Kategorie-Archiv: Blog

20. Juni 2014

> Zuerst dachte ich an einen Angriff aus dem Cyberspace: Von einem Tag auf den andern hatte sich die Zahl der Zugriffe auf diese Website verzehnfacht, heute vor einer Woche. Doch dahinter steckte der fast schon legendäre Netzflüsterer Ernst Corinth. Er hatte in seiner Videoschau auf der populären Plattform “Telepolis” bei heise.de einfach nur mit einer kleinen Leseempfehlung auf meine Kolumne “Zwischen Nogos und Togos” verlinkt. Danke, Ernst! Höchste Zeit, hier mal auf Corinths “ecos blog” zu verweisen, der “dem Wahren, Schönen, Guten” gewidmet ist. Dass es uns alle jenseits der Links und Likes auch noch als physische Existenzen gibt, belege ich übrigens mit einem Auftritt in Kirchboitzen: am 22.6. beginnt um 18 Uhr in der Michaeliskirche das Programm “Klassik und Komik”, in dem ich Kolumnen lese und zwei exzellente Musiker Stücke von Mozart spielen, die Geigerin Ulla Bundies und der Pianist Taiji Takata. Noch mehr Mozart: Wie sich der Regisseur Christof Nel in Herrenhausen mit dem “Requiem” auseinandersetzte, habe ich hier beleuchtet. Dieselben Kunstfestspiele präsentierten auch eine grandiose Kombi aus Buster Keatons Stummfilm “The General” und früher Minimal Music von Terry Riley. Eine Zusammenfassung ist im Tagesspiegel erschienen.

11. Juni 2014

> Goethes Leute haben den Text zwar nicht versteckt, aber direkt angesprungen wird man vom 150. Geburtstag des Richard Strauss auch nicht, wenn man sich auf die Website des Goetheinstituts begibt. Erstmal “Künste” anklicken, dann “Musik”, dann “Klassische Musik”, dann “Tendenzen”, und da gibt es die Abteilung “Magazin”, in der ich tatsächlich den Text fand, den ich unter dem Titel “Eigensinn und Establishment” für Goethes geschrieben habe. Wer oben rechts die britische Flagge anklickt, kann ihn auch auf Englisch lesen, er heißt dann “Self-Will and Establishment”. Den Horizont der Strauss-Rezeption wird dieser Text nicht verändern – er ist für interessierte Laien rund um den Globus geschrieben und überschaubar kurz.

Indessen würde es sich lohnen zu erkunden, wie sich unsere Wahrnehmung der vermeintlich antipodischen Zeitgenossen Strauss und Mahler in den letzten 20 Jahren gewandelt hat. Zu Gustav Mahlers 150. Geburtstag schien mir – im Essay “Der große Andere” -, dass “das Schöne an Mahler” (Dieter Schnebel forderte es 1985) für viele (wieder) interessanter würde als die von Adorno offengelegte “Gebrochenheit”. Bei Strauss scheint es genau umgekehrt zu laufen. Jahrzehntelang von der Intelligenz als irgendwie “affirmativ” und bürgerschön geschmäht und oft auch so gespielt, wird er neuerdings entdeckt als Vielschichtiger, Ironiker, als der “Uneigentliche”, den Adorno nicht verstand. So stehen sich jetzt Gustav und Richard in der Rezeption wieder so nahe wie einander vor hundertzehn Jahren, als sie so herzlich und respektvoll korrespondierten, in gegenseitiger Bewunderung auch, wie es den Gräbenziehern später gar nicht passte. Mengelberg hat beider Werke kongenial dirigiert, seinen “Don Juan” muss man gehört haben. Strauss selbst als Dirigent vor der Kamera anno 1944 ist hier zu erleben: als Eulenspiegels 80jähriger Gutsverwalter…

Noch ein “Must”: Am leuchtenden Sommermorgen habe ich im Auto (wieder mal) gehört, wie Leon Fleisher das B-Dur-Klavierkonzert von Brahms spielt, 1962, mit Szell (der auch im Strauss-Video, siehe oben, auftritt) und dem Cleveland Orchestra. Liebe, Geist, Zugriff, Konzentration, Weite, jeder Vorgang von mehreren Seiten zugleich hörbar und doch deutlich, dringlich, verbindlich, alles einen Weg schaffend und zurücklegend – es fällt schwer, daneben die meisten Pianisten nicht bloß für Klavierklimperer zu halten und überhaupt zu versuchen, Worte dafür zu finden. Außerdem fabelhaft griffige Akustik, selbst auf der mittelmäßigen Autoanlage noch plastisch: den Körper des Instruments hört man bis auf die Knochen genau. Und dann der Covernachdruck im Booklet, von einer alten LP, auf der Fleisher anno 1956 die Händelvariationen spielt: Das Gesicht zwischen Junge und Mann, kräftige dunkelrandige Brille, die schmalen Hände mit langen Fingern einander berührend wie miteinander tändelnde Tiere vorm nächsten Jagdzug, in der Rechten die ZIGARETTE, die sich hell vorm Schwarz des Jacketts abhebt, offener weißer Hemdkragen – was für herrliche Zeiten. Brahms hat ja auch geraucht… Dabei durch die Windschutzscheibe auf dem Parkplatz auf die große OBI-Reklame zu gucken, ändert dann gar nichts, so stark sind diese anderen Gegenwarten.

6. Juni 2014

> “Wieviel Meinungsfreiheit darf es beim WDR sein?”, fragt auf seiner Website der Journalist und Theologe Christoph Fleischmann aus gegebenem Anlass. “Die Geschichte ist schnell erzählt: Christine Lemke-Matwey, freie Moderatorin bei WDR 3, hat in einem Text für DIE ZEIT beklagt, dass die klassische Musik immer mehr ins Abseits gerate innerhalb der ARD-Sender; verantwortlich machte sie dafür in erster Linie die generationenspezifische Sozialisation der gegenwärtigen Führungsriege innerhalb der ARD, die von den 68ern ein “militantes Desinteresse an der Hochkultur” geerbt habe. Mit Mozart sei kein Staat mehr zu machen, nur noch mit Bob Dylan. Als Reaktion darauf haben, so wird berichtet, der WDR 3-Wellenchef und der Kulturchef die Zusammenarbeit mit Lemke-Matwey wegen Illoyalität aufgekündigt.” Sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch die Neue Musikzeitung haben den Fall aufgegriffen, Fleischmann hat den WDR deutlich kritisiert: Es passe “nicht in eine neuzeitliche Demokratie, Kritik mit Illoyalität gleichzusetzen – und aus diesem Grund Kritik verbieten zu wollen; bzw. mit dem Verlust von Aufträgen zu bestrafen.” Da ich mir den Casus nicht treffender kommentiert denken kann, als Fleischmann es tat, empfehle ich die vollständige Lektüre hier.

Einem stockdunklen Kapitel der Musik widmete sich “128″, das Magazin der Berliner Philharmoniker (ich verwies darauf schon mal am 6. März 2014) in seiner Märzausgabe mit dem Schwerpunkt “Geraubte Musik”. In einem der Beiträge ging ich den Folgen nach, die die Repressionen unter Hitler und Stalin für viele Komponisten und ihre Werke hatten, von Schreker bis Weinberg, aber auch von Mendelssohn bis Schumann. Die Geschichte “Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen” nebst sechs Nahaufnahmen ist jetzt auch hier zu lesen. Derweil liegt schon das zweite “128″ des Jahres vor, für das ich Erfreuliches da entdeckt habe, wo es keiner sucht: bei den Musikfälschern. “Wunderschöne falsche Noten” heißt der Essay, in dem durchtriebene Prominenz von Fritz Kreisler bis Gustav Leonhardt ebenso gewürdigt wird wie der Münsteraner Blockflötist, der mit sechs gefälschten Haydn-Sonaten größte Koryphäen hereinlegte – und von Beltracchis Millionen nur träumen kann.