> Vor acht Jahren am 27. Oktober starb Hans Werner Henze, 86jährig, auf einer Konzertreise. Aus diesem Anlass wird der Nachruf, der für ZEIT online entstand, hier nun noch einmal aktuell editiert. Wo Henzes Musik aktuell gespielt wird – sofern das möglich ist – erfährt man beim Schott Verlag und der Hans-Werner-Henze-Stiftung. Neben vielen Erlebnissen mit seiner Musik vergesse ich auch nicht, wie mir der Komponist im August 2007 auf seiner Terrasse in Marino vorschlug, das Rauchen aufzugeben. Er selbst habe mit Mitte 40 davon abgelassen; ob ich fände, dass das seinem Komponieren danach geschadet hätte? Diese interessante Frage war und ist klar mit Nein zu beantworten. Eine mögliche andere Frage wie die, ob der durchtriebene Rat des Großen – verbunden mit ausdrücklicher Raucherlaubnis – auch beherzigt wurde, ist kulturgeschichtlich nicht bedeutend genug, um hier beantwortet zu werden. Ein klares Ja verdient hingegen die Frage, ob Frösche für das Singen gut sein können. Die Mezzosopranistin Vivica Genaux liebt Frösche und froschgestaltige Artefakte, von denen sie Tausende besitzt, weitere sammelt und eines an ihrer Halskette trägt. Ihr Glückstier begleitete sie aus der Nähe von Venedig auch nach Zürich, wo wir uns über Alaska unterhielten und die Frage, wie ein Mädchen aus Fairbanks an die Spitze des barocken Koloraturgesangs geraten kann.
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10. Oktober 2020

Die erste Flugreise seit langem, eine Woche her, die Maschine von Hamburg nach Zürich ist randvoll. Ich bin kein Hygiene-Hardliner, aber muss ich tatsächlich fast Schulter an Schulter mit den Nachbarn sitzen, nachdem in der Berliner Philharmonie je zwei Plätze und eine leere Reihe mich von anderen trennten, wenn auch keine Maske? “Abstände gibt es nur in der business class”, sagt die Flugbegleiterin. Freiheit, Gleichheit, hatschi, Gesundheit, willkommen im Kapitalismus!
In der Philharmonie besuchte ich für die ZEIT ein Konzert voller wunderbarer Werke von Wolfgang Rihm, dessen Stabat Mater zum Ende des Musikfests uraufgeführt wurde. Nach Zürich führte mich ein Treffen mit Vivica Genaux, das demnächst hier zu lesen sein wird wie jetzt schon die Porträts von Annette Dasch und Mauro Peter, die für das Magazin der Oper Zürich entstanden. Für den ersten Wiederauftritt des Gürzenich-Orchesters in Köln schrieb ich über Werke von Strauss, Mozart und Hartmann. Warum nicht alle Musiker dem nächsten möglichen Auftritt entgegenfiebern, erfuhr ich von einem elfjährigen Harfenschüler. Nachzulesen im jüngsten “Rausch & Räson” bei VAN. Die Illustration dazu von Merle Krafeld: Siehe oben.
And now for something completely different: Seit gestern ist in der Audiothek des Deutschlandfunks das beste Feature zu hören, das sich die Leser des großen W.G. Sebald nur wünschen können. “Memorial für den Schriftsteller W.G. Sebald – Briefe an einen Verstorbenen” heißt die Sendung von Elke Heinemann, eine maßstabsetzende Komposition der Annäherungen, mit O-Tönen von Zeitzeugen, Freunden, Kritikern (auf dem Gipfel der Borniertheit hört man den Wortführer des “Literarischen Quartetts” dröhnen), natürlich auch von “Max” selbst, der 2001 mit 57 Jahren starb. Heinemann trifft ihn trotzdem, jetzt.
28. August 2020
>Für diesen Tag müsste eigentlich ein Götezitat her – immerhin sein 271ster! Suchen Sie sich eins aus, etwas von ihm passt immer. Mein liebstes ist “Waldung, sie schwankt heran”, wegen der vorzeitigen Kameraperspektive und der Vertonung in Mahlers Achter. Womit wir schon bei Strauss wären, in dessen Alpensinfonie Mahler auch vorkommt. Was alles in diesem von der intellektuellen upper class lang unterschätzten und verschmähten, von Orchestern aber 65 Mal eingespielten Werk steckt, habe ich für die Reihe “Interpretationen” im Deutschlandradio erkundet – zu hören am Sonntag um 15.05 Uhr. Helmut Lachenmann wird dabei auch zu Wort kommen: Er ist seit längerem fasziniert von der Alpensinfonie, durch die hindurch auch die Zeitläufte ihrer Entstehung schimmern, von 1900 bis 1915.
Selbst der Erste Weltkrieg brachte die Musik nicht so bedrohlich zum Schweigen wie der Lockdown des Jahres 2020. Seine Folgen für die Interpreten wurden schon viel diskutiert, nicht aber die für die Komponisten und ihre Verlage. Für die ZEIT bin ich ihnen nachgegangen und habe mit Chaya Czernowin, Jörg Widmann und Aribert Reimann gesprochen, alle Komponisten jenes Schott Verlags, der in seinem 250. Jahr die größte Krise seiner Geschichte erlebt. Was Verlagsleute dazu sagen, macht klar, dass die gesamte deutsche Musiklandschaft weit über die letzte Infektion hinaus massiv gefährdet ist.
In der Elbphilharmonie hat man dem großen Schweigen trotzig ein Magazin mit dem Motto “Live” entgegengestellt, für das ich außergewöhnliche Konzerte in vier Jahrhunderten besucht habe, sogar eines, in dem ich selbst mitspielte, 1994 in Albanien. Genauso unvergesslich ist für mich der letzte Konzertauftritt vor dem Lockdown. Das gilt für alle Musiker*innen. Jede*r wird Ihnen auf Anhieb exakt sagen können, wann sie oder er zuletzt wo was spielte, dirigierte, sang, ehe die Podien und Säle verwaisten. Diese abertausende persönlicher last minutes werden vermutlich nicht mal verblassen, wenn sich zumindest die Podien wieder so füllen wie in diesem Sommer im klugen, beglückenden Salzburg.