Kategorie-Archiv: Blog

15. Januar 2015

> Immerhin 50 Kommentare hat mir in gut drei Tagen eine Kolumne eingetragen, in der auf ZEIT online mehr Selbstbewusstsein von der “Klassik” gefordert wird: Nicht die Forderungen und Kämpfe, aber den Pessimismus und die demütige Unheilserwartung bin ich leid. Dann aber auch wieder komplett überrascht, wie nischenhaft 500 Jahre komponierte Musik und ihre tausende lebender Interpreten (und hunderte Komponisten) von vielen, ach was, den meisten wahrgenommen werden. Dabei kenne ich richtig wache Zeitgenossen, denen der Name Pierre Boulez einfach gar nichts sagt. “Sie wissen nicht, was da draußen los ist”, sagte mir mal eine sehr kluge Frau in Berlin. “Die wollen Atze Schröder. Wir sind eine winzige Minderheit.” Nach dem Gespräch rechnete ich damit, in Charlottenburg an der nächsten Ecke mit einem Keulenschlag von Barbaren niedergestreckt zu werden, erreichte aber heil die S-Bahn, fuhr mit gutgelaunten Barbaren zum Hauptbahnhof und blieb erstmal optimistisch.

22. Dezember 2014

> Wer Neues bis Nagelneues lesen möchte, findet in der Abteilung “Oper” einen Essay zur Genese und Aktualität von Wolfgang Rihms Kammeroper “Jabob Lenz” (geschrieben fürs Programmheft der Stuttgarter Oper, an der Andrea Breths hymnisch gelobte Inszenierung derzeit zu sehen ist) und im neuen “128″, dem Magazin der Berliner Philharmoniker, Betrachtungen zum “Publikum von morgen”, das jetzt schon da ist und, was die Besucher ab 50 betrifft, unablässig als “Silbersee” beleidigt wird. Das Heft erforscht auch, wie man sich früher die Zukunft vorgestellt hat, wie es der Klassik im Zeitalter der Digitalisierung ergeht, wie das Smartphone den Umgang mit Musik verändert, warum trotzdem MEHR Vinyls gepresst werden. Neben dem Hauptthema “Zukunftsmusik” geht es mit Rattle und Stegemann um Sibelius, und Altmeister Peter Gülke schreibt, von wegen Silbersee, über “Altersreife, Spätstil, Spätwerk”. Wenn diese 126 Seiten ihre 7 Euro nicht wert sind, dann kann man sich die ganze Kultur auch gleich schenken. Wenn doch, dann auch. Frohes Fest!

19. Dezember 2014

> Rauchertipp der Woche: Im Backstagebereich der Berliner Philharmonie gibt es einen verglasten Balkon mit Aschenbecher! Vor Kälte schützt er allerdings nicht, wie mir ein Mann aus dem ebenfalls vorbildlich ausgestatteten Gastrobereich hinterm Podium erzählte. In richtigen Wintern lassen sie dann einfach die Tür nach innen auf, um warme Luft in die Vitrine zu lassen. Und der Rauch? Naja. Auch in diesem Laden ist nicht alles so perfekt wie die Uraufführung von Jörg Widmanns “Trauermarsch für Klavier und Orchester”, wobei “perfekt” das falsche Wort ist. Es berührte, es zog einen zuerst hinein und dann hinüber, wie über eine Brücke, mit der man gar nicht gerechnet hat, die man irgendwann unter den Füßen hat, durchaus bei Bewusstsein übrigens – es ist keine Überwältigungsmusik. Aber diese 25 Minuten haben mehr in sich als nur ein knappes Jahr Entstehungszeit. Ich habe sie einfach so gehört, nicht rezensierend (sonst wäre ich nicht hinter das Podium gegangen), nicht vorbereitet, nichts notierend. Auch mal schön. Und schön, dass der Komponist auch Raucher ist. So standen wir im Glasgehege mit einem grimliähnlichen Kontrabassisten der Philharmoniker, der erzählte, was Richard Strauss über Jean Sibelius gesagt haben soll (dessen – im letzten Satz – grandiose Fünfte hatten sie nämlich auch gespielt): “Er ist der bessere Komponist. Aber ich KANN mehr.” Was an dem Abend etwas kurz kam, unter Simon Rattles Leitung, war Wagners “Tristan”-Vorspiel. Da wurde ich doch innendrin wieder zum Rezensenten und fand: Bläser nicht sehr sauber, einiges nicht zusammen, Kontrapunktik unterbelichtet, keine Spannung, und vor allem: Wo bleibt die Liebe? Also das grauenhaft schöne Reißen des Herzens, das “Die Welt ist nicht genug”? Vielleicht braucht es dafür bei diesem Stück doch den Druck des Theaterkessels und des in drei Akten Bevorstehenden. So aber konnte man mitunter Hector Berlioz (der sich mit Liebe und ihren Schmerzen wirklich auskannte) verstehen, der nach Lesen und Anhören dieses Vorspiels schrieb: “Ich muss gestehen, dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, was der Komponist gewollt hat.”