Kategorie-Archiv: Blog

24. August 2015

> Die häufigeren Anklicker haben es wohl schon enttäuscht bemerkt: Zur Zeit sind Novitäten hier Mangelware. Das liegt nicht am Urlaub, sondern dem Gegenteil – ich muss mit einer größeren Baustelle fertig werden. Dazu mehr, sobald ich die Bauzäune wegtragen kann. Darum jedenfalls gibt es diese Woche “nur” eine schon historische, also glatt sieben Jahre alte Kolumne, die aber jahreszeitlich passt und auf dieser Website noch nicht zu lesen war, darum verschiebe ich noch das Vorhaben, mich über die Blogwarte zu belustigen, die dem Autor Tex Rubinowitz jüngst den nicht vollends offengelegten zitierenden Gebrauch der Wikipedia nachwiesen, und darum verlinke ich mit geradezu unjournalistischer Verspätung auf zwei größere Texte im ZEIT Feuilleton, nämlich ein Gespräch mit vier Komponisten zur Frage “Wie klingt die Gegenwart?” und die Besprechung der Bayreuther Neuproduktion von “Tristan und Isolde”. Aktueller ist mein ZEIT-Text über die Pasolini-Bach-Passion “Accattone” in einer ehemaligen Kohlenmischhalle zu Dinslaken.

31. Juli 2015

> In der zweiten Tristanpause sprach ich mit einem Kollegen und rauchte, da trat ein bulliger, gut gelaunter Mann zu uns, nicht feingemacht, aber professionell dazugehörend, wie an der Montur zu erkennen war. Aus irgendeinem Grund tragen Kameraleute ja gern Westen, seine ging in Richtung Signalfarbe, eine Kamera hatte er nicht, die Zigaretten waren ihm ausgegangen. Ob ich…? Ich fischte gern die Schachtel raus, während er rasch erklärte, so ein Stress sei das, er und sein Team hätten schon zwei Schachteln verbraucht. Er sagte es nicht reumütig, eher, um das Stressniveau der Sache zu umreißen, die Auftragsbedeutung, ein Hammer, die Eröffnung der Bayreuther Festspiele. Süß, es so zu sehen, ich war genervt vom Absperren. Man kommt ja nicht mehr von Ost nach West, draußen in der Pause und in einer Art Demokratie. Da ist der mit roten Kordeln bezeichnete bull run, polizeilich gesichert, von Spalierstehern mit und ohne Karten gesäumt, die sehen und fotografieren möchten, wie das deutsche Regierungsoberhaupt von der Mittelloge über den Platz ins Restaurant schreitet, nebst Entourage. So heftig abgesperrt wurde vor Jahren noch nicht. Vor hundert Jahren schon. „Absperren war die Hauptsache, das gehörte dazu, damit war jeder einverstanden. Das mußte auch der roteste Sozialdemokrat einsehen.“ So schreibt Karl Jakob Hirsch in „Kaiserwetter“, 1931 erschienen, über einen Kaiserbesuch in Hannover vor 1914, in Bayreuth ging es nicht anders zu.

Mittlerweile haben die Sozialdemokraten etwas die Farbe verloren, und die Fotografen sind härter drauf. Ich wollte dem fleißigen Mann in der Weste gerade Feuer geben, da erstarrten seine Augen, fixierten etwas, er riss die Arme hoch, auf einmal waren zwei Männer bei ihm, schwer bewaffnet mit Filmgerät, er schrie etwas, alle drei stürzten los. Da war nämlich aus dem Seitenausgang ein greiser deutscher Politiker gekommen, im Rollstuhl geschoben, nicht Schäuble. Viel älter und viel weiser, körperlich nun ein Strich neben seiner Bedeutung, seiner Intelligenz, ein Helfer schob ihn rasch und rascher, und er blickte fast mit Angst, so schien mir, hinauf zu dem Jägertrio. Sie hielten drauf und rannten mit, der Boss hatte die geschnorrte Zigarette längst fallen lassen. Sie schienen hier für einen Krieg zu üben, sie machten die Pause zum Kriegsschauplatz. Es ging ihnen um Treffer, um Volltreffer. Das Musiktheater im Gehäuse dahinter war ihnen (aber nicht nur ihnen) Anlass, Kulisse und Nobilitierung ihres Tuns. Es wird sie nicht interessieren, was ich darüber für das aktuelle ZEIT Feuilleton schrieb. Eher schon werden sie mit Tunnelblick die exzellente Bayreuther Recherche von Christine Lemke-Matwey lesen, weil da nämlich Hitler vorkommt (vor dessen Reich Karl Jakob Hirsch floh) und ein Privatfilm, der ihn in Bayreuth zeigt. Sie werden nicht wissen wollen, worum es eigentlich geht, sondern den Privatfilmer von damals beneiden um seinen Fang. Sie werden auch weiterhin rauchen, wie ich. Raucher sind mitunter in unerfreulicher Gesellschaft, wie Bayreuthbesucher auch.

Jeglicher Übergang und jegliche Moderation verbietet sich, um auch hier zu sagen, dass mit 53 Jahren Friedemann Weigle gegangen ist, Peacy, der wunderbare Bratscher des Artemis Quartetts. Am 24. Juli wurde er in Berlin beerdigt. Meinen Nachruf auf diesen Musiker hat Zeit online veröffentlicht.

25. Juni 2015

> Dass die Berliner Philharmoniker sich vor ein paar Tagen für Kirill Petrenko als Chefdirigenten entschieden, habe ich für ZEIT online kommentiert. Jetzt auch auf dieser Website zu lesen: “Raus aus dem Exil!” Es geht in dem Text um die Präsenz von Komponistinnen in der Musiklandschaft, die trotz eines gewissen Booms in den letzten 20 Jahren von Parität immer noch ähnlich weit entfernt sind wie, zum Beispiel, die Berliner Philharmoniker (19 Frauen, 105 Männer), deren Magazin “128″ erst recht den Themenschwerpunkt “Frauen in der Klassik” wählte. Eine der wenigen prominenten Dirigentinnen hat derweil eine Zehn-Jahre-Ära beendet: Wie sich Simone Young mit der Uraufführung von Beat Furrers Oper “la bianca notte” von Hamburg und ihrem Doppelposten als Generalmusikdirektorin und Intendantin verabschiedete, ist hier zu lesen. Schönen Dank übrigens für´s rege Interesse: Derzeit verzeichnet diese Website rund 5000 Klicks am Tag.