 7. Dezember 2022 publizierte (der Zeitschrift Nature folgend), schon sensationell. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis die Technologie der DNA-Suche an der Universität Kopenhagen soweit gediehen war, im Permafrost von Nordgrönland Funde zu ermöglichen. Dann ergaben Millionen von DNA-Fragmenten, dass vor zwei Millionen Jahren knapp 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt gut 135 Arten von Pflanzen und Tieren lebten. Birken- und Pappelwälder wurden bewohnt von Mammuts und arktischen Hasen, das Meer war warm genug für Pfeilschwanzkrebse. Was auch immer das für die Wissenschaft und die Klimaforschung bedeutet – es kann einen doch trösten, falls Weihnachten eher matschig als verschneit ausfällt.

14. Dezember 2022

alma rosé

Sie war gerade zwei Jahre alt geworden, als ihr Vater und seine drei Quartettkollegen am 21. Dezember 1908 in Wien eines der aufsehenerregendsten “Skandalkonzerte” des 20. Jahrhunderts mehr durchhielten als spielten: Alma Rosé, Tochter von Arnold Rosé und Justine Mahler (Gustavs Schwester). Bei ihrem Vater lernte sie das Geigen, sie wurde selbst eine professionelle Solistin von hohem Rang, und wie sie spielte, wie sie war, das meint man der um die 30 Jahre alten Frau schon fast anzumerken, wenn man sie am Steuer des Aero Cabrio sitzen sieht. Das Foto findet sich im exzellenten neuen Musik-Kalender der Edition Momente. Alma Rosé war eine so energische wie engagierte Musikerin: 1934 bis 1938, bis zum “Anschluss”, gab sie in Europa Solidaritätskonzerte gegen die NS-Herrschaft in Deutschland. Im Frühjahr 1939 gelang ihr und ihrem Vater die Flucht nach London, und man wünscht sich, sie wäre nicht so unternehmungslustig gewesen, von dort aus im November des Jahres nach Amsterdam zu fliegen, um Konzerte zu geben. Sie war noch in den Niederlanden, als diese im Mai 1940 von der Wehrmacht besetzt wurden, tauchte dort unter, floh im August 1942 nach Frankreich und wurde dort im Dezember 1942 als Jüdin verhaftet und interniert. Am 18. Juli 1943 wurde die Musikerin ins Konzentrationslager Ausschwitz deportiert, wo sie am 4. April 1944 an den Folgen einer ungeklärten Erkrankung starb, zwei Tage nach ihrem letzten Auftritt als Leiterin eines Orchesters aus weiblichen Häftlingen. Ihr Vater gab sein letztes Konzert 1945 in London und starb dort ein Jahr später mit 82 Jahren.

Um auf das “Skandalkonzert” von 1908 zurückzukommen: Die Uraufführung (und Entstehung) von Arnold Schönbergs Zweitem Streichquartett opus 10 ist nicht nur ein Thema in meinem Buch Flammen, sondern auch in einer zweistündigen Sendung zu diesem Werk und seinen Interpreten, die noch bis zum 22. Januar 2023 online bei Deutschlandfunk Kultur zu hören ist. Wer auf der Website des Senders Näheres dazu erfahren möchte, wird nichts finden: Die beispielhafte Online-Dokumentation der allsonntäglichen “Interpretationen” (noch zu bestaunen am Beispiel der Sendung über Ethel Smyth) wurde Mitte 2021 eingestellt. Soll die “Schatzinsel”, wie die Sendereihe “Interpretationen” in meinem VAN-Beitrag 2021 betitelt wurde, der Entdeckerfreude eines wachsenden Online-Publikums entzogen werden? Oder mittelfristig versenkt? Es steigt offenbar parallel zum Meeresspiegel auch der Ignoranzpegel innerhalb der Öffentlich-Rechtlichen - was deren noch vorhandene kluge Köpfe allerdings nicht hindert, Sendungen wie eben die “Interpretationen” weiter zu produzieren, vorerst. Die Smyth-Sendung vom Mai 2021 wurde im September 2022 sogar erneut für ein Jahr online gestellt. Näheres zur Schönberg-Sendung findet sich auf meiner Website hier, zur Sendung mit den 1913er Mallarmé-Kompositionen von Debussy und Ravel hier.